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8.555867 - VAUGHAN WILLIAMS: Fantasias / Norfolk Rhapsody / In the Fen Country / Concerto Grosso
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Ralph Vaughan Williams (1872-1958)

Ralph Vaughan Williams (1872-1958)

Fantasia on Greensleeves • Fantasia on a Theme of Thomas Tallis

 

Ralph Vaughan Williams wurde am 12. Oktober 1872 in Down Ampney in der Grafschaft Gloucestershire als Sohn eines Pfarrers geboren. Sowohl die Familie des Vaters als auch der Mutter konnten auf eine lange Tradition gut bürgerlicher Berufe zurückblicken. Der Vater stammte aus einer Juristenfamilie, der Großvater mütterlicherseits gehörte der Familie der Wedgewoods, seine Großmutter der Familie Darwin an. Nach dem Tod des Vaters 1875 zog die Familie nach Leith Hill Place in Surrey, dem Wohnsitz der Familie seiner Mutter. Schon im Kindesalter erhielt Vaughan Williams Klavier- und Geigenunterricht; ansonsten genoss er eine für die Mittelschicht typische Erziehung in Charterhouse. Nach dem Abschluss der Schule schrieb er sich jedoch nicht in Cambridge ein, sondern studierte von 1890 bis 1897 am Royal College of Music in London unter anderem bei Hubert Parry und Walter Parratt, dem späteren Master of the Queen’s Musick. Sowohl Parry als auch Parratt wurden später in den Adelsstand erhoben. Von 1892 bis 1894 besuchte er das Trinity College in Cambridge, wo er sich neben seinen verschiedenen musikalischen Studien auch den Fächern Geschichte und Philosophie widmete. In 1901 kehrte er an das Royal College zurück, um bei Charles Villiers Stanford Komposition zu studieren. Er trat der „English Folk Music Society“ bei und lernte den zwei Jahre jüngeren Gustav Holst kennen. Die Freundschaft zu Holst gewann große Bedeutung, denn sie ermöglichte in den folgenden Jahren den freien gegenseitigen Gedankenaustausch über ihre Kompositionen.

            1897, dem Jahr seiner Heirat mit Adeline Fisher, besuchte Vaughan Williams Berlin, wo er bei Max Bruch studierte und seinen musikalischen Horizont erweiterte. Zurück in England wandte er sein Interesse dem Volkslied zu. Ähnlich wie die ungarischen Komponisten Béla Bartók und Zoltan Kodály begann er, Volkslieder aus den verschiedenen Regionen seiner Heimat zu sammeln, und das Interesse an diesem Material beeinflusste nachhaltig seine musikalische Sprache. 1908 ging er nach Paris und nahm Unterricht bei Maurice Ravel, in dem er sich vor allem mit der Instrumentation befasste. 1910 wurden Vaughan Williams Erste Sinfonie, „A Sea-Symphony“, auf Texte von Walt Whitman sowie die Fantasia on a Theme by Thomas Tallis uraufgeführt. Mit diesen Werken begann sich sein Ruf als Komponist schnell zu verbreiten. Das ruhige Gleichmaß seines Lebens wurde durch den Beginn des Ersten Weltkriegs unterbrochen, da er sich sofort als Gefreiter beim Army Medical Corps meldete. In musikalischer Hinsicht war das Jahr 1914 von der London Symphony und dem rhapsodischen Werk für Violine und Orchester The Lark Ascending beherrscht. Drei Jahre später, nach dem Dienst in Saloniki, meldete er sich zur Royal Garrison Artillery und wurde nach Frankreich verlegt. Doch auch hier konnte er seine Fähigkeiten als Musiker einsetzen.

            Nach dem Krieg kehrte Vaughan Williams als Professor für Komposition an das Royal College of Music zurück und füllte diese Position bis 1938 aus. In diesen Jahren konnte er durch eine Reihe von Kompositionen, die als typisch englisch angesehen wurden, eine führende Rolle im Musikleben des Landes übernehmen. Er galt als direkter Nachfolger Edward Elgars, auch wenn sich seine musikalische Sprache deutlich von der seines Vorgängers unterschied. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 eröffnete ihm die Möglichkeit, für den Film zu komponieren. Die wichtigsten Arbeiten in diesem Medium waren 49th Parallel von 1940 und gipfelten 1949 in der Musik zu dem Film Scott of the Antarctic, die auch die Grundlage für seine Siebte Sinfonie darstellt. Zu den weiteren Werken aus seinem letzten Lebensjahrzehnt gehören zwei weitere Sinfonien, die Oper The Pilgrim’s Progress, eine Violinsonate, sowie Konzerte für Mundharmonika und für Tuba – bemerkenswerte Abenteuer für einen Achtzigjährigen. Er komponierte bis zu seinem Tode im Jahr 1958.

            In the Fen Country, das als Symphonische Impression bezeichnet wird, wurde im April 1904 vollendet und sowohl 1905 als auch 1907 überarbeitet. Die Uraufführung fand 1909 unter Sir Thomas Beecham in London statt. Vaughan Williams überarbeitete das Werk dann 1935 ein weiteres Mal, und 1969 wurde es veröffentlicht. Es beginnt mit einer charakteristischen Melodie für das Solo-Englischhorn und spiegelt das damalige Interesse des Komponisten für Volksmusik wider, das auch weitgehend die Form des musikalischen Materials prägt. Auf das Englischhorn folgt die Solo-Viola, und sie übernimmt die letzten Takte einer Musik, die schon den Kurs andeutet, den die Musik des Komponisten später nehmen sollte.

            Die Norfolk Rhapsody erklang erstmals 1906 bei einem Konzert  des Queen’s Hall Orchestra unter Henry Wood, wurde jedoch 1914 noch einmal überarbeitet. Sie verwendet drei Volkslieder, die Vaughan Williams in der Sammlung King’s Lynn gesammelt hatte: The Captain’s Apprentice, A Bold Young Sailor und On Board a Ninety-Eight. Es ist das erste von drei ähnlichen Werken, allerdings wurden die beiden anderen später zurückgezogen. Nach den flüchtig skizzierten Beschreibungen der Landschaft von Norfolk wird das erste der drei Volkslieder von der Solo-Viola eingeführt, freely as if improvising. Es ist dieses Thema, das als Rahmen für die anderen Volkslieder dient, die dann von dem Englischhorn bzw. den Fagoten und den Celli vorgestellt werden. The Captain’s Apprentice kehrt gegen Ende des Stückes noch einmal zurück und verklingt mit der Beschreibung der Landschaft, mit der es begonnen hatte.

            Das Concerto grosso entstand 1950 anlässlich des 21. Jahrestages der Rural Music Schools Association und wurde im November des selben Jahres in der Royal Albert Hall in London von einem Streichorchester uraufgeführt, das aus über 400 Musikern bestand. Das Stück ist so angelegt, dass es drei unterschiedlichen technischen Schwierigkeitsgraden gerecht wird. Ein concertino aus rund 20 erfahrenen Musikern, ein tutti für die, die das Spiel in der dritten Position und einfache Doppelgriffe beherrschen, und einen ad-libitum-Teil, der Abschnitte enthält, in denen nur leere Saiten gespielt werden. Auf die stattliche Intrada folgt eine humorvolle Burlesca Ostinata, die auf leeren Saiten beginnt. Zudem werden in der Sarabande leere Saiten in der Begleitung sehr subtil eingesetzt. Das Scherzo enthält Anklänge an Volkslieder, und der letzte Satz beginnt mit einem erhebenden Marsch.

            Die Oper Sir John in Love, die auf Shakespeares Die lustigen Weiber von Windsor beruht, wurde 1928 vollendet. Sie verwendet Volksliedmaterial, das in den entsprechenden Passagen erscheint. Die Fantasia on Greensleeves, die aus dem Material für die Einleitung zum dritten Akt der Oper gewonnen wurde, wurde 1934 von Ralph Greaves für Streichorchester, Harfe und ein oder zwei optionale Flöten bearbeitet. Das Werk beginnt mit der bekannten Melodie, die einen lebhaften kontrastierenden Volkstanz einrahmt.

            Vaughan Williams dirigierte die Uraufführung seiner Fantasia on a Theme by Thomas Tallis 1910 beim Three Choir Festival in Gloucter. Die Fantasia, die 1913 und 1919 überarbeitet wurde, greift auf ein Thema des elisabethanischen Komponisten Thomas Tallis zurück, auf das er bei seiner Tätigkeit als Herausgeber einer Neuauflage des Kirchengesangbuchs The English Hymnal gestoßen war. Das Stück ist für zwei getrennt aufgestellte Streichorchester und Streichquartett instrumentiert und markiert die Wendung des Komponisten zu einer eigenen unverwechselbaren Musiksprache. Nach einer kurzen einleitenden Phrase wird das Anfangsmotiv des Themas in den tiefen Streichern angestimmt, bevor es in seiner vollständigen Gestalt erscheint und dann in weiter ausgearbeiteter Form wiederholt wird. Daran schließt sich die Wiederholung der Anfangspassage an. Die Solo-Viola führt eine Melodie ein, die aus dem Originalthema abgeleitet ist und von den ersten Violinen aufgegriffen wird. Sie wird vom Streichquartett im kontrapunktischenStil einer elisabethanischen Fantasie behandelt. Die Musik erreicht dann eine Passage für die Solo-Violine, und im Kontrapunkt setzt virtuos die Solo-Viola, sanft begleitet vom Orchester, ein. In der Coda kehrt die Solo-Violine noch einmal zurück, und mit einem Akkord in G-Dur, der langsam verklingt, endet dieses großartige Werk.

 

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Peter Noelke


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