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8.555923 - TCHAIKOVSKY: 1812 Overture / Romeo and Juliet / Capriccio Italien
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Pjotr Iljitsch Tschaikowski (1840-1893)

Pjotr Iljitsch Tschaikowski (1840-1893)

Capriccio italien op. 45 · Romeo und Julia, Fantasieouvertüre (1880)

Tanz der Pokale · Slawischer Marsch op. 31 · Ouvertüre „1812“ op. 49

 

Pjotr Iljitsch Tschaikowski wurde 1840 als Sohn eines Bergbauingenieurs und dessen zweiter Frau in Kamsko-Wotkinsk im Ural geboren. Bereits im Kindesalter zeigte sich sein musikalisches Talent. Nach seinen ersten Schuljahren wechselte er als Zehnjähriger an die Rechtsschule in St. Petersburg, wo er neun Jahre lang blieb. Nach Abschluss seiner dortigen Ausbildung begann er eine Beamtenlaufbahn im Justizministerium, die er jedoch 1863 aufgab. Stattdessen entschied er sich für ein Musikstudium am neu gegründeten Petersburger Konservatorium, wo er so erfolgreich war, dass er als Lehrkraft an das Moskauer Konservatorium berufen wurde. Diesen Posten legte er 1878 nieder, nachdem ihn die großzügige jährliche Zuwendung einer reichen Witwe namens Nadeshda von Meck, einer Bewunderin seiner Musik, mit der er einen jahrelangen Briefwechsel unterhielt, die er jedoch nie persönlich kennenlernte, aller finanziellen Sorgen enthob und es ihm ermöglichte, sich ganz seiner kompositorischen Arbeit zu widmen. Er starb, scheinbar auf dem Höhepunkt seines Schaffens angelangt, im Jahre 1893.

Dieser stichwortartige Überblick über Tschaikowskis Leben lässt verschiedene tragische Aspekte unberücksichtigt: Der Abschied von seiner geliebten Gouvernante im Jahr 1848 und der Tod seiner Mutter 1854 bewegten ihn tief und blieben nicht ohne Nachwirkungen auf seinen von Natur aus labilen, teilweise geradezu morbiden Gemütszustand. Hinzu kam das katastrophale Scheitern seiner kurzen Ehe mit einer Musikstudentin, deren Folge tiefe Depressionen waren. Während er an der Rechtsschule ein bei seinen Kommilitonen beliebter Student war, der aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnahm, konnte er als Musiker gezielte Kritik nur schwer ertragen und zweifelte oft am Wert seiner eigenen Werke. Ob es sich bei seinem Tod um Selbstmord oder um einen tragischen Unfall handelte, ist nie eindeutig geklärt worden; offiziell wurde als Ursache der Genuss von choleraverseuchtem Wasser angegeben.

Das Capriccio italien entstand 1880. Tschaikowsky hatte die Arbeit an diesem Werk in Rom begonnen, wo er den Winter 1879/80 mit seinem Bruder Modest und dessen jungem Schüler Kolja verbrachte. Das Stück war ursprünglich als italienische Suite über Volksmelodien geplant, wobei Glinkas spanische Fantasien teilweise als Modell dienten. Das Capriccio beginnt mit dem Echo einer Fanfare, die der Komponist jeden Morgen von einer in der Nähe seines Hotels in Rom gelegenen Armeebaracke hörte. Daneben erklingen vier weitere italienische Melodien, deren letzte eine als „Ciccuzza“ bekannte neapolitanische Tarantella ist. Die Uraufführung fand 1880 in Moskau unter der Leitung von Nikolai Rubinstein statt, dem Direktor des Moskauer Konservatoriums.

1868 hatte Tschaikowsky die sinfonische Dichtung Fatum komponiert und dafür von Mili Balakirew harte, detaillierte Kritik einstecken müssen. Balakirew war der selbsternannte Anführer einer Gruppe von national-russischen Komponisten, zu der außer ihm Rimski-Korsakow, Cui, Borodin und Mussorgski gehörten. Er hatte 1867 nach dem Rücktritt von Anton Rubinstein die Leitung der Konzerte der Kais. Russischen Musikgesellschaft in St. Petersburg übernommen. Als er 1869 von der Großherzogin Jelena Pawlowna entlassen wurde, schrieb Tschaikowski einen Artikel,

in dem er sein ehrliches Bedauern am Ausscheiden Balakirews bekundete. Dass er seinen Kritiker verteidigte und auch dessen Urteil an seiner Fatum-Tondichtung akzeptierte, führte dazu, dass Balakirew erneut Einfluss auf ihn gewann, und so war er es auch, der Tschaikowski vorschlug, ein Orchesterwerk über Shakespeares Romeo und Julia zu schreiben.

Die Geschichte von Romeo und Julia ist zu bekannt, als dass sie hier noch einmal nacherzählt werden müsste. Tschaikowski versucht nicht, der Handlung des Schauspiels exakt zu folgen. Wir hören die feierliche Choralweise des Pater Lorenzo, dessen wohlgemeintes Einschreiten der indirekte Auslöser der Tragödie ist, ein Thema, das die traditionelle Feindschaft der Familien Montagu und Capulet beschreibt, sowie die sinnliche Melodie des Liebesthemas von Romeo und Julia. Die Ouvertüre ist ein Satz in traditioneller Sonatenform mit einer Exposition, die das thematische Hauptmaterial vorstellt, der sich daran anschließenden zentralen Themendurchführung und einer abschließenden Reprise, in der die Liebe zum Tod führt. Die ursprüngliche Ouvertüre wurde auf Vorschlag von Balakirew 1870 revidiert und 1880 noch einmal als „Fantasie-Ouvertüre“ überarbeitet.

Tschaikowskis Bühnenmusik zu Alexander Ostrowskis Schneeflöckchen entstand für die Moskauer Uraufführung im Jahr 1873. Das Märchen erzählt die Geschichte von Snegurotschka (Schneeflöckchen), die auf der Suche nach menschlicher Wärme ist, nur um bei Frühlingsbeginn zu schmelzen. Der „Tanz der Pokale“ in diesem Stück, das Handlung, Musik und Ballett miteinander verbindet, erklingt zu Ehren des Zaren.          

Der Slawische Marsch (Marche Slave) wurde Anfang Oktober 1876 vollendet. Nikolai Rubinstein hatte Tschaikowski um ein Werk zum Gedenken an die im Krieg zwischen Montenegro und Serbien und der Türkei gefallenen Slawen gebeten. Der Originaltitel lautete „Serbo-russischer Marsch“. Tschaikowski verwendete Fragmente von drei serbischen Melodien sowie der russischen Zarenhymne, bevor dieses Beginnmaterial in einem abschließenden dritten Abschnitt zurückkehrt. Die Hymne erklingt in voller Pracht auf dem Höhepunkt des Marschs als Appell an die patriotischen Gefühle der Zeit.

Seine Ouvertüre 1812 beschrieb Tschaikowski in einem Brief an Nadeshda von Meck als ein Werk „ohne ernsthaften Wert“. Das Stück wurde von Nikolai Rubinstein für die Erlöser-Kathedrale in Auftrag gegeben, deren Einweihung mit der Moskauer Kunst- und Industrieausstellung und dem Silberjubiläum des Zaren zusammenfiel. Da mit dem Bau der Kathedrale an die Ereignisse von 1812 erinnert werden sollte, als Napoleons Armeen in die Flucht geschlagen wurden, entschied sich Tschaikowski für eine programmatische Beschreibung der Schlacht, wobei auf französischer Seite die Marsellaise und für Russland eine orthodoxe Gebetshymne, ein Volkslied und – beim endgültigen Sieg – „Gott schütze den Zaren“ erklingt. Die Ouvertüre diente demnach nicht nur einem kirchlichen, sondern auch einem höfischen und vor allem patriotischen Anlass. Die zur Besetzung gehörenden Kanonen haben dieses Stück zu einem beliebten Spektakel werden lassen.

 

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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