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8.555787 - BEETHOVEN: Cello Sonatas Nos. 4 and 5, Op. 102
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Ludwig van Beethoven (1770-1827)
Werke für Violoncello und Klavier, Folge 3

Ludwig van Beethoven, 1770 in Bonn geboren, war der älteste Sohn eines Tenorsängers am Hof der kurfürstlichen Residenzstadt Bonn und Enkel des ehemaligen Kapellmeisters des Fürsterzbischofs, dessen Familiennnamen er annahm. Er wuchs in ungeordneten Familienverhältnissen auf. Sein Vater wurde aufgrund seiner Alkoholabhängigkeit nicht nur in seinem Beruf, sondern auch als Familienoberhaupt zunehmend unfähiger und musste sich die ständigen Nörgeleien seiner zu krankhafter Melancholie neigenden Frau anhören. Dennoch wurde dem jungen Beethoven eine fundierte musikalische Ausbildung zuteil, sodass er in den Dienst des Fürsterzbischofs eintreten konnte, wo er als Hoforganist und Mitglied der Hofkapelle tätig war. In Bonn hatte er es bereits zu gewisser Anerkennung gebracht, als er 1787 zu einer Studienreise nach Wien aufbrach, wo er vermutlich auch Mozart kennen lernte. Die Krankheit seiner Mutter zwang ihn jedoch zu einer raschen Rückkehr, und ihr schließlicher Tod bedeutete, dass der erst Neunzehnjährige als Vormund seiner Brüder für deren Unterhalt sorgen musste. 1792 ging Beethoven dann erneut nach Wien, wo er sich nach Studien bei Salieri, Albrechtsberger und Joseph Haydn endgültig niederließ.

Beethoven verdankte seine frühen Erfolge in der Donaustadt nicht zuletzt der Tatsache, dass er dort seinen Wohnsitz nahm. Er wurde führenden Persönlichkeiten der Wiener Gesellschaft vorgestellt, sodass er in der Lage war, sich beim kunstsinnigen Bürgertum schon bald als phänomenal talentierter Pianist, Komponist und Improvisationskünstler zu etablieren. So musste sein um die Jahrhundertwende beginnendes Gehörleiden wie eine Ironie des Schicksals erscheinen. Diese Krankheit, die schließlich zu seiner vollständigen Ertaubung führte, verhinderte eine Virtuosenkarriere und ließ ihn vollends die Komponistenlaufbahn einschlagen, während derer er eine Vielzahl umwälzender Neuerungen zuwege bringen sollte. Die Taubheit schien seine gelegentlich an Paranoia grenzende Exzentrizität nur noch zu verstärken; gleichzeitig befähigte sie ihn aber, seine kontrapunktische Kunst bis zur Perfektion zu entwickeln; er begann die von seinen Vorgängern – vornehmlich Haydn und Mozart – übernommenen Modelle zu revolutionieren und sie bis an ihre Grenzen zu expandieren. Sein Tod im Jahre 1827 löste in Wien öffentliche Trauer aus.

Seine ersten zwei Sonaten für Violoncello und Klavier schrieb Beethoven 1796 anlässlich seines Besuchs am preußischen Königshof in Potsdam. Dort führte er sie mit Jean-Pierre Duport auf, dem Cellolehrer von König Friedrich Wilhelm II. Die Sonaten erschienen 1797 als Opus 5 mit einer Widmung an den König im Druck. In der gleichen Zeit entstanden auch zwei Variationswerke für Violoncello und Klavier über Themen aus Händels Oratorium Judas Makkabäus bzw. Mozarts letzter Oper Die Zauberflöte; sie erschienen 1797 bzw. 1798 im Erstdruck. Seine Händel-Variationen widmete Beethoven der Fürstin Lichnowsky. Das Violoncello liefert eine Begleitung des Themas, wonach das Klavier allein mit der ersten Variation fortfährt. Die zweite Variation besteht im Klavierpart aus triolischen Spielfiguren, die dritte aus Sechzehntelketten. Der vierten Variation in g-Moll folgt im Dialog der fünften die Rückkehr nach Dur. Aus der Achtelfiguration der sechsten Variation werden triolische Figuren im Violoncellopart der siebenten. Es folgt in g-Moll die achte Variation mit Skalenläufen für beide Instrumente. Der unterbrochene Verlauf der neunten Variation führt zum Allegro der zehnten, in der das Violoncello das Originalthema spielt. Ein der Tradtion gemäß ausornamentiertes Adagio bereitet ein abschließendes Allegro im 3/8-Takt vor.

Das Duo für Viola und Violoncello WoO 32 schrieb Beethoven in seinen ersten Wiener Jahren für seinen Freund Nikolaus Zmeskall von Domanovecz, einen kompetenten Amateurcellisten und bescheidenen Komponisten, der seinen Dienst als Beamter der Kgl. Ungarischen Hofkanzlei versah, und dessen Sehbehinderung vermutlich zu dem scherzhaft von Beethoven in einem Brief an Zmeskall verwendeten Titel Duett mit zwei obligaten Augengläsern führte. Das Stück beginnt mit einer Melodie für die Viola, die vom Violoncello in einem Sonatensatz übernommen wird. Vermutlich kam Beethoven nicht dazu, einen geplanten langsamen Satz zu schreiben, aber das folgende Minuet bietet nebst seinem B-Dur-Trio einen spielerischen Kontrast zum substanzielleren ersten Satz.

1808 komponierte Beethoven eine dritte Violoncellosonate, deren Widmungsträger sein enger Freund, der Amateurcellist Baron Ignaz von Gleichenstein war. Er war dem Komponisten in Geschäftsangelegenheiten behilflich und regelte 1809 seine Pensionsbezüge von wohlhabenden Gönnern. Gleichzeitig wetteiferte er mit Beethoven um die Gunst der Schwestern Anna und Therese Malfatti. Seine Heirat mit Anna im Jahre 1811 bedeutete das Ende seiner Freundschaft mit dem Komponisten.

Beethovens zwei letzte Violoncellosonaten gehören in ihrem Einfallsreichtum zu seiner späten schöpferischen Periode. Die 1815 entstandenen Werke wurden 1817 schließlich mit einer Widmung an die Gräfin Maria von Erdödy veröffentlicht, die Beethoven vielfach behilflich war, deren Geduld er aber oft genug auf die Probe stellte. Zuvor hatte er diese Werke dem englischen Pianisten und Cellisten Charles Neate, einem Schüler John Fields, gewidmet, als eine englische Ausgabe der beiden Sonaten in Aussicht stand. Die Sonate C-Dur op. 102 Nr. 1, entstanden gegen Ende Juli, wurde im folgenden Jahr vom Cellisten Joseph Linke und dem Pianisten Carl Czerny uraufgeführt. Ein ruhig-meditatives Andante, vorgestellt nur vom Violoncello, führt zum freien Sonatensatz des Allegro vivace in der unerwarteten Tonart a-Moll, mit einem Seitengedanken in e-Moll und einer kurzen zentralen Durchführung. Von rhapsodischem Charakter ist das Adagio, während das folgende Tempo d’Andante den Einleitungsgedanken variiert. Nach zögerlichem Beginn steigert sich das abschließende Allegro vivace mit seinem rhythmischen Grundmotiv zu nahezu manischer Kraft.

Die Sonate D-Dur op. 102 Nr. 2, entstanden im August 1815, beginnt in voller Kraftentfaltung mit einer rhythmischen Figur im Klavier, die später vom Violoncello übernommen wird. Dieses Element kehrt wirkungsvoll – nebst einem Teil der Überleitung zum eher lyrischen zweiten Thema der Exposition – auch in der zentralen Themendurchführung wieder. Der zweite Satz ist ein d-Moll-Adagio, das einen gefühlsbetonten D-Dur-Mittelteil rahmt. Wie in anderen Beethoven- Werken beginnt auch hier der Finalsatz zögerlich. Danach stellt das Violoncello ein Fugenthema vor, das von der linken Hand des Pianisten beantwortet wird, gefolgt von einer dritten Stimme in einem höheren Klavierregister. Diese fast archaisch anmutende Fuge mündet in ein improvositatorisches Gedankenspiel der Instrumente. Wie in den anderen Violoncellosonaten wird auch hier das Soloinstrument nicht vom Klaviersatz zugedeckt, der den vollen Tonumfang der neuen Klavierinstrumente ausnutzt.

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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