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8.555265 - PENDERECKI: Violin Concertos Nos. 1 and 2
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Krzysztof Penderecki (b

Krzysztof Penderecki (b.1933)

Konzert für Violine und Orchester Nr. 1

Konzert für Violine und Orchester Nr. 2 „Metamorphosen"

Krzysztof Pendereckis Erste Sinfonie (1973) (Naxos 8.554567) stellte den Höhepunkt seiner Beschäftigung mit der europäischen Nachkriegs-Avantgarde dar. Doch bereits in seinem Magnificat (1974) und der sinfonischen Dichtung Als Jakob erwachte (1975) liegt der Schwerpunkt auf einer Musiksprache, deren harmonische Wurzeln im späten 19. Jahrhundert bei Wagner und Bruckner zu suchen sind. Dieser Übergang war vollends mit dem Ersten Violinkonzert (1974-76) erreicht, das Penderecki als Auftragswerk für die Basler Allgemeine Musikgesellschaft schrieb und das nach seiner am 27. April 1977 vom Widmungsträger Isaac Stern und dem Basler Sinfonieorcherster unter Moshe Atzmon gespielten Uraufführung in Kreisen der Neuen Musik erhebliche Kontroversen auslöste. Die Replik des Komponisten — „wir können noch immer alte Formen verwenden, um neue Musik zu machen" — wurde nachgerade zum Motto, als Sinfonien und Konzerte in den Mittelpunkt seines kompositorischen Schaffens traten.

Obwohl ursprünglich als mehrsätziges Werk konzipiert, erhielt das Violinkonzert schließlich seine einsätzige Form, wenngleich Spuren der ursprünglichen Konzeption in den häufigen Ausdrucks- und Tempowechseln nachzuweisen sind. Über wuchtigen Bässen und Pauken entwickelt sich in den Streichern mühelos das Hauptmaterial, bevor es in der Klarinette und den Bratschen nachsinnend zurücksinkt. Vor diesem Hintergrund tritt der Solist hervor, der die bisher eingeführten Ideen in einer aufwärtsstrebenden melodischen Sequenz ausführt. Spannung entsteht durch eine trauerkonduktartige Begleitung in Streichern und Pauken, über der das Soloinstrument eine eher lyrische, aber dennoch leidenschaftliche Kantilene spielt, bevor sie in seufzenden Streicherfiguren verklingt. Es entwickelt sich ein kräftiges Orchester-Tutti, das von Posaunen und Pauken zu einem zerklüfteten Ausbruch geführt wird, dem sich in der Solovioline eine kapriziösere Stimmung anschließt. Aufgeregte Streicher gleiten chromatisch dahin, bevor der Solist auf einem ausgehaltenen Akkord innehält und der Musik damit einen gewissen Grad an Stabilität verleiht. Über pulsierenden Streichern folgen die bis dahin ausgedehntesten Solopassagen, bevor in den Streichern der ausgehaltene Akkord zurückkehrt. In den Blechbläsern erklingt eine düster-sonore Antwort, während der Solist die Musik zu einem Höhepunkt führt. Danach kehrt vorübergehend die kapriziöse Stimmung zurück, die über wiederholten Schlagzeugrhythmen einen „Scherzoabschnitt" à la Schostakowitsch ankündigt. Diese Passage wird von der Trauermusik beendet, der sich der Solist mit schwermütigen Klängen anschließt. Es folgt ein nachdenklicher, geradezu resignativer Abschnitt, der in einer unheimlichen Passage kulminiert, in der Soloviolintriller gegen hohe Streicher, Holzbläser und Harfe gesetzt sind. Eine motorische, toccatenähnliche Bewegung bricht herein, die sich jedoch gegen die Trauermusik nicht durchzusetzen vermag. Ein unvermittelter Tutti-Ausbruch leitet die Kadenz des Konzerts ein: die Summe der meisten melodischen Ideen des Solisten — nur kurz von der Rückkehr der Scherzomusik unterbrochen. Die toccatenähnliche Bewegung beendet die Kadenz, bevor drohende Blechbläserklänge den Höhepunkt des Konzerts signalisieren. Die Spannung wird vom Solisten in einem düster-nachdenklichen Epilog gelöst, unterstützt von gedämpfter Solobratsche und Bässen.

Die kompositorische Technik der Metamorphose — die Transformation von Motiven und melodischen Ideen im Verlauf eines Werks — ist ein zentraler Bestandteil nicht nur dieser Komposition, sondern der meisten Werke, die Penderecki im nächsten Vierteljahrhundert schrieb. Metamorphosen lautet denn auch der Titel seines Zweiten Violinkonzerts (1992-95), ein Auftragswerk für den Mitteldeutschen Rundfunk, uraufgeführt vom MDR-Sinfonieorchester unter der Leitung von Mariss Jansons mit Anne-Sofie Mutter als Solistin, der das Konzert gewidmet ist. Auch hier gliedert sich das einsätzige Format in verschiedene, ineinander übergehende Abschnitte, jetzt mit größerer Differenzierung von Tempo und Instrumentation. Das Werk beginnt mit einer oszillierenden Bewegung in den Streichern, wobei widerhallende Gong-Schläge für eine zusätzlich geheimnisvolle Stimmung sorgen. Der Solist übernimmt die vorherrschende harmonische Bewegung und führt sein Instrument bis in die höchsten Lagen. Ein kurzes, an Bruckner erinnerndes Tutti verklingt, danach nimmt der Impuls mit rhythmischen Figuren in den Bratschen zu, denen sich weitere Streicher und Holzbläser sowie schließlich auch der Solist anschließen. Diese kraftvolle kontrapunktische Aktivität setzt sich unvermindert fort, bevor sie in einem ausgehaltenen Streicherakkord aufgelöst wird. Es folgt ein lyrischer Diskurs, der zwar karg instrumentiert ist, aber durch einen einfallsreichen Paukenpart auffällt. Der Solist stimmt einen nachdenklichen Dialog mit der Klarinette an, reißt dann aber plötzlich das Tutti zu einem leidenschaftlichen Ausbruch mit. Eine kantige Fugenpassage führt zu einer wiederholten Akkordsequenz mit Röhrenglocken und Gong, wonach der lyrische Diskurs mit einer eindrucksvollen Begleitung durch Holzbläser wiederaufgenommen wird. Eine toccatenähnliche Bewegung setzt sich in Bratschen und Schlagzeug durch, über der das Soloinstrument gewissermaßen eine Pose der Unbekümmertheit einnimmt. Ein weiterer, ausgehaltener Akkord wird erreicht; Violoncelli leiten eine in hoher Lage vorgetragene, von schimmernden Streichern und vom Schlagzeug begleitete Passage der Solovioline ein. Die Spannung nimmt zu: der Solist erzeugt eine erregte Stimmung, während die Musik eine tanzähnliche Passage erreicht, die durch Spielarten wie pizzicato und sul ponticello gekennzeichnet ist. Die rhythmische Energie wird von der Kadenz reduziert, die dem Solisten ein Höchstmaß an technischen Fähigkeiten abverlangt. Danach kehrt die Tanzbewegung zurück, deren Impuls jedoch durch einen Tutti-Akkord beendet wird. Eine geisterhafte Passage des Soloinstruments über Bässen, Pauken und Holzbläsern führt das Konzert zu einem kurzen, aber leidenschaftlichen Höhepunkt und zu seinem Ende, wobei Glocken und Gong diese fatalistischen Schlusspassagen in eine Aura der Ungewissheit hüllen — nicht so düster wie der Schluss des Ersten Violinkonzerts, aber kaum bejahender in der Ausdruckshaltung.

Richard Whitehouse

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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