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8.555799 - CHOPIN: Piano Favourites, Vol. 2
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Fryderyk Chopin (1810-1849)

Fryderyk Chopin (1810-1849)

Beliebte Klavierwerke, Folge 2

 

Fryderyk Chopin wurde 1810 als Sohn eines französischen Vaters und einer polnischen Mutter geboren. Als Wunderkind begann er bereits mit acht Jahren öffentlich aufzutreten. Seine musikalische Ausbildung erhielt er am Warschauer Konservatorium. 1830 verließ er Polen auf der Suche nach künstlerischen Entfaltungsmöglichkeiten, die ihm sein Heimatland nicht bieten konnte. Den Winter verbrachte er in Wien, wo er bereits zuvor mit Erfolg gastiert hatte; umso größer war die Enttäuschung, als sich dieses Mal der erhoffte Erfolg nicht einstellen wollte. Von Wien ging die Reise nach Paris, wo Chopin den Rest seines Lebens verbringen sollte. Dort machte er sich rasch einen Namen. Anders als beispielsweise Liszt, Thalberg oder Kalkbrenner, die mit ihren virtuosen Darbietungen die großen Konzertsäle füllten, bevorzugte Chopin die intimen, eleganten Salons des kunstsinnigen Adels, wo er die Zuhörer nicht nur mit seinem Spiel begeisterte, sondern auch als talentierter Pädagoge tätig wurde. Durch Franz Liszt lernte er die kurz zuvor von ihrem Mann geschiedene Schriftstellerin und Frauenrechtlerin George Sand (eigtl. Aurore Dudevant) kennen. Es entwickelte sich eine intime Beziehung, und im Winter 1838-39 reiste das Paar in Begleitung der beiden Kinder von George Sand nach Mallorca, nachdem sich bei Chopin erste ernsthafte Symptome einer Tuberkulose-Erkrankung gezeigt hatten. Doch das ansonsten milde Klima der Insel erwies sich in diesem Winter als kalt und regnerisch, sodass sich Chopins Zustand akut verschlechterte. Zurückgekehrt nach Frankreich nahm er seine Aktivitäten in Paris wieder auf; die Sommermonate pflegte er in George Sands Landhaus in Nohant zu verbringen. Komplikationen mit den inzwischen erwachsenen Kindern der Schriftstellerin führten 1846 zur Trennung des Paars. Während der revolutionären Unruhen, die Frankreich 1848 erschütterten, unternahm Chopin eine strapaziöse Konzertreise durch England und Schottland, von wo er völlig entkräftet nach Paris zurückkehrte. Dort starb er im Oktober des folgenden Jahres.

 

Der überwiegende Teil von Chopins Kompositionen entstand für das Klavier. In neuen, seinem Genius entsprechenden musikalischen Formen vermochte er diesem Instrument die subtilsten Klangschattierungen zu entlocken. Die beiden Klavierkonzerte, komponiert als Reisegepäck für seine Virtuosenkarriere, entstanden noch in seiner Warschauer Zeit. Bei den späteren Werke handelte es sich jedoch überwiegend um Soloklavierstücke in Formen, die er entweder übernahm oder weiterentwickelte, wie etwa das Nocturne, den Walzer, die polnische Mazurka oder die Polonaise.

 

Der Walzer, ein im süddeutsch-österr. Raum aus Ländler und Deutschem hervorgegangener Paartanz, hatte es gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts trotz Warnungen von Ärzten und Moralisten zu großer Popularität in den Ballsälen gebracht. Joseph Lanner und die Strauss-Familie machten ihn in Wien zu einem ausgesprochenen Modetanz, der auch in der Oper und im Ballett nicht fehlen durfte. Komponisten wie Chopin führten ihn in den Salon ein, bevor er später, u.a. durch Gustav Mahler, auch im Konzertsaal heimisch wurde. Chopin hatte sich erstmals 1827 in Warschau mit dem Walzer beschäftigt, nachdem er zuvor bereits polnische Tänze für seine eigenen künstlerischen Absichten adaptiert hatte. Die vorliegende Einspielung enthält zwei Beispiele, den Walzer e-Moll [1] mit einem Zentralabschnitt in E-Dur, 1830 entstanden und posthum veröffentlicht, sowie die ausgedehnte „Grande valse“ As-Dur op. 42 [14], ein Höhepunkt der Gattung.

 

Zu den Formen, mit denen man Chopin nach wie vor identifiziert, gehört das Nocturne. Vor ihm hatte bereits der Ire John Field derartige poetische „Nachtstücke“ komponiert. Chopins Nocturne Fis-Dur op. 15 Nr. 2 [2] gehört zu der 1833 in Paris mit einer Widmung an Mendelssohns Freund Ferdinand Hiller veröffentlichten Trias. In diesem Stück umrahmen die kantilenenhaften Außenabschnitte eine beschleunigte Passage von größerer Intensität. Das Nocturne cis-Moll [11] entstand 1830 in Warschau, wurde aber erst 1875 posthum veröffentlicht. Mit der Vortragsbezechnung „Lento con gran espressione“ umschreibt der Komponist den Ausdruckscharakter dieses Stücks.

 

Die Barcarole Fis-Dur op. 60 [3], ein Einzelwerk, stammt aus den Jahren 1845-46. Es handelt sich um die ausgedehnte Bearbeitung eines ursprünglich venezianischen Gondellieds. In der Komplexität der kompositorischen Mittel ist das Stück ein Beispiel für Chopins Spätstil. Über dem wiegenden Grundrhythmus entfalten sich irisierende chromatische Figurationen. Die Berceuse Des-Dur op. 57 [7] von 1843 überhöht das Wiegenlied zu einer Kunstform, von der sich spätere Komponisten beeinflussen ließen.

 

Die vier Balladen sollen nach Gedichten des im Exil lebenden polnischen Dichters Adam Mickiewicz entstanden sein. Die Ballade Nr. 3 As-Dur op. 47 [5] komponierte Chopin 1841 während der Sommermonate, die er wie gewöhnlich im Landhaus George Sands in Nohant verbrachte. Vorlage des Stücks soll das vom Reich der Wassergeister und der tragischen Liebe einer Nixe zu einem Menschen handelnde Gedicht Undine gewesen sein, ein Stoff, der auch als Vorlage für Opern und andere musikalische Gattungen diente. Zu Beginn erklingt im verhaltenen Klaviersatz die Stimme der Erzählers dieser Liebesgeschichte, begleitet von einer sanft rieselnden Wellenbewegung. Es folgen ein zentraler Durchführungsabschnitt und eine leidenschaftlich-intensive Reprise .

 

Die 24 Préludes vollendete Chopin während der Wintermonate 1838-39 auf Mallorca, wobei die Arbeit zunächst unter dem Mangel an einem geeigneten Klavier litt sowie an den äußeren Bedingungen, die er und George Sand in Valdemosa vorfanden. Diese Stücke, die übrigens nicht als Einleitung gedacht sind, wie der Titel vermuten lässt, wurden nachträglich in ein Tonartenschema gebracht, und zwar in der Reihenfolge des Quintenzirkels mit jeweils nachgestellter Mollparallele, zuerst durch die Kreuz-, danach durch die b-Tonarten. Das Prélude Nr. 17 As-Dur [4], ein „Allegretto“ im 6/8-Takt, ist ein lyrisches Stück, während das langsamere Prélude Nr. 20 c-Moll [6] eine dunklere Stimmung verbreitet.

 

Chopin schrieb seine ersten zwölf Etüden zwischen 1829 und 1832 mit einer Widmung an Franz Liszt. Die zweite Gruppe, die Zwölf Etüden op. 25, entstand zwischen 1832 und 1836; Chopin widmete sie der Lebensgefährtin Franz Liszts, der Gräfin Marie d’Agoult. Die Etüde As-Dur op. 25 Nr. 1 [8], auch unter dem Beinamen „Äolische Harfe“ bekannt, lebt von den harfenähnlichen Akkordbrechungen beider Hände in Gegenbewegung, über der sich die kantable Diskantmelodie entfaltet. Der Etüde Ges-Dur op. 25 Nr. 9 [13] mit dem Beinamen „Schmetterling“ liegt ein Viertonmotiv zu Grunde, das mit interessanter Kontrastwirkung (jeweils zwei Töne legato, zwei staccato) phrasiert wird.

 

Das Impromptu ist zumindest dem Titel nach in seinem Stegreif-Charakter der unmittelbaren Inspiration typisch für seine Entstehungszeit. Das erste seiner vier Werke in diesem Genre, das Impromptu As-Dur op. 29 [9] komponierte Chopin 1837. Die luftigen, lebhaften Außenteile rahmen einen f-Moll-Mittelabschnitt, der durch feine Ornamentik besticht.

 

In seinen vier Scherzi erweitere Chopin den Charakter der ursprünglichen Scherzoform mittels hochvirtuoser Ausformung bis zur Unkenntlichkeit, wobei er sich vollends von der traditionellen humorigen Gestaltung entfernte. Das Scherzo Nr. 2 b-Moll op. 31 [12] von 1837 beginnt mit einer fragenden Unisonofigur und donnernden antwortenden Akkordschlägen, bevor die Hauptmelodie vorgestellt wird. Wie eine Oase der Ruhe wirkt der Mittelabschnitt in A-Dur, bevor mit der ursprünglichen Tonart die Stimmung des Beginns wiederkehrt.

 

In seinen an die sechzig Mazurken, die sein ganzes Schaffen umspannen, ließ sich Chopin von den rhythmisch geprägten Volkstänzen der masurischen Ebene inspirieren. Die Mazurka a-Moll op. 17 Nr. 4 [10] mit ihrem A-Dur-Mittelteil ist eine langsamere Variante dieser Tanzform und bietet Raum für eine poetisch nuancierte Behandlung.

 

Die monumentale Fantasie f-Moll op. 49 [15] ist ein Produkt des Jahres 1841. Sie beginnt mit einem ausgedehnten Trauermarsch, dessen düstere Atmosphäre sich stellenweise aufzuhellen scheint. Das in Nohant entstandene Stück soll einen Streit mit George Sand zum Thema haben: Sie klopft an die Tür und wird hereingerufen, worauf sich ein leidenschaftlicher Dialog entspinnt. Es folgt eine von größerer Aufregung gekennzeichnete Marschpassage, die jedoch einer eher rationalen akkordischen Intervention weicht. Das im weiteren Sinne als klassischer Sonatensatz geformte Stück endet überraschend in As-Dur.

 

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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