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8.555952 - String Quartet Recital: Aviv Quartet
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Franz Anton Hoffmeister (1754-1812) Streichquartette op

Franz Anton Hoffmeister (1754-1812)

Streichquartette op. 14

 

Franz Anton Hoffmeister wurde im Mai 1754 in Rothenburg am Neckar geboren. Mit vierzehn Jahren kam er nach Wien, wo er zunächst Rechtswissenschaften studierte. Schon bald aber betörte ihn das reiche, vielseitige Kulturangebot der Stadt derart, dass er nach der Vollendung seines Studiums beschloss, sein weiteres Leben der Musik zu widmen. In den achtziger Jahren war er dann bereits einer der populärsten Komponisten am Ort, der ein umfangreiches und vielgestaltiges Œuvre vorweisen konnte.

 

Heute kennen wir Hoffmeister praktisch nur noch als Musikverleger. Fünf Jahre nach Artaria & Co war er der zweite Geschäftsmann, der in der Stadt ein Verlagsunternehmen gründete, und hier erschienen während der nächsten fünfzehn Jahre die Werke so prominenter Komponisten wie Albrechtsberger, Clementi, Emanuel Aloys Förster, Pleyel, Wanhal und Paul Wranitzky. Auch Beethoven, Haydn und Mozart waren in dem immensen Katalog vertreten – letzterer mit einigen wichtigen Erstveröffentlichungen wie dem Klavierquartett g-Moll KV 478 und dem Streichquartett D-Dur KV 499, dem sogenannten Hoffmeister-Quartett.

 

Ihren Höhepunkt erreichten Hoffmeisters verlegerische Aktivitäten im Jahre 1791. Bald danach begann er sich mehr auf das Komponieren zu konzentrieren. Die meisten seiner Opern wurden in den frühen 1790er Jahren komponiert und inszelliert – und diese Tatsache führte in Verbindung mit einem nicht gerade ausgeprägten Geschäftssinn zu einem auffallenden Niedergang der Produktion. 1799 wollte er mit dem Flötisten Franz Thurner eine Konzertreise unternehmen, die bis nach London hätte führen sollen. Doch in Leipzig lernte Hoffmeister den Organisten Ambrosius Kühnel kennen, und damals müssen die beiden ihre verlegerische Partnerschaft beschlossen haben, denn binnen eines Jahres gab es das Leipziger Bureau de Musique, aus dem der große deutsche Verlag C.F. Peters hervorging. Bis 1805 kümmerte sich Hoffmeister um die Belange sowohl des Wiener als auch des Leipziger Verlagshauses Im März dieses Jahres übertrug er dann seine Besitzanteile am Bureau de Musique auf Kühnel. Auch sein Interesse an der Wiener Fiffila veffilinderte sich. 1806 verkaufte er das Geschäft an die Chemische Druckerey, um sich bis zu seinem Tode am 9. Februar 1812 nur noch der Komposition zu widmen.

 

Der Komponist Hoffmeister genoss bei seinen Zeitgenossen hohes Ansehen, wie beispielsweise aus einem Eintrag in Gerber's Neuem Lexikon der Tonkünstler erhellt, das um die Zeit seines Todes erschien. Darin ist von einer immensen Geläufigkeit und Geschicklichkeit des Komponisten die Rede, der ein solch erstaunliches Wissen über die Möglichkeiten der verschiedenen Instrumente an den Tag gelegt habe, dass man fast hätte glauben können, er sei auf jedem ein Virtuose gewesen.

 

In Hoffmeisters großem Werkverzeichnis findet man viele Werke, in denen die bei den damaligen Wiener Amateuren besonders beliebte Flöte entweder konzertante oder kammermusikalische Hauptrollen spielt. Neben diesen Stücken schrieb Hoffmeister wenigstens acht Opern, mehr als fünfzig Sinfonien, eine Fülle verschiedener Konzerte (darunter allein wenigstens 25 für die Flöte), des weiteren viel Kammermusik für Streicher, Klavieffilusik und etliche Liedersammlungen.

 

Nach Roger Hickman verfasste Hoffmeister zwischen 1781 und 1806 vierunddreißig Streichquartette. Die drei Quartette op. 14 wurden am 15. Januar 1791 in der Wiener Zeitung als Hoffmeisters neueste Werke angekündigt. Sie sind dem Linzer Anwalt Joseph de Preuer gewidmet. Trotz ihrer vergleichsweise geringen Ausmaße und ihrer nicht unbedingt großen emotionalen Tiefe zeigen sie ihren Komponisten als einen vorzüglichen Handwerker von hoher musikalischer Sensibilität. Ganz eindeutig hat er den besonders von Haydn kultivierten Konversationsstil des Genres verstanden; zudem verraten die transparente Instrumentierung und die Freude an einfacher Melodik eine Verwandtschaft mit dem Quartettstil von Wolfgang Amadeus Mozart. Insgesamt bilden die drei frischen und lebendigen Quartette des Opus 14 eine wertvolle Ergänzung des klassischen Wiener Quartettrepertoires.

 

Das Quartett F-dur ist das extrovertierteste der Publikation und das einzige, in dessen Ecksätzen wir quasi orchestrale Texturen finden können. Der erste Satz ist als große, diskursive Sonatenform gehalten, der eine auftaktige Figur vorangestellt ist, in der bereits die delikate chromatische Appoggiatura zu hören ist, die sich als ein wichtiges Element des Hauptthemas erweisen wird. Die umfängliche Durchführung steht im Zeichen rastloser Modulationen und rasch wechselnder Texturen. Einheitsstiftend wirkt sich dabei die Wiederholung des durchdringenden, pulsierenden Hammerschlag-Motivs aus. Als zweiter Satz folgt ein zartes Sicilianio (poco adagio), dessen einfaches harmonisches Fundament durch kunstvolle, expressive Chromatik angereichert ist. Der zentrale Abschnitt enthält alle Charakteristika einer regelrechten Durchführung. Das Finale ist ein dreiteiliges Rondo mit einer ausgedehnten Episode in Moll, die wiederum an eine Durchführung denken lässt.

 

Der Kopfsatz des Quartetts in B-Dur ist ein leichtgewichtiges, bezauberndes Stück im 6/8-Takt, dessen zumeist konventionelle Harmonik mitunter von überraschenden chromatischen Tönungen eingefärbt wird. Die Romance: Adagio mit ihrem an eine langsame Gavotte erinnernden Hauptthema ist einer der gelungensten Sätze des gesamten Opus 14. Beschlossen wird das Quartett von einem melodischen Sonatenrondo.

 

Das Quartett d-Moll ist das gehaltvollste der drei Werke – zum einen, weil es in einer Molltonart geschrieben ist, zum andern, da es als einziges aus vier Sätzen besteht. Der erste Satz beginnt mit einer Folge von Seufzerfiguren in der ersten Violine, die von einer leichten Begleitung der anderen drei Stimmen getragen werden. Das Violoncello übernimmt das Material, bevor sich die Musik in den Dominant-Raum wendet und auf einem recht aggressiven, trotzigen Halbschluss in A-Dur innehält. Eine elliptische Auflösung führt zu einem neuen, heiter-eleganten, delikat instrumentierten Thema in F-Dur, das am Anfang dieses längeren, diskursiven Satzteils steht. Raschere Triolen dringen bald in die Bewegung des Themas und der Begleitung ein, und die Exposition endet im Triumph. Die gehaltvolle Durchführung entfaltet sich in mehreren unterschiedlichen Abschnitten, bevor in D-Dur die Reprise beginnt, die insofern nicht ohne Dramatik ist, als es vor dem Wiederauftreten des zweiten Themas zu einer bedrohlichen Wendung nach h-Moll kommt. Der langsame Satz besteht aus einer Variationsfolge in A-Dur. Das Zentrum des Satzes bildet ein selbständiger Abschnitt in Moll, in dem die ruhige, milde Eleganz des bisherigen Verlaufs plötzlich von dem gesamten Ensemble mit einem dramatischen, beinahe Schubertschen Repetitionsmotiv hinweg gefegt wird. Es kommt noch zu mehreren ähnlichen Ausbrüchen­ bevor im Schlussabschnitt des Satzes die Durtonart wieder hergestellt wird. Im anschließenden Menuetto verschleiern zahlreiche chromatische Töne während der ersten acht Takte unser Tonartenempfinden. Doch der wohl bemerkenswerteste Aspekt des Quartetts dürften die harmonischen Ähnlichkeiten sein, die zwischen den ersten Takten des Finales und dem Anfang des Menuetts aus Mozarts Streichquartett D-dur KV 499 bestehen, das Hoffmeister im Jahre 1786 veröffentlicht hatte. Man wird unmölglich bestimmen könneo, ob das eine bewusste Hommage an den wenig jüngeren Kollegen und Freund war; in jedem Fall aber liefert es eine faszinierende musikalische Verbindung zwischen Mozart und seinem fast völlig vergessenen Zeitgenossen.

 

Dianne James

Deutsche Fassung: Cris Posslac

 

 


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