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8.555953 - BAX: String Quartet No. 3 / Lyrical Interlude
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Arnold Bax (1883-1953)
Streichquartett Nr. 3 • Lyrical Interlude • Adagio ma non troppo

Wie die Familie Bax zu ihrem Wohlstand gekommen ist, lässt sich nicht mehr eindeutig klären, denn obwohl Bax’ Vater Anwalt war, übte er seinen Beruf nicht aus. Für gewöhnlich wird als Hintergrund ihres Vermögens der Besitz eines Grundstücks in Central London angegeben sowie Anteile an dem Patent für Macintosh Regenmäntel. 1893 erwarb Alfred Ridley Bax für die gewaltige Summe von £ 10.075 in Hampstead ein eindrucksvolles Landhaus, Ivybank. Doch erst 1896 bezog die Familie das Anwesen, das dann zum Mittelpunkt der Entwicklung von Arnold Bax und seinem Bruder Clifford wurde, der sich zu einem gefeierter Schriftsteller und Dramatiker mausern sollte. Bax lebte dort bis zu seiner Hochzeit im Jahr 1911.

Das musikalische Talent von Bax begann sich schon früh abzuzeichnen und wurde von seiner gleich gesinnten, aber überängstlichen Mutter gefördert. Sie herrschte über das häusliche Leben in Ivybank, das im Grunde das Leben auf einem Landsitz war, denn zu jener Zeit war Hamstead noch sehr ländlich geprägt. Bax besuchte von 1900 bis 1905 die Royal Academy of Music und genoss nach seinem Abschluss die finanzielle Unabhängigkeit, seine musikalische Karriere ganz nach eigenem Gutdünken gestalten zu können. Er verfügte über privates Einkommen und musste nie eine bezahlte Stellung annehmen, um sein Auskommen zu sichern. Obwohl er bis 1911 im elterlichen Haus wohnte, entwickelte er den Lebensstil eines Bohemiens. Er unternahm ausgedehnte Reisen, die ihn auch nach Dresden führten, und fuhr 1910 sogar nach Russland, um einem ukrainischen Mädchen den Hof zu machen, das er im Haus eines Londoner Freundes kennen gelernt hatte.

Allerdings war es an der damals abgelegenen irischen Westküste, wo Bax seine spirituelle Heimat fand. Hier — „beherrscht vom Atlantik" und unter dem Eindruck der frühen Lyrik von W. B. Yeats — entdeckte er das Dorf Glencolumbcille in der Grafschaft Donegal, einen Ort, an den er immer wieder zurückkehrte, auch wenn sein eskapistischer Traum nach dem Osteraufstand von 1916 mit der nackten Realität zusammenstieß.

Bax sog alles Irische in sich auf. Er schrieb unter dem Pseudonym Dermot O’Byrne Gedichte, Kurzgeschichten und Stücke im Stil John Millington Synges. Nach seiner Heirat 1911 bezog er ein Haus in Dublin und bewegte sich bis 1914 in literarischen und nationalistischen Kreisen. Zu seinen Freunden gehörten der Dichter und Schriftsteller Pradaic Colum, der Gründer des Irish Review, und Padraig Pearse, ein Meister und Verfechter der irischen Sprache, der nach dem Osteraufstand hingerichtet wurde.

Wir haben uns daran gewöhnt, Bax als Komponisten romantischer Orchestermusik zu sehen, von Tondichtungen wie das populäre Tintagel, das zwischen 1917 und 1919 geschrieben wurde. Zwischen den Kriegen entstanden sieben Sinfonien, die ihm zu seiner Zeit ein beträchtliches Ansehen einbrachten. Wir dürfen darüber jedoch nicht vergessen, dass Bax in fast jeder Gattung mit Ausnahme der Oper komponierte (und auch auf diesem Gebiet unternahm er mehr als nur einen Versuch). Er schrieb zahlreiche Kammermusikwerke für eine Reihe verschiedener Besetzungen, darunter ein Klavierquartett und ein Klavierquintett, drei reife Streichquartette, ein Klaviertrio, ein Trio für Flöte, Viola und Harfe, Oboen- und Harfenquintette sowie viele Werke für größere Besetzungen, darunter auch ein Nonett.

Das letzte der Streichquartette von Bax, sein letztes großes Kammermusikwerk, entstand im Sommer 1936 als er 52 Jahre alt war. Es ist interessant, es mit Werken dieses Mediums zu vergleichen, die in seiner Studentenzeit entstanden, denn bereits als Student komponierte Bax zwei Streichquartette. Ein Satz aus dem zweiten dieser beiden Quartette ist auf dieser CD enthalten. Aus dem Satz eines anderen frühen Kammermusikwerks, dem Streichquintett G-Dur, lassen sich hingegen einige der Stationen heraushören, die zu seinem reifen Stil führten.

Bax komponierte die beiden frühen Streichquartette während seiner Studentenzeit an der Royal Academy of Music — das erste 1902, das zweite vermutlich ein Jahr darauf. Das Manuskript des Streichquartetts E-Dur ist nicht datiert, jedoch wurde der langsame Satz 1905 instrumentiert und als Cathaleen-ni-Hoolihan veröffentlicht. Da die Orchesterpartitur die Daten Dezember 1903/Juli 1905 trägt, scheint die Annahme berechtigt, dass es sich bei dem ersten Datum um das Entstehungsjahr des Quartetts handelt. An den Anfang des Satzes stellt Bax eine Strophe aus dem frühen Gedicht „To Ireland in the Coming Times" (An Irland in zukünftigen Zeiten) von W.B. Yeats:

Know that I would accounted be

True brother of that company

That sang to sweeten Ireland’s wrong

Ballad and story, rann and song.

Er schrieb diese Verse offensichtlich aus dem Gedächtnis, denn sie sind nicht ganz korrekt zitiert. Das Manuskript enthält hier und da Einträge, die von Bax Kompositionslehrer Frederick Corder stammen, und es scheint durchaus möglich, dass das Stück in einer seiner Unterrichtsstunden durchgesprochen wurde. Ein anderes Stück von Bax’ für zwei Violinen und Klavier, das ebenfalls den Titel Cathaleen-ni-Hoolihan trägt, wurde im November 1904 aufgeführt, ist jedoch nicht erhalten geblieben. Wahrscheinlich handelt es sich um ein Zwischenstadium eben dieses Satzes.

Bis 1908, drei Jahre nachdem er die Academy verlassen hatte, war Bax vor allem durch seine Lieder bekannt. Allerdings waren bisher nur wenige seiner Werke aufgeführt worden, und als Komponist war er noch nahezu unbekannt. Er schuf ein großes und komplexes Streichquintett G-Dur mit zwei Celli, das im Juli 1908 vom Wessely Quartett in der Londoner Aeolian Hall aufgeführt wurde. In diesem Werk kommt Bax’ irischer Akzent deutlich zum Ausdruck, wird jedoch durch andere zeitgenössische Stile kontrastiert. Bax war nicht nur mit den Techniken des Impressionismus vertraut, sondern beherrschte auch den Modernismus des zeitgenössischen Wien. 1914 sandte er das Manuskript nach Deutschland in der Hoffnung, dass das Quintett dort aufgeführt würde. Bei Ausbruch des Krieges befürchtete Bax bereits, dass das Stück verloren gegangen sei. Nach dem Waffenstilstand von 1919 wurde es jedoch an den Komponisten zurückgeschickt. Doch nun meinte Bax, dass er sich weiterentwickelt habe und verfolgte es nicht weiter. Statt dessen instrumentierte er den zweiten, langsamen Satz neu, als Quintett für zwei Violen, das heutige Lyrical Interlude. Er widmete es Ralph Vaughan Williams und veröffentlichte es 1923 als eigenständiges Werk.

Bis Mitte der 1930er Jahre hatte Bax den Großteil seiner viel gerühmten Werke geschrieben, und zu dieser Zeit schuf er eine Reihe von Kammermusikwerken für größere Besetzungen. Zunächst entstand 1934 das Oktett für Horn, Klavier und Streichsextett und dann 1936 die Threnody and Scherzo für Fagott, Harfe und Streichsextett sowie das so genannte Concerto for Seven Instruments, ein Septett für Flöte, Oboe, Harfe und Streichquartett. Fast unmittelbar darauf begann er mit der Arbeit an dem Dritten Streichquartett. Seine früheren nummerierten Quartette stammen aus den Jahren 1918 und 1925. Während das erstere der beiden in den 1930ern ziemlich populär war, blieb das schwierigere zweite Quartett weit gehend unbekannt.

Noch zehn Jahre vergingen bis zu seinem letzten Quartett. Im Sommer 1936 für das Griller Quartet geschrieben, sind die vier Sätze des Dritten Streichquartetts jeweils datiert auf den 5. Juli, den 6. September, den 21. August und den 23. September. Während die Arbeit an dem Quartett in London begonnen und vollendet wurde, entstanden das Scherzo und das Trio in Cashla Bay im County Galway (Irland). Das Werk wurde im Mai 1937, kurz nach der Krönung, im BBC National Programme uraufgeführt. Die Radio Times zitierte Bax in ihrem Magazin und schrieb, dass der erste Satz „vermutlich vom Herannahen des Frühlings im schönen Kenmare beeinflusst wurde". Und er fuhr fort:

„... Der dritte Satz besteht aus zwei sehr gegensätzlichen Elementen — ein ziemlich düsteres und unheilvolles Scherzo und ein träumerisches, zurückhaltendes, romantisches Trio. Dieser Wettstreit wird schließlich von dem Scherzo gewonnen, nachdem es das Thema des Trios in seine eigene Gedankenwelt verwandelt hat. Die Struktur des Finales ist rauer und rustikaler als die im Rest des Werkes, jedoch gibt es auch hier eine Besänftigung der Stimmung gegen die abrupten und stürmischen abschließenden Takte."

Im Trio des dritten Satzes macht Bax eine flüchtige aber unmissverständliche Referrenz an Elgars Pomp and Circumstance March No. 4, möglicher Weise ein Hinweis auf die Krönungs-Stimmung in London ein Jahr bevor der Verzicht auf den Thron bekannt gegeben wurde.

In der Mitte der 1930er Jahre lebte Bax mit seinem Freund, dem Komponisten E. J. Moeran, in Kenmare im County Kerry, Irland. Sie logierten im Landsdowne Arms Hotel in Kenmare, wo Moeran einen Teil des Jahres verbrachte (Bax verlegte später in ähnlicher Weise seinen Wohnsitz in einen Pub, in seinem Fall in Storrington in Sussex). Bax verbrachte dort den Mai 1936, und arbeitete an dem Dritten Streichquartett. Er schrieb am 9. Mai, dass er „dort mehr Sternhyazinthen und Schlüsselblumen gesehen habe, als jemals zuvor" und fuhr fort, zu beschreiben wie er „letzte Nacht an der Küste entlang wanderte, und es schien überhaupt nicht irdisch zu sein ... Es hätte das westliche Märchenland sein können, von dem die alten irischen Legenden erzählen. Es scheint für sie fast überflüssig gewesen zu sein, einen solchen Ort zu erfinden — da Irland immer schon so gewesen ist".

Bax hatte ursprünglich geplant, dass die beiden mittleren Sätze in umgekehrter Reihenfolge erklingen sollten, als sie dann veröffentlicht wurden. Er änderte jedoch seine Meinung vor der ersten Aufführung.

Lewis Foreman
Deutsche Fassung: Peter Noelke


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