About this Recording
8.555908 - RACHMANINOV, S.: Vespers, Op. 37
English  German 

Sergej Rachmaninoff (1873-1943)
Das große Abend- und Morgenlob op. 37

 

Nach seinem Studium in St. Petersburg und Moskau begann Sergej Rachmaninoffs erfolgversprechende Berufslaufbahn als Komponist, Pianist und Dirigent. Die Oktoberrevolution zwang ihn 1917, seine Heimat zu verlassen und sich in zunehmendem Maße auf seine pianistische Tätigkeit zu konzentrieren. So war es ihm zwar möglich, seine Familie zu ernähren, doch zugleich ging ihm viel Zeit verloren, die er unter anderen Umständen zweifellos zur Komposition verwendet hätte. Aus praktischen Gründen ließ sich Rachmaninoff schließlich in den USA nieder, wo er kurz vor seinem 70. Geburtstag starb. Neben symphonischen und konzertanten Werken sowie etlicher Musik für Klavier solo hinterließ er unter anderem die Opern Aleko und Francesca da Rimini, die Chorkantate Die Glocken nach Edgar Allan Poe, zwei Klaviertrios und eine Sonate für Violoncello und Klavier.

Ein völliges Desaster war die Uraufführung der ersten Symphonie im Jahre 1897. Alexander Glasunow, der Direktor des St. Petersburger Konservatoriums, leitete das Orchester, doch er war anscheinend wieder einmal ein Opfer seines Wodka-Konsums geworden und nur bedingt einsatzfähig. Doch die Kritik zerriss das Werk, nicht den Scharfrichter. Aus dieser Niederlage resultierte eine Schaffenskrise von geradezu verheerenden Ausmaßen, die Rachmaninoff erst allmählich überwinden konnte. Dann aber meldete er sich zurück – mit seinem zweiten Klavierkonzert, das sofort einschlug und eines seiner populärsten Werke überhaupt wurde. Die Beliebtheit dieser Komposition steht vor allem den Konzerten Nr. 1 fis-moll und Nr. 4 g-moll im Wege, während das sogenannte „Konzert für Elefanten“ (Klavierkonzert Nr. 3 d-moll) und die Rhapsodie über ein Thema von Paganini sich sehr gut behaupten. Wünschenswert wäre, dass neben der relativ häufig aufgeführten zweiten Symphonie nicht nur die – inzwischen längst rehabilitierte – erste und die späte dritte, sondern auch die beiden großen symphonischen Dichtungen Der Fels und Die Toteninsel sowie das letzte Werk, die Symphonischen Tänze, häufiger aufgeführt würden.

Dass der exzellente Pianist Rachmaninoff ein beachtliches Quantum an Solostücken für sein Instrument geschrieben hat, überrascht nicht. Ungewöhnlicher erscheinen da auf den ersten Blick schon die beiden großen Chorkompositionen aus den Jahren 1910 bzw. 1915, die Liturgie des Heiligen Johannes Chrysostomus op. 31 und Das große Abendund Morgenlob op. 37, denn ein Mann von Welt – und ein solcher war Sergej Rachmaninoff ganz ohne Frage – musste zumindest in westlichen Augen doch ein wenig sonderlich wirken, als er (wie unter anderem auch Peter Tschaikowsky) Musik für die schier unendlich langen, regelrecht meditativen heiligen Handlungen der Ostkirche komponierte. Tatsächlich aber ist nicht zu überhören, dass die großen melodischen Bögen, die weiten Dimensionen und auch gewisse rhythmische Elemente der Konzert- und Kammermusikwerke, gewissermaßen des „echten Rachmaninoff“ tief in den Riten der Russisch-Orthodoxen Kirche wurzeln: Es sind nicht nur Taiga, Tundra und sibirische Weiten, nicht nur russische Seelenzustände, die uns in seinen Kompositionen begegnen, sondern es ist auch und ganz besonders eine tiefe, nicht einmal notwendigerweise konfessionell gebundene Gläubigkeit, die womöglich im Laufe eines Lebens ihre aktuelle Intensität verliert, nie aber ihre ganz grundlegende Wirksamkeit.

Die Geschichte des Großen Abend- und Morgenlobs

Das russische Wort Wsenoschtschanaja bdenije bezeichnet eine Vigil, die über die gesamte Nacht (vom Abend bis zum Morgen) dauert. Diese alte Praxis hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten – als ein aus mehreren Teilen bestehender Gottesdienst, der noch immer auf die alte Weise in den Klöstern gefeiert wird.

Die griechischen bzw. lateinischen Begriffe agrypnia und vigilia bedeuten dabei etwa dasselbe – jenes steht für „Schlaflosigkeit“, dieses für „Wachen, Nachtwache, Wachsamkeit“, und so ist ein Vigilant ursprünglich jemand, der in der Nacht für die Sicherheit sorgt. Im kirchlichen Sinne meint das Wort ein nächtliches Gebet. Es gibt Hinweise darauf, dass der Terminus seit der Mitte des 2. Jahrhunderts vor allem im Zusammenhang mit Ostern verwendet wurde. Großen Kirchenfesten ging stets ein Vigil vorauf, und diese dauerten nicht nur zu Ostern (der „Mutter aller Nachtwachen“), sondern auch zu Weihnachten und Epiphanias die ganze Nacht. Gleichermaßen fanden Nachtwachen vor den großen Heiligenfesten und für die Verstorbenen statt.

Diese Praxis geht auf das Neue Testament zurück: „In diesen Tagen ging er [Christus] auf einen Berg, um zu beten. Und er verbrachte die ganze Nacht im Gebet zu Gott“ (Lukas 6:12). Selbst nicht-christliche Quellen berichten davon, dass sich die Gottesdienste der Christen über die ganze Nacht bis in die frühen Morgenstunden erstreckten, da sie Angst vor Verfolgung hatten.

Der bekannteste dieser Berichte ist zweifellos derjenige, den Plinius jr. im Jahre 112 für Kaiser Trajan verfasste. Darin heißt es, dass sich die Christen noch vor Sonnenaufgang zu versammeln pflegten, um Christus zu lobpreisen. Es gibt fernerhin am Ende des 2. Jahrhunderts Belege für einsame Asketen, die ihre nächtlichen Gebete in mehrere „Horen“ (lat. Hora = Stunde) unterteilten.

Das zeitlose Dunkel ( intempesta nox ) war ideal für das Gebet. Leicht konnte man die Schrecken der Nacht im Gebet vermindern. Die klösterlichen Gottesdienste fanden ihren Höhepunkt in einer agrypnia, die von der ersten Stunde der Nacht bis zur ersten Stunde des nächsten Tages dauerte. Die Mönche schätzten die nächtlichen Gottesdienste aus Gründen der Askese und auch deshalb, weil sie sich besser als der Tag mit seinen mannigfachen Ablenkungen zum Gebet eigneten.

Historisch gesehen besteht eine Vigil aus verschiedenen Elementen, von denen der Psalmgesang in den Klöstern als besonders wichtig erachtet wurde. In den großen, geschichtlich und politisch wichtigen Zentren entwickelt sich statt dessen der „gesungene Gottesdienst“. Zu diesen Gottesdiensten gehörten nicht nur Gesänge und Lesungen, sondern auch die Feier der Eucharistie sowie die agape, das Liebesmahl. Bekanntlich wurde Christus als das Licht der Welt schon in frühen Nachtwachen durch eine brennende Kerze oder Öllampe symbolisiert. Im alltäglichen Rhythmus nahm man den Sonnenaufgang als ein Symbol des Erlösers.

Kirchliche Dichtung wurde häufig in der Gegenwartsform geschrieben, womit man auf die Tatsächlichkeit und Aktualität des Geschehens abheben und die Notwendigkeit der Teilnahme an diesem Geschehen unterstreichen wollte. In den klösterlichen Offizien waren Vigilien für die Nacht von Sonnabend auf Sonntag Pflicht; in byzantinischen Klöstern fanden aprypnia -Gottesdienste vor verschiedenen kirchlichen Festen und gleichermaßen vom Samstag zum Sonntag statt. Dazu gehörten auch feierliche Gesänge.

Der kirchlichen Praxis entsprechend beginnt der neue Tag am Abend. Die Vigil ist in den Abend-Gottesdienst (neunte Stunde, Vesper und Complet) und den morgendlichen Gottesdienst (Nokturn, Matutin und erste Stunde) aufgeteilt. Dabei konnte auch die Litanei und die Segnung der Hostien enthalten sein.

In großen nicht-klösterlichen Kathedralen ging man dazu über, all das zu einem einzigen Gottesdienst zusammenzufassen, der vor dem Sonntag oder in der Nacht vor dem jeweiligen Fest stattfand.

Die samstägliche Vigil stieß in Russland auf viel Sympathie. Sie bereitete auf die Liturgie und Eucharistie des nächsten Tages vor und wurde an den russischen Kathedralen in zwei verschiedenen Formen begangen: als Auferstehungs-Vigil oder Fest-Vigil. Die Musik, die Rachmaninoff geschaffen hat, folgt dem Ordinarium der Auferstehungs-Vigil.

Die Liturgie enthält zahlreiche unveränderliche Teile (Ordinarien) sowie viele Abschnitte, die von Sonntag zu Sonntag wechseln (Proprien). Musikalisch bilden die letzteren die ältere Schicht, in der Rospev-Melodien und ein achttöniges System regieren. Mit Ausnahme der beiden Auferstehungs-Troparien ([14] und [15]) konzentrierte sich Rachmaninoff auf die Ordinarien, da es eine herausfordernde Aufgabe gewesen wäre, sämtliche Proprien zu vertonen, denn dann hätte er – den acht Kirchentönen entsprechend – alle wöchentlichen Texte in achtfacher Weise komponieren müssen.

Der Aufbau des Gottesdienstes

Der Inhalt der Vigil ist außerordentlich inhaltsschwer. Der Abendgottesdienst erstreckt sich von der Erschaffung der Welt über den Sündenfall bis zur Erwartung des Erlösers; anschließend ist der sonntägliche Morgengottesdienst der Auferstehung Christi gewidmet.

Zunächst öffnete der Zelebrant die mittlere, die sogenannte „königliche Tür“ der Ikonostase [Anm.: die dreitürige Bilderwand zwischen Gemeinde- und Altarraum in der orthodoxen Kirche], und er schwingt im Altarraum das Inzensorium [Weihrauchgefäß]. Dem ersten feierlichen Segen folgt die viermalige Aufforderung, vor dem Allmächtigen niederzufallen [1].

Diese Vierzahl beschwört die vier Welt-Enden und Himmelsrichtungen. Unmittelbar darauf intoniert der Chor Ausschnitte aus dem Schöpfungspsalm [2]. Indessen durchschreitet der Priester mit seinem Weihrauchgefäß die gesamte Kirche, womit er die Zeit vor dem Sündenfall bezeichnet. Anschließend wird die königliche Tür geschlossen – als Symbol dafür, dass die Tore des Paradieses zugeschlagen wurden.

Doch nach den Worten des Psalms [3] gibt es Hoffnung für den Menschen. Der Höhepunkt des abendlichen Dienstes ist dann der Abendhymnus [4], eines der ältesten erhaltenen christlichen Gedichte. Unmittelbar voraufgegangen ist eine Prozession mit brennenden Kerzen – ein Zeichen für die Gnade, die Gott gegenüber den sündigen Menschen walten lässt. Die Flammen repräsentieren Christus, das Licht der Welt, von dem auch das Gedicht spricht. In der alten Gottesdienstordnung wurde dieser Hymnus beim Sonnenuntergang gesungen. Der Lobgesang des Simeon [ 5] entstammt ebenso wie der Englische Gruß an die Jungfrau Maria (Troparion für die Jungfrau Maria, [6]) dem Neuen Testament.

Der morgendliche Gottesdienst spricht dann davon, wie Christus auf die Welt kam und auferstand. Am Anfang steht hier ein Hymnus der Engel [7]. Anschließend folgt die Lesung des Hexapsalms. In einem russischen Liturgiebuch heißt es, dass die Engel diesen Hymnus vor dem Morgengrauen sangen und dass darin der Psalmvers „O Herr, du sollst meine Lippen öffnen, und mein Mund soll dein Lob verkünden“ vorkommt, damit die Menschen lernen, mit Engelszungen zu singen. Der englische Hymnus wird zu Beginn der Großen Doxologie [12] gegen Ende des Gottesdienstes wiederholt.

Während des Polyeleopsalms ( polyeleo = viel Öl oder Licht, mithin „große Gnade“) trägt der Priester das Evangeliar in einer Prozession durch die königliche Tür zum Lesepult in der Mitte der Kirche. Eine brennende Kerze wird vor ihm hergetragen – als Zeichen der Auferstehung und des Augenblicks, da sich der Heiland seinen Jüngern zu erkennen gab.

Die Troparien der Auferstehung [ 9] nach dem Psalmvers 119:12 sprechen von der Freude der Auferstehung: Die Frauen bringen Myrrhen zum Grab und hören von dem Engel, dass Christus sich von den Toten erhoben hat. Der Hymnus der Auferstehung [10] – „Wir haben die Auferstehung gesehen“ – wird nach der Lesung des Auferstehungs-Evangeliums gesungen; dann werden die Angehörigen der Kongregation aufgefordert, das Evangelienbuch zu küssen. Dem Dankeshymnus an die Mutter Gottes [11] gehen die Worte des Zelebranten vorauf: „Die Mutter Gottes und die Mutter des Lichts lasset uns in Gesängen verherrlichen!“

Vor der Großen Doxologie [12] heißt es: „Ruhm und Ehre dir, der du uns das Licht gezeigt hast!“. Im großen Abend- und Morgenlob erklang der aus einer alten östlichen Tradition stammende Hymnus just in dem Moment, wenn die Sonne aufgeht. Ein Teil des Textes ist den Psalmen entnommen. Die zwei unterschiedlichen Troparien zur Auferstehung [13]-[14] werden im wöchentlichen Wechsel bei der samstäglichen Vigil verwendet.

Das Kontakion der Jungfrau Maria [15] steht üblicherweise am Ende der ersten Hore. Der Text hat mit der Geschichte der Stadt Konstantinopel zu tun, die auf wundersame Weise die Angriffe der Feinde überstand. So hieß es dann zunächst auch nicht „deine Diener“, sondern „deine Stadt“.

Hilkka Seppälä
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


Close the window