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8.555384 - WASSENAER: Concerti Armonici
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Graf Unico Wilhelm van Wassenaer (1692-1766)
Sechs Concerti armonici

 

Der Komponist dieser herrlichen CD-Einspielung war für mehr als zweihundert Jahre in Vergessenheit geraten. Verantwortlich dafür war jedoch nicht der pure Zufall, sondern der Künstler hatte aktiv Schritte unternommen, um unerkannt zu bleiben. Bevor bekannt wurde, dass der holländische Edelmann Unico Wilhelm van Wassenaer der Urheber dieser Werke ist, wurden sie erst dem Italiener Carlo Ricciotti zugeschrieben, später dann in Concertini umbenannt und in die Ausgabe der gesammelten Werke Pergolesis aufgenommen. Über einhundert Jahre lang wurden diese Concertini Pergolesis aufgeführt; sie erfreuten sich großer Beliebtheit und gereichten dem Komponisten zur Ehre. Als Strawinsky seine Pulcinella-Suite schrieb und unter anderem auch Musik von Pergolesi verwendete, griff er tatsächlich auch auf eine Tarantella zurück, die auf dem letzten Satz des zweiten Konzerts beruht.

Unico Wilhelm, Graf von Wassenaer, wurde am 2. November 1692 als siebtes Kind (jedoch nur fünf Kinder erreichten das Erwachsenenalter) in eine der ältesten Adelsfamilien der Provinz Holland geboren. Er verlebte seine ersten Lebensjahre auf dem Familiensitz in Den Haag und Schloss Twickel zu Delden. Sein Vater Jacob van Wassenaer (1645-1715) diente als Botschafter der holländischen Republik in Berlin (1699-1702) und am Hof in Düsseldorf (1707-1709). Ob Unico Wilhelm seinen Vater begleitete, ist nicht bekannt. Von 1710 bis 1713 studierte er Jura an der Universität in Leiden. Die Familie verkehrte offensichtlich in allerhöchsten Kreisen; im April 1714 stattete der Kurfürst von Hannover Schloss Twickel einen Besuch ab; 1727 kehrte er zu einem weiteren Besuch zurück, diesmal als der gekrönte König von England George I. Nach dem Tod seines Vaters erbte Unico Wilhelm das Twickel-Anwesen und den Titel der riddershap (Ritterschaft) von Overijssel. Kurz darauf begab sich der junge Edelmann, wie es damals Brauch war, auf eine Kavalierstour. Seine Reiseroute ist zwar nicht bekannt, zu den typischen Zielen gehörten jedoch Paris, Italien, vielleicht Rom, Florenz und Venedig, Wien und Prag.

Es gibt keine offiziellen Belege dafür, dass Unico Wilhelm auch Musik studierte. Da wir jedoch aus seinem späteren Lebenslauf ersehen können, dass er ein vollendeter Musiker war, erhalten wir ein Ahnung davon, wie sich die höfische Erziehung und die Eindrücke der Kavalierstour auf einen musikalisch begabten und inspirierten jungen Mann ausgewirkt haben. Der Hof in Düsseldorf unterhielt Beziehungen zu Agostino Steffani, Arcangelo Corelli, Attilio Ariosti, Antonio Draghi und Georg Friedrich Händel. Auch kennen wir den Bestand der Hofbibliothek. In ihr befanden sich nicht nur die dramatischen Werke von den Franzosen Destouches, Lully und Campra, sondern auch Instrumentalmusikwerke von Händel, Bononcini, Corelli, Telemann, Tartini, Geminiani, Locatelli und Senaillé. Viele dieser Werke lagen in Abschriften vor, die Unico Wilhelm selbst handschriftlich angefertigt hatte.

Nach dem relativ sorgenfreien Leben eines jungen Aristokraten, heiratete Unico Wilhelm 1723 eine friesische Adelige und hatte drei Söhne. Er nahm die Ernennung in den diplomatischen Dienst an und war als Botschafter in Paris (1744) und Köln (1746) und vertrat die Niederlande beim Kongress von Breda. Er starb am 9. November 1766 und wurde in Den Haag beigesetzt.

Das Erlernen eines Instruments oder der Komposition war bei vielen Aristokraten ein anerkannter Zeitvertreib. König Friedrich der Große von Preußen, der Flöte spielte und eine Reihe bedeutender Komponisten an seinem Hof beschäftigte, ist ein berühmtes Beispiel. Es mag jedoch auch Kreise gegeben haben, in denen es für einen hochgestellten Diplomaten weniger schicklich war, mit Musik in Verbindung gebracht zu werden. Welche Gründe er auch gehabt haben mag, Unico Wilhelm von Wassenaer zog es jedenfalls vor, die Autorschaft der sechs Concerti armonici zu verschleiern. 1740 erschien eine Ausgabe der Konzerte in Den Haag. Die Stücke waren Willem Graf Beutick gewidmet, einem Jugendfreund von Unico Wilhelm. Die Widmung hatte der Geiger Carlo Ricciotti, der spätere Direktor des französischen Opernensembles in Den Haag, im Auftrag des Komponisten vorgenommen und ihn als einen „vornehmen Ehrenmann" bezeichnete. 1755 erschienen die Concerti armonici als Reprint bei dem Londoner Verleger Walsh. In dieser Zeit gab es noch kein internationales Urheberschutzrecht, und es geschah häufiger, dass Verleger verschiedener Gerichtsbarkeiten Nachdrucke ihrer Konkurrenten herausbrachten. In der Londoner Ausgabe wurde Ricciotti in den Stand des Komponisten erhoben. Die Werke fanden einige Zeit in England weite Verbreitung. 1822 bearbeitete William Crotch das zweite Konzert für Cembalo, war jedoch einsichtig genug zu erkennen, dass der Name Ricciotti „angeblich von einem italienischen Edelmann angenommen worden war" (track 8).

Die Library of Congress in Washington erwarb 1908 eine Abschrift der Konzerte aus dem 19. Jahrhundert, die nun Concertini genannt und Pergolesi zugeschrieben wurden. 1979 traf der Musikwissenschaftler Albert Dunning auf einer Abendgesellschaft mit einer Gruppe holländischer Kunsthistoriker zusammen. Nach einer zufälligen Bemerkung über die Concerti armonici berichtete einer der Gäste, dass er vor kurzem eine Inventarsliste des Inhalts von Schloss Twickel in den Niederlanden erstellt habe und dabei auf einige Musikmanuskripte gestoßen sei. Dunning untersuchte den Fund, und es stellte sich heraus, dass es sich um die Concerti armonici aus der Feder des Grafen Unico Wilhelm van Wassenaer handelte. Die musikalische Welt ist ihm für seine unermüdlichen Bemühungen bei der Entdeckung dieser Konzerte zu großer Dankbarkeit verpflichtet.

Die sechs Concerti armonici lassen sich nur schwer einer Gattung zuordnen. Wie wir gesehen haben, war Unico Wilhelm van Wassenaer während seines Lebens und seiner Kavalierstour einer ganzen Reihe von Einflüssen ausgesetzt. Der Ton ist zweifellos italienisch und steht in der Tradition Corellis. Es lassen sich jedoch von Satz zu Satz stilistische Veränderungen erkennen, die das Besondere der Concerti armonici ausmachen. Unico Wilhelm besaß offensichtlich einen ausgeprägten Sinn für Struktur und hatte vermutlich Jahre an diesen Konzerten gefeilt. Waren die Ensemblestücke für ihn selbst und den Geiger Ricciotti bestimmt? Es handelt sich bei den Werken um Konzerte für vier Violinen, und die Stimmen der ersten und der zweiten Violine übernehmen den Großteil der musikalischen Arbeit. Darüber hinaus zeichnen sich die Konzerte dadurch aus, dass neben den vier Violinstimmen unabhängige Stimmen für Viola, obligates Violoncello (track 3) und continuo existiren, so dass ein klangvoller bis zu siebenstimmiger Satz entsteht. Der Stil mischt häufig spätbarocke und galante Elementen (track $) mit Aspekten des Frühbarock im Stil einfacher Fugen. Das Manuskript weist zahlreiche Bemerkungen auf, die der Komponist für den eigenen Gebrauch machte. Zum dritten Satz des ersten Konzerts schreibt er: ‘Ce morceau est un peu trop long’ und nach dem letzten Satz des zweiten Konzerts: ‘L’allegro suivant est trop uniforme’. Diese Bemerkungen legen die Vermutung nahe, dass Unico Wilhelm van Wassenaer nicht nur ein Amateur-Musiker war, sondern ein ernst zu nehmender Komponist — ein Sachverhalt, den der Hörer beim Hören der CD selbst entdecken kann.

Kevin Mallon
Deutsche Fassung: Peter Noelke


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