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8.555711 - SCHUMANN, R.: Album fur die Jugend (Gulda)
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Robert Schumann ist in vielerlei Hinsicht typisch für die Zeit, in der er gelebt hat. In seiner Musik verschmolz er die wichtigsten Wesensmerkmale der Romantik, gleiches trifft auch auf sein Leben zu. Schumann wurde im Jahre 1810 in Zwickau geboren. Sein Vater war Buchhändler, Verleger und Schriftsteller. Schumann begann sich frühzeitig für die Literatur zu interessieren, in späteren Jahren sollte er sich selbst einen Namen als Schriftsteller und als Herausgeber der Neuen Zeitschrift für Musik machen, die er 1834 gründete. Sein Vater unterstützte seine literarischen und musikalischen Interessen, er dachte sogar daran, seinen Sohn bei Carl Maria von Weber studieren zu lassen. Der Tod des letzteren machte diese Pläne zunichte, auch Schumanns Vater starb kurz darauf.

So begann Schumanns Laufbahn eher konventionell. Auf Wunsch der Mutter, die nun sein Vormund war, schrieb er sich 1828 an der Leipziger Universität ein, ein Jahr später wechselte er nach Heidelberg. Seinem Jurastudium schenkte er allerdings wenig Aufmerksamkeit. Letztendlich konnte er seine Mutter zum Einlenken bewegen, sie gab ihr Einverständnis zu seinem Musikstudium bei Friedrich Wieck. Wieck war vor allem als Lehrer seiner hoch begabten Tochter Clara bekannt geworden, die, zu dieser Zeit kaum zehn Jahre alt, bereits als Pianistin von sich reden machte. Schumanns Traum von einer Pianistenkarriere zerbrach jedoch an einer Schwäche in seinen Fingern (was auch immer die wahre Ursache dafür war), bei seinen anderweitigen musikalischen Studien war er weniger ausdauernd. Dennoch komponierte er in den Jahren nach 1830 eine ganze Reihe von Klavierwerken, meist in Form von kürzeren, literarisch oder autobiographisch inspirierten Charakterstücken. Schumann war kurzzeitig mit einer Schülerin Wiecks verlobt, bevor er 1835 seine Liebe zu der neun Jahre jüngeren Clara Wieck entdeckte. Friedrich Wieck hatte guten Grund, sich dieser Verbindung zu widersetzen. Seine Tochter hatte eine vielversprechende Zukunft als Konzertpianistin vor sich, Schumann wirkte charakterlich labil, so begabt er auch als Komponist sein mochte. Wieck ging bis zum äußersten, um die in seinen Augen katastrophale Heirat zu verhindern - er strengte ein Gerichtsverfahren an, das er allerdings verlor.

Robert und Clara konnten schließlich im September 1840 heiraten. Sie blieben zunächst in Leipzig, Clara reiste von hier aus zu ihren Konzertauftritten. Schumann, der seine Frau des öfteren begleitete, wurde weniger beachtet. Im Jahre 1844 gingen sie nach Dresden, wo sich Schumanns depressive Zustände, an denen er besonders in den ersten Tagen seiner Ehe litt, zu bessern schienen. Eine feste Anstellung bot sich in Dresden allerdings auch nicht. Erst im Jahre 1849 erhielt er ein Angebot, diesmal aus Düsseldorf; 1850 trat er die Stelle des Städtischen Musikdirektors an.

Zur Düsseldorfer Obrigkeit hatte schon Mendelssohn ein sehr gespanntes Verhältnis gehabt. Schumann, der weder ein charismatischer Dirigent noch ein guter Organisator war, war noch weniger in der Lage, mit den Problemen und Widerständen fertig zu werden. Die ständige Anspannung, der Druck, der auf ihm lastete, führte 1853 zu einem Nervenzusammenbruch. Er verbrachte seine letzten Jahre in einer Nervenheilanstalt in Endenich, wo er 1856 starb.

Den frühen Klavierstücken Schumanns folgte im Jahr 1840 Lied auf Lied, etwa 150 entstanden allein in diesem Zeitraum, trotz der enormen seelischen Belastungen durch Wiecks Gerichtsprozeß. In der Folgezeit begann sich Schumann, ermutigt durch seine Frau, mit größeren musikalischen Formen, Orchesterwerken und Opern zu beschäftigen. Daneben entstanden weiterhin Lieder und Klavierstücke, die beiden Formen, in denen er sich besonders auszeichnete. Seine letzten bedeutenden Lieder und Klavierstücke entstanden im Jahre 1853.

Ein Jahr nach ihrer Heirat brachte Clara Schumann ihr erstes Kind, Marie, zur Welt. Eine zweite Tochter, die auf den Namen Elise getauft wurde, folgte 1843, und eine dritte, Julie, im März 1845, nachdem die Familie nach Dresden gezogen war. Emil, geboren 1845, wurde nur etwas über ein Jahr alt. Ludwig wurde 1848 geboren, Eugenie und Felix nach dem letzten Umzug nach Düsseldorf. Ein familiärer Anlaß war es auch, dem das Album für die Jugend seine Entstehung verdankt. Im August 1848, Schumann hatte seine Oper Genoveva bereits vollendet und arbeitete an seiner Musik zu Byrons Manfred, komponierte er acht kleine Klavierstücke als Geburtstagsgeschenk für seine älteste Tochter Marie. Schumann befand sich, wie er selbst sagte, in „so guter musikalischer Laune", daß er Stück um Stück hinzukomponierte, das Album nahm schnell Gestalt an. Er konnte seinen Verleger davon überzeugen, „daß er übrigens kein schlechtes Geschäft damit macht", das Album erschien zunächst mit vierzig Klavierstücken, in einer zweiten Auflage mit den endgültigen 43 Stücken und mit Schumanns Musikalischen Haus- und Lebensregeln als Anhang. Dem Album für die Jugend ließ Schumann weitere pädagogisch orientierte Sammlungen folgen, das Liederalbum für die Jugend op.79, Drei Clavier-Sonaten für die Jugend op.118 und Kinderball op.130 für Klavier zu vier Händen.

Wie der Titel schon sagt, entstand das vorliegende Album für die Jugend, und unterscheidet sich darin von den berühmten Kinderszenen aus dem Jahr 1838, in denen Schumann aus der Sicht eines Erwachsenen auf die Welt der Kinder blickt. Mit seinem Jugendalbum hat Schumann ein Werk geschaffen, das Schlichtheit und Anspruch auf unvergleichliche Weise miteinander verbindet, und das bis in unsere Zeit die kindliche Phantasie anzuregen vermag. Zu den populärsten Stücken gehören wohl der Soldatenmarsch, Fröhlicher Landmann, Wilder Reiter und Knecht Ruprecht. Die drei Stücke, die keine Überschrift tragen, sondern mit drei Sternen versehen sind, enthalten Reminiszenzen an andere Werke, die für den Komponisten von persönlicher Bedeutung waren. Zur 2. Abteilung. Für Erwachsenere gehören 25 Stücke mit steigendem Schwierigkeitsgrad, darunter eine Erinnerung an den 4. November 1847, den Tag, an dem Mendelssohn starb. Das Nordische Lied ist ein musikalischer Gruß an Niels W. Gade, den Nachfolger Mendelssohns als Gewandhauskapellmeister in Leipzig. Aus Gades Nachnamen bildet Schumann die ersten vier Noten des Themas. Zu den anspruchsvolleren Stücken am Schluß gehören die Kleine Fuge und der Figurierte Choral, die Sammlung endet treffenderweise mit dem Sylvesterlied, einem optimistischen Blick auf das neue Jahr - das Jahr 1849, das eine besonders fruchtbare Periode im kompositorischen Schaffen Schumanns einleitete; eine Periode, die allerdings bald in einer Tragödie enden sollte.

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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