About this Recording
8.555364 - SPOHR: Music for Violin and Harp, Vol. 1
English  French  German  Spanish 

Louis Spohr(1784-1859)

Musik für Violine und Harfe

Louis Spohr wurde im 19. Jahrhundert als einer der größten Komponisten, Geigenvirtuosen, Dirigenten und Lehrer seiner Zeit verehrt. Er war ebenso als ein liberal und demokratisch gesinnter Mensch bekannt, der gegenüber der Obrigkeit kein Blatt vor den Mund nahm. Er war ein weitgereister Musiker, schrieb eine unterhaltsame Autobiographie, verfaßte eine vielbeachtete Violinschule, erfand den Kinnhalter der Violine, war einer der Pioniere des Dirigierens mit Taktstock und kam auf die Idee, Buchstaben in die Partitur zu setzen, um effektiver proben zu können. Als Dirigent setzte sich Spohr für die besten Komponisten seiner Zeit ein, selbst wenn er manchen Stil nicht mochte (sein Ideal war Mozart). Er bildete außerdem um die zweihundert Geiger, Dirigenten und Komponisten aus und war alles in allem das ganze Gegenteil eines einsamen, leidenden Künstlers. Er liebte Feste, war ein talentierter Maler, ein begeisterter Rosenzüchter, leidenschaftlicher Schwimmer, Schlittschuhläufer und Bergsteiger, er spielte ausgezeichnet Schach, Billard, Domino und Whist. Als Komponist wurde er von seinen Zeitgenossen für seinen harmonischen Reichtum, für seine vollendete Beherrschung der Modulation und Chromatik bewundert. Während er stilistisch, ähnlich wie Weber, zur Frühromantik gehörte, hielt er im allgemeinen an den klassischen Formen fest. Diese klassische Seite wirkte später auf die Generation, die mit dem Klangrausch eines Wagner, Tschaikowsky oder Strauss aufwuchs, ziemlich altmodisch. Seine besten Werke wurden im 19. Jahrhundert weiterhin gespielt, indessen verlor er doch einiges von seinem einstmals so hohen Stellenwert.

Louis Spohr wurde am 5. April 1784 in Braunschweig geboren. Bereits als Kind zeigte er eine besondere Begabung für die Violine, mit fünfzehn Jahren wurde er in die Hofkapelle des Herzogs aufgenommen. 1802 gewährte ihm der Herzog ein Stipendium, Spohr ging mit dem Virtuosen Franz Anton Eck (1774-1804) auf eine einjährige Studienreise, die ihn bis nach St. Petersburg führte. 1804 folgte seine erste Deutschlandtournee. Bei seinem Konzert in Leipzig hörte ihn der einflußreiche Kritiker Friedrich Rochlitz; seine begeisterte Rezension machte Spohr über Nacht berühmt. Die Stationen seiner beruflichen Laufbahn waren Gotha (Hofmusikdirektor 1805-12), Wien (Kapellmeister am Theater an der Wien 1813-15), Frankfurt am Main (Operndirektor am Stadttheater 1817-19) und Kassel (Hofkapellmeister 1822-57). Daneben unternahm er zahlreiche Konzertreisen, unter anderem nach Italien (1816-17), England (1820) und nach Paris (1821). In seinen späteren Jahren schränkte er seine Virtuosentätigkeit immer mehr ein, dirigierte aber weiterhin große Musikfestivals in Deutschland (unter anderem die Einweihung des Beethoven-Denkmals in Bonn 1845) und in England, wo seine Chorwerke besonders beliebt waren. Louis Spohr starb am 22. Oktober 1859 in Kassel.

Spohrs Interesse für die Harfe entsprang seiner Liebe zu der achtzehnjährigen Dorette Scheidler, einer ausgezeichneten Harfenistin, die der Einundzwanzigjährige zu Beginn seiner Amtszeit als Musikdirektor in Gotha kennenlernte. Er schreibt in seiner Autobiographie, er habe seine Sonate für Violine und Harfe in c-Moll geschrieben, um Dorette öfters sehen zu können, mit der unverfänglichen Begründung, er müsse mit seiner Duettpartnerin proben. Er gewann ihre Liebe recht schnell, nach der Aufführung seines Werkes bat er sie um ihre Hand. Sie heirateten am 2. Februar 1806. Spohr begann sich nun eingehender mit den Möglichkeiten der Harfe zu beschäftigen, ein erstes Ergebnis seiner Studien war die Sonate in B-Dur op.16. Es gab aber noch ein entscheidendes technisches Problem zu lösen: Die Tonarten, in denen die Violine am besten klingt, sind für die Harfe die denkbar ungünstigsten. Spohr hat, vermutlich gemeinsam mit Dorette, folgenden Weg gefunden: Die Harfe wird einen Halbton tiefer gestimmt, die Harfenstimme wird in einer B-Tonart geschrieben. Durch die tiefere Stimmung ist die Spannung der Saiten geringer, außerdem müssen die Pedale der Harfe beim Spielen in B-Tonarten seltener eingesetzt werden. Die Violinstimme wird einen Halbton tiefer als die Harfenstimme notiert, generell in einer Kreuztonart. Eine Harfenstimme in Es-Dur entspricht also einer Violinstimme in D-Dur. Spohr erreicht damit, daß der brillante Klang der Violine erhalten bleibt, und daß die Saiten der Harfe nicht mehr so oft wie früher reißen. Diese Methode wird erstmals in der Sonata concertante angewandt, das Werk ist allerdings viel später als op.113 im Druck erschienen.

Wie sich Spohr als Komponist für Harfe entwickelt hat, kann man anhand der drei vorliegenden Sonaten gut verfolgen. Die Sonate in c-Moll bewegt sich zwischen dem klassischen Stil eines Haydn oder Mozart und der „pikanteren" Musiksprache Spohrs. Sie besteht aus zwei Sätzen, jedem Satz geht eine langsame Einleitung voran, die die Motive der jeweiligen schnellen Hauptteile vorwegnimmt. Bemerkenswert ist der Schluß: Zwei kraftvolle Akkorde beenden das Werk - scheinbar, es folgen noch drei leise Akkorde. Ruhige Schlüsse sollen später zu einem Markenzeichen Spohrs werden. In dieser Sonate macht der Komponist seine ersten Schritte auf dem neuen Terrain, sie ist im Vergleich zu seinen späteren Werken nur mäßig anspruchsvoll.

Die Sonate in B-Dur op.16 umfaßt drei groß angelegte Sätze. Die Violine (in der gleichen Tonart wie die Harfe notiert) wirkt mit ihren weiten lyrischen Bögen und lang ausgehaltenen Tönen beinahe diskret, während die Harfe mit einer Fülle von glänzenden Läufen und virtuosen Arpeggien brilliert, die mit dem „Klavierstil" der Sonate in c-Moll nichts mehr gemeinsam haben. Der erste Satz ist ein voll entwickelter Sonatensatz, der langsame zweite Satz besticht durch die vielfältigen filigranen Verzierungen in der Harfe. Das Rondo beginnt mit einem toccata-ähnlichen „perpetuum mobile" in der Harfe und beschließt die Sonate mit einprägsamer Thematik.

Mit der Sonata concertante op.113 ist die Gleichwertigkeit der beiden Instrumente erreicht. Die Harfenstimme ist voll entwickelt, absolut instrumentengerecht und perfekt auf den nunmehr brillanten Violinpart abgestimmt. Das Werk folgt im Aufbau und in seinen Proportionen der Sonate in B-Dur. Warum Paganini Spohr einmal den „größten Sänger auf der Violine" genannt hat, kann man im langsamen Satz hören.

Spohr blieb an diesem Punkt nicht stehen, er begann nun, seine Neuerungen in Werke für größere Besetzungen zu integrieren. Er komponierte eine Reihe von Konzerten für Violine, Harfe und Orchester und arbeitete eine 1806 entstandene Sonate zu einem Trio um, mit einer zusätzlichen Cellostimme. Im nachhinein verwarf er diese Werke, er war vor allem mit der zuweilen nur begleitenden Rolle der Instrumente unzufrieden. Seine Selbstkritik war sicher etwas übertrieben, wie es das Trio in e-Moll zeigt, mit einem reizvollen Variationssatz im Zentrum des Werkes.

Keith Warsop

Vorsitzender der Britischen Spohr-Gesellschaft

Deutsche Fassung: Tilo Kittel

Wenn Ihnen diese Aufnahme gefallen hat und Sie mehr über die Spohr-Gesellschaft wissen möchten, schreiben Sie bitte an:

The Secretary, Spohr Society of Great Britain, 123 Mount View Road, Sheffield S8 8PJ, United Kingdom. (E-mail: chtutt@yahoo.co.uk)


Close the window