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8.555859 - TAKEMITSU: Toward the Sea / Rain Tree / Rain Spell / Bryce
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Toru Takemitsu (1930-1996)

Toru Takemitsu (1930-1996)

Kammermusik

 

            Musik ist entweder Klang oder Stille. Solange ich lebe, werde ich Klang wählen, um ihn der Stille entgegen zu setzen. Denn Klang sollte ein einziger kräftiger Klang sein.

- Toru Takemitsu (1962)

 

Toru Takemitsu wurde am 8. Oktober 1930 in Tokio geboren und war als Musiker praktisch Autodidakt. Er besuchte weder eine Musikhochschule noch ein Konservatorium, und die wenigen Musikstunden, die er genossen hat, waren ein eher kunstphilosophisch orientierter Unterricht, den er von dem Komponisten Yasuji Kiyose erhielt. Takemitsu selbst berichtet, dass sich seine musikalische Berufung bereits in frühen Jugendjahren bemerkbar machte: Gegen Ende des Krieges diente er als Schüler in einem Militärlager im japanischen Hinterland, und hier wurde er von der heimlich gehörten  Schallplattenaufnahme eines französischen Chansons, Parlez-moi d’amour, gefesselt. Daraufhin beschloss er, Musik zu seinem Lebensinhalt zu machen. Nach dem Ende des Krieges arbeitete Takemitsu in der Küche eines amerikanischen Militärlagers und hatte so die Möglichkeit, auf dem Klavier im Speisesaal zu spielen und sein Talent entwickeln zu können.

 

Takemitsu fühlte sich besonders von der Musik jener Komponisten angezogen, die selbst von der musikalischen und philosophischen Tradition der asiatischen Kultur stark beeinflusst wurden, vor allem von Claude Debussy, Olivier Messiaen und später auch John Cage. Durch seinen Mentor Kiyose traf er mit seinen Zeitgenossen Fumio Hayasaka und Yoriaki Matsudaira zusammen, von denen er viel über die traditionelle japanische und asiatische Musik lernte. Zwischen 1950 und 1952 gehörten die Drei Kiyoses Gruppe Shin Sakkyokuha Kyokai (Neuer Kompositionsschulverein) an. Hier erlebten Takemitsus frühe Kompositionen ihre ersten öffentlichen Aufführungen. Bei diesen Konzerten lernte er die Komponisten Joji Yuasa und Kuniharu Akiyama kennen, und zusammen mit anderen Schriftstellern, bildenden Künstlern und Schauspielern gründeten sie eine neue Gruppe, Jikken Kobo (Experimentelle Werkstatt), die sich der Aufführung von Werken widmete, die unterschiedliche Medien verbinden. Zu Takemitsus Beitrag zum Repertoire der Gruppe gehören auch einige seiner frühen Experimente mit der musique concrète, freie Improvisationen, graphischer Notation und aleatorischer Musik. Darüber hinaus begann er, mit zwei Tonbandmaschinen zu experimentieren, die er in seiner Küche aufgebaut hatte. Auf ihnen kreierte er die Musik zu dem Film Woman of the Dunes.

 

Die Weltöffentlichkeit wurde auf Takemitsu aufmerksam, als kein Geringerer als Igor Strawinsky sein überschwängliches Lob ausdrückte, nachdem er im Rahmen eines Japanbesuchs 1959 das Requiem für Streicher gehört hatte. Dieses Werk, das dem Andenken seines Mentors Kiyose gewidmet ist, war jedoch erst der Beginn einer Reihe einfühlsamer und ausdrucksstarker Orchesterwerke, die Takemitsus internationalen Ruf festigten. Viele dieser Stücke wurden schon früh von Seiji Ozawa aufgegriffen, der in den 1960er Jahren als Dirigent das Toronto Symphony Orchestra leitete. Takemitsus unnachahmliche Integration von Ost und West, Klangfarbe und Struktur und Klang und Stille machten ihn zum ersten japanischen Komponisten, dem eine größere internationale Anerkennung zuteil wurde. Seine Kompositionen für die Filme von Akira Kurosawa (darunter auch Dodes’kaden und Ran) brachte in den 1970er und 1980er Jahren seine Musik einem noch breiteren Publikum näher. Takemitsu bereiste die ganze Welt, um die Uraufführung seiner Werke vorzubereiten und seine Musik zu diskutieren. Er war Composer in residence beim Camberra Spring Festival, am California Institute of Technology, den Berliner Festwochen, dem Colorado Musical Festival, dem Tanglewood Festival, dem Banff Centre, dem Aldeburgh Festival und vielen anderen. Darüber hinaus unterrichtete er in Harvard, Boston, Yale und anderen Universitäten.

 

Robert Aitken lud Takemitsu nach Kanada ein, um Aufführungen seiner Kammermusikwerke bei den New-Music-Concerts-Reihen 1975 und 1983 zu begleiten. Die enge Freundschaft, die sich zwischen den beiden wie auch zu den Mitgliedern des in Toronto beheimateten NEXUS-Percussion-Ensembles und vielen anderen Musikern in Toronto entwickelte, führte zur Komposition einer Reihe von Werken, die ihre Uraufführung in Toronto erlebten. Ein Großteil der Stücke dieser CD wurde von diesen Künstlern persönlich für Takemitsu aufgeführt; sie profitieren auf diese Weise von seiner Unterstützung. Die besondere Beziehung, die sich darüber hinaus zwischen Takemitsu und Kanada entwickelte, wurde im September 1996 offiziell gewürdigt. Für seinen außergewöhnlichen Beitrag zur internationalen Musikwelt wurde ihm  posthum der äußerst prestigeträchtige Glenn Gould Preis verliehen.

 

And then I knew ’twas wind (1992) für Flöte, Viola und Harfe wurde von dem japanischen Agenten von Aurèle Nicolet, Akira Obi, in Auftrag gegeben und von Nicolet, der Bratschistin Nobuko Imai und der Harfenistin Naoko Yoshina im Mai 1992 in Mito, Japan, uraufgeführt. Der Titel des Werks ist einer Zeile aus einem der längsten Gedichte von Emily Dickinson entlehnt. Unmittelbar vor den Worten des Titels steht die Zeile, Like rain it sounded till it curved, die fortgeführt wird: And then I knew ’twas wind. Die außergewöhnliche Besetzung des Werkes ist identisch mit der vorletzten Komposition Debussys, der Sonate aus dem Jahr 1916. Es entspricht der Intention Takemitsus, beide Werke zusammen aufzuführen.

 

Es gibt drei Kompositionen von Takemitsu, die er dem Thema Regenbaum gewidmet hat: Rain Tree Sketch (1982) und Rain Tree Sketch II (1992, dem Gedenken an Olivier Messiaen) gehören zu Takemitsus am häufigsten aufgeführten Klavierwerken. Die Titel wurden von einer Zeile aus dem Roman Atama no ii, Ame no Ki von Kenzaburo Oe angeregt. „Er wurde ‚Regenbaum’ genannt, weil sein üppiges Blätterdach Regentropfen von den Schauern der vorhergehenden Nacht auch bis zum nächsten Mittag fallen lässt. Seine abertausenden schmalen, fingerähnlichen Blätter speichern die Feuchtigkeit, während andere Bäume sofort austrocknen.” In dieser frühen Fassung (1981) weicht das Klingeln von Fingerzymbeln dem metallischen Kreisen eines Vibraphons, das gegen den hölzernen Grundklang zweier Marimbas gesetzt ist.

 

Takemitsus Faszination für das Thema Wasser in allen seinen Erscheinungsformen ist ein durchgängiges Thema in seinen Werken und lässt sich bis zu dem elektronischen Werk Water music (1963) vom Beginn seiner Karriere zurückverfolgen. Takemitsu komponierte drei Fassungen von Toward the Sea, die erste für Flöte und Gitarre, die zweite für Harfe und Streichorchester und schließlich eine für Flöte und Harfe. Der erste Satz der Partitur wurde von Robert Aitken und dem bedeutenden kubanischen Gitarristen Leo Brouwer 1981 in Toronto vorgestellt. Die thematischen Keimzellen des Werkes wachsen aus einem Kern mit drei Tönen, die nach dem Wort SEA (Meer) gebildet sind: Es – E – A. Der erste Satz, The Night (Die Nacht) kontrastiert lang ausgehaltene Noten in der Flöte mit einem reizvollen Murmeln der Gitarre und erinnert an das Rascheln der Blätter, die von einer Meeresbrise geschüttelt werden. Das Manuskript der Partitur war 1983 in dem Kunstbuch Whales, A Celebration von G. Gatenby enthalten. Wenn man den zweiten Satz, Moby Dick, hört, kann man sich Herman Melvilles großen weißen Wal vorstellen, der aus den Tiefen des Meeres auftaucht, während das Finale, Cape Cod, eine Vision des glitzernden Atlantikwassers vor der Küste Neuenglands vermittelt.

 

Bryce wurde von den New Music Concerts und der großzügigen Unterstützung des Canada Council in Auftrag gegeben und ist Bryce Engelman gewidmet, dem Sohn des Torontoer Schlagzeugers Robin Engelman. Er erklärt: „Im Juli 1971 traf Toru meinen Sohn Bryce, der sieben Jahre alt war. Das war das erste Mal überhaupt, dass mein Sohn vor irgend jemandem einen Diener gemacht hat, und das erste Mal, dass ihm ein Fremder angeboten hatte, seine Hand zu schütteln. Toru und Bryce verbrachten den Nachmittag gemeinsam mit Origami und spielten später im Garten Softball. Toru fragte mich nach der Bedeutung des Namens meines Sohnes, aber ich hatte sie vergessen. Am nächsten Tag hatte Toru es herausgefunden und erzählte mir, dass er „Zentrum der Gefühle“ bedeute. Er sagte: ‚Ich werde ein Stück schreiben. Bryce wurde 1976 in Toronto uraufgeführt.“ Das Stück beruht im Grunde auf der Beziehung zwischen drei Kern-Noten, die aus dem Namen Bryce gewonnen wurden (B – C und E) und einer Konstellation von acht Vierteltönen, die um diese Kern-Punkte kreisen. Takemitsu war mit den Fähigkeiten seiner Torontoer Freunde bestens vertraut und bot umfangreiche Möglichkeiten für die Improvisation in der Partitur, darunter auch eine ausgedehnte Flöten-Kadenz.

 

Takemitsus zahlreiche Kompositionen für die westliche Flöte berücksichtigen sowohl die große Bandbreite mikrotonaler klanglicher Schattierungen, die für die traditionelle japanische Shakuhachi-Musik charakteristisch sind, als auch die vielfältigen Spieltechniken der europäischen Avantgarde, zu denen percussiver Ansatz, Mehrstimmigkeit und Singen durch das Instrument gehören. Zwei seiner Werke für das Instrument wurden von dem Schweizer Flötisten Aurèle Nicolet in Auftrag gegeben und sind ihm auch gewidmet. Als erster Flötist der Berliner Philharmoniker bekannt, gewann Nicolet später auch einen ausgezeichneten Ruf als Interpret zeitgenössischer Musik. Als Schüler von André Jaunet und Marcel Moyse spielte er bis 1959 im Orchester unter Hermann Scherchen und Wilhelm Furtwängler; dann wurde er Professor für Flöte an der Hochschule der Künste, Berlin, und dann an der Staatlichen Hochschule für Musik in Freiburg. Diese Position wird heute von Robert Aitken besetzt.

 

Die drei Solo-Werke für Flöte, die hier eingespielt sind, zeigen drei verschiedenen Stilrichtungen, die im Laufe der Karriere von Takemitsu entwickelt wurden. Voice (1971) wurde angeregt durch eine Zeile aus einem Gedicht von Shuzo Takiguchi, Selbst gemachte Sprichwörter. Hier ist der stilistische Einfluss überwiegend japanisch und erinnert an den markanten dramatischen Stil des No-Theaters. Takemitsu arbeitet in dieses Werk eine Zeile von Takiguchi in der französischen Übersetzung ein, der dadurch eine übernatürliche Resonanz verliehen wird, dass sie durch das Instrument gesungen und verstärkt wird. Qui va là? Qui que tu sois, pale transparence ? – oder wie Shakespeare es ausgedrückt hätte: Wer geht dort ? Sprich, blasser Geist, wer immer Du auch seist! Nicolet spielte die Uraufführung von Voice im Juli 1971 beim Festival von Hawaii. 1964 hatte Takemitsu bei eben diesem Festival John Cage kennen gelernt und mit ihm Freundschaft geschlossen.

 

Itinerant, In Memory of Isamu Noguchi (1989) gehört zu einer Gruppe kurzer Stücke und literarischer Artikel, die das Leben einiger der Künstler würdigen, die der Komponist bewunderte. Das Stück, das ein Tribut an den berühmten japanischen Bildhauer ist, bildet eine Synthese von Takemitsus „Gartenmusik“-Konzept aus der mittleren Periode, der poetischen Beschwörung einer Klangreise durch einen „japanischen Garten, wo alles wie in der Natur vereint ist, wie z.B. fester Sand, der endlose Strom des Wassers, Felsen, deren Aussehen sich mit dem Blickwinkel des Betrachters verändert, Bäume, die das Wasser der Erde aufnehmen, Gräser und Blumen, die schnell wachsen.“ Die Uraufführung durch die Flötistin Paula Robinson fand 1989 in New York statt.

 

Air (1995) Takemitsus letztes Werk, war als Geschenk zum siebzigsten Geburtstage von Aurèle Nicolet gedacht. Der japanische Flötist Yasukazu Uemura spielte es zuerst am 28. Januar 1996 in Oberwil in der Schweiz. Kurz nachdem Takemitsu erfahren hatte, dass er in Toronto den Glenn Gould Preis erhalten sollte, starb der Komponist am 20. Februar 1996. Er litt seit einem Jahr an Blasenkrebs und erlag einer Lungenentzündung, die er sich während der Behandlung zugezogen hatte.

 

Für jeden ist der Tod unvermeidlich. In der Trauer, die mich erfasst, sehe ich nicht die Leere, sondern den klaren blauen Himmel, und ich spüre das unendliche Reich des unsterblichen Todes. Unter keinen Umständen sollten wir es zulassen, dass die Trauer unser Leben lähmt.

 

Toru Takemitsu (1980)

 

Rain Spell entstand für das japanische Ensemble für zeitgenössische Musik Sound Space Ark und wurde von dem Ensemble im Januar 1983 in Yokohama uraufgeführt. Auch hier begegnen wir erneut Takemitsus Faszination für das Thema Wasser in allen seinen Erscheinungsweisen. 1980 bemerkte er: „Wenn ich an musikalische Formen denke, denke ich an flüssige Formen. Ich wünsche mir, dass sich musikalische Veränderungen so natürlich vollziehen wie Ebbe und Flut.”

 

Daniel Foley

Deutsche Fassung: Peter Noelke

 

Die Zitate von Toru Takemitsu stammen aus Confronting Silence: Selected Writings, übersetzt und herausgegeben von Yoshiko Kakudo und Glenn Glasow, Fallen Leaf Press, Berkeley, California, 1995 (ISBN 0-914913-36.0)


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