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8.555476 - RUBINSTEIN, A.: Symphony No. 1 / Ivan the Terrible (Slovak State Philharmonic Orchestra, Kosice, Stankovsky)
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Anton Rubinstein (1829-1894)

Sinfonie Nr. 1 F-Dur, op. 40 • Iwan der Schreckliche, op. 79

Gustav Mahler bezeichnete sich als dreifach heimatlos: als Böhme in Österreich, als Österreicher unter Deutschen und als Jude auf der ganzen Welt. Immerhin bot die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts Juden gewisse Möglichkeiten der Assimilierung. Der aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie stammende Heinrich Heine nannte den Taufschein zynisch das „Entree-Billet zur europäischen Kultur". Zu den prominenten Familien, die diesen Weg wählten, gehörten die Mendelssohns in Deutschland und die Rubinsteins in Rußland. Dennoch machte sich Antisemitismus breit, wo immer jüdischer Wohlstand prosperierte. Auf dem europäischen Parkett litt Anton Rubinsteins Ansehen zweifellos unter seiner jüdischen Abstammung, während ihm die russischen Nationalisten gerade die kosmopolitische bzw. deutsche Ausrichtung seiner musikalischen Haltung zum Vorwurf machten.

Anton Rubinstein kam 1829 in Wychwatinez im russischen Gouvernement Podolien zur Welt. Einige Jahre später zog die Familie nach Moskau, und nach frühem Klavierunterricht bei seiner Mutter setzte Anton seine pianistische Ausbildung bei einem gewissen Villoing fort, der später auch der Lehrer seines Bruders Nikolaj werden sollte. Sein erstes öffentliches Konzert in Moskau gab er im Alter von zehn Jahren. Als Wunderkind bereiste er nun vier Jahre lang Europa: er kam nach Paris, Skandinavien, Österreich, Deutschland und nicht zuletzt nach London, wo er für Königin Victoria spielte. 1844 ließ sich die Familie in Berlin nieder, wo Anton Rubinstein bei Glinkas ehemaligem Lehrer, dem königlich preußischen Musikbibliothekar Siegfried Dehn, Unterricht in Harmonik und Kontrapunkt erhielt.

 

Als 1846 Vater Rubinstein starb, kehrte Anton nicht mit dem Rest der Familie nach Rußland zurück, sondern hielt sich in Wien und Preßburg (heute: Bratislava) auf. Seinen Lebensunterhalt verdiente er schlecht und recht durch Unterrichtsstunden, nachdem sich die vom sonst so großzügigen Liszt in Aussicht gestellte Unterstützung auf einen gnädigen Besuch des Meisters samt Schülerschar in Rubinsteins Dachstube beschränkte. Als Pianist galt Rubinstein bald als Rivale des ungarischen Tastenlöwen. Den jüngeren Kollegen bezeichnete Liszt als cleveren Burschen, der ihm als Komponist und Virtuose einigen Respekt abnötige, freilich aber vom Klassizismus Mendelssohnscher Prägung allzusehr beeinflußt sei. Als Rubinstein 1854 zur Uraufführung seiner Oper Sibirische Jäger nach Weimar kam, war Liszt weniger wohlmeinend und nannte ihn den „Pseudo-Musiker" der Zukunft.

Während eines seiner früheren Aufenthalte in Paris hatte Rubinstein die Bekanntschaft einiger Mitglieder der Zarenfamilie gemacht, die sein Schicksal entscheidend beeinflussen sollte. Als er im Winter 1848 nach Rußland zurückkehrte, fand er in der Großherzogin Elena Pawlowna - einer deutschen Prinzessin und Schwägerin des Zaren - eine großzügige Gönnerin. Mit ihrer Unterstützung gründete er in St. Petersburg 1859 die Russische Musikgesellschaft sowie drei Jahre später das Konservatorium. Sein Bruder Nikolaj, der mittlerweile ebenfalls eine pianistische Wunderkind-Karriere hinter sich hatte, sorgte für die Entstehung entsprechender Institutionen in Moskau. Tschaikowsky gehörte zu den ersten Schülern des Petersburger Konservatoriums und zu den ersten Lehrern des etwas bescheideneren Moskauer Schwesterunternehmens. Von Anfang an erregte das neue Konservatorium Feindseligkeit, besonders von seiten der national gesinnten Komponistengruppe des „Mächtigen Häufleins" unter Führung des exzentrischen Balakirew. Rubinstein hatte das Gefecht eröffnet, indem er die Idee einer nationalen Oper insgesamt als Sackgasse bezeichnete und zum Beweis Glinkas angeblich völlig verfehltes Werk anführte. Der Autodidakt Balakirew hielt eine systematische Musikausbildung deutscher Prägung geradezu für schädlich und erst die folgenden Generationen sollten Nutzen aus einer vernünftigen Synthese zwischen dem Primitivismus der Jungrussen und dem kosmopolitischen Akademismus der Konservatorien ziehen. Auch Rubinstein, der zunächst bei absoluter technischer Souveränität nur weniger offenkundige russische Tendenzen in seine Kompositionen einfließen ließ, hatte bis zu seinem Todesjahr 1894 viel mehr Verständnis für russischen Nationalismus in der Musik entwickelt, während die jüngere Generation die Notwendigkeit einer professionellen Musikausbildung einzusehen begann.

Rubinstein blieb Direktor des St. Petersburger Konservatoriums bis 1867, als er gleichzeitig die Leitung der Russischen Musikgesellschaft aufgab, die nun Balakirew übertragen wurde. Gegen Ende seiner glänzenden Karriere als einer der größten Pianisten seiner Zeit sowie als äußerst fähiger Dirigent übernahm er 1887 noch einmal die Leitung des Konservatoriums. Angesichts von Anton Rubinsteins äußerst umfangreichem kompositorischen Schaffen pflegte Nikolaj - wenn er nach eigenen schöpferischen Werken gefragt wurde - zu antworten, der große Bruder habe ja für beide genug geschrieben. Allerdings blieb es dem alten Rubinstein nicht erspart zu erleben, wie er den Respekt der jüngeren Generation verlor und sein Name sich geradezu in ein Synonym für „Kitsch" verwandelte - „c’est du Rubinstein" war ein modischer Ausdruck mit verächtlich-abwertender Note. Erst mit der nötigen historischen Distanz beginnen wir heute mit einer gerechteren Neubewertung seiner durchaus bemerkenswerten und wesentlichen Beiträge zur Oper, zu Orchester- und Kammermusik und nicht zuletzt zur Klaviermusik, die uns so lange einzig durch die notorisch bekannte Melodie F-Dur, op.3 in salonhafter Erinnerung war.

Seine Sinfonie Nr. 1 F-Dur, op. 40 schrieb Rubinstein als Kammervirtuose der Großherzogin Elena Pawlowna im Jahr 1850, einer Zeit intensiven Studiums in St. Petersburg. Russische Einflüsse, die sich in seinem späteren Werk relativ zaghaft zu Wort melden sollten, lehnte Rubinstein damals noch strikt ab. Die Sinfonie beginnt in einer zarten Mendelssohnschen Stimmung, die keineswegs den gedankenlosen Schnellschreiber verrät, den man später häufig in Rubinstein zu sehen glaubte. Möglicherweise befand sie sich unter den vierzig oder fünfzig Kompositionen, die er vier Jahre später in Weimar Liszt vorlegte. Liszt wird diese traditionell aufgebaute Sinfonie als späten Beitrag zu einer längst überholten Gattung bewertet haben, für Balakirew und seine Gruppe dürfte das Idiom derart klassischer Reinheit geradezu ein musikalisches Feindbild dargestellt haben. Die Sinfonie ist in der Tat reinster Mendelssohn. Sie entstand, als der frühe Tod dieses Komponisten erst drei Jahre zurücklag. Seine zauberhaften Scherzi sind es, aus denen sich die kontrastierende Stimmung des zweiten Satzes nährt, während der langsame Satz bisweilen an die Prozession der Pilger aus der Italienischen Sinfonie gemahnt. Fröhliches Themenmaterial mit gelegentlichen Anklängen an die Hebriden-Ouvertüre bildet den heiteren Ausklang einer Sinfonie, der man technische Meisterschaft und eine gute Portion jugendlichen Charmes nicht absprechen kann.

Das „musikalische Charakterbild" Iwan der Schreckliche op. 79 geht auf das literarische Werk Lew Alexandrowitsch Mejs zurück, das übrigens auch Nikolaj Rimskij-Korsakow zu vier seiner Opern sowie das „Mächtige Häuflein" und Tschaikowsky zu zahlreichen Liedern inspirierte. Rimskij-Korsakows erste Oper Das Mädchen von Pskow basiert auf dem gleichnamigen Drama von Mej. Die Hauptfigur ist Iwan der Schreckliche, dessen Angriff auf die Stadt Nowgorod dargestellt wird. Dabei kommen der Volksführer Tutscha und seine Geliebte Olga um, die sich am Schluß als uneheliches Kind des Zaren erweist. 1869 schrieb Rubinstein sein an Mej orientiertes Charakterbild des Zaren, das noch im selben Jahr von Tschaikowsky für zwei Klaviere arrangiert wurde. Fünf Jahre zuvor hatte Rubinstein Goethes grübelnden Helden Faust in Töne zu übertragen versucht, 1870 folgte sein musikalisches Porträt von Cervantes’ Don Quixote. Der einst so entschiedene Vertreter des Klassizismus machte nun offenbar doch Zugeständnisse an neudeutsche Tendenzen, indem er nach Lisztscher Manier außermusikalische Anregungen umsetzte. Liszt hatte Rubinstein. übrigens bereits 1856 die Partituren einiger seiner Sinfonischen Dichtungen zukommen lassen. Außerdem enthält Iwan der Schreckliche natürlich eindeutig russische Elemente, wenn auch nicht in der absichtlich ungeschliffenen Form der Jungrussen.

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Alexandra Maria Dielitz


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