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8.555590 - RUBINSTEIN, A.: Symphony No. 3 / Eroica Fantasia (Slovak Radio Symphony, Stankovsky)
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Anton Rubinstein (1829-1894)

Anton Rubinstein (1829-1894)

Sinfonie Nr. 3 A-Dur op. 56 • Eroica-Fantasie op. 110

Es war Gustav Mahler, der sich selbst als heimatlos in dreifacher Hinsicht bezeichnet hat: als Böhme in Österreich, als Österreicher unter Deutschen und als Jude in der ganzen Welt. Das 19. Jahrhundert bot den Juden zahlreiche Möglichkeiten der Assimilation in eine nichtjüdische Welt. Der jüdische Dichter Heine beschrieb die Taufe als eine Fahrkarte in die europäische Kultur, und es war ein Weg, den viele wählten wie z.B. die Familie Mendelssohn und in Russland die Rubinsteins. In dem Maße, in dem das jüdische Vermögen stieg, wuchs allerdings auch der Antisemitismus. Zweifellos hatte Rubinsteins Ansehen unter seiner religiösen Herkunft zu leiden, ebenso wie es bei den russischen Nationalisten aufgrund seiner ausgesprochen kosmopolitischen oder deutschen musikalischen Vorlieben litt.

Anton Rubinstein wurde 1829 in Wichwatinez im russischen Bezirk Polodien an der Grenze zu Moldavien geboren, zog aber schon nach einigen Jahren mit seiner Familie nach Moskau. Nach dem ersten Klavierunterricht, den er von seiner Mutter erhielt, wurde er ab 1837 von Alexander Villoing ausgebildet, der später auch seinen jüngeren Bruder Nikolai unterrichtete. Im Anschluss an sein erstes öffentliches Konzert, das er im Alter von zehn Jahren in Moskau gab, bereiste er vier Jahre lang als Wunderkind Europa. Seine Konzerte führten ihn nach Paris, Skandinavien, Österreich, Deutschland und nach London, wo er vor Queen Victoria auftrat. 1844 ließ sich die Familie in Berlin nieder, und Rubinstein erhielt Unterricht in Harmonielehre und Kontrapunkt von Glinkas ehemaligem Lehrer, dem königlich-preußischen Musikbibliothekar Siegfried Dehn.

Als 1846 sein Vater starb, kehrte die Familie zusammen mit seinem Bruder Nikolai nach Russland zurück, während er selbst weiter nach Wien und Pressburg (dem heutigen Bratislava) reiste. Nur mit Mühe konnte er seinen Lebensunterhalt verdienen, und zynisch berichtet er von der Unterstützung, die ihm der angeblich so großzügige Liszt zukommen ließ. Sie bestand darin, dass er ihn mit seiner ganzen Entourage von Schülern in seiner kleinen Dachkammer in Wien besuchte. Als Pianist stand Rubinstein in unmittelbarer Konkurrenz zu Liszt, und Liszt sprach von ihm mit widerwilligem Respekt als Komponist und Pianist. Er sei ein kluger Zeitgenosse, jedoch übermäßig vom Klassizismus Mendelssohns beeinflusst. Bei einem Besuch in Weimar 1854 anlässlich der Uraufführung seiner Oper Sibirskije ochotniki (Sibirische Jäger) beschrieb er ihn allerdings weniger schmeichelhaft als Pseudomusiker der Zukunft.

Rubinsteins Schicksal begann sich zu wandeln, nachdem er im Verlauf eines früheren Besuchs in Paris mit Mitgliedern der russischen Zarenfamilie zusammen getroffen war. Als er im Winter 1848 nach Russland zurückkehrte, erhielt er Hilfe von der Großfürstin Helena Pawlowna, einer deutschen Prinzessin und Schwägerin des Zaren. Mit ihrer tatkräftigen Unterstützung gründete er 1859 die Russische Musikgesellschaft und drei Jahre später das Kaiserliche Konservatorium in St. Petersburg, dessen Direktor er bis 1867 war, bis er seine Karriere als reisender Virtuose wieder aufnahm. Nach Jahren, in denen er allgemeines Ansehen als der führende Pianist seiner Zeit gewonnen hatte, kehrte er 1887 auf seine Position in St. Petersburg zurück. Er starb 1894 in Peterhof bei St. Petersburg.

Russland steht tief in Rubinsteins Schuld. Er legte nicht nur den Grundstein für das professionelle Konzertleben in St. Petersburg, sondern sorgte auch mit der Gründung des Petersburger Konservatoriums für die Förderung der professionellen Musikausbildung, auf die spätere Generationen aufbauen konnten. Die Nationalisten unter Balakirew waren ihm im allgemeinen jedoch eher feindlich gesonnen. Diese Antipathie beantwortete er in gleicher Münze mit dem voreiligen, jedoch nicht ganz unbegründeten Vorwurf des Dilettantismus. Rubinstein hingegen war fast zu professionell und zu kosmopolitisch für den Geschmack seiner Zeit. Als Komponist verfügte er über eine enorme Geschicklichkeit und technische Kompetenz. Ihm fehlen die schwankenden Qualitäten der Nationalisten, aber auch ihre stürmische Begeisterung für das reine, aber niemals ganz überzeugende russische Element. In dieser Situation scheinen seine Worte Mahler vorwegzunehmen: In Russland schien er ein Deutscher zu sein, in Deutschland ein Russe.

Rubinstein vollendete die dritte seiner sechs Sinfonien 1885. Sie ist instrumentiert für paarweise Flöten, Oboen, Klarinetten, Trompeten und Pauken, vier Hörner und Streicher. Sie beginnt mit der deutlichen Vorstellung des ersten Themas in den Streichern, auf die eine cis-Moll-Passage in den Holzbläsern antwortet. Das Thema wird entwickelt und leitet über zu einem lyrischeren zweiten Thema. Es folgt eine einfallsreiche zentrale Durchführung mit reizvollen Klarinetten- und Oboen-Soli und der häufigen Verwendung von Sequenzen, die aus dem ersten Thema abgeleitet sind. In der Reprise kehren die Originaltonart und das Hauptthema zurück, und die korrespondierende Holzbläserpassage erfährt nun eine optimistischere Wendung. Der zweite Satz in a-Moll, Adagio, beginnt mit pizzicati in den Streichern, zu denen die Klarinette eine russische Melodie beisteuert. Die Celli führen eine zweite, ausdrucksstarke Melodie ein. Das thematische Material wird entwickelt und erinnert, besonders in der einleitenden Klarinetten-Melodie, zuweilen an Tschaikowsky sowie, nicht zuletzt in der späteren Verarbeitung des zweiten Themas, auch an Rachmaninow. Ein Scherzo in F-Dur beginnt in den tiefen Streichern und wird dann mit einem heiteren Trio fortgesetzt. Das Material beider Abschnitte wird auch in der abschließenden Coda verwendet. Der letzte Satz beginnt emphatisch und fährt stellenweise in einem Stil fort, der die Zustimmung Mendelssohns gefunden hätte, obwohl ihm jene Ökonomie des Materials und die Leichtigkeit des Tons fehlt. Der Satz ist dennoch in einem soliden sinfonischen Stil ausgearbeitet und wird mit dem notwendigen Schwung beendet.

Die Dritte Sinfonie stand auf dem Programm eines Gedenkkonzerts zu Ehren Rubinsteins, das von Rimski-Korsakow dirigiert wurde. Während der Vorbereitung dieses Konzerts gab er eine typisch feindselige Beurteilung der Arbeit Rubinsteins: Wenn man ein Musikstück hört, und man kann nicht erraten, ob es sich um einen schlechten Beethoven oder einen schlecht instrumentierten Mendelssohn handelt, und wenn es einem gleichzeitig nicht völlig geschmacklos oder hässlich vorkommt, aber wenn es auf der anderen Seite auch nichts Kühnes hat, alles scheint richtig und nett — wenn auch hoffnungslos monoton, dann kann man ziemlich sicher sein, dass man eines der vielen Stücke dieser Art von Rubinstein hört. Bein Hören der Dritten Sinfonie hundert Jahre nach dem Tod des Komponisten ist es durchaus möglich, einiges Bewundernswertes zu entdecken. Vor allem besticht sie durch fehlerloses Handwerk, verbunden mit adäquaten wenn auch kontrollierten musikalischen Erfindungen.

Die Eroica-Fantasie entstand 1884 und verlangt ein Orchester, das neben der üblichen Besetzung von Streichern und Holzbläsern eine Piccoloflöte, zwei Kornette, drei Posaunen und Tuba sowie einen Schlagwerkapparat aus Tam-tam, Tamburin, Kleiner Trommel, Bass-Trommel, Becken und Pauken vorsieht. Die Fantasie beginnt mit einem klar umrissenen Thema in F-Dur, das entsprechend behandelt wird. Es folgt eine düsterere Violinmelodie in f-Moll über einem bewegten Kontrapunkt in den Violen. Das führt zu einer leichteren Episode in C-Dur, in der eine russische Melodie im Fagott vom Tamburin begleitet wird. Diese Melodie wird zunächst von der Klarinette, dann von der Oboe, der Flöte und dem Fagott aufgenommen, bis auch die übrigen Instrumente des Orchesters einsetzen. Die dunklere Episode kehrt zurück, doch diesmal wird die Cello-Melodie des Anfangs von einem Kontrapunkt in den Violen begleitet. Nachdem das Material des Anfangs nun in As-Dur zurückkehrt, folgt zunächst, angeführt von der Viola mit ihren begleitenden Figuren, die Wiederholung der zweiten Episode und dann eine Klarinetten-Melodie. Über den Klängen des Tamburins leiten die Streicher nun eine dritte Episode in Gis-Dur mit einem Volkstanz ein. Angeführt von der Oboe kehrt die Melodie der zweiten Episode mit einer Begleitung in den Celli zurück. Dann erscheinen, zunächst in fragmentarischer Form, Elemente aller drei Themen. Eine heroische Triumph-Hymne wird zunächst in den Streichern angekündigt und dann in einem grandiosen Stil vom ganzen Orchester aufgegriffen. Nach einer Pause und dem Echo des Tam-tams folgt eine kurze Einleitung, eine Referenz in den Holzbläsern an die zweite Melodie und dann ein feierlicher Marsch. Mit diesem Marsch erhält die Fantasie einen verklingenden Schluss, in dem der Triumph des Beginns angesichts eines dunklen Totenmarschs in Vergessenheit gerät.

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Peter Noelke


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