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8.555299 - SIBELIUS: Tapiola / En Saga / Oceanides / Pohjola's Daughter
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Jean Sibelius (1865-1957)
Pohjolas Tochter • Die Okeaniden • Tapiola • En Saga • Der Barde

 

Der finnische Komponist Jean Sibelius wurde 1865 als Sohn eines Arztes in der südfinnischen Kleinstadt Hämeenlinna geboren. Wie es für eine Familie höherer Stände üblich war, wurde auch im Hause Sibelius Schwedisch gesprochen. Erst in der Schule kam er zu Kenntnissen der finnischen Sprache, womit auch sein Interesse an den alten Sagen des Landes erwachte, das seit 1709 russisches Großherzogtum war. Während des späteren 19. Jahrhunderts gab es eine klare Trennung zwischen der schwedischsprachigen Oberklasse und den Menschen, die Finnisch sprachen. Letztere fanden in einflussreichen Nationalisten ihre Anwälte, und die vor der Revolution von 1905 eingeführten Repressalien des Zaren Nikolaus II. sorgten für zusätzlichen Sprengstoff. Vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund wurde Sibelius zutiefst durch die Familie des Generalleutnants Alexander Järnefelt beeinflusst, dessen Tochter Aino er später heiratete. Dessen ungeachtet konnte er sich zeitlebens in der schwedischen Sprache besser und flüssiger ausdrücken als im Finnischen.

Sibelius’ musikalische Fähigkeiten waren anfangs nicht so ausgeprägt, dass man eine Berufslaufbahn als Musiker hätte vermuten können. Das änderte sich erst, nachdem sich der junge Mann an der Universität von Helsinki als Jurastudent eingeschrieben hatte. Seine Ambition war zunächst eine Karriere als Geiger, doch es zeigte sich später, dass alles, was er diesbezüglich zuwege brachte, von seinen kompositorischen Fähigkeiten übertroffen wurde, die zunächst durch Martin Wegelius in Helsinki und dann bei dem pedantischen Albert Becker in Berlin entwickelt wurden, bevor Sibelius schließlich nach Wien ging, wo er zunächst von Carl Goldmark und dann mit größerem Erfolg von Robert Fuchs unterwiesen wurde.

Kaum war Jean Sibelius wieder in Finnland, da gelang ihm 1892 auch schon ein großer Erfolg — und zwar mit der sinfonischen Dichtung Kullervo nach einer Episode aus dem finnischen Nationalepos Kalevala. Es folgten etliche Kompositionen von besonderer nationaler Faszination, unter anderem die Karelia-Musik für die „lebenden Bilder", mit denen die Studentenverbindung von Wiborg sieben Stationen aus der karelischen Geschichte darstellen wollte. Ferner entstanden En Saga und die Lemminkäinen-Suite. Damals bestritt Sibelius den Lebensunterhalt für sich und seine Frau durch Unterrichtsstunden und durch die Einkünfte, die er mit der Aufführung seiner Werke erzielte, doch das langte bei weitem nicht aus. 1896 wurde ihm die Universitäts-musiklehrerstelle von Helsinki in Aussicht gestellt, doch am Ende entschied sich die Jury für Robert Kajanus, den erfahrenen Gründer und Dirigenten des ersten Berufsorchesters von Helsinki. Gewissermaßen als Entschädigung erhielt Sibelius ein zehnjähriges Stipendium des Kaiserlichen Senats, das später in eine lebenslange Rente umgewandelt wurde. Die ausgeworfene Summe reichte freilich nicht aus, um seinem Sinn für Verschwendung zu genügen.

Seine kompositorische Laufbahn verfolgte Jean Sibelius bis 1926, und in all diesen Jahren vergrößerte sich sein Ruhm in der Heimat ebenso wie im Ausland. Dem Erfolg der Ersten Sinfonie (1898) folgte die noch erfolgreichere Finlandia. Ferruccio Busoni versuchte damals, die Musik seines finnischen Kollegen bei dem Verleger Belajew unterzubringen, dem großen Förderer der russischen Nationalmusik. Er argumentierte, dass die Finnen gewissermaßen Russen seien oder zumindest Bürger eines russischen Großherzogtums. Daraus wurde zwar nichts, doch dank der Veröffentlichung durch Breitkopf & Härtel fand eine größere internationale Verbreitung statt als sie das provinzielle Finnland hätte gewährleisten können. Die Zweite Sinfonie (1902) wurde zu einem Erfolg, wie ihn Helsinki bis dahin noch nicht erlebt hatte. Im Anschluss daran entstanden das Violinkonzert und die Dritte Sinfonie. Nach einer Krankheit, die zunächst jeden Alkohol- und Tabakgenuss verbot, verfasste Sibelius seine Vierte Sinfonie. Derweil häuften sich Reisen in die europäischen Musikzentren und internationale Ehrungen. Während des Ersten Weltkrieges entstand die Fünfte Sinfonie. Danach komponierte Sibelius nur noch vier große Werke: Die Symphonien Nr. 6 und Nr. 7, die Schauspielmusik zu Shakespeares Der Sturm und 1926 schließlich das Tongedicht Tapiola. Eine 1929 vollendete Achte Sinfonie wurde vom Verfasser selbst vernichtet. Der Rest war Schweigen. Ein Vierteljahrhundert hatte er noch zu leben, und in dieser Zeit schrieb er keine neuen Stücke mehr. Isoliert und von den zeitgenössischen Strömungen der neuen Musik weitgehend abgestoßen, genoss er nach wie vor großen Ruhm in Großbritannien und Amerika, indessen es ganz zwangsläufig Reaktionen auf die übermäßige Begeisterung seiner Anhänger gab. Auf dem europäischen Festland konnte er nicht mehr denselben Stellenwert erreichen, den er vor dem Krieg in Deutschland, Frankreich und der österreichischen Hauptstadt Wien eingenommen hatte. Er starb 1957 im Alter von 91 Jahren.

Die sinfonische Fantasie Pohjolas Tochter entstand 1906. Wie Kullervo und die Lemminkäinen-Suite beruht das Werk auf dem Nationalepos Kalevala, das man erst im frühen 19. Jahrhundert nach den mündlichen Überlieferungen finnischer Bauern zusammen-gestellt hatte und das seit 1828, dem Jahr seiner Erstveröffentlichung, auch den gebildeten Kreisen zugänglich war. Kalevala ist das Land der Helden, dem Pohja oder Pohjola als Hinterland gegenüberstehen — Lappland und der Norden. Die Helden von Kalevala ziehen aus, um mit wechselndem Erfolg unter den Töchtern von Pohjola ihre Frauen zu finden, wohl wissend, dass zwischen den beiden Bereichen offene Feindschaft herrscht, namentlich unter der Herrin Louhi, der Beschützerin von Pohjola.

Es ist eigenartig, dass Sibelius das Werk zunächst unter dem Aspekt von Luonnotar schreiben wollte, mithin über die Naturtochter aus dem ersten Teil der Kalevala (er realisierte den Plan 1913 in seinem Opus 70 für Sopran und Orchester). Wie allgemein das außermusikalische Programm von Pohjolas Tochter war, ist daran zu erkennen, dass Sibelius während des Arbeitsprozesses plötzlich vom Luonnotar-Thema zur Geschichte von Väinämöinen und seinem Werben um das schöne Mädchen des Nordens umschwenkte. Seinem neuen Berliner Verleger Robert Lienau schlug Sibelius vor, das Stück als L’aventure d’un héros (Abenteuer eines Helden) zu betiteln, da der Name Väinämöinen im Ausland wohl kaum jemandem etwas gesagt hätte. Lienau hatte jedoch etwas gegen diese offensichtliche Anspielung auf die Tondichtung von Richard Strauss und bevorzugte Pohjolas Tochter. Der Held Väinämöinen umwirbt das schöne Mädchen aus dem düsteren Nordland Pohjola, das er auf dem Himmelsbogen sitzen und spinnen sieht. Er bittet sie, ihn in seinem Schlitten in die Heimat zu begleiten, doch sie stellt ihm geradezu herkulische Aufgaben. Er soll ein Pferdehaar mit stumpfer Klinge spalten, in ein Ei einen Knoten machen und anderes mehr — bis er schließlich nach ihrem Geheiß ein Boot aus ihrer Spindel zu bauen trachtet und dabei verletzt wird. Da springt er in seinen Schlitten und fährt davon — auf der Suche nach Linderung seiner Schmerzen.

Die Okeaniden schrieb Sibelius 1914 für eine Konzertreise durch die USA. Beinahe zwangsläufig lässt der finnische Originaltitel (Aallottaret) an Kalevala denken; tatsächlich bezieht sich das Werk aber auf Homer, nicht auf die Sagenwelt des Nordens. Okeanos ist nach Homer der große Strom, der die Erde und das Meer umfließt. Personifiziert wird er als Titan und Stammvater aller Götter; mit seiner Gemahlin Tethys hat er 3000 Söhne (Ströme) und 4000 Töchter erzeugt, die Nymphen des Ozeans (Okeaniden). Das Seestück beginnt mit sordinierten Streichern und leisen Paukenwirbeln, worauf bald die Vogelrufe der Flöten folgen und sich vor einem nebulösen, an Delius oder die französischen Impressionisten erinnernden Hintergrund eine Melodie entwickelt. Das Tongedicht strebt einem großen Höhepunkt zu, wonach es bald auf einem Akkord zum Stillstand kommt, dessen Volumen sich noch einmal steigert, bevor die Musik in einem Flüstern verklingt.

Tapiola ist das letzte Tongedicht von Jean Sibelius. Das Werk entstand 1926 und wurde trotz der Zweifel des Komponisten von Breitkopf & Härtel veröffentlicht. Sibelius selbst verfasste ein kurzes programmatisches Gedicht in deutscher, englischer und französischer Sprache:

Da dehnen sich des Nordlands düstre Wälder
Uralt-geheimnisvoll in wilden Träumen;
In ihnen wohnt der Wälder großer Gott,
Waldgeister weben heimlich in dem Dunkel.

Tapio ist der große Gott und König des Waldes, und Tapiola ist sein Heim. Hier erlebten Lemminkäinen in der 14. Rune und Väinämöinen in der 44. Rune des Kalevala ihre Abenteuer. Außerordentlich bezeichnend für Jean Sibelius ist die Orchestrierung. Das Werk beginnt mit einer langsamen Einleitung, in der ein Teil des Themas exponiert wird, aus dem sich die gesamte Tondichtung entwickelt. Dabei kommt es zu ungewöhnlichen Klangwirkungen: Das thematische Material wird den vierfach geteilten Bratschen anvertraut, derweil ein Orgelpunkt der Kontrabässe und ausgehaltene Fagottakkorde den harmonischen Hintergrund liefern, der gewissermaßen nach den Wäldern des Nordens klingt. Mit seinen vielfach geteilten Streichern, mit den Register- und Farbkontrasten der Holz- und Blechbläser ist Tapiola ein durchweg von instrumentatorischen Feinheiten geprägtes Werk.

Unmittelbar nach Kullervo schrieb Jean Sibelius 1892 die Tondichtung En Saga, die er zehn Jahre später einer Revision unterzog. Das thematisch und tonartlich reiche Werk folgt keinem spezifischen Programm, sondern will ein allgemeines Bild der nordischen Sagenwelt zeichnen. Die Uraufführung im Jahre 1893 war ein unmittelbarer Erfolg, und die überarbeitete Fassung hat sich einen festen Platz im Konzertrepertoire erobert. In der Einleitung erklingt das erste Thema der sinfonisch angelegten Komposition, die insgesamt vier (mehr oder minder aufeinander bezogene) Themen enthält.

Auch der zu Beginn des Jahres 1913 vollendete, ein Jahr später geringfügig bearbeitete Barde kommt ohne ein genaues Programm aus. Die Verwendung der Harfe lässt jedoch keinen Zweifel daran, um was es hier geht. Das kurze, nachdenkliche Werk entwickelt sich aus den Harfenakkorden und Bratschen-figurationen, die am Anfang erklingen.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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