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8.555781 - SHOSTAKOVICH: Piano Sonata No. 1 / 24 Preludes, Op. 34
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Dmitri Schostakowitsch (1906-1975)

Dmitri Schostakowitsch (1906-1975)

24 Préludes op. 34 • Aphorismen op. 13 • Klaviersonate Nr. 1 op. 12

Drei phantastische Tänze op. 5

 

Wenn man über die Musik von Dmitri Schostakowitsch spricht, denkt man wohl zuerst an die beiden Schwerpunkte seines kompositorischen Schaffens, die Bühnenwerke (vor allem in seinen früheren Jahren) und die Sinfonik, und vergisst dabei leicht die große Bedeutung seiner Klaviermusik. Sie ist eine Fundgrube für einige seiner abstraktesten und persönlichsten Gedanken, was nicht eigentlich überraschend ist, war er doch einer der Preisträger des ersten Chopin-Wettbewerbes, der 1927 in Warschau stattfand, und trat oft, wenn auch nicht besonders gern, als Interpret eigener und fremder Klavierwerke auf, bis er diese Tätigkeit in den späten 1950er Jahren aus gesundheitlichen Gründen aufgab. Auf der vorliegenden CD sind die bedeutendsten Klavierwerke Schostakowitschs vereinigt, mit Ausnahme des monumentalen Zyklus’ der 24 Präludien und Fugen [Naxos 8.554745-6] und der Klaviersonate Nr.2. Die oft radikalen Tendenzen in diesen Kompositionen entsprechen der allgemeinen Stimmung der Begeisterung und Experimentierfreude, die unter den Künstlern der Sowjetunion geherrscht hat, bevor der Kultur des Landes durch die Doktrin des Sozialistischen Realismus enge Schranken gesetzt worden sind.

 

Die Phantastischen Tänze entstanden im Frühjahr 1922 und wurden vier Jahre später veröffentlicht. Zu Lebzeiten Schostakowitschs blieben sie für Jahrzehnte das einzige Werk aus der Zeit vor der Ersten Sinfonie, das allgemein verbreitet war. Die Uraufführung am 20. März 1925 in Moskau besorgte der Komponist selbst, und er spielte die Tänze später noch unzählige Male zu verschiedenen Gelegenheiten. Seine Vorliebe gerade für diese Stücke ist leicht nachzuvollziehen; sie sind ein beredtes Zeugnis für die Lebendigkeit seines musikalischen Denkens, wenn sie auch noch wenig von seinen späteren Stilmerkmalen erkennen lassen. Ein schelmisches Allegretto in C-Dur wird von dem unbeschwerten Walzer eines Andantinos in G-Dur gefolgt, bevor der kleine Zyklus von einem weiteren Allegretto in C-Dur, in der Art einer lebhaften Polka, beschlossen wird.

 

Die radikalen Tendenzen in der Musik Schostakowitschs, die in der Ersten Sinfonie [Naxos 8.550623] noch streng unter Kontrolle gehalten worden sind, brechen sich explosionsartig Bahn in der Klaviersonate Nr.1, die im September und Oktober 1926 entstand. Ursprünglich sollte sie den Untertitel „Oktober” tragen; diesen erhielt schließlich seine Zweite Sinfonie [Naxos 8.550624]. Dennoch, das Kämpferische, Konflikthafte, auf das der Untertitel hindeutet, widerspiegelt sich deutlich in den Versuchen der Sonate, in der Tonart C-Dur festen Halt zu finden. Das ist schon zu Beginn des Werkes zu beobachten, wenn inmitten eines Malstroms atonaler Figuren C-Dur bizarr gegen die Dissonanzen klingt. Schroff absteigende Skalen bündeln die Energie im Bassregister, von wo aus kontrapunktisches Passagenwerk zu einer Wiederaufnahme der Aktivität des Beginns führt. Der Lento-Abschnitt ist die einzige länger anhaltende Ruhephase im gesamten Werk, wobei auch hier Harmonik und Stimmführung ständig im Fluss, also nicht eigentlich „ruhig” sind. Eine fortlaufende Basslinie führt zu einem letzten überschäumenden Energieausbruch, dessen hartnäckig wiederholtes, hämmerndes Cis jeden Versuch einer C-Dur-Lösung unbarmherzig zunichte macht.

 

Eine andere Art Experiment kennzeichnet die Aphorismen, zehn unkonventionelle, „aufsässige” Miniaturen, die zwischen dem 25. Februar und dem 7. April 1927 entstanden sind. Hier fehlt alles, was einer klassischen Haltung auch nur nahe kommt. In dieser Hinsicht stand Schostakowitsch möglicherweise unter dem Einfluss des radikalen Komponisten und Theoretikers Boleslaw Jaworsky, von dem er sich überzeugen ließ, den ursprünglichen Titel „Suite” fallen zu lassen, und dem er den Zyklus später widmete. Ironie und Groteske spielten zu dieser Zeit eine besondere Rolle im Schaffen Schostakowitschs, und dementsprechend sind die Titel der einzelnen Stücke nicht ganz für bare Münze zu nehmen. Das Rezitativ verläuft ziellos und wird schließlich von einem herben Akkord abgeschnitten, der, zarter im Anschlag, wiederkehrt, um die anschließende Serenade mehrfach zu unterbrechen. Für den kapriziösen Charakter und die ätzenden Klänge des dritten Stückes ist wohl kaum ein Titel weniger passend als der, den Schostakowitsch gewählt hat - Nocturne. Diese verliert sich in einer Folge von fragmentarischen Klängen, in denen oft die Töne D, Es, C und H verwenden werden, Schostakowitschs Initialen D-S-C-H, die in seinen späteren Werken als Motto von grundlegender Bedeutung sein werden. Das vierte Stück Elegie ist in C-Dur komponiert, in der Tonart der weißen Tasten, in die sich gegen Ende des Stückes der Ton Fis mischt, um die zarte Atmosphäre zu zerstören; ein Verfahren, das in ähnlicher Weise, gepaart mit ernst-komischen Fanfaren aus wiederholten Tönen, dem Trauermarsch jegliche Feierlichkeit und Würde nimmt. Die Etüde ist eine Parodie auf sich selbst, wobei das Pedantische dieser Technikübung durch die ungewöhnlich langsame Tempoanweisung noch besonders herausgestrichen wird. Der turbulente Totentanz bringt Anklänge an das Gregorianische Dies irae und an die hohlen Quinten der Leersaiten der Streicher, während der trockene Kanon das Grundgerüst einer dreistimmigen Invention verwendet, um sich über die akademischen Regeln lustig zu machen. Die Legende strahlt eine unwirkliche Ruhe aus; sie ist durchweg in äußerst zurückgenommener Lautstärke zu spielen. Das abschließende Wiegenlied entfaltet sich in zarten Arabesken über unergründlichen Bassoktaven und endet, augenzwinkernd, mit einem unaufgelösten Akkord.

 

Die 24 Preludes entstanden im Winter 1932/33, in derselben Reihenfolge, wie sie im Druck erschienen sind. Die Anordnung der Tonarten entspricht derjenigen von Chopins op.28; beginnend mit C-Dur und a-Moll, endend mit F-Dur und d-Moll. Zu der Zeit, als Schostakowitsch diesen Zyklus komponierte, hatte sich in ihm bereits eine Wandlung vollzogen, er wollte mit seiner Musik nicht mehr vordergründig schockieren, sondern emotional berühren, unterhalten. Was nicht heißt, dass diese Stücke konventionell sind, nur liegt das Überraschende nicht mehr im abrupten Gegenüberstellen musikalischer Gedanken, sondern in subtileren Kontrasten zwischen den einzelnen Stücken und innerhalb des gesamten Zyklus. So folgt der harmonisch pikanten Nummer I ein Stück in „schlaksiger” Gangart (II), kontrastiert von der (bis auf den Schluss) verhalten-pathetischen Nummer III. Nach der Bachschen Gewandtheit der Nummer IV und den wilden Kaskaden der Nummer V gibt Schostakowitsch in der Nummer VI eine Kostprobe seines unvergleichlichen Humors. Die beschauliche Ruhe der Nummer VII erhält ihr Gegenstück in der „donquichottischen” Gangart der Nummer VIII und in der hektischen rhythmischen Bewegung der Nummer IX, bevor Nummer X eine bittersüße harmonische Note einbringt. Nummer XI ist eine Art Scherzo mit slapstickartigen Untertönen, während die lyrische Nummer XII die Ideenwelt des Ersten Klavierkonzerts [Naxos 8.553126] vorwegnimmt. Nummer XIII verbindet ein markiges Thema mit einer Bassfigur aus Tonwiederholungen; ein vollkommener Gegensatz zu der emotionalen Tiefe der düster-tragischen Nummer XIV. Die Stimmung wird aufgehellt durch die übermütige Nummer XV und die ebenso unbeschwerte, an Prokofjew gemahnende Nummer XVI, bevor die poetische Nummer XVII die Welt der Chopinschen Preludes heraufbeschwört. Nummer XVIII ist lebhaft und heiter, Nummer XIX bezaubert durch ihre leicht fließende Bewegung in der Art einer Barkarole, und Nummer XX ist ganz Energie und Konfrontation. Die Nummer XXI ist ein unbeschwerter Spaziergang, während die grüblerische Nummer XXII einmal mehr an Chopin erinnert. Das quecksilbrige Intermezzo der Nummer XXIII bildet einen effektvollen Übergang zu den humoristischen Staccati der Nummer XXIV, die den Zyklus in einer wundervoll bescheidenen Art und Weise beschließt.

 

Richard Whitehouse

 

Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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