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8.555931 - BLISS: Oboe Quintet / Piano Quartet / Viola Sonata
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Arthur Bliss (1891-1975)

Arthur Bliss (1891-1975)

Klavierquartett • Sonate für Viola und Klavier • Oboenquintett

Arthur Bliss gehört zur der Generation englischer Komponisten, die in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen zu künstlerischer Reife gelangt ist. Lange Zeit war man der Ansicht, Bliss sei von der Moderne der 1920er Jahre quasi „zurück” zu einer mehr traditionellen Romantik im Stile Elgars gegangen. Erst heute, in einem neuen Jahrhundert, ist es möglich, sein Gesamtwerk aus einem anderen Blickwinkel zu sehen und objektiver einzuschätzen.

            Arthur Bliss, Sohn eines Geschäftsmannes aus Neuengland, wurde im Jahre 1891 in London geboren. Seine Mutter, eine Amateurpianistin, starb sehr früh; er und seine Brüder wurden vom Vater aufgezogen. Er wurde am Rugby College und später am Pembroke College in Cambridge ausgebildet, wo er Schüler von Charles Wood war und wo er Edward Dent kennenlernte. Er verbrachte ein Jahr am Royal College of Music, bevor er sich im Jahre 1914 zum Kriegsdienst meldete. Bis zu seiner Demobilisierung im Jahre 1919 diente er in der Armee. Am Royal College war er Kommilitone von Herbert Howells, dessen Begabung er sehr bewunderte, sowie von Eugene Goossens, Ivor Gurney und Arthur Benjamin. Mit seinem Lehrer Charles Stanford verband ihn wenig Gemeinsames. Als Offizier bei den Königlichen Füsilieren und später bei den Gardegrenadieren durchlebte er die Schrecken des Stellungskrieges; er wurde verwundet, in den letzten Kriegsjahren erlitt er bei einem Gasangriff eine Vergiftung. Sein Bruder Kennard fiel im Kampf; ein schwerer Verlust für Bliss.

            In den Jahren nach dem Krieg begann Bliss, sich in London einen Namen zu machen - mit Kompositionen, die nicht selten feindselige Reaktionen von seiten der konservativen Musikkritik hervorriefen. Auch im Ausland wurden seine Werke gespielt. Die Jahre 1923 und 1924 verbrachte er gemeinsam mit seinem Vater und seinem Bruder Howard in Amerika. Im Jahre 1925 heiratete er und kehrte mit seiner Frau nach England zurück, um sich wieder verstärkt dem Komponieren zu widmen.

            Bliss, der sich immer wieder von hervorragenden Interpreten inspirieren ließ, ging im Sommer 1939 nach New York, wo der Pianist Solomon im Rahmen der Weltausstellung sein neues Klavierkonzert zur Uraufführung brachte. Er nahm eine Lehrstelle im kalifornischen Berkeley an, im Jahre 1941 ging er nach England zurück und arbeitete von 1942 bis 1944 als Leiter der Musikabteilung der BBC. In dieser Zeit komponierte er vor allem Film- und Ballettmusiken. Im Jahre 1950 wurde Bliss in den Adelsstand erhoben, drei Jahre später folgte er Arnold Bax als Master of the Queen’s Musick nach. Zu den Pflichten dieses Amtes gehörte, zu bestimmten Anlässen Fest- und Huldigungsmusiken zu komponieren; er schrieb aber auch eine Reihe großer Werke, darunter im Jahre 1955 ein Violinkonzert für Alfredo Campoli und im Jahre 1970 ein Violoncellokonzert für Mstislaw Rostropowitsch. Eine seiner letzten Kompositionen war Shield of Faith (Der Schild des Glaubens), entstanden im Jahre 1974 für die Fünfhundertjahrfeier der

St. Georgskapelle von Schloss Windsor. Die Aufführung dieses chorsinfonischen Werkes konnte er nicht mehr erleben, er starb im März 1975.

            Bliss komponierte sein Klavierquartett im Jahre 1915 während seiner Dienstzeit bei der Armee und widmete es seiner Freundin Lily Henkel und ihrem Quartett. Sein Vater und Eugene Goossens sorgten dafür, dass das Werk bei Novello im Druck erschein. Im April 1915 wurde es in London unter kriegsbedingt schwierigen Umständen uraufgeführt, im Jahre 1917 gelang es, eine weitere Aufführung in Bath zu organisieren, wo Bliss mittlerweile als Ausbilder diente, nachdem er im Jahre 1916 bei einem Einsatz in Frankreich verwundet worden war. - Der erste Satz beginnt in einer pastoralen Stimmung, mit Themen, die zuweilen an Volkslieder erinnern. Die Art und Weise, wie das thematische Material verarbeitet wird, ist in vielerlei Hinsicht typisch für die englische Musik dieser Zeit. Ein kurzes, reizvolles Intermezzo schließt sich an, gefolgt von einem lebhaften Allegro furioso, mit dem das Werk endet.

            Einer der Mitwirkenden bei der Uraufführung des Klavierquartetts war der große Bratschist Lionel Tertis. Auf dessen Anregung hin begann Bliss im Jahre 1933, eine Sonate für Viola und Klavier zu komponieren, die allerdings mehr und mehr die Gestalt eines Konzertes für Bratsche annahm, weniger die eines kammermusikalischen Werkes. Tertis spielte die Sonate zum ersten Mal im Mai desselben Jahres bei einer privaten Zusammenkunft in Bliss’ Haus in Hampstead Heath, gemeinsam mit dem Pianisten Solomon (dem William Walton die Noten wendete). Die erste öffentliche Aufführung fand im November des Jahres im Rahmen eines Kammerkonzertes der BBC statt, ebenfalls mit Tertis und Solomon als Interpreten. Später spielte Tertis Bliss’ Werk nochmals für die BBC, nun mit Artur Rubinstein als Partner. Wie Tertis berichtet, kam Rubinstein erst am Morgen des Tages, an dem das Konzert stattfinden sollte, in London an, nach einer stürmischen Nordseeüberfahrt von Hoek van Holland aus, die ihn allerdings völlig unbeeindruckt gelassen hatte. Er spielte den Klavierpart vom Blatt, und die Aufführung am Abend war makellos. - Die Sonate nutzt den Tonumfang der Bratsche bis an die Grenzen aus, vor allem das Spiel im höchsten Register fordert dem Interpreten beinahe Unmögliches ab. Tertis wurde einmal von dem Bratschisten Frederick Riddle gefragt, wie er es geschafft habe, den Aufgang am Schluss des Furiants zu bewältigen - er antwortete, das wisse Gott allein. In seiner Autobiographie gab er schließlich doch sein „Geheimnis” preis: sehr schwierige Stellen übe er immer in einem alten, mottenzerfressenen Pelzmantel; später im Konzertsaal seien sie dann relativ leicht.

            Der erste Satz der Sonate beruht im wesentlichen auf einer absteigenden Dreitonfigur und auf dem charakteristischen Wechsel von großer und kleiner Terz, der darin bereits vorgebildet ist. Komplex und vielfältig gestaltet, erkundet er sowohl die lyrischen als auch die technischen Möglichkeiten der Bratsche. Der zweite Satz beginnt mit gezupften Tönen der gedämpften Bratsche über gehaltenen Klavier-akkorden. Eine kurze akkordische Passage führt zu einer Andante poco maestoso e sonore überschriebenen Melodie. Beide Elemente kehren am Schluss dieses ausgesprochen lyrischen Satzes zurück. Einen unmittelbaren Kontrast dazu bildet der Furiant, ein unaufhörlich vorwärts drängender und technisch höchst anspruchsvoller Satz. Die abschließende Coda bringt kadenzartige Passagen, zunächst für die Bratsche, dann für das Klavier, in denen Elemente der vorangegangenen Sätze, vor allem des ersten, wieder aufklingen.

            Im Jahre 1925, während seines ersten Aufenthalts in Amerika, lernte Bliss Elizabeth Sprague Coolidge kennen, die wohl bedeutendste Frau unter den Musikmäzenen dieser Zeit. Er bewunderte ihre Art, wie sie mit Musikern umging, und ihr Verständnis für die Musik überhaupt. Als Ausdruck seiner Verehrung widmete er ihr das erste seiner Zwei Interludien für Klavier, die er im gleichen Jahr komponierte. Um so größer war seine Freude, als er von ihr den Auftrag erhielt, ein Werk für ihr Venedig-Festival 1927 zu schreiben. Er komponierte das Oboenquintett, das in Venedig von Leon Goossens (dessen Spielweise Bliss inspiriert hatte) und dem Venezianischen Quartett uraufgeführt wurde. Alban Berg, der das Quintett wenig später in Wien hörte, äußerte sich sehr anerkennend über das Werk. - Die Violinen eröffnen, in Terzen geführt, den ersten Satz. Die ruhige Heiterkeit wird von einem Allegro assai agitato unterbrochen, kehrt jedoch schließlich mit der Wiederaufnahme des Nebenthemas zurück. Im zweiten Satz liegt der melodische Schwerpunkt zunächst auf der Oboe. Ein Allegro moderato bringt einen Wechsel in Taktart und Stimmung mit sich, bevor der Satz zur Ruhe des Anfangs zurückfindet. Der Finalsatz Vivace beginnt kraftvoll im Unisono der Streicher. Die Oboe übernimmt die melodische Führung und leitet zu einem tänzerischen Thema über, das Bliss in der Partitur als Connelly’s Jig bezeichnet hat. Einzelne Motive aus diesem Thema werden abgesplittert und mit dem Beginn des Satzes verschmolzen, bevor das Werk von virtuosen Figuren der Oboe beschlossen wird.

 

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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