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8.555329 - BARTOK, B.: Piano Music, Vol. 3 (Jando) - Out of Doors / Ten Easy Pieces / Allegro Barbaro
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Béla Bartók (1881-1945)

Béla Bartók (1881-1945)

Klaviermusik, Folge 3

 

Der ungarische Komponist Béla Bartók wurde 1881 im südungarischen Alföld, einer Region, die heute zu Rumänien gehört, geboren. Sein Vater war der Direktor einer Landwirtschaftsschule und ein begeisterter Amateurmusiker, den ersten Klavierunterricht erhielt er jedoch von seiner Mutter. Nach dem Tod des Vaters 1889 musste Bartóks Mutter ihren Beruf als Volksschullehrerin wieder aufnehmen, um ihre beiden Kinder, Béla und Elza, ernähren zu können. Versetzungen zwangen sie zu mehreren Umzügen, und schließlich ließen sie sich in Pressburg, dem heutigen Bratislava, nieder, wo Bartók seine frühe Jugend verbrachte und seit 1893 das Gymnasium besuchte. Zu seinen Schulkameraden gehörte der Komponist Ernö Dohnányi. Bartók erhielt das Angebot, seine musikalische Ausbildung in Wien zu absolvieren, entschied sich aber für Budapest. Hier erlangte er schnell den Ruf eines hervorragenden Pianisten, und 1907 wurde er zum Professor für Klavier an der Musikakademie in Budapest ernannt. Zur gleichen Zeit begann er, zusammen mit seinem Landsmann Zoltán Kodály, sich für die Volksmusik seiner Heimat und ihrer Nachbarländer zu interessieren. Seine musikologischen Forschungen erstreckten sich in späteren Jahren bis in die Türkei, wo er mit dem türkischen Komponisten Adnan Saygun zusammenarbeitete.

 

Als Komponist konnte sich Bartók zunächst nur schwer durchsetzen, vor allem in seinem eigenen Land. Ungarn wurde in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen von politischen Unruhen heimgesucht und die Linksregierung von Béla Kum nach wenigen Monaten durch das reaktionäre Regime von Admiral Horthy abgelöst. Währenddessen wuchs Bartóks Anerkennung im Ausland, vor allem dort, wo man sich für zeitgenössische Musik interessierte. Sein Erfolg als Pianist und Komponist und seine wachsende Unzufriedenheit mit den immer enger werdenden Verbindungen der Horthy-Regierung zum nationalsozialistischen Deutschland veranlassten ihn, 1940 in die Vereinigten Staaten zu emigrieren. Er hatte kurzzeitige Lehraufträge an der Columbia University und in Harvard inne, jedoch verschlechterte sich in den letzten Lebensjahren sein Gesundheitszustand kontinuierlich. Zudem war seine finanzielle Situation durch die Bedingungen des Exils in den Kriegsjahren sehr angespannt. Bartók starb 1945  kurz vor der Vollendung seines dritten Klavierkonzerts und seines Violakonzerts.

 

Waren die Jahre in Amerika auch von großen Schwierigkeiten überschattet, so erblickten doch hier auch einige bedeutende Werke das Licht der Welt, darunter das Concerto für Orchester, das von der Koussevitsky Foundation in Auftrag gegeben worden war, sowie eine Sonate für Violine solo für Yehudi Menuhin.

 

Bartók hatte verschiedene Klavierlehrer, bevor er nach Pressburg kam. Hier wurde er Schüler von Laszlo Erkel, dem Sohn des bekannten ungarischen Opernkomponisten Ferenc Erkel. Nach dem Tod seines Lehrers 1896 wechselte er zu Anton Hyrte. Beide vermittelten ihm nicht nur eine umfangreiche Kenntnis des Klavierrepertoires, sondern auch die traditionellen Kompositionstechniken. In Budapest erhielt Bartók Klavierunterricht von Istvan Thoman, einem Schüler von Franz Liszt. Sein Kompositionslehrer war der Traditionalist Hans Koeßler. Seit den frühen 1890er Jahren komponierte Bartók selbst Musik für Klavier, allerdings wurden die ersten Werke nicht veröffentlicht. Dieses Schicksal mag er sich vielleicht auch für die vier Stücke gewünscht haben, die 1904 herausgegeben wurden. Bartók komponierte bis 1940, bis er nach Amerika emigrierte, immer wieder für das Klavier, und unter seinen Klavierwerken finden sich sowohl Kompositionen für Konzertaufführungen, als auch Stücke, die für Schüler und Studenten geschrieben worden waren. Sie sind in der umfangreichen Sammlung „Mikrokosmos“ zusammengefasst, die alle Stufen des Könnens vom Anfänger bis zum Konzertpianisten abdeckt.

 

Die fünf Stücke, die unter dem Titel Im Freien veröffentlicht wurden, entstanden in den Sommermonaten 1926. In dem ersten Stück, Mit Trommeln und Pfeifen, findet ein dissonantes Intervall schlagzeugmäßige Anwendung. Es werden verschiedene Rhythmen in den tiefen Registern des Klaviers geschichtet, während darüber Fragmente einer Melodie erscheinen, die einen eingeschränkten Tonumfang hat. Barcarolla ist von einem asymmetrischen Rhythmus und sehr freiem Material in Quartenbrechungen geprägt. Die Bewegung wird durch eine Achtel-Figuration vorangetrieben, die sich durch das ganze Stück hindurch zieht. Musettes greift auf die dudelsackartigen Quintklänge zurück, die der Titel schon erahnen lässt, über denen lediglich Fragmente einer Melodie erklingen. Klänge der Nacht ist eine typische Beschwörung einer nächtlichen Klangkulisse. Klangcluster, die auch an anderer Stelle in Bartóks Musik erforscht werden, loten die besonderen Klangmöglichkeiten des Klaviers aus. Das Stück ist Bartóks zweiter Frau, der Pianistin Ditta Bartók gewidmet. Hetzjagd wird von kraftvollen rhythmischen Triolen- und Quintolenfiguren vorangetrieben. Über fünftönigen Gruppen in der linken Hand als durchlaufender Begleitung erklingen melodische Elemente.

 

Bartók komponierte die Vier Nänien in den Jahren 1909 – 1910 und überarbeitete sie später. Teile des Zyklus wurden 1917 in Budapest von Dohnányi uraufgeführt. Die Stücke bilden einen unmittelbaren Gegensatz zu Hetzjagd. Die erste Klage ist eine anhaltende Resonanz um den Akkord H-Dur. Das zweite Stück beginnt im Unisono, später kommen Harmonietöne hinzu, die zunächst ausgehalten und dann arpeggiert werden, während die Musik sich auf ihren Höhepunkt zu bewegt und schließlich wieder verebbt. Das dritte Stück wird von feierlichen Doppel-Quinten in den tiefen Registern geprägt, über denen sich eine Oktavmelodie erhebt. Die gleiche Stimmung ernsthaften Glaubens durchzieht auch das vierte Stück.

 

Die zwei Rumänischen Tänze aus der selben Zeit (der zweite wurde 1943 überarbeitet) wurden von der Volksmusik Rumäniens angeregt. Dennoch handelt es sich nicht um Bearbeitungen folkloristischen Materials, sondern um zwei virtuose Konzertstücke. Das erste beginnt mit einer ostinaten Begleitfigur in der linken Hand, über der ein lebhafter Volkstanz erklingt. Das ganze Stück steuert auf einen großartigen dynamischen Höhepunkt zu.

 

Das zweite Stück beginnt mit einer Ostinato-Figur in der rechten Hand. Die Musik gewinnt nach und nach an Bewegung. Das Stück ist von der Volksmusik und ihrem Geist und ihrer Energie inspiriert, die in verschiedene Termini übertragen werden.

 

Die Zehn leichten Klavierstücke entstanden 1908. Die Widmung, die den zehn Stücken vorausgeht, beginnt mit Tönen, die mit der befreundeten Geigerin Stefi Geyer in Verbindung stehen, für die er das erste seiner beiden Violinkonzerte komponierte, das sie aber nie aufgeführt hatte. Das Motiv erscheint in dem Konzert und in den beiden Portraits aus dem Jahr 1911, in denen das Material des Konzerts noch einmal Verwendung findet, ebenso wie in der letzten der Vierzehn Bagatellen. Bauernlied stellt die Melodie im Unisono vor, während Qualvolles Ringen, dessen Titel auf verschiedene Weise übersetzt wird, eine beständige Ostinato-Begleitung aufweist. Der Slowakische Tanz ist wie die beiden Ungarischen Volkslieder, das sechste und das achte der Stücke, die Bearbeitung eines Volksliedes. Auf das nostalgische Sostenuto, das nicht nur mit seiner aufsteigenden Ganztonleiter im Finale an Debussy erinnert, folgte das bekannteste Stück, Abend auf dem Lande, das auch in den Ungarischen Skizzen für Orchester von 1931 enthalten ist,  einer Gegenüberstellung zweier pentatonischer Melodien. Der kraftvolle Bärentanz gehört ebenfalls zu dem gleichen Orchesterwerk. Zwischen den beiden Ungarischen Volksliedern steht Morgenrot, das in seiner Stimmung Sostenuto ähnelt. Fingerübung, eine nicht ganz konventionelle Fünf-Finger-Übung, ist von einer fünftönigen Ostinato-Figur geprägt, die sich durch das ganze Stück zieht. Der Bärentanz bildet ein typisch lebhaftes Ende des Zyklus.

 

Das Allegro barbaro stellte für das zeitgenössische Publikum hinsichtlich seines Titels und seines Inhalts eine besondere Herausforderung dar. Es stürmt unerbittlich vorwärts, bevor es in einer etwas sanfteren Stimmung inne hält. Wie viele andere Stücke auch, hat es seinen Ursprung in der magyarischen Volksmusik, die nun in der eigenen musikalischen Sprache des Komponisten aufgegangen ist.

 

Die Drei ungarischen Volkslieder stammen aus dem Jahr 1907 und wurden auch für Blockflöte und Klavier bearbeitet. Die Drei Burlesken von 1908 – 1911 bilden zu diesen Volksliedern einen unmittelbaren Gegensatz. Das erste Stück, Zänkerei, ist Bartóks erster Frau, seiner ehemaligen Klavierschülerin Martá, gewidmet. Wie der Titel vermuten lässt, enthält es schroffe Dissonanzen, die mit nur sehr kurzen Momenten einer offensichtlichen Versöhnung durchsetzt sind. Das zweite Stück, Etwas angeheitert, das später für die ungarischen Skizzen instrumentiert wurde, wird dem Titel entsprechend als ‚stolpernder Rhythmus’ beschrieben. Das dritte Stück, das keinen Titel hat, stellt in seinem überstürzten und kapriziösen Verlauf Skalenläufe und Dreiklangsmelodik gegeneinander, so dass scharfe Sekundreibungen entstehen.

 

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Peter Noelke


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