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8.555691 - BUSONI, F.: Cello and Piano Works (Complete) (Duo Pepicelli)
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Ferruccio Benvenuto Busoni (1866-1924) • Ottorino Respighi (1879-1936)

Ferruccio Benvenuto Busoni (1866-1924) • Ottorino Respighi (1879-1936)

Werke für Violoncello und Klavier

 

Was haben Ottorino Respighi und Ferruccio Busoni gemeinsam außer der Tatsache, dass beide italienische Komponisten waren, die im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert lebten? Auf den ersten Blick sollte man meinen, dass es zwischen ihnen mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten gibt; bei genauerem Hinsehen jedoch offenbaren sich Berührungspunkte, die eine Kopplung ihrer Werke für Violoncello und Klavier in dieser Einspielung rechtfertigen. Ein flüchtiger Blick auf ihre jeweilige Biografie zeigt, dass sowohl Respighi als auch Busoni eine internationale musikalische Ausbildung genossen, die ihre Karriere entscheidend prägte. Respighi studierte in Bologna bei Martucci, aber auch in St. Petersburg bei Rimski-Korsakow und in Berlin bei Bruch; Busoni, von deutsch-italienischer Abstammung, absolvierte ein reguläres Studium in Graz, erhielt jedoch Ratschläge von Boito in Bologna, von Rubinstein und Brahms in Wien, von Reinecke in Leipzig und von anderen renommierten Komponisten, die ihn auf seiner Wunderkindtournee durch Europa hörten.

 

Sowohl Respighi als auch Busoni kämpften für eine Wiederbelebung alter italienischer Musik und für die Gründung einer nationalen Schule. Was Respighi betrifft, so ist seine Begeisterung für das glorreiche italienische sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert bekannt; sie wurde von anderen Komponisten der so genannten ‚Achtziger-Generation’ wie Pizzetti, Malipiero und Casella geteilt. Weniger bekannt ist Busonis Leidenschaft für die frühe italienische Polyphonie: In seiner Korrespondenz tauchen jedoch häufig Namen wie Scarlatti, Marcello und Jomelli auf, für deren Werke er sich zwecks Veröffentlichung einsetzte. Beide Komponisten pflegten auch die musikalische Praxis der Transkription: Zu Respighis Oeuvre zählt eine bemerkenswerte Anzahl von u.a. Tartini-, Monteverdi- und Vivaldi-Bearbeitungen. Für Busoni wurden Transkriptionen gewissermaßen zur zweiten Natur; er bearbeitete nicht nur Werke von Bach, sondern auch von Mozart, Beethoven, Brahms, Liszt und Wagner. Darüber hinaus transkribierte er auch eigene Werke, die oft in verschiedenen Fassungen vorliegen.

 

Natürlich bestehen zwischen beiden Komponisten auch fundamentale ästhetische Unterschiede. Die Musiksprache Respighis bewegt sich innerhalb des tonalen Systems und zeigt eine starke Tendenz zur Wiederbelebung alter Kirchentonarten. In instrumentaler Hinsicht ist er Rimski-Korsakow verpflichtet, aber auch Debussy und Richard Strauss. Busonis Reifestil überschreitet hingegen die Grenzen der Tonalität; er bewegt sich zunächst auf den Pfaden von Schönbergs Atonalität, bevor er im ‘neuen Klassizismus’, wie er ihn selbst nannte, in seinen letzten Schaffensjahren eine Sublimierung seines Stils erreichte. Busonis Behandlung des Orchesters ist zweifellos weniger attraktiv als Respighis: hier lässt sich ein deutscher Einfluss ausmachen, den er jedoch auf eine ganz persönliche Art und Weise umsetzte. Bei den hier vorgestellten Stücken handelt es sich mit Ausnahme der Busoni-Transkriptionen um frühe Werke der beiden Komponisten, was einen direkten Vergleich ermöglicht.

 

Den Anfang macht Respighis Adagio con variazioni (1903-1910), ein Stück, das der Komponist in sehr jungem Alter schrieb und dann für Violoncello und Orchester transkribierte. Das Adagio-Thema stammt von Antonio Certani, einem befreundeten Cellisten aus Bologna, dem die Komposition auch gewidmet ist. Formstruktur und Behandlung des Streichinstruments lassen Bruchs Kol Nidrei als mögliches Vorbild vermuten. Gleichzeitig nimmt Respighis Werk bereits gewisse Stimmungen von Blochs Schelomo voraus. Dies bedeutet natürlich nicht, dass sich das verwendete Themenmaterial aus traditionellen nationalen Quellen speist, sondern dass das verbindende Element der drei Stücke eher das eines gesanglichen Themas in traditionellem Muster ist. Interessant wäre eine Untersuchung, inwieweit diese gesangliche instrumentale Qualität mit Respighis Transkriptionen von Werken früher italienischer Komponisten zusammenhängt, von denen er vor diesem Adagio bereits eine beträchtliche Anzahl angefertigt hatte.

 

Während es rein hypothetisch ist, dass dieses Adagio con variazioni in irgendeiner Weise anderen Komponisten verpflichtet ist, deren Werke Respighi transkribierte, so stellt Bach-Busonis Chromatische Fantasie und Fuge eine veritable Transkription dar. Es handelt sich hier gewissermaßen um eine Zweiteilung: die Übertragung eines für Tasteninstrument geschriebenen Werks auf zwei Instrumente. Ohne in Details zu gehen, ist es erstaunlich, wie Busoni in der Chromatischen Fantasie trotz der Skalenläufe und Rezitative für die beiden Instrumente den Eindruck einer großen Soloimprovisation wahrt. In der Fuge ist die Arbeitsteilung leichter: Busoni nimmt eine der drei Stimmen, die Bach dem Tasteninstrument anvertraut hat, und passt sie dem Streichinstrument an.

 

Die Kleine Suite op. 3 (1885-86) ist keine Transkription, sondern – wie die meisten Kompositionen Busonis aus seinen zwanziger Jahren – eine Hommage an den Geist Johann Sebastian Bachs. Eigentlich handelt es sich um eine idealisierte Rekonstruktion einer Bachschen Suite mit einigen Konzessionen an das Instrumentalidiom der Spätromantik. Das Stück beginnt Moderato ma energico im Stil einer Corrente mit einem relativ komplexen kontrapunktischen Dialog der beiden Instrumente; es folgt ein Andantino con grazia, das an die Stelle einer Aria tritt. Das folgende Mäßig, doch frisch erinnert an Sätze aus Bachs Partiten mit Titeln wie Capriccio, Scherzo oder Rondo, während das Sostenuto ed espressivo im Grunde eine Sarabande ist. Das abschließende Moderato ma con brio entfernt sich ein wenig vom Modell und erinnert in seiner Schreibweise an Schumann.

 

Die einige Jahre früher datierte Serenata op. 34 (1883) ist tatsächlich eine Transkription des Finalsatzes der Suite op. 10 (1878) für Klarinette. Ein Vergleich der Erst- und Zweitfassung erhellt die zunehmende Reife des jungen Komponisten zwischen seinem zwölften und siebzehnten Lebensjahr, obwohl Busoni die Klarinette, auf der sein Vater ein anerkannter Virtuose war, besser kannte als das Violoncello. Die Schreibweise für das Cello ist zwar vorsichtiger, aber in der Harmonie und der thematischen Entwicklung auch wesentlich freier und persönlicher. Die dreiteilige Form ist souverän behandelt, wobei die Rückkehr des zentralen Elements in der Coda dem gesamten Stück seine Einheit verleiht.

 

Fünf Jahre später schrieb Busoni mit Kultaselle, zehn kurzen Variationen über ein finnisches Volkslied, wieder ein Werk für Violoncello. In seinem Klavierduo Finnländische Volksweisen op. 27 hatte sich Busoni bereits finnischer Volksmusik bedient; Kultaselle ist sowohl harmonisch als auch in seinem konzertanten Stil weiter entwickelt. Busoni, der seinen eigenen Jugendkompositionen meist kritisch gegenüberstand, behielt dieses Stück in seinem Repertoire und trug sich in seinen letzten Lebensjahren sogar mit der Idee einer Neufassung. Vermutlich schätzte er diese Variationen, weil sie ihn an seine Zeit in Helsinki erinnerten, wo er seine spätere Frau kennen lernte; vielleicht betrachtete er sie – neben den Transkriptionen – auch als seinen besten Beitrag zum Cellorepertoire.

 

Die vorliegende Einspielung endet mit einer weiteren Transkription, und zwar eines späten Liszt-Werks, der Valse oubliée, von der Busoni eine Bearbeitung für Violoncello und Klavier anfertigte, übrigens im selben Jahr wie die Bearbeitung der Chromatischen Fantasie und Fuge. Auch hier überrascht das Ergebnis in der Modifikation des Timbres der Lisztschen Akkorde, wodurch das ganze Stück in eine Atmosphäre getaucht wird, die bereits den frühen Bartók vorwegzunehmen scheint. Inbesondere die Pizzicato-Dreifachgriffe im Violoncello sowie die Ausnutzung des oberen Registers am Schluss rücken die bereist bei Liszt neuartige Harmonik vollends ins zwanzigste Jahrhundert, zu dessen großen Propheten Busoni gehörte.

 

Marco Vincenzi

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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