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8.555905 - REGER, M.: Organ Works, Vol. 4 - Chorale Fantasia on Wie schon leucht uns der Morgenstern / Organ Pieces (J. Still)
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Max Reger (1873-1916): Orgelwerke • 4

Max Reger (1873-1916): Orgelwerke • 4

Choralfantasie über „Wie schön leucht uns der Morgenstern“

Orgelstücke op. 59 Nr. 7-9 & 10-12

Introduktion und Passacaglia f-Moll op. 63       

Choralfantasie über „Halleluja! Gott zu loben, bleibe meine Seelenfreud’!“

 

Max Reger verdankte sein frühes musikalisches Interesse dem Beispiel seines Vaters, einem Schullehrer und Amateurmusiker. Seinen ersten Unterricht erhielt er von Adalbert Lindner, Stadtorganist in Weiden. Reger wurde 1873 im oberpfälzischen Brand geboren. Im folgenden Jahr zog die Familie nach Weiden, und dort verbrachte Reger seine Kindheit und Jugend. Nach dem Schulabschluss bereitete er sich auf den Lehrerberuf vor. Nachdem jedoch Lindner seinem eigenen ehemaligen Lehrer Hugo Riemann Beispiele von Regers frühen Kompositionen zur Begutachtung geschickt hatte, wurde dieser von ihm als Schüler angenommen; zunächst studierte er bei ihm in Sondershausen, später wurde er in Wiesbaden sein Assistent. Dem Militärdienst, der Regers Gesundheit und Psyche schadete, folgte eine Periode im elterlichen Haus in Weiden, in der weitere Kompositionen, hauptsächlich für Orgel, entstanden. Vermutlich waren einige dieser Stücke als Herausforderung an die technischen Fähigkeiten seines Freundes Karl Straube gedacht, der sich einen Namen als Interpret von Regers Orgelmusik machen sollte.

 

1901 ging Reger nach München, wo er die folgenden sechs Jahre verbrachte. Seine Position im deutschen Musikleben war nicht frei von Kontroversen, da er – jedenfalls zu dieser Zeit – als Befürworter der sog. Absoluten Musik galt und die Programmmusik in der Nachfolger Wagners und Liszts ablehnte. Erfolgreich war er jedoch als Pianist, und es gelang ihm im Laufe der Zeit auch, ein Publikum für seine Werke zu finden. In seiner Münchener Zeit entstanden die Sinfonietta, kammermusikalische Werke sowie die Bach- und Beethoven-Variationen für Klavier, denen in späteren Jahren die bekannten Mozart-Variationen folgen sollten.

 

Das Jahr 1907 signalisierte einen Wechsel in Regers Leben, als er an der Leipziger Universität eine Professur für Komposition übernahm – zu einem Zeitpunkt, an dem seine Musik ein breiteres Publikum zu erreichen begann; hinzu kamen erfolgreiche Auftritte als Interpret in London, St Petersburg, den Niederlanden, Österreich und Deutschland. 1911 übernahm er die Leitung des von Hans von Bülow gegründeten und später auch vom jungen Richard Strauss dirigierten Meininger Hoforchesters. Reger bekleidete diese Position bis zur Auflösung des Orchesters zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Den Rest seines Lebens verbrachte er in Jena, wo er seine kompositorische Karriere fortsetzte und von wo aus er weitere Konzertreisen unternahm. Er starb im Mai 1916 auf der Heimreise von Konzertauftritten in den Niederlanden.

 

Max Regers Musik nimmt eine besondere Stellung im Orgelrepertoire ein; vielen gilt sie als die bedeutendste deutsche Orgelmusik seit Johann Sebastian Bach. Obwohl er selbst Katholik war, schöpfte Reger aus der lutherischen Tradition und dem reichen Schatz an Chorälen, die ihm als Inspiration für seine Choralpräludien, Choralfantasien und andere Werke dienten. Die Wertschätzung, der sich seine Orgelmusik bereits zu seinen Lebzeiten erfreute, war nicht zuletzt dem unermüdlichen Einsatz des Riemann-Schülers Karl Straube zu danken, der ab 1902 an der Leipziger Thomaskirche wirkte.

 

Regers Choralfantasie über „Wie schön leucht uns der Morgenstern“ op. 40 aus dem Jahr 1899 beginnt mit einer imposanten Introduktion; ihr folgt die Vorstellung der Choralmelodie in der Tenorstimme, begleitend ausgearbeitet in der rechten Hand sowie im Pedal. Die in derselben Stimme als Cantus firmus erklingende zweite Choralstrophe wird triolisch begleitet, kurz variiert und zu einem dynamischen Höhepunkt geführt, der danach wieder rasch zurückgenommen wird. In der dritten Strophe, Adagio con espressione, erscheint die Melodie im punktierten Rhythmus in der Oberstimme. Im Allegro vivace der vierten Strophe wird der Cantus firmus in geteilten Oktaven vom Pedal ausgeführt. Die große dynamische Klimax wird bei den Worten „Ewig soll mein Herz ihn loben“ erreicht. Die Textworte der einzelnen Strophen sind in der Partitur enthalten; sie bestimmen weitgehend die Gestaltung der Musik. Es folgt ein Fuge, die bis zur Vorstellung der Choralmelodie entwickelt wird – zu den Worten der fünften Strophe (eigentlich der sechsten des ursprünglichen Chorals) im Pedal und schließlich in triumphalen Akkorden im oberen Register: „Singet, springet, jubilieret, triumphieret, dankt dem Herren!’

 

Das siebte der Zwölf Orgelstücke op. 59 aus dem Jahr 1901, das Kyrie eleison in e-Moll, entwickelt sich aus dem Anfangsmotiv, das seinerseits vom Kyrie der Messe Cunctipotens genitor angeregt worden zu sein scheint. Ihm folgt in D-Dur das Gloria in excelsis, das mit einer grandiosen akkordischen Vorstellung des gregorianischen Gloria anhebt. Der Eröffnungs-abschnitt führt zu einem Fugato und über Triolenfiguren zurück zur gregorianischen Melodie. In einem zweiten Fugato erscheint das gregorianische Thema im Pedal, bevor es in die Oberstimme aufsteigt und im vollen akkordischen Jubel schließt. Das neunte Stück der Sammlung, das Benedictus in Des-Dur, referiert weniger offen und eindeutig an eine gregorianische Quelle, obwohl das Sanctus der Cunctipotens genitor-Messe zumindest in den Beginnintervallen anklingt. Es folgen ein Fugato-Abschnitt und ein abschließendendes Adagio.

 

Die Introduktion und Passacaglia f-Moll schrieb Reger 1900 für die Sauer-Orgel in Schönberg. Nach einer relativ kurzen Introduktion erklingt der Passacaglia-Basso im Pedal, gefolgt von einer Reihe dramatisch sich intensivierender Variationen. Im Verlauf des Stücks begegnen die für Reger typischen übertriebenen Dynamikangaben, die allerdings eher als Vorschlag denn als Vorschrift zu verstehen sind. Noch einmal erscheint das Thema kraftvoll im Pedal, zunächst in rhythmisch geteilten Oktaven und danach in Gestalt einer aufsteigenden melodischen Molltonleiter – alles in allem eine erstaunliche Neubesinnung auf eine traditionelle Form.

 

Das zehnte der Zwölf Orgelstücke op. 59, das Capriccio in fis-Moll mit der Tempobezeichnung Prestissimo assai, besitzt die zu erwartende Vielfalt an Dynamik und Registrierung. Es wird in seinem Verlauf von einem Augenblick sanfter Entspannung unterbrochen, bevor es den ursprünglichen Impetus zurückgewinnt. Es folgt die Melodie in B-Dur, überschrieben Andante (un poco con moto), die für einen unmittelbaren Stimmungskontrast sorgt; sie ist dreiteilig und enthält einen kurzen Mittelabschnitt. Die Sammlung endet mit dem Te Deum in a-Moll, in der die gregorianische Melodie gleich zu Anfang mit Bestimmtheit angekündigt wird. Sie bildet gewissermaßen die Grundlage des Stücks und führt zu zwei Fugato-Abschnitten und einer abschließenden Klimax.

 

Regers Choralfantasie über „Hallelujah! Gott zu loben, bleibe meine Seelenfreud!“ op. 52 Nr. 3 stammt aus dem Jahr 1900. Sie beginnt mit einer eindrucksvollen Introduktion, in deren Kontext darauf hingewiesen sei, dass der Komponist einmal behauptete, in seiner Musik gebe es keine einzige überflüssige Note, so schwierig sie für den Interpreten auch auszuführen sei. Die Eröffnungspassage wächst sich zu einer Toccata aus und führt im Pedal zur ersten Strophe des Chorals. In der zweiten Strophe wird dieser Cantus firmus von der linken Hand gespielt, während die dritte Strophe, in der die Choralmelodie in derselben Stimme fortfährt, von einem triolischen Rhythmus in der rechten Hand begleitet wird. In der vierten Strophe, Allegro vivace überschrieben, erscheint die Melodie in der Oberstimme, in der fünften, Andante sostenuto, wird sie vom Tenor und in der sechsten vom Alt übernommen. Die folgende Fuge, Allegro brillante e vivace, nimmt einen glänzenden Verlauf, bis die siebte Strophe des Chorals im Pedal ertönt, gesetzt gegen das Thema der Fuge. In der Schlussapotheose steigt der Choral in die Oberstimme auf.

 

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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