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8.555370 - BERWALD: Tone Poems
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Franz Berwald (1796-1868)
Sinfonische Dichtungen

In dem halben Jahrhundert zwischen der Uraufführung von Beethovens Neunter und Brahms’ Erster Sinfonie machte eine Vielzahl von Komponisten auf sich aufmerksam, die zwar niemals zu absoluter Größe aufstiegen, aber mit Werken von beachtlicher künstlerischer Individualität aufwarteten. Zu den bemerkenswertesten Persönlichkeiten dieser Komponistengruppe zählte der vielseitig interessierte und begabte Franz Berwald, dessen Lebenslauf sich in dem Nebeneinander der unterschiedlichsten, kaum miteinander vereinbar scheinenden beruflichen Beschäftigungen wie ein Wechselbad der Gefühle zwischen Erfolg und Enttäuschung liest.

Die hier vorgestellten Orchesterwerke geben einen Einblick in einen Schöpfungsprozess, der sich über einen Zeitraum von fünfzig Jahren erstreckt. Geboren am 23. Juli 1796 in Stockholm, hatte Berwald bereits im zehnten Lebensjahr erste Konzertauftritte als Geiger. Von 1812 bis 1828 war er Mitglied der Kgl. Hofkapelle. Parallel zu dieser Beschäftigung entstanden erste Kompositionen, mit denen er bei einem Benefizkonzert im Januar 1818 einen Achtungserfolg erzielte. Ein Konzert im März 1821 endete jedoch ohne die erhoffte Resonanz, wobei insbesondere seine A-Dur-Sinfonie (von der nur ein Torso des ersten Satzes überliefert ist) auf Kritik stieß. Zustimmung fand jedoch der 1928 uraufgeführte 1. Akt seiner (unvollendeten) Oper Gustav Wasa auf einen Text von J.H. Kellgren.

Ähnlich erfolgreich dürfte das im Jahr zuvor komponierte Konzertstück für Fagott und Orchester gewesen sein. Das am 18. November uraufgeführte Werk (Solist: Franz Preumayr) gliedert sich in drei Abschnitte. Nach einem munteren, aus zwei kontrastierenden Themen bestehenden Allegro non troppo, folgt im Andante ein direktes Zitat der Arie ‚Home Sweet Home’ aus Henry Bishops seinerzeit äußerst populären Oper Clari, or The Maid of Milan. Die Eröffnungsphrase, ohne den Refrain des zweiten Teils, wird ausgiebig paraphrasiert, bevor die Wiederaufnahme des Beginn-Allegros dieses bescheidene, aber überaus gefällige Werk zu einem lebhaften Ausklang führt.

Der Grund für Berwalds im Mai 1829 vollzogenen Wechsel nach Berlin lag einerseits in der künstlerischen Einengung durch seinen Dienst in der Hofkapelle und anderseits in der Gleichgültigkeit des schwedischen Publikums gegenüber seinen Kompositionen. Doch auch in der deutschen Musikmetropole wollte sich der ersehnte Erfolg nicht einstellen, zumal sich die Pläne für die Aufführung von zwei dort entstandenen Opern zerschlugen. Stattdessen eröffnete Berwald 1835 ein Gymnastik-Institut, dessen Leitung fortan seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm und ihm seinen Lebensunterhalt sicherte. Durch einen Zufall war er zu Beginn seiner Berliner Zeit in Berührung mit der orthopädischen Medizin gekommen. Erst mit dem Umzug nach Wien im März 1841, dem ein Monat später die Heirat mit der 21 Jahre jüngeren Wilhelmine Mathilde Scherer folgte, wandte sich Berwald erneut seiner kompositorischen Tätigkeit zu. Im folgenden Jahrzehnt entstand die überwiegende Mehrzahl seiner reifen Orchesterwerke, einschließlich der vier hier aufgenommenen sinfonischen Dichtungen. Zumindest zwei dieser Werke standen auf dem Programm eines Wiener Konzerts vom 6. Mai 1842. Ihre individuelle harmonische Sprache und die farbige Instrumentierung fanden in der Fachkritik das nachhaltig positivste Echo seiner gesamten kompositorischen Karriere.

Elfenspiel beginnt in nachdenklich-verhaltener Stimmung, aus der heraus sich eine lebhafte, an Mendelssohn erinnernde Musik als Hauptteil entwickelt. Auf einen kurzen, dissonanten Höhepunkt in Hörnern und Trompeten greift der Komponist die wesentlichen Gedanken erneut auf, bevor eine dezidierte Coda den Satz beschließt. Ernste und heitere Grillen kommt in Berlioz-Manier eher als Schaustück daher. Sein scherzohafter Hauptabschnitt mit einer für die Zeit ungewöhnlichen rhythmischen Beweglichkeit strotzt vor unbändiger Aktivität. Entsprechend dem flüchtigen, kaum greifbaren Formverlauf erscheint der plötzliche Schluss kaum noch als Überraschung.

Erinnerung an die norwegischen Alpen hebt mit einer nachdenklich-statischen Introduktion an, die nur allmählich an Vorwärtsimpuls gewinnt. Es folgt ein kompakter Sonatenformsatz mit einer entschlossenen Durchführung der Hauptideen und der Rückbesinnung auf die gedankenschwere Eröffnung. Wettlauf könnte der Form nach fast ein Alternativ-Scherzo für eine von Berwalds Sinfonien sein. Trotz ihrer subtilen Unterschiede bilden die Hauptthemen eine geradezu durchkomponierte Motivkette, kulminierend in einem dem Werktitel entsprechenden, atemlosen Endspurt.

Berwalds rastlosem Schaffen in diesem Abschnitt seiner Karriere standen jedoch weder nennenswerte Aufführungen seiner Werke noch kritisches Lob gegenüber. Die Sinfonie sérieuse, die einzige der vier in dieser Periode entstandenen Sinfonien, die zu Lebzeiten des Komponisten gespielt wurde (Uraufführung Dezember 1843), begegnete bei der Kritik völliger Verständnislosigkeit. Gleichermaßen kühl war die Resonanz auf zwei Operetten. Modehandlerskan (Die Modistin) brachte es gar nur auf eine einzige Aufführung. Ein späterer Aufenthalt in Wien (1846-49) stand unter keinen günstigeren Vorzeichen, sodass Berwald schließlich endgültig nach Schweden zurückkehrte, wo er als Geschäftsführer einer Glasfabrik arbeitete und später eine Ziegelei gründete. Seine musikalischen Aktivitäten beschränkte er auf die Komposition kleinerer Kammermusikwerke und den Unterricht von Privatschülern.

Ironischerweise rückte erst die erfolgreiche Eingliederung einiger seiner Stücke in das deutschösterreichische Konzertrepertoire Berwalds Schaffen wieder stärker ins Interesse der schwedischen Öffentlichkeit. Im April 1862 brachte die Kgl. Oper in Stockholm seine Oper Estrella de Soria heraus, zwanzig Jahre nach ihrer Entstehung. Der Erfolg ermutigte Berwald zu einer zweiten großen Oper: Vollendet 1864, wurde Drottningen av Golconda (Die Königin von Golconda) bereits an der Kgl. Oper geprobt, als ein neuer Intendant die Produktion stoppte. (Erst 1968, einhundert Jahre nach dem Tod des Komponisten, kam es zu einer ersten szenischen Aufführung der Oper.) Trotz dieses neuerlichen Rückschlags wurde Berwald anlässlich seines siebzigsten Geburtstags mit der Verleihung des Polarsternordens und im darauffolgenden Jahr mit der Berufung zum Professor für Komposition an der Kgl. Musikakademie die gebührende offizielle Anerkennung zuteil. Er starb am 3. April 1868 in Stockholm an den Folgen einer Lungenentzündung.

Die ‚romantische Oper’ Die Königin von Golconda ist dem Stil eines Weber und Spohr verpflichtet. Dies wird sogleich in der Ouvertüre deutlich, die in einigen der verwendeten Themen bereits auf die folgende Bühnenhandlung vorausweist. Die meisterhafte Aneinanderreihung der thematischen Elemente verdeutlicht, dass Berwald auch in seiner letzten Schaffensphase nichts von seiner Formbeherrschung und Instrumentierungskunst eingebüßt hatte.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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