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8.555363 - SIBELIUS: Piano Music, Vol. 4
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Jean Sibelius (1865-1957)

Jean Sibelius (1865-1957)

Klaviermusik, Folge 4

Lyrische Stücke op. 74 · Fünf Stücke op. 75 · Dreizehn Stücke op. 76

Fünf Stücke op. 85 · Sechs Stücke op. 94

Jean Sibelius wurde 1865 als Sohn eines Arztes in einer Kleinstadt im südlichen Finnland geboren. Wie es in gehobenen Kreisen üblich war, wurde auch in seiner Familie schwedisch gesprochen; erst in der Schule lernte er finnisch; schwedisch blieb jedoch zeitlebens seine Muttersprache, die er fließender beherrschte als finnisch. Schon früh begann er sich für die Sagen Finnlands zu interessieren, und seine nationale Gesinnung wurde später entscheidend von dem finnischen General und Nationalisten Alexander Järnefelt inspiriert, dessen Tochter Aino er heiratete.

Schon bald erkannte man sein musikalisches Talent; dennoch ließ er sich an der Universität zunächst als Jurastudent immatrikulieren. Seine ersten musikalischen Ambitionen waren es, Geiger zu werden, doch blieben seine Fähigkeiten auf diesem Instrument hinter seiner kompositorischen Begabung zurück. Er studierte Komposition zunächst in Helsinki, anschließend in Berlin und schließlich bei Goldmark und Robert Fuchs in Wien.

Nach Finnland zurückgekehrt, hatte er 1892 einen spontanen Erfolg mit seiner sinfonischen Dichtung Kullervo nach einer Episode aus dem finnischen Nationalepos Kalevala. Es folgten Kompositionen mit ausgesprochen nationaler Thematik, die seinen Namen in Helsinki weiter bekannt machten; dazu gehörten auch Werke wie die Bühnenmusik zu den patriotischen Stücken Karelia und En Saga sowie die Lemminkäinen-Suite. Während dieser Zeit verdiente Sibelius den Lebensunterhalt für sich und seine Frau durch Unterrichtsstunden und Einkünfte aus Aufführungen seiner Werke. Es fiel ihm jedoch nicht leicht, sich finanziell durchzuschlagen, denn bereits in seinen Studentenjahren war er durch Verschwendungssucht aufgefallen. Als Entschädigung für seine Enttäuschung, als man seine Bewerbung um eine Professur nicht berücksichtigte, erhielt er 1897 ein Staatsstipendium für die Dauer von zehn Jahren, aus dem später eine Pension auf Lebenszeit wurde.

Seine aktive Laufbahn als Komponist verfolgte Sibelius bis 1926; die Anerkennung seines Schaffens wuchs im eigenen Land wie auch international. Seiner erfolgreichen Ersten Sinfonie von 1898 folgte die noch erfolgreichere sinfonische Dichtung Finlandia. 1902 entstand die Zweite Sinfonie, danach das Violinkonzert und die Dritte Sinfonie, und nach einer Krankheit, nach der er dem Alkohol- und Tabakgenuss abschwören musste, die Vierte Sinfonie. Reisen führten ihn derweil in die europäischen Musikzentren, wo er mit zahlreichen Ehrungen ausgezeichnet wurde. Die Fünfte Sinfonie entstand während des Krieges; danach schrieb er nur noch vier Werke von einiger Substanz: die Sechste und Siebente Sinfonie, eine Bühnenmusik zu Shakespeares Sturm und die sinfonische Dichtung Tapiola. Eine achte Sinfonie wurde 1929 vollendet, aber wieder vernichtet. Während der letzten 25 Jahre seines Lebens schwieg der Komponist Jean Sibelius.

Er starb 1957 im Alter von 91 Jahren.

Wie andere Komponisten seiner Zeit fand auch Sibelius einen Markt für seine Klaviermusik, insbesondere für Sammlungen kurzer Stücke, die sich für das häusliche Musizieren eigneten. Das erste seiner Klavierstücke aus den 1880er Jahren blieb – wie auch die letzte Sammlung von 1929 – unveröffentlicht. Der Ausbruch des 1. Welkriegs im Jahr 1914 sah Finnland an der Seite der Alliierten gegen die Mittelmächte.

Für Sibelius war dies mit Schwierigkeiten verbunden. Obwohl er weiterhin Tantiemen von seinem deutschen Verlag Breitkopf & Härtel bezog, konnte er keine Konzertreisen ins Ausland unternehmen, was ihn in ernste finanzielle Schwierigkeiten brachte. Aus Geldmangel verlegte er sich auf die Komposition kurzer Klavierstücke für den Amateurmusikmarkt (für seinen neuen Verlag Westerlund und später für den dänischen Verleger Hansen) und unterbrach dafür die Arbeit an seiner Fünften Sinfonie.

Die Vier Lyrischen Stücke op. 74, entstanden 1914, beginnen mit der zunehmend ausgearbeiteten Ekloge. Es folgen die Arpeggien des Stücks Sanfter Westwind. Das dritte Stück gleicht einem fröhlichen Tanzvergnügen. Die Sammlung endet nostalgisch Im alten Heim.

Die Titel der Fünf Stücke op. 75 von 1914 sind die Namen von Bäumen. Das letzte der ursprünglich sechs Stücke, Syringa, wurde später als Valse lyrique orchestral bearbeitet. Das liebenswürdige När rönnen blommar (Wenn die Eberesche blüht) führt zum feierlicheren Den ensamma furan (Die einsame Fichte). Aspen (Die Espe, gis-Moll) beschreibt das typische Zittern, während die stämmigere Björken (Die Birke) mit einem Misterioso-Abschnitt endet. Das abschließende Stück, Granen (Die Fichte), variiert das vorherrschende Walzermetrum mit kontrastierenden Rhythmen.

Die ersten zwei oder drei der Dreizehn Stücke

op. 76 entstanden bereits 1911, während einige andere erst 1916 geschrieben wurden. Mit diesen bei Westerlund und Hansen erschienenen Stücken wollte Sibelius seine Einkünfte aufbessern. Die Figurationen von Esquisse und Etude ähneln einander, während glockenähnliche Klänge zum Titel Carillon passen. Der kapriziösen Humoresque folgen die charaktervolle Consolation und die liebliche Romanzetta. Das siebente Stück, Affettuoso, trägt die Vortragsbezeichnung Agitato; ihm folgen das höchst uncharakteristische Pièce enfantine und eine geschwinde Arabesque.

An das cis-Moll-Elegiaco mit der Vortragsbezeichnung Poco agitato schließen sich das originelle Linnaea (Andantino con moto), die Arpeggien des Capriccietto und die launische Harlequinade an.

Die Fünf Stücke op. 85 (Die Blumen) datieren von 1916 und 1917. Das erste trägt den Namen Bellis (Tausendschön). Dem zweiten, Oeillet (Nelke) folgen die Iris mit ihren Verzierungen, Aquilegia und die glockigen Töne der Campanula.

Als sich der Krieg dem Ende zuneigte, wurde Finnland von anderen Ereignissen eingeholt, der russischen Revolution, der Unabhängigkeitserklärung von 1917 und dem kurzen Bürgerkrieg von 1918, dem die anhaltende Teilung und Unruhen folgten. Die Sechs Stücke op. 94, 1919 als Sammlung zusammengestellt, entstanden ebenfalls aus finanziellen Gründen. Danse, ein Walzer, eröffnet die Sammlung, gefolgt von der bereits früher komponierten Nouvelette. Die Triolen des Sonnet führen zu Berger et bergerette, einem Dialog zwischen Schäfer und Schäferin. Nach einer kurzen Introduktion rechtfertigt das mit Mélodie überschriebene Stück seinen Titel, während die abschließende Gavotte einen Trioabschnitt in kontrastierender Tonart einrahmt.

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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