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8.555862 - LILBURN: Symphonies Nos. 1 - 3
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Douglas Lilburn (1915-2001)

Douglas Lilburn (1915-2001)

Sinfonien Nr. 1 — 3

Drei Sinfonien stehen im Mittelpunkt des Schaffens des neuseeländischen Komponisten Douglas Lilburn. Die erste und die zweite Sinfonie stellen seine Antwort auf die erhebende Kraft der Landschaft dar, die dritte kann hingegen als Einsicht verstanden werden, dass die Welt der Natur schön, stärkend und notwendig ist, aber gleichzeitig auch verletzbar und vergänglich.

Douglas Lilburn wuchs in Drysdale auf, einer einsamen Farm in den Hügeln, die an die Hochebene im Zentrum von Neuseelands Nordinsel grenzen. Oft hat er das Heim seiner Kindheit als „Paradies" beschrieben, und in seinem ersten größeren Orchesterwerk, der Drysdale Ouvertüre (1937), die während seiner Studienzeit bei Vaughan Williams am Royal College of Music in London entstanden ist, durchstreift er die heimischen Hügel, Wälder und Flüsse als frühe Stätten phantasievollen Staunens. In Erinnerung an seine Eindrücke von Drysdale sagte Lilburn: „Ich blieb zurück mit der schönen Vorstellung von Mark Twain, in der Jim und Huckleberry auf ihrem Kahn den großen Fluss herunter treiben, in die Sterne über sich schauen und sich fragen, ‚ob sie wohl geschaffen wurden oder immer schon da waren’".

Nach seiner Rückkehr nach Neuseeland komponierte Lilburn eine Reihe von Orchesterwerken. Das umfangreichste war A Song of Islands (1946), ein einsätziges Werk, das einen meditativen Ton anschlägt, der der phantastischen und flachen Küstenlandschaft angemessen ist. Die Geschicklichkeit, die er durch die Komposition von A Song of Islands gewonnen hatte, öffnete den Weg für die Komposition einer großen Sinfonie.

Die Erste Sinfonie, in der drei Sätze zu einer organischen Einheit zusammengedrängt werden, wurde 1949 vollendet und 1951 uraufgeführt. Schon der Beginn ist majestätisch und erreicht sinfonische Dimensionen: ein Trompeten-Motto, von den Pauken überschattet, ist in das Hauptthema in den Streichern verwoben. Darüber beginnen die Holzbläser mit ihrem ersten steilen Anstieg. Lilburns lange melodischen Linien vermitteln die Strenge einer Berglandschaft, in der Blechbläserfanfaren die Gipfelpunkte markieren. Das zweite Thema, das wie Morgennebel herumwirbelt, verleiht der Musik etwas Geheimnisvolles. Asketisch und überschwänglich zugleich nimmt es teil an einem beeindruckenden physikalischen Raum und einer einmaligen visionären Qualität. Am Ende begreifen wir, dass die geschilderten Aussichten auf die Gebirgszüge und den offenen Himmel heroische Hoffnungen und eine anhaltende Leidenschaft für das Leben entwerfen. Der lyrische zweite Satz, der auf melodischen Ideen mit einem langen Atem beruht, ist von einer träumerische Abgeschiedenheit geprägt, die es dem Zuhörer erlaubt, ungestört in eine innere Welt einzutauchen. Die Musik wird zunächst von den Streichern angeführt, die sich dann aber in dem kontinuierlichen Fluss der Soli der Holzbläser im zweiten Thema verlieren. Die Ideen werden in ausgedehnten Passagen entwickelt, während untergründig pulsierende rhythmische Muster mit den heilenden Kräften der Natur im Einklang zu sein scheinen. Das Finale, das auf vier thematischen Ideen aufbaut, bezieht sich auf das, was Lilburn „das naive, großzügige Land, das einem seine positive Kraft gibt" genannt hat.

Die Zweite Sinfonie, die 1951 vollendet und 1959 uraufgeführt wurde, hat man schon immer mit den Erhebungen und der Struktur der Landschaft Neuseelands in Verbindung gebracht. Das einleitende Prelude beginnt mit einer Atmosphäre von Unsicherheit und vermittelt das Gefühl von gespannter Antizipation. Der Beginn erinnert an eine enge Schlucht, die sich für eine Melodie in der Solo-Oboe öffnet, die wie ein Raubvogel über der Szene zu schweben scheint. Es folgt ein gewaltiges Crescendo, das seinen Scheitelpunkt in einem eindrucksvollen Kulminationspunkt findet — der eigentlich eine Kombination früherer Ideen darstellt und von den Blechbläsern abgeschlossen wird. In dem folgenden Abschnitt übernimmt die Flöte die Führung. In ihm erfolgt die explosive zentrale Durchführung, und wir werden von den expliziten Bildern der Natur erlöst und in eine trance-ähnliche Ahnung geleitet, in der sich die sichtbare und die innere Welt verbinden. Die Rückkehr des Kulminationspunkts des früheren Themas bekräftigt den Rang der symbolischen Bedeutung, bevor die Musik in den Schatten des engen Tals des Anfangs zurücksinkt. In dem folgenden Scherzo scheinen menschliche Wesen in die Landschaft eingeführt zu werden, angedeutet durch den Rhythmus galoppierender Pferde und Melodien, die so frisch wie das Pfeifen der Viehtreiber klingen. Der mittlere Abschnitt erinnert an ein nostalgisches Lied, das an einem knisternden Lagerfeuer gesungen wird. Introduction dagegen wird als etwas vorgestellt, das aus der Stille heraufsteigt — etwas, das eine universelle Einsamkeit ins Spiel bringt, um eine herz-erhebende Wahrheit Preis zu geben. Trotz der intensivierenden Innerlichkeit ist die psychische Dimension des Satzes himmelwärts gerichtet. Das Finale, das den freien Geist an der Berggrenze widerspiegelt, überschaut ein ganzes Panorama von steilen und felsigen Hängen, weiten Flussebenen und am Horizont das glitzernde Meer.

Die Dritte Sinfonie, ein einsätziges Werk, das aus fünf ineinander übergehenden Episoden besteht, entstand in einer kreativen Zeit, als Lilburn von seiner Lehrtätigkeit an der Victoria University in Wellington frei gestellt war. Er selbst beschreibt das Werk als „ein raues. didaktisches, sehr persönliches Werk mit suchender Rhetorik", und tatsächlich repräsentiert es die großartige musikalische Äußerung, die sich schließlich vom romantischen Ausdruck abwendet und bestimmte Merkmale der seriellen Techniken der Zwölftonmusik integriert. Lilburns Zusammenfassung liest sich wie folgt: „Die erste Episode, einleitend, entwickelt eine Idee, die vom Solo-Fagott vorgestellt wird. Die zweite ist ein Allegro, das durch ein Trompeten-Solo in Gang gesetzt wird. Sie kehrt dann zur Stimmung der Einleitung zurück, bis die kleine Trommel ein weiteres Allegro anstimmt. Der vierte Abschnitt ist langsamer und wird wieder von der Trompete angeregt, worauf ein Dialog in den Blechbläsern folgt. Auch dieser Abschnitt kehrt kurz zur Einleitung zurück; und der letzte Abschnitt hat den Charakter einer fragmentarischen Coda".

Eingebettet in das musikalische Material des Anfangs ist eine überaus wichtige dreitönige aufsteigende Figur, die unmittelbar an das Sings-Harry-Motto von Lilburns Vertonung von Denis Glovers Gedichten erinnert. Dieses Motiv erzeugt den lebhaften, mitunter heftigen Dialog des Werkes. Wenn wir in Betracht ziehen, dass sich Lilburns Stimme hinter Harrys Maske versteckt, dann wird die dritte Sinfonie weniger die Beschreibung der visionären Kraft der Landschaft, als vielmehr der Fähigkeit der Landschaft, das eigene Wesen zu durchdringen. Lilburn kennen zu lernen, bedeutet also zunächst, Harry kennen zu lernen. Daher ist die Beschreibung von Glover-Kommentator Dr. William Broughton hilfreich, in der er Harrys Wesen zusammenfasst:

„Harry ist nicht im herkömmlichen Sinne eine Figur, weder eine fiktionale noch eine historische, die von Glover geschaffen wurde und daher auf subtile Art von ihm distanziert ist. Er ist uns vielmehr so nah, wie Glover selbst uns an den Dichter heran lässt, und er formuliert in lyrischen Liedern von manchmal exquisiter Subtilität die Träume und Wertvorstellungen des Dichters, seine Hoffnungen und sein Bedauern, und vor allem seine Einsicht in die Notwendigkeit, die eigene menschliche Fehlbarkeit und Sterblichkeit zu akzeptieren. Die Lieder, die Harry singt, erzählen von romantischen Hoffnungen, von Vitalität und von dem menschlichen Streben, dass weniger durch messbare Ergebnisse als durch ein Bewusstsein belohnt wird, dass alle menschliche Erfahrung schließlich in einen Kontext gegen die Kraft und die Schönheit der natürlichen Welt gestellt wird. Oft sprechen sie von einem Punkt bitter-süßen Gleichgewichts in einem Moment, an dem die Jugend gerade vergangen ist und das Alter noch bevor steht. Die Lieder sind nicht Glovers Autobiografie, aber sie enthalten — ebenso wie sein gesamtes literarisches Werk — die Quintessenz dessen, was er am meisten schätzte und die Qualitäten, die ihn als ausgezeichneten Dichter so unvergesslich machen. Es ist diese Quintessenz, glaube ich, die Lilburn anerkennt, wenn er in der Sinfonie das Motiv wiederholt, das ein Echo der Vertonung der Lieder darstellt".

Natur bedeutet für Lilburn — wie für Harry — einen Maßstab für den Menschen. Sie ist weder Freund noch Feind, noch ist sie ein Hintergrund für ein menschliches Drama. Sie ist ein unbewegliches und schweigendes Selbstporträt jedoch eines, das dennoch einen regionalen Charakter widerspiegelt, weil es die menschlichen Möglichkeiten unterstreicht, ohne vorzugeben, für die Ewigkeit gemacht zu sein.

Robert Hoskins

Deutsche Fassung: Peter Noelke


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