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8.555718 - BARRIOS MANGORE: Guitar Music, Vol. 2
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Agustín Barrios (1885-1944)

Agustín Barrios (1885-1944)

Gitarrenmusik, Folge 2

Agustín Pío Barrios Mangoré wurde am 5. Mai 1885 im südlichen Paraguay geboren; er starb am 7. August 1944 in San Salvador, der Hauptstadt von El Salvador. Barrios gilt heute in weiten Kreisen als der bedeutendste aller Gitarrenkomponisten, dabei wurden seine Werke nach seinem Tod fast drei Jahrzehnte lang nicht beachtet. Erst Mitte der 1970er Jahre erschienen sie in umfassenden Ausgaben, so dass sie der jungen Gitarristengeneration endlich zum Studium und zur Aufführung zugänglich waren und eine unmittelbare Bereicherung des traditionellen Repertoires darstellten. Den Anstoß lieferte 1977 eine Aufnahme des Gitarristen John Williams, die ganz im Zeichen dieses Komponisten stand und die Barrios die längst überfällige Anerkennung verschaffte. Heute gehört Barrios’ Musik zum Repertoire der führenden Gitarristen und wird vom Publikum in aller Welt geschätzt.

Barrios hat weder ein klassisches Musikstudium absolviert, noch seine allgemeine Schulausbildung vollendet. Von Anfang an bestritt er seinen Lebensunterhalt mit dem Gitarrenspiel und der Komposition von Werken für sein Instrument. Er führte ein Leben als Wandermusiker und ließ sich in keinem Land permanent nieder. Längere Perioden verbrachte er jedoch in Brasilien (1915-1919), Uruguay (1912-1915; 1919-1927) und in El Salvador (1939-1944). In keinem dieser Länder gründete er ein Konservatorium; auch kümmerte er sich nicht um eine systematische Veröffentlichung seiner Werke. Nur einmal verließ er Lateinamerika, als er 1934 Europa bereiste, wo er fünfzehn Monate blieb. Sein lebenslanger Traum einer Reise in die Vereinigten Staaten sollte sich nicht verwirklichen.

Invocación a Mi Madre ist der Mutter des Komponisten, Doña Martina Ferreira de Barrios, gewidmet. Die hier eingespielte Fassung stammt von einer privaten 78UpM-Aufnahme, die am 19. April in Buenos Aires entstand. Das Stück ist der sentimentale, zarte Ausdruck der Liebe für seine Mutter, der Form nach ein Thema mit Variationen im Stil einer Fantasie. In diesem Werk durchläuft Barrios verschiedene Tonartenzentren und demonstriert damit seine Meisterschaft in harmonischer Modulation.

Eines seiner am häufigsten aufgeführten Werke,

La Catedral, entstand 1921 in Montevideo als zweisätzige Komposition, bestehend aus einem Andante und einem Allegro. Barrios spielte das Stück am 1. August 1928 auf Schallplatte ein. Viele Jahre später erweiterte er das Stück um das erlesene Preludio und schuf damit ein vollständiges Werk, das zu seinen schönsten Kompositionen gehört. Als ausübender Künstler führte er La Catedral während seiner gesamten Karriere vielleicht häufiger als andere seiner Werke auf — ein Zeichen seiner Wertschätzung für gerade dieses Stück. Die Kompositionsidee soll ihm während eines Hotelaufenhalts in Montevideo gekommen sein, als er von seinem Zimmer aus während des Übens den ganzen Tag das Glockengeläut der nahe gelegenen Kathedrale San José hörte. Das Läuten der Glocken fing er im Eröffnungsthema des Andante religioso ein; hier betritt der Komponist die Kathedrale, wo er den Organisten Musik von Johann Sebastian Bach spielen hört, was sich in den breiten, horizontalen Akkorden dieses Satzes niederschlägt. Danach verlässt er die Kirche und kehrt in die reale Welt der Strasse mit dem hektischen Treiben der Menschen und dem Verkehrslärm zurück, ausgedrückt in den energischen 16tel-Arpeggiofigurationen des Allegro solemne, wobei die Repetition einer einzelnen Note das ständige Läuten der Kirchenglocke darstellt. Das Preludio — mit dem Untertitel Saudade (Nostalgie) schrieb Barrios 1938 in Havanna in einer Zeit, als Eheprobleme und Geldmangel sich auf seinen Gesundheitszustand auszuwirken begannen. Im Preludio schüttet er sein Herz aus und sehnt sich nach den Freuden und der Geborgenheit früherer Zeiten. Barrios spielte

La Catedral einschließlich des Preludio erstmals am

25. Juli 1938 in San Salvador.

Confesión, auch bekannt unter dem Titel Confesión de Amor (Liebesbeichte) ist ein Beispiel für das Genre der romanza — ein langsames, melodischens Stück im Zweitertakt, das ein romantisches Gefühl zum Ausdruck bringt. Barrios schrieb das Stück im Jahr 1923 und nahm es am 21. Juni 1928 auf. Hier erscheint die Melodie im Bassregister, während die harmonische Begleitung in die Oberstimmen verlegt ist. Um diese Struktur herauszuarbeiten, bedarf es einer absoluten Vertrautheit mit den Möglichkeiten des Instruments. Zusammen mit seiner Romanza en Imitación al Violoncello ist diese Romanze ein Beispiel für virtuose Meisterschaft.

Canción de la Hilandera (Lied der Spinnerin), komponiert 1933 in Mexiko, bedient sich der Tremolotechnik der Gitarre. Barrios soll das Stück geschrieben haben, nachdem er in Puebla eine Spinnerin bei der Arbeit gesehen hatte. Die faszinierenden, sich ständig wiederholenden Bewegungen inspirierten ihn dazu, diesen Eindruck musikalisch festzuhalten.

Oración (Plegaria) (Gebet — Inständige Bitte), ein Dankgebet an Gott, ist ein Beispiel für das Element des romantischen Mystizismus in Barrios’ Musik. Eher humanistischen Überzeugungen als dem strengen Katholizismus zugetan, erklärte Barrios seinen Glauben an die Unveränderlichkeit der Naturgesetze und fügte hinzu, dass Güte und Menschlichkeit das ethische Ziel aller Existenz sei.

Madrecita (Mütterchen), geschrieben in den 1920er Jaharen, ist ein fröhliches, melodisches Stück, das er der Frau seines großen Freundes Luis Pasquet aus Salata in Uruguay widmete.

La Samaritana (Die Samariterin) wird erstmals in einem Programm erwähnt, das am 17. September 1922 in Paraguays Hauptstadt Asunción aufgeführt wurde. Hier liegt die Melodie im Bass- und Mittelregister der Gitarre. Barrios spielte dieses Stück während der 1920er Jahre in seinen Konzerten und hat es vermutlich in Paraguay komponiert, inspiriert von einem Mädchen, das er in einem der vielen kleinen ländlichen Orte, die er während seiner häufigen Konzertreisen durch Südamerika besuchte, kennen gelernt hatte.

El Sueño de la Muñequita (Die schlafende Puppe) soll in den 1920er Jahren in Uruguay entstanden sein. Man sagt, dass Barrios, als er einem seiner Bewunderer einen Besuch abstattete, ein Paar neue Schuhe trug, die beim Laufen quietschten. Als er das Haus betrat, rief die kleine Tochter, die gerade ihre Puppe in Schlaf sang: „Señor, von deinen Schuhen wacht meine Puppe auf!" Er beruhigte das Mädchen: „Ich werde dir sanfte Musik vorspielen, damit deine Puppe schlafen kann." Das Ergebis ist ein zartes, bezauberndes Stück, dessen Melodie im zweiten Abschnitt in Flageolett-Technik gespielt wird.

Contemplación (Betrachtung) entstand 1922 und wurde 1928 von Barrios eingespielt. Es ist das zweite einer Gruppe von vier Werken, in denen der Komponist die Tremolotechnik einsetzt, Un Sueño en la Floresta (1918, Brasilien), Canción de la Hilandera (1933, Mexiko) und Una Limosna por el Amor de Dios (1944, El Salvador). In all diesen Stücken entwickelt Barrios die von den Gitarrenmeistern des 19. Jahrhunderts, z.B. Tárrega in seinem Recuerdo de la Alhambra, verwendete Technik weiter. Bei Barrios bewegt sich

die Melodielinie im Diskant unabhängig von den

anderen Stimmen und ist nicht auf die genormten Akkordpositionen beschränkt, die so charakteristisch für sowohl klassische Tremolowerke als auch die

der Flamenco-Musik sind. Diese unabhängige Stimmführung erfordert große harmonische Fähigkeiten und weite Griffe der linken Hand.

Barrios war ein großer Bewunderer Beethovens; bereits am Anfang seiner Karriere transkribierte er das bekannte D-Dur-Menuett, das er regelmäßig in seinen Konzerten spielte. Ebenso spielte er Menuette von Fernando Sor. Diese Affinität mit den Meistern des 19. Jahrhunderts inspirierte ihn zweifellos zu seinen sechs Menuetten, von denen vier hier eingespielt sind.

Das Menuett H-Dur, 1928 in Argentinien entstanden, ist sein komplexestes in diesem Genre. Das Menuett E-Dur wurde wahrscheinlich während seiner letzten Lebensjahre in El Salvador komponiert (1940-44). Das Menuett A-Dur schrieb Barrios im argentinischen Rosario und spielte es 1924 ein. Für den Gitarristen ist das Menuett C-Dur vielleicht das einfachste; es entstand in El Salvador zu Unterrichtszwecken.

Divagación en imitación al violín (Improvisation in Violinimitation) ist ein früher Versuch, ein Stück in strenger klassischer Form zu schreiben. Barrios spielte es 1914 ein. Bis dahin bestand sein Repertoire hauptsächlich aus populären Liedern, Tangos, Märschen, Volksliedern und Walzern. Zu dieser Zeit spielte er auch ein Werk des spanischen Gitarristen Carlos García Tolsa (1858-1908) ein, Divagación Chopiniana (Improvisation im Stil Chopins), das ihm als Inspiration gedient haben könnte.

1917 begann Barrios die Musik des großen spanischen Gitarristen und Komponisten Francisco Tárrega (1852-1909) für sich zu entdecken. „Ohne Tárrega gäbe es uns nicht", erklärte er in Anerkennung des bewunderten Vorbilds. Er spielte Tárregas Musik regelmäßig in seinen Konzerten und spielte dessen Capricho Arabe gleich zwei Mal ein. 1939 komponierte Barrios in Guatemala eine Reihe von sechs Variationen über das populäre Lágrima aus Tárregas Studentenzeit und machte es zu einem virtuosen Schaustück für Arpeggien, Appoggiaturen, Tremoli, Flageoletts und andere Techniken. Variations on a Theme of Tárrega ist eine von Barrios’ reifsten Kompositionen, die seine lebenslange Begeisterung für sein Instrument und dessen vollendete Beherrschung widerspiegelt.

Rico Stover

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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