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8.555853 - SIBELIUS: Piano Music, Vol. 5
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Jean Sibelius (1865–1957)
Klaviermusik, Folge 5

 

Jean Sibelius wurde 1865 als Sohn eines Arztes in einer Kleinstadt im südlichen Finnland geboren. Wie es in gehobenen Kreisen dort üblich war, wurde auch in seiner Familie schwedisch gesprochen; erst in der Schule lernte er finnisch; schwedisch blieb jedoch zeitlebens seine Muttersprache, die er fließender beherrschte als finnisch. Schon früh begann er sich für die Sagen Finnlands zu interessieren, und seine nationale Gesinnung wurde später entscheidend von dem finnischen General und Nationalisten Alexander Järnefelt beeinflusst, dessen Tochter Aino er heiratete.

Schon bald erkannte man sein musikalisches Talent; dennoch ließ er sich an der Universität zunächst als Jurastudent immatrikulieren. Seine ersten musikalischen Ambitionen tendierten in Richtung einer Karriere als Geiger, doch blieben seine Fähigkeiten auf diesem Instrument hinter seiner kompositorischen Begabung zurück. Er studierte Komposition zunächst in Helsinki, anschließend in Berlin und schließlich bei Goldmark und Robert Fuchs in Wien.

Nach Finnland zurückgekehrt, hatte er 1892 einen spontanen Erfolg mit seiner sinfonischen Dichtung Kullervo nach einer Episode aus dem finnischen Nationalepos Kalevala. Es folgten Kompositionen mit ausgesprochen nationaler Thematik, die seinen Namen in Helsinki weiter bekannt machten; dazu gehörten auch Werke wie die Bühnenmusiken zu den patriotischen Stücken Karelia und En Saga sowie die Lemminkäinen-Suite. Während dieser Zeit verdiente Sibelius den Lebensunterhalt für sich und seine Frau durch Unterrichtsstunden und Einkünfte aus Aufführungen seiner Werke. Es fiel ihm jedoch nicht leicht, sich finanziell durchzuschlagen, denn bereits in seinen Studentenjahren war er durch Verschwendungssucht aufgefallen. Als Entschädigung für seine Enttäuschung, als man seine Bewerbung um eine Professur nicht berücksichtigte, erhielt er 1897 ein Staatsstipendium für die Dauer von zehn Jahren, aus dem später eine Pension auf Lebenszeit wurde. Doch diese Mittel reichten nie aus, um die Bedürfnisse seines unbesonnenen Lebenswandels oder seinen Bedarf an Alkohol zu decken.

Seine aktive Laufbahn als Komponist verfolgte Sibelius bis 1926; die Anerkennung seines Schaffens wuchs im eigenen Land wie auch international. Seiner erfolgreichen Ersten Sinfonie von 1898 folgte ein noch größerer Erfolg mit der sinfonischen Dichtung Finlandia. 1902 entstand die Zweite Sinfonie, danach das Violinkonzert und die Dritte Sinfonie, und nach einer Krankheit, nach der er dem Alkohol- und Tabakgenuss abschwören musste, die Vierte Sinfonie. Reisen führten ihn derweil in die europäischen Musikzentren, wo er mit zahlreichen Ehrungen überhäuft wurde. Die Fünfte Sinfonie entstand während des Krieges; danach schrieb er nur noch vier Werke von einiger Substanz: die Sechste und Siebente Sinfonie, eine Bühnenmusik zu Shakespeares Sturm und die sinfonische Dichtung Tapiola. Eine achte Sinfonie wurde 1929 vollendet, aber wieder vernichtet. Während der letzten 25 Jahre seines Lebens schwieg der Komponist Jean Sibelius. Er starb 1957 im Alter von 91 Jahren.

Wie andere Komponisten seiner Zeit fand auch Sibelius einen Markt für seine Klaviermusik, insbesondere für Sammlungen kurzer Stücke. Das erste seiner Klavierstücke aus den 1880er Jahren blieb – ebenso wie die letzte Sammlung von 1929 – unveröffentlicht. Der Ausbruch des 1. Weltkriegs im Jahr 1914 sah Finnland an der Seite der Alliierten gegen die Mittelmächte. Für Sibelius war dies mit besonderen Schwierigkeiten verbunden: Obwohl er weiterhin Tantiemen von seinem deutschen Verlag Breitkopf & Härtel erhielt, konnte er keine Konzertreisen ins Ausland unternehmen, was ihn in ernste finanzielle Schwierigkeiten brachte. Aus Geldmangel verlegte er sich auf die Komposition kurzer Klavierstücke für den Amateurmusikmarkt (für seinen neuen Verlag Westerlund und später für den dänischen Verleger Hansen) und unterbrach dafür die Arbeit an seiner Fünften Sinfonie. Die Nachkriegszeit brachte weitere Unruhen in Finnland, als die Kommunisten die Macht ergriffen, bis sie schließlich unter General Mannerheim besiegt wurden. Nach der Vollendung seiner Fünften Sinfonie im Jahr 1919 begann Sibelius über eine Sechste nachzudenken, aber wie immer kamen finanzielle Schwierigkeiten dazwischen. Als Ergebnis entstanden statt der Sinfone weitere kurze Klavierstücke.

1920 erreichte Sibelius ein Ruf aus Rochester in den Vereinigten Staaten, um an der dortigen Eastman School of Music eine Professor für Komposition zu übernehmen – ein Angebot, das er nicht zuletzt aufgrund seiner Position als Staatspensionär in Finnland ablehnen musste. Schwankungen im Wert der finnischen und deutschen Währung brachten weitere Schwierigkeiten, und die Unverhältnismäßigkeit zwischen den Honoraren für größere Werke und denen für eher unbedeutende Klavierstücke blieb wie immer eklatant. Im Oktober vollendete er eine Sammlung von sechs solchen Stücken, von denen die ersten drei neu und die anderen drei bereits früher für Breitkopf entstanden waren. Die Sechs Bagatellen op. 97, die 1921 im Leipziger Verlag erschienen, beginnen mit einer Humoreske, die von einer unbegleiteten Melodie abgeleitet ist, zu der eine synkopierte Begleitung hinzutritt. Das reizende Lied mit der Tempobezeichnung Andantino besitzt eine sanfte Melodie in der Oberstimme, während der Kleine Walzer eine lebhaftere Stimmung verbreitet, die auch den kapriziösen Heiteren Marsch kennzeichnet. Das fünfte Stück, Impromptu, lebt vom Kontrast zwischen dem Poco-Lento -Abschnitt des Beginns und dem folgenden Vivace -Teil.

Zwei Jahre später gab es erneut Probleme: Zwar war die Fünfte Sinfonie in London und Amerika erfolgreich aufgeführt wurden, aber Sibelius befand sich wieder einmal in Geldnöten, wobei die Ablehnung von Stücken, die er Londoner Verlegern angeboten hatte, nicht gerade zur Verbesserung seiner Situation beitrug. Die Acht kleinen Stücke op. 99 von 1922 erschienen bei Frazer, seinem finnischen Verlag. Die eröffnende Pièce humoristique ist dem Stil der Zeit verpflichtet; ihr schließen sich die lebhaftere C-Dur- Esquisse und ein nostalgisches Souvenir an. Das Impromptu trägt die nicht völlig zutreffende Vortragsbezeichnung Quasi Marcia, während das Commodo überschriebene Couplet durch seinen sanften Duktus auffällt. Das im punktierten 6/8-Rhythmus daherkommende Animoso ist ein Echo von Schumanns Florestan-Figur. Den Abschluss bilden ein Moment de valse in C-Dur und eine Petite marche.

1923 leitete Sibelius die Uraufführung seiner Sechsten Sinfonie und führte einige seiner Werke in Rom auf, wo er Jahre zuvor an seiner Zweiten Sinfonie gearbeitet hatte. Die Fünf romantischen Stücke op. 101, die – nach anfänglichen Meinungsverschiedenheiten – vom dänischen Verleger Hansen herausgebracht wurden, sind vom Umfang her ehrgeiziger. Das erste Stück der Sammlung, Romance, ist orchestral konzipiert, während Chant du soir ebenfalls einen relativ weiten Tonumfang besitzt und in seiner Klangfarbe an Debussy erinnert. Scène lyrique gefällt mit einer ausdrucksvollen Melodie im mittleren Register, der ein energischer zweiter Abschnitt folgt. Humoresque beginnt mit Lisztschen Aplomb und fällt durch plötzliche Tonartwechsel auf. Die Sammlung endet mit der Scène romantique, die in ihren Harmonien wiederum französischen Einfluss verrät.

1924 war Sibelius bereits mit seiner Siebten Sinfonie beschäftigt, die er im März vollendete. Die Fünf charakteristischen Impressionen op. 103 aus demselben Jahr beginnen mit dem Stück Die Dorfkirche ; eine choralähnliche akkordische Eröffnung steigert sich zu einem Höhepunkt mit wogenden Arpeggien, bevor die Anfangsakkorde zurückkehren. Dem skurrilen Fiedler folgt Der Ruderer, dessen 6/8-Takt die wiegende Bewegung des Boots suggeriert. Der Sturm wird seinem Titel gerecht, ebenso das getragene In Trauerstimmung, mit dem die Sammlung endet.

Die Cinq Esquisses op. 114 sind Sibelius' letzte Klavierstücke. Es folgten im selben Jahr noch zwei Sammlungen mit Kompositionen für Violine und Klavier – die letzten numerierten Werke, die zu seinen Lebzeiten im Druck erschienen. Maisema (Landschaft) ist mit seinen Kontrasten von Akkordpassagen und schnelleren Abschnitten pianistisch eindrucksvoll gearbeitet. Talvikuva (Winterszene) zeichnet das Bild einer schneebedeckten, friedlichen Idylle. Es folgt das lebhaftere Metsälampi (Waldsee). Metsälaulu (Lied im Wald) bringt eine gesangliche Melodie, mezza voce, eingebettet in charakteristische Harmonien. In optimistischer Stimmung endet die Sammlung mit Ketvätnäky (Frühlingsvision).

Keith Anderson

 


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