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8.555856 - CASTELNUOVO-TEDESCO, M.: Piano Music (Maso) - Cipressi / Il raggio verde / Epigrafe / Cantico
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Mario Castelnuovo-Tedesco (1895-1968)

Mario Castelnuovo-Tedesco (1895-1968)

Klaviermusik

 

Die Familie des italienischen Komponisten, Kritikers und Pianisten Mario Castelnuovo-Tedesco nannte sich nach dem spanischen Distrikt Castilla Nueva, den sie 1492 zu verlassen hatte, als die sephardischen Juden über den gesamten Mittelmeerraum versprengt wurden. Der Musiker wurde 1895 in Florenz geboren. Seine Mutter vermittelte ihm die ersten musikalischen Kenntnisse, und 1908 wurde er Schüler des Florentiner Konservatoriums Luigi Cherubini. Sechs Jahre später vollendete er seine Klavierstudien bei Del Valle de Paz, und nach wiederum zwei Jahren war er Kompositionsschüler von Ildebrando Pizzetti geworden. Nach seiner Graduierung im Jahre 1918 bereitete er sich durch privaten Unterricht am Konservatorium von Bologna auf das Komponistendiplom vor. Seinem Lehrer Pizzetti hatte er viel zu verdanken: Dieser machte ihn unter anderem mit den führenden zeitgenössischen Komponisten bekannt – beispielsweise mit Alfredo Casella, der Castelnuovo-Tedescos 1916 entstandenes Werk Il raggio verde bei seinen Klavierrecitals spielte.

 

In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen etablierte sich Castelnuovo-Tedesco nicht nur als Kritiker für verschiedene musikalische Journale, sondern vor allem auch als Pianist, wobei er sich sowohl als Solist wie auch als Begleiter und Kammermusiker einen Namen machte. 1920 wurde sein Cantico op. 19 von Il pianoforte mit dem Preis für das beste Klavierwerk ausgezeichnet. Seine Kompositionen kamen auch im Ausland zur Aufführung, namentlich bei den Festivals der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (ISCM). Nach Erlassung der Rassengesetze 1938 ging Castelnuovo-Tedesco mit Hilfe von Heifetz, Toscanini und Albert Spalding sowie mit einer festen Arbeitszusage nach Amerika. Von 1940 bis 1956 war er bei verschiedenen Hollywood-Studios an mehr als 250 Produktionen beteiligt. In derselben Zeit verfasste er rund 70 eigene Werke unterschiedlichster Art – von Oratorien und Kantaten über Lieder, Opern und Konzerte bis hin zur Gitarren- und Klaviermusik. Seine Oper Der Kaufmann von Venedig von 1959 gewann den Preis des Concorso internazionale Campari der Mailänder Scala und wurde 1961 beim Maggio Musicale Fiorentino uraufgeführt. Auf sein besonderes Interesse an Shakespeare lassen auch eine Reihe von Shakespeare-Ouvertüren sowie seine Shakespeare-Lieder (Marco Polo 8.223729) und die Oper Ende gut, alles gut schließen. Auch andere Werke zeigen sein Verhältnis zur Literatur – von der Oper Ernst sein ist alles und dem Ballett Der Geburtstag der Infantin (beide nach Oscar Wilde) über Musik zu Pirandellos Die Riesen vom Berge bis hin zu Werken auf Texte von Schiller, Keats, Wordsworth, Shelley, Heine und Petrarca. 1946 war er amerikanischer Staatsbürger geworden, und bis zu seinem Tod im Jahre 1968 unterrichtete er am damaligen Los Angeles Conservatory. Unter anderem gehörten Henry Mancini, Jerry Goldsmith, John T. Williams und André Previn zu seinen Schülern.

 

Die später vom Komponisten für Orchester eingerichteten Cipressi op. 17 sind ein bildhaftes Werk. Es wurde von den Zypressen von Usigliano inspiriert, wo Castelnuovo-Tedesco viele Sommer in der Villa Forti verbracht hatte. 1924 war Clara Forti seine Ehefrau geworden, doch nach den Plünderungen seit 1938 war der Familienbesitz unwiederbringlich dahin.

 

Die Tonsprache von Il raggio verde op. 9 aus dem Jahre 1916 verrät den Einfluss von Debussy oder Ravel. Französische Einflüsse sind auch in den zarten Reflexionen der Alghe op. 12 von 1919 zu hören, die auf einfach delikate und delikat einfache Weise das Meer beschwören. I naviganti op. 13 stammt aus demselben Jahr und wird weithin von einer ähnlichen Stimmung geprägt. Die drei genannten Werke bilden eine Trilogie von Seestücken. Lucertolina aus dem Jahre 1916 zeichnet, wie es schon der Titel verrät, die kleine Eidechse, die später in eine Sonata zoologica übernommen wurde.

 

La sirenetta e il pesce turchino op. 18 ist die Fabel von der kleinen Meerjungfrau, ein Werk, das die Grundlage des Balletts von 1937 bildet. Einmal mehr widmet sich Castelnuovo-Tedesco hier der See, wobei er sich in diesem Fall der Mittel des Märchens bedient: Vor dem heiteren Ende gerät die Meerjungfrau in immer größere erotische Schwierigkeiten, ganz so, wie’s typisch für ihre Art ist. Die fünf kleinen Walzer der Passatempi op. 54 bilden dazu einen fröhlichen Kontrast: Der erste Satz ist Un poco mosso ohne Tonart und führt zu einem zweiten Walzer von burlesker Stimmung. Der dritte Satz ist von Melancholie durchtränkt, der vierte weckt pastorale Empfindungen. Beschlossen wird der Zyklus mit der Parodie eines Wiener Walzers.

 

Vitalba e Biancospino op. 21 (1921) erzählt, wie der Titel sagt, von Waldrebe und Weißdorn, ist zugleich aber auch ein weiterer Hinweis auf die improvisatorischen Fähigkeiten des Komponisten. Das ältere Questo fu il carro della Morte op. 2 (1913) wurde von den Trionfi della Morte des Piero di Cosimo angeregt, die Vasari in seiner Biographie des Malers beschrieben hat. Epigrafe (1912) bewegt sich in einer heute vertrauten Sprache. Es folgt der preisgekrönte Cantico op. 19 von 1920, ein Stück, das Per una statuetta di S.Bernadino di Niccolò dell’Arca geschrieben wurde, mithin für ein kleines Standbild des Heiligen Bernardino von Niccolò dell’Arca. Ein dynamischer Höhepunkt beendet diese Musik, die das Schaffen eines Künstlers aus dem 15. Jahrhundert reflektiert.

 

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Cris Posslac

 

(Einen großen Teil der biographischen Informationen verdanke ich dem Artikel von Mila De Santis in Musik in Geschichte und Gegenwart, Personenteil Bd. IV, Bärenreiter, 2000.)


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