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8.555778 - DUBUGNON: Piano Quartet / Incantatio / Frenglish Suite
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Richard Dubugnon (geb. 1968)
Kammermusik

 

Das Klavierquartett (1998) ist ein substantielles Werk, eine Hommage an Gabriel Fauré. Der Auftrag kam von Chris Tinker von der Whitgift School, dem ich zu besonderem Dank verpflichtet bin. Der erste Satz ist eine ausgedehnte Sonatensatzform, die mit einer Introduktion beginnt, welche allmählich zum ersten, Allegro risoluto überschriebenen Thema führt, das von Faurés Quartett c-Moll inspiriert ist. Nach einem langen Durchführungsabschnitt erscheint im 12/8-Takt das zweite Thema. Eine zweite Durchführung leitet zur Reprise über, die später mit dem zweiten Thema kulminiert. Der Satz endet ruhig mit Reminiszenzen der Introduktion. Der zweite Satz besteht aus zwei Teilen, einem hektischen Presto und einem klagenden Adagio, die beide mehrmals miteinander alternieren. Das rhythmische Muster des Beginns geht auf das furchtbare Geräusch zurück, das der Stromzähler im Haus meiner Großmutter machte und das ich als Kind jeden Morgen hörte.

Die Incantatio für Violoncello und Klavier war ursprünglich als Geisterbeschwörung konzipiert. Das Stück ist von den späten Werken Skrjabins beeinflusst, die ja ebenfalls von einer Art Pseudomystizismus geprägt sind. Die Ausführenden sollten Gewänder tragen, Kerzen entzünden und rituelle Handlungen vornehmen. Später entschied ich mich, diese theatralischen Effekte beiseite zu lassen, die die Aufführung dieses ohnehin bereits anspruchsvollen Werks nur noch erschwert hätten; vor allem aber deshalb, weil mir die Musik stark genug erschien, um auf eigenen Beinen zu stehen. Evocatio ist ein langsamer, expressiver Satz, der die Beschwörung des Geists und dessen erste Erscheinung darstellt. Apparitio beschreibt die Erscheinung eines Ektoplasmas. Es folgt eine lange Cellokadenz, in der der Spieler mit dem Geist kommuniziert. In Saltatio (von lat. Tanz) vereinigen sich schließlich Musiker und Geist zu einem teuflischen Tanz. Dieser letzte Satz entstand im Jahr 2000 eigens für Matthew Sharp und Dominic Harlan.

Trois évocations finlandaises schrieb ich nach der Rückkehr von einer Finnlandreise. Ich wollte die erste Komposition für mein eigenes Instrument den Wäldern und Seen dieses wundervollen Landes widmen. Menuet Carélien (Karelisches Menuett) ist ein schneller, feuriger Satz. Die Melodie des Trios wurde von einer karelischen Volksweise inspiriert. Hämärä (Dämmerung) ist ein langsames, geheimnisvolles Stück, das den Untertitel le coucou chante dans le crépuscule (der Kuckuck singt in der Dämmerung) trägt. Dithyrambe ist ein fröhlicher und virtuoser Tanz in A-B-A-Form mit einem Walzer als Mittelteil. Die Uraufführung habe ich 1992 in Paris selbst gespielt und das Stück seitdem regelmäßig aufgeführt.

Die Five Masques für Solo-Oboe entstanden 1994-95 für Anne-Catherine Bitsch, die ich während meines Studiums am Pariser Conservatoire kennen lernte. Sie besaß eine Sammlung von kleinen Masken, und ich beschloss, jede dieser fünf Masken musikalisch zu beschreiben. Anne-Catherine spielte die Uraufführung im Jahr 1995 in einer Live-Sendung des Schweizer Rundfunks. Faune Florentin ist ein lächelnder Faun aus Florenz; Masque de Pompei ist eine geheimnisvolle, bärtige Maske, die in der Asche der römischen Stadt gefunden wurde; Arlequin, parce qu’il est triste (weil er traurig ist) ist eine venezianische Maske eines einsamen Harlekins; Démons Indiens stellt drei verschiedene Dämonen dar: einen aus Indien, einen aus Tibet (in der Mitte des Stücks zitiere ich ein originales tibetisches Thema) und eine amerikanisch-indianische Maske des Irokesen-Stammes; die Masque Etrusque schließlich ist eine etruskische Trauermaske, von der ein merkwürdiger Zauber ausgeht.

Die relativ kurzen Canonic Verses für Oboe, Oboe d’amore und Englischhorn stellen ein Suite dar, die aus jeweils einem, zwei und drei Kanons von unterschiedlicher Komplexität besteht, die durch kleine Strophen voneinander getrennt sind. Der Erste Vers ist ein regulärer Kanon, in dem die einzelnen Stimmen jeweils im Abstand eines Terzintervalls spielen; es folgt eine Strophe in Imitation. Der Zweite Vers besteht aus zwei Kanons, in denen die drei Instrumente in verschiedenen Tempi regulär und in Umkehrung spielen. Nach einer kurzen Strophe und einer Mini-Kadenz für die Oboe ist der Dritte Vers eine Gruppe von drei kleinen expressiven Kanons, die streng dasselbe Thema in Umkehrung, Krebsgang und Diminution spielen.

Frenglish Suite für Bläserquintett ist ein Auftragswerk für die Woolwich Company zur Feier ihres 150. Jubiläums; es wurde 1997 an der Londoner Royal Academy of Music uraufgeführt. Frenglish ist eine Abwandlung der Bezeichnung Franglais [zusammengesetzt aus français und anglais]. In diesem Stück wollte ich Einflüsse von englischen und französischen Komponisten miteinander verschmelzen. Das thematische Hauptmaterial der Suite basiert auf dem englischen Volkslied Geordie. Nach einer kurzen Ouvertüre erklingt das Lied in vollständiger Länge in Oboe und Fagott mit einfacher Begleitung. Es folgt eine Reihe von fünf kontrastierenden Variationen. Das französische Volkslied À la claire fontaine erscheint in Variation III und in Funèbre Lullaby. Diese beiden Melodien habe ich in Fermeture in einer kontrapunktischen, klimaktischen Explosion zusammengeführt. Das Ergebnis ist ein fröhliches, farbiges Stück — für die Musiker allerdings eine wahre Tour de force.

Richard Dubugnon
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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