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8.555792 - FINZI: Lo, the Full, Final Sacrifice / Magnificat / Unaccompanied Partsongs, Op. 17
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Gerald Finzi (1901-1956)

Gerald Finzi (1901-1956)

Lo, the full final sacrifice und andere Chorwerke

Gerald Finzi studierte Komposition bei Ernest Farrar, Edward Bairstow und R.O. Morris. Während der 1920er Jahre machte er mit Werken wie der Orchesterminiatur A Severn Rhapsody (1923) auf sich aufmerksam und festigte seinen Ruf mit den Uraufführungen seines Liederzyklus A Young Man’s Exhortation (1926-29) und der Kantate Dies natalis (begonnen Mitte der 1920er Jahre, vollendet 1938-39). In den Nachkriegsjahren erlebten einige seiner Werke ihre Premiere beim Three Choirs Festival: das Klarinettenkonzert von 1948-49 und die Vertonung von Wordsworths Ode Intimations of Immortality (begonnen in den späten 1930er Jahren, vollendet 1949-50). Eine unheilbare Krankheit überschattete seine letzten Lebenjahre, doch vor seinem Tod vollendete Finzi noch die Weihnachtsszene In terra pax (1954) und das Violoncellokonzert (1951-52, 1954-55)

Finzis Musik ist in der Tradition Elgars und seines lebenslangen Freundes Vaughan Williams verwurzelt. Was seiner Musik jedoch ihre Individualität verleiht, ist vor allem die idiomatische Behandlung der von ihm ausgewählten Textvorlagen, was in einer Musik resultiert, die in treffender Weise die dichterische Idee widerspiegelt. Wie bei seinem Lieblingsautor Thomas Hardy ist auch in Finzis Musik ein Element der Unausweichlichkeit sowie ein Gefühl der Zerbrechlichkeit des Lebens spürbar. Er war zu der Überzeugung gelangt, dass die Erlebnisse eines erwachsenen Menschen das Wunder der unschuldigen Kindheit zerstören. Beide Überzeugungen gehen auf Finzis eigene frühe Erfahrungen zurück, als der Tod seines Vaters, seiner drei Brüder und seines Lehrers Farrar einen unauslöschlichen Eindruck hinterließen. Er entwickelte sich zu einem in sich selbst gekehrten jungen Mann, der seine eigenen Lebensanschauungen bei Schriftstellern wie Robert Bridges, Thomas Traherne, William Wordsworth und Thomas Hardy reflektiert sah.

In der festen Überzeugung, dass alles Gute bewahrt werden müsse, gingen Finzis Energien weit über seine eigene Kompositionsarbeit hinaus: so setzte er sich unermüdlich für vernachlässigte Komponisten wie etwa Ivor Gurney ein und führte mit dem von ihm gegründeten Amateur-Streichorchester, den Newbury String Players, vergessene Werke von englischen Komponisten des 18. Jahrhunderts wie John Stanley und Richard Mudge auf. Seine Sammlung englischer Literatur umfasste mehr als dreitausend Bände, einschließlich zahlreicher seltener Ausgaben. Und schließlich sorgte er in seinem Obstgarten für den Erhalt mehrerer traditioneller englischer Apfelsorten.

In den frühen 1930er Jahren komponierte Finzi auf Anregung des Photographen und Cembalisten Herbert Lambert einen Zyklus von sieben unbegleiteten mehrstimmigen Gesängen nach Gedichten von Robert Bridges. (Von Lambert stammt das bekannte Photo, das den Komponisten pfeiferauchend beim Lesen zeigt.) Entstanden zwischen 1934 und 1937, wurden diese Seven Unaccompanied Partsongs am 29. Dezember 1938 von den BBC Singers unter der Leitung von Trevor Harvey im Rundfunk uraufgeführt. Obwohl Finzi mit der Vertonung dieser Gedichte nicht gänzlich zufrieden war (er bezeichnete sie als „gespreizt" und „altjüngferlich"), sind sie aufgrund ihres unverbrauchten Lyrismus noch heute bei kleinen Chören beliebt.

Finzis Festspiel-Anthem Lo, the full, final sacrifice entstand 1946 für das in Northampton stattfindende Patronal Festival of St. Matthew, für das der bemerkenswerte künstlerische Leiter Walter Hussey eine Serie von Auftragswerken initiiert hatte, und zwar von so bedeutenden Musikern, Literaten, Malern und Bildhauern wie Britten, Auden, Sutherland und Moore. Die Dichtung des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts war eine weitere Inspirationsquelle für Finzi; hier vertont er Richard Crashaws Übersetzung aus dem Lateinischen von Thomas von Aquins Adoro te und Lauda Sion. Das großformatig angelegte Anthem beginnt mit einer gewichtigen Orgel-Introduktion. Finzi folgt der Struktur des Gedichts, indem er für jeden Vers eine inhaltsdeckende musikalische Idee entwickelt; der Satz wird durch Soli und A-cappella-Passagen variiert, während die Musik sich zu ekstatischen Passagen emporschwingt. Melodien von betörender Schönheit, z.B. bei ‘Jesu, Master’ oder beim unbeschwerten, melismatischen ‘Amen’ unterstreichen den Gehalt des Crashaw-Textes.

My lovely one schrieb Finzi 1946 für die Hochzeit seiner Schwägerin. Die Worte von Edward Taylor (1646?-1729) sind ein weiteres Beispiel dafür, wie der Komponist sich mit einem Dichter aus einer Epoche beschäftigt, in der er den Höhepunkt der englischen Dichtung erreicht sah. Im Eröffnungs- und Schlussabschnitt setzen die Stimmen in einem wiegenden, sanften 6/8-Rhythmus nacheinander ein. Im mittleren Teil, in dem sich das Metrum ändert, führt ein überschwänglicher Gefühlsausbruch die Musik bei den Worten ‘Lord, melt me all up into love for thee’ zu einem Höhepunkt.

God is gone up, ebenfalls nach einem Text von Taylor, ist ein Auftragswerk für den Gottesdienst zur Feier des Festes der hl. Cäcilia am 22. November 1951. Das Stück wurde in der Kirche St. Sepulchre, Holborn Viaduct, uraufgeführt; unter der Leitung von John Dykes Bower sangen Choristen der Chapels Royal, der St. Paul’s Cathedral, der Westminster Abbey und der Canterbury Cathedral. Das Werk verbreitet eine jubelnde Stimmung, wobei die fanfarengleiche Eröffnung die Textworte ‘The Lord with sounding trumpets’ melodies’ widerspiegelt.

Welcome sweet and sacred feast entstand als Auftragskomposition für die Abteilung Geistliche Musik der BBC. Auch hier verwendet Finzi den Text eines Schriftstellers aus dem siebzehnten Jahrhundert, The Holy Communion von Henry Vaughan (1622-1695). Die Uraufführung fand im Rahmen eines von der BBC übertragenen Vespergottesdienstes in der Kirche St. Michael’s Cornhill am 11. Oktober 1953 statt. Die kurze Orgel-Introduktion kehrt in transformierter Gestalt kurz vor Ende des Werks in einer von Finzis lyrischsten und eindrucksvollsten Phrasen bei den Worten ‘O Rose of Sharon! O the lily of the valley’ noch einmal zurück.

Über Kompositionsanlass und Uraufführung von Let us now praise famous men, der Vertonung einer Passage aus dem Prediger-Buch des Alten Testaments, sind keine Einzelheiten bekannt. Das für zweistimmigen Männerchor geschriebene Stück wird geprägt von einer breiten, noblen Melodie und einer marschartigen Begleitung.

Das Magnificat war Gerald Finzis einziger Kompositionsauftrag aus dem Ausland: Iva Dee Hiatt, Dirigentin des All Smith Choir und des Amherst College Choir in Northampton im US-Bundesstaat Massachusetts, hatte es bei ihm bestellt. Uraufgeführt wurde das Stück beim Weihnachts-Vespergottesdienst des College am 12. Dezember 1952. Finzi hatte es jedoch nicht zum liturgischen Gebrauch geschrieben — es besitzt weder ein abschließendes ‘Gloria’ noch den Lobgesang ‘Nunc dimittis’. Das jubelnde Thema des Beginns kehrt refrainartig während des ganzen Werks zurück. Zu den beeindruckenden Momenten gehören die ausgreifenden Melodielinien bei ‘for he hath regarded the lowliness of his handmaiden’ sowie die subtile Akkordfolge bei ‘he hath filled the hungry with good things’ wo die Schmerzen der Hungernden durch die Konsonanz bei den Worten ‘good things’ gelindert werden.

In den frühen 1950er Jahren plante Finzi die Komposition eines Schwesterwerks seiner früheren Bridges Partsongs, diesmal aber nur für Männerchor. Der Zyklus gelangte jedoch über Thou didst delight mine eyes nicht hinaus. Da Finzis persönlicher Stil sich im Laufe der Jahre kaum änderte, könnte das Stück fast zur gleichen Zeit entstanden sein wie die frühere Vertonung, wenngleich der Vokalsatz jetzt wesentlich überzeugender gestaltet ist.

Andrew Burn

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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