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8.555201-02 - STANFORD: Requiem / The Veiled Prophet of Khorassan
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Charles Villiers Stanford (1852–1924)
Requiem · Der verschleierte Prophet (Ausschnitte)

Charles Villiers Stanford wurde am 30. September 1852 in Dublin als Sohn eines wohlhabenden irischen Rechtsanwalts geboren. Beide Elternteile waren außergewöhnlich musikalisch: der Vater hatte eine Gesangsausbildung genossen und die Mutter war Pianistin. Die musikalische Begabung machte sich bei Charles Stanford bereits im frühen Kindesalter bemerkbar. Als Vierjähriger soll er erste Kompositionsversuche gemacht haben. Klavier- und Orgelunterricht erhielt er von hervorragenden Lehrern und genoss an einer der renommiertesten Schulen Dublins eine gründliche klassische Ausbildung. Im Alter von zehn Jahren besuchte er zum ersten Mal England. Bei einem weiteren Besuch im Jahr 1864 wohnten die Stanfords in der Nähe des Crystal Palace. Bei dieser Gelegenheit traf Charles den jungen Arthur Sullivan und George Grove, den damaligen Sekretär des Crystal Palace. Inzwischen wurden in Dublin bereits die ersten Werke des Teenagers aufgeführt, und eine große musikalische Karriere schien mehr denn je vorgezeichnet. 1870 ging Stanford nach Cambridge und stürzte sich ins musikalische Leben der berühmten Universitätsstadt. Als Zwanzigjähriger übernahm er die Leitung der Cambridge University Musical Society (CUMS), die er bald auf höchstes künstlerisches Niveau führte. Zur gleichen Zeit übernahm er die Stelle des Organisten am Trinity College. 1874 legte er sein Examen ab und verbrachte die nächsten beiden Jahre in Deutschland, wo er zunächst bei Carl Reinecke in Leipzig und danach, auf Empfehlung von Joseph Joachim, in Berlin bei Friedrich Kiel studierte. Die Jahre in Deutschland festigten seine Bewunderung für die Werke Mozart, Beethoven, Mendelssohn, Schumann und Brahms. Er hörte Liszt in Leipzig spielen und wohnte einem der ersten Ring-Zyklen in Bayreuth bei, wobei sein Eindruck des dort Gehörten unter der Antipathie litt, die er gegenüber der Person Richard Wagners empfand. Dessen Meistersinger jedoch bewunderte er zutiefst. Bereits in der Jugend hatte sein großes Interesse der Oper gegolten, und bald sollte diese Beschäftigung erste Früchte abwerfen: 1878 vollendete er mit The Veiled Prophet of Khorassan (Der verschleierte Prophet) die erste seiner insgesamt zehn Opern. Die Uraufführung in deutscher Sprache fand 1881 in Hannover statt.

1875 erhielt er völlig unerwartet den ehrenvollen Auftrag des berühmten Dichters Alfred Tennyson für die Bühnenmusik zu dessen Schauspiel Queen Mary. Aufgrund von Intrigen fand die Musik schließlich jedoch keine Verwendung. Seine Erste Sinfonie von 1876 wurde im selben Jahr bei einem Wettbewerb mit dem 2. Preis ausgezeichnet; eine Festival-Ouvertüre (1870) wurde 1877 beim Three Choirs Festival in Gloucester mit Erfolg aufgeführt; hinzu kam die erfolgreiche Arbeit an der Cambridge University Musical Society, die ihm als Podium für die Aufführung seiner eigenen Werke diente. Er organisierte die englische Erstaufführung von Johannes Brahms’ Erster Sinfonie (1877 unter Joachim) und dirigierte 1881 Hubert Parrys Prometheus Unbound, ein Werk, das damals als höchst abenteuerlich galt. 1885 übernahm er den Londoner Bach-Chor. 1883 verlieh ihm die Universität Oxford den Ehrendoktortitel. Cambridge folgte 1887; dort berief man ihn im selben Jahr zum Professor. Stanford sorgte dafür, dass die bedeutende Komponisten nach England kamen, um dort ihre Werke aufzuführen – ein Prozess, der 1893 seinen Höhepunkt erreichte, als anlässlich des 50-jährigen Bestehens der CUMS Saint-Saëns, Boito, Bruch, Grieg und Tschaikowski Ehrendoktorate erhielten.

Stanfords unberechenbares Temperament und seine Ablehnung überkommener Traditionen sorgten jedoch für reichen Konfliktstoff mit seiner Universität. Unter schwierigen persönlichen Verhältnissen zu Kollegen litt auch auch seine langjährige Arbeit am Londoner Royal College of Music; seit der Gründung dieser Hochschule durch Sir George Grove im Jahr 1883 lehrte er dort Komposition und leitete das RCMOrchester. Als Hubert Parry 1894 zum Direktor berufen wurde, begann zwischen diesen beiden Persönlichkeiten, die oft – gemeinsam mit Alexander Mackenzie von der Royal Academy of Music – als Väter der englischen Musikrenaissance bezeichnet werden, eine von häufigen Querelen begleitete Koexistenz, wobei Stanfords Unfähigkeit, Konflikte auf verbale Auseinandersetzungen zu beschränken, ihrer Kollegialität nicht gerade förderlich war. Trotz allem hatten beide den größten Respekt vor der musikalischen Leistung des anderen, so dass ihre beruflichen Beziehungen bis zu Parrys Tod 1918 allen persönlichen Differenzen standhielten. Stanford setzte seine Lehrverpflichtungen in Cambridge und am Royal College bis zu seinem eigenen Tod am 29. März 1924 fort. Er wurde in der Westminster-Abtei beigesetzt. Die Grabplatte trägt die Inschrift A great musician.

Bedeutend in welcher Hinsicht? Zuallererst als Lehrer: Er wurde gefürchtet und gehasst – aber auch geliebt von einer langen Reihe von Schülern, zu denen einige der renommiertesten Vertreter der englischen Musikrenaissance zählten: Ivor Gurney, Arthur Bliss, Herbert Howells, Coleridge-Taylor, Gustav Holst, John Ireland, Rutland Boughton, George Dyson, Ernest John Moeran, Rebecca Clarke, Eugene Goossens und Vaughan Williams, um nur einige wenige zu nennen. Stanfords Einfluss, direkt oder indirekt, war immens, wenngleich er sich nur selten im Stil eines seiner Schüler offen manifestierte. Stanford war auch ein vorzüglicher Musiker: ein Pianist mit einem weichen, unglaublich gefühlvollen Anschlag und ein äußerst erfahrener, kompetenter Dirigent – Goossens hielt ihn für den besten Brahms-Interpreten, den er je gehört hatte. Neben all seinen anderen Verpflichtungen leitete Stanford von 1901 bis 1910 auch das Leeds-Festival.

War er ein großer Komponist? Jemand hat einmal behauptet, er hätte ein bedeutender Komponist sein können, wenn er nicht ein so vorzüglicher Interpret gewesen wäre. Aber wer würde das jemals von Mozart behaupten? Wie Parry war auch Stanfords Musik das Opfer einerseits von Shaws brillanter, beißender Kritik und andererseits von Elgars beherrschender Position im englischen Musikleben in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg. Nach 1918 wurde Elgar selbst bis zu einem gewissen Grad in den Hintergrund gedrängt, und zwar von Vertretern einer neuen Generation, von denen viele bei Stanford studiert hatten. Seiner Reputation als einer der großen Meister der zwanzigsten Jahrhunderts konnte dieses nachlassende Interesse nichts mehr anhaben: sie war seit Jahrzehnten gesichert. Für Parry und Stanford war und ist der Weg zur Anerkennung ein ungleich schwererer: Zwar liegen viele ihrer Orchesterwerke inzwischen sogar in Einspielungen vor, ebensoviele warten aber immer noch darauf, überhaupt aufgeführt zu werden.

Trotz seiner Position als bedeutende Persönlichkeit im englischen Musikleben blieb Stanford bis zu seinem Tod in Herz und Nieren Ire, obgleich er nie wieder nach Dublin zurückkehrte und sein für Königin Victorias diamantenes Jubiläum 1898 komponiertes Te Deum mit „ihrer Majestät ergebener Untertan und Diener Charles Villiers Stanford“ unterzeichnete. Seine Musik konnte – je nach Thema, Form oder Inspiration – irisch sein (wie in der Irischen Sinfonie oder den Irischen Rhapsodien) oder auch nicht. Und gleichzeitig schaffte es ausgerechnet dieser Dubliner Protestant, anglikanische Kirchenmusik zu schreiben, die bis heute zu den Eckpfeilern der Gottesdienst-Praxis zählt.

Bei Stanfords über dreißig Werken für Chor und Orchester handelt es sich zum geringeren Teil um geistliche Kompositionen, aber zu diesen gehören einige seiner umfangreichsten. Sogar der ihm wohlgesinnte Thomas Dunhill bezweifelte in den 1930er Jahren, ob man die beiden abendfüllenden Oratorien The Three Holy Children (op. 22, 1885) und Eden (op. 40, 1891) jemals wieder aufführen sollte, aber großes Lob fand er für das Requiem (op. 63, Birmingham 1897), das Stabat Mater (op. 96. Leeds 1907), das Te Deum (op. 66, Leeds 1898) und die späte Messe Via Victrix (op. 173, 1920).

Das hier erstmals auf Tonträger eingespielte Requiem entstand als Hommage an den 1896 verstorbenen Maler Frederick Leighton, einer bedeutenden Figur des englischen Kulturlebens. Maler waren die Stars während der letzten Dekade der Regierungszeit von Königin Victoria, und Leightons Trauerzug durch die Londoner Innenstadt zur St. Pauls- Kathedrale begleiteten Tausende von Menschen. Der Maler, ein begeisterter Amateursänger und Musikliebhaber, hatte in Musikerkreisen zahlreiche Freunde: Bereits in seinen Studentenjahren in Italien sang er bei musikalischen Veranstaltungen; in einem Brief von 1857 an seine Schwester berichtet er von seiner Begeisterung für maurische Musik, die er in Algier gehört hatte; er besuchte die Proben zu Brahms’ Erster Sinfonie, die Joachim 1877 in London aufführte; in den Jahren seines Ruhms veranstaltete er Konzerte in seinem Sommerhaus in Kensington; und am 12. Juni 1893 saß er beim Jubiläums-Diner der CUM zwischen Saint-Saëns und Arrigo Boito, wobei er mit fließendem Französisch und ebenso fließendem Italienisch brillierte.

Einem Freund und Künstler dieser Statur ein musikalisches Denkmal zu setzen, war eine große Herausforderung, zumal es darum ging, als Protestant einen der zentralen Texte der katholischen Liturgie zu vertonen. Neben der persönlichen Freundschaft, die beide miteinander verband, fühlten sie sich ähnlichen künstlerischen Idealen verpflichtet. Für beide war „Schönheit Wahrheit und Wahrheit Schönheit“, und die von klassischen Idealen inspirierten Gemälde Leightons fanden ihre Parallele nicht etwa in Komplizierter Kontrapunktik oder instrumentaler Ex-travaganz, sondern in einer beherrschten, weiträumigen Gesamtkonzeption, deren Dimensionen die Toten-messen eines Berlioz oder Verdi erreichen. In Stanfords Schaffen nimmt das Requiem eine zentrale Position ein. In diesem Werk verschmilzt die Liebe des Komponisten zu Oper und Lied in den Vokalensembles mit einer sinfonischen Begabung, deren Kunst in der subtilen und ökonomischen Verwendung einer relativ kleinen Anzahl thematischer Zellen besteht.

David J. Brown
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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