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8.555242 - LIADOV: Baba Yaga / Enchanted Lake / Kikimora
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Anatoli Ljadow gehört zur jüngeren Generation der russischen Nationalkomponisten. Er war einer der ersten Künstler im Kreis um Beljajew, dessen musikalische Freitagabende bald beliebter waren als die Dienstage Balakirews, des selbsternannten Oberhaupts des „Mächtigen Häufleins" (wie Stassow die Komponisten um Balakirew nannte). Ljadow wurde 1855 in St. Petersburg geboren. Schon sein Großvater war Musiker gewesen, sein Vater war achtzehn Jahre lang, bis 1868, Kapellmeister am Marientheater in St. Petersburg. Ljadow war noch ein Kind, als die ersten Konservatorien in Rußland entstanden sind. Anton Rubinstein gründete 1862 das Petersburger, sein Bruder Nikolai 1866 das Moskauer Konservatorium - gegen den Widerstand Wladimir Stassows, der als Musik- und Theaterkritiker nicht ohne Einfluß war. Konservatorien nach deutschem Muster waren ihm suspekt, er befürchtete eine strenge Reglementierung des Studienbetriebs. Zudem war er Anton Rubinstein alles andere als wohlgesinnt, nachdem dieser die Komponisten des „Mächtigen Häufleins", deren schriftstellerischer Kopf Stassow war, als „Dilettanten" bezeichnet hatte.

Ljadow erhielt seinen ersten Unterricht von seinem Vater, 1870 wurde er in das Konservatorium St. Petersburg aufgenommen, wo er zunächst Klavier und Violine studierte. Die Kontrapunktstudien bei Johannsen und der Kompositionsunterricht bei Rimski-Korsakow interessierten ihn jedoch bald wesentlich mehr. Seine Vorliebe für kontrapunktische Satztechniken hat er sich zeitlebens bewahrt; aus der Kompositionsklasse war er damals ausgeschlossen worden - er fehlte mehrfach unentschuldigt. 1878 wurde er wieder aufgenommen, im gleichen Jahr vollendete er seine Diplomarbeit im Fach Komposition, eine Vertonung von Ausschnitten aus Die Braut von Messina von Friedrich Schiller. Unmittelbar nach Abschluß seines Studiums wurde Ljadow als Lehrkraft übernommen, er unterrichtete zunächst Elementare Musiklehre, später auch Kontrapunkt. Als Rimski-Korsakow 1905 entlassen wurde (er hatte öffentlich mit den Studentenunruhen sympathisiert), reichte auch Ljadow seine Kündigung ein. Alexander Glasunow, der Nachfolger Bernhards als Direktor der Einrichtung, stellte Rimski-Korsakow wieder ein, Ljadow kehrte mit anderen Kollegen an das Konservatorium zurück und wurde 1906 zum Professor für Komposition ernannt. Zu seinen Schülern gehörten unter anderem Boris Assafjew, Nikolai Mjaskowski und Sergej Prokofjew.

Bereits in den 1870er Jahren beeindruckte Ljadow die Komponisten des „Mächtigen Häufleins", mit denen sein Name meist in Verbindung gebracht wird. Mussorgsky beispielsweise bezeichnete den jungen Ljadow als ein originelles russisches Talent. Sogar Franz Liszt wurde auf ihn aufmerksam: Gemeinsam mit Borodin, Cui, Rimski-Korsakow und Schtscherbatschow hatte Ljadow 1880 eine Reihe von amüsanten Variationen über ein banales Thema für Klavier komponiert, Parafrasi ('Paraphrasen') genannt, von denen Liszt sehr angetan war, und die er als Demonstration für seine Schüler verwendete. Ljadow wurde zunächst von Balakirew gefördert, der nach mehreren Jahren des Schweigens wieder in der Musikwelt in Erscheinung trat; allerdings ohne seinen Fanatismus verloren zu haben, mit dem er sich viele Feinde gemacht hatte. In den 1880er Jahren schloß sich Ljadow als einer der ersten dem Kreis um Beljajew an. Beljajew finanzierte die Veröffentlichung von Werken russischer Komponisten, Ljadow stand ihm dabei als Berater zur Seite. Nach dem Tod Beljajews im Jahre 1904 wurde der Verlag von Ljadow, Rimski-Korsakow und Glasunow weitergeführt.

Als Komponist war Ljadow nicht besonders fleißig, obwohl es an Nachfrage nicht fehlte. Seine Angewohnheit, die Arbeit vor sich her zu schieben, eröffnete Strawinsky die Möglichkeit, enger mit dem berühmten Ballettimpresario Sergej Diaghilew zusammenzuarbeiten. Diaghilew hatte die Musik für das Ballett Der Feuervogel ursprünglich bei Ljadow bestellt. Für die Aufführung des Werkes in Paris hatte Diaghilew bereits kräftig die Werbetrommel gerührt, als er bei Ljadow nachfragte, wie es mit der Musik vorangehe. „Gut", soll Ljadow geantwortet haben, „ich habe gerade Notenpapier gekauft." Diaghilew beauftragte Strawinsky, der bisher kleinere Instrumentierungsarbeiten für ihn übernommen hatte; die Ballettmusik wurde pünktlich fertig. Ljadows Musik sollte dennoch Verwendung finden, allerdings erst nach dem Tod des Komponisten im Jahre 1914.

Léonide Massine choreographierte im Jahre 1916 Ljadows Tondichtung Kikimora für Diaghilews Ballets Russes. Das Ballett wurde in San Sebastian uraufgeführt und wenig später in ein größeres Ballett übernommen, Contes russes ('Russische Märchen') genannt, das in der Spielzeit 1917 in Paris gegeben wurde. Darin verwendete Massine auch Baba-Jaga, Ljadows Tondichtung aus dem Jahr 1904, die die Hexe aus dem russischen Märchen zum Gegenstand hat. Baba-Jaga verspeist Knochen von Kindern, sie fliegt durch die Lüfte und haust in einer Hütte, die auf Hühnerfüßen steht.

Fast zwei Drittel seines Schaffens hat Ljadow dem Klavier gewidmet, obwohl er selbst kein Klaviervirtuose war. Die meisten seiner Klavierkompositionen sind Miniaturen etwa im Geiste Robert Schumanns, einige wenige hat er später instrumentiert. Dazu gehören das Intermezzo und die Ballade. Im Jahre 1883 ließ er zwei Intermezzi für Klavier als sein op.8 drucken, das erste davon bearbeitete er 1902 für Orchester. Ljadows Ballade op.21a für Klavier mit dem Untertitel Von alten Zeiten (original Prostarinu) entstand 1889, die Orchesterfassung erschien 1906 als op.21b.

Die sinfonische Dichtung Der verzauberte See op.62 ('Wolschebnoje osero') wurde 1909 vollendet, sie basiert auf einer russischen Sage. Die Ursprünge der Mazurka op.19 aus dem Jahr 1889 werden durch ihren Untertitel hinreichend erklärt: Ländliche Szene bei einer Schenke ('Selskaja szena u korchnoj'). In Ljadows Klagelied op.67 (Skoronaja pesn), seiner letzten sinfonischen Dichtung, ist eine gewisse Erweiterung der Harmonik zu beobachten. Das Werk entstand im Todesjahr des Komponisten. Ljadow schrieb seine Polonaise op.49 im Jahre 1899 zum Gedenken an den 100. Geburtstag des großen russischen Dichters Alexander Puschkin, die Polonaise op.55 entstand 1902 aus Anlaß der feierlichen Enthüllung eines Denkmals für Anton Rubinstein.

In Kikimora beschwört Ljadow eine der schrecklichsten Gestalten aus der russischen Märchenwelt herauf. Kikimora ist eine „Dämonin", die böse Frau des Hausgeistes Domowoi; sie kann nur dadurch besänftigt werden, daß man Töpfe und Pfannen in einem Tee aus Farnkraut wäscht. Die Tondichtung entstand 1909, gefolgt von Aus der Apokalypse op.66 ('Is Apoklipsisa') im Jahre 1912. Sowohl Kikimora als auch Der verzauberte See enthalten musikalisches Material, das ursprünglich für die Oper Sorjuschka gedacht war. Ljadows Versuch, eine Oper nach einer alten slawischen Sage zu komponieren, war jedoch gescheitert. - Der Reiz des Programmatischen in den sinfonischen Dichtungen und die kraftvollen Rhythmen in den Tanzsätzen erklären von selbst, warum die Musik Anatoli Ljadows auf Choreographen eine so starke Anziehungskraft ausübte.

Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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