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8.555967 - SPOHR: String Quintets Nos. 5 and 6
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Louis Spohr (1784-1859)

Louis Spohr (1784-1859)

Sämtliche Streichquintette, Folge 3

Zu Lebzeiten galt Louis Spohr als einer der bedeutendsten Komponisten der deutschen Frühromantik. Seine kompositorische Laufbahn erstreckte sich von der Zeit der Streichquartette op. 18 von Beethoven bis hin zu Wagners Tristan und Isolde, und seine Kompositionen deckten alle wichtigen Gattungen der Zeit ab. Die heutige Wiederbelebung des Interesses an Spohr ging ursprünglich von seiner Kammermusik aus, vor allem von dem Nonett F-Dur op. 31, dem Oktett op. 32 und dem Quintett c-Moll für Holzbläser und Klavier op. 52. Jedoch ist es die Musik für Streicher, die sein kammermusikalisches Schaffen dominiert: 36 Quartette, sieben Quintette, ein Sextett und vier Doppelquartette. Die Kammermusik beschäftigte Spohr zeit seines Lebens: Einige Duos für Violine, die er bereits 1798 als zwölfjähriger Junge in Braunschweig komponierte, sind erhalten geblieben; sein letztes vollendetes großes Werk war das 36. Streichquartett, das im Sommer 1857 komponiert wurde. Von der Zeit seiner Ernennung zum Kapellmeister in Kassel 1822 (auf Lebenszeit, jedoch wurde er 1857 gegen seinen Willen pensioniert) bis 1858, ein Jahr vor seinem Tod, veranstaltete Spohr in jedem Winter einen Quartett-Zyklus, in dem die klassischen Meisterwerke zur Aufführung gelangten. Neben seinen eigenen Werke standen dabei auch Werke von so populären Komponisten wie Friedrich Ernst Fesca und Georges Onslow auf dem Programm. Zusätzliche Streicher fanden sich nicht nur unter seinen Studenten, sondern auch unter den Musikern des Hoforchesters, sodass er auch Quintette komponieren konnte, um die Programme abwechslungsreicher zu gestalten. In diesem Lebensabschnitt entstanden seine letzten fünf Quintette (1826, 1834, 1838, 1845 und 1850). Erheblich früher erschienen dagegen die ersten beiden Quintette, die von 1813 bis 1815 in Spohrs Zeit als Orchesterdirektor am Theater an der Wien entstanden. In allen Quintetten folgte Spohr dem Vorbild Mozarts und wählte als Besetzung zwei Violinen, zwei Violen und Violoncello.

Das erste der beiden vorliegenden Quintette wurde im August und September 1838, einem überaus ereignisreichen Abschnitt in Spohrs Leben, komponiert. Der Tod seiner ersten Frau Dorette im November 1834 war für ihn ein niederschmetternder Schlag gewesen. Sie hatte seine früheren Erfolge mit ihm geteilt, und als schillerndes Duo für Violine und Harfe hatten sie zusammen 1815 bis 1817 Deutschland, die Schweiz und Italien bereist. Im Januar 1836 hatte Spohr wieder geheiratet. Seine zweite Frau Marianne war eine brillante Pianistin und ermutigte ihn, eine Reihe von Kammermusikwerken mit Klavier zu schreiben. Hatte er in den Jahren zuvor etwa alle drei bis vier Jahre einen neuen Streichquartett-Zyklus geschrieben, war das Quintett das einzige ausschließlich für Streicher konzipierte Werk, das er in den ersten neun Jahren seiner Ehe mit Marianne komponierte.

Im Juni 1838 erlitt Spohr durch den Tod seiner jüngsten Tochter Therese, die im Alter von 19 Jahren starb, einen weiteren schweren Verlust. Spohr schrieb in einem Brief an Speyer: „Sie war ein genaues Ebenbild ihrer unvergesslichen Mutter". Zusammen mit seiner Frau Marianne reiste er zur Erholung nach Karlsbad, und auf dem Rückweg machten sie Station in Leipzig, wo er erstmals mit Robert Schumann zusammentraf. Obwohl beide mit Kritik an den Werken des anderen nicht sparten, hegten sie doch große Bewunderung füreinander. Spohr zeigte ein wohlgemeintes Interesse an Schumanns Sinfonien und Streichquartetten und besuchte Leipzig 1850 erneut, als die Oper Genoveva aufgeführt wurde.

Warum aber kehrt Spohr dann in dieser Zeit für dieses Werk zu einer reinen Streicher-Besetzung zurück? Auch wenn es irreführend wäre, das Werk als eine unmittelbare Antwort auf die damaligen Ereignisse zu deuten, so mag er doch gespürt haben, dass gewisse Impulse in der eingeschränkten Form des Liedes oder des Duos für Violine und Klavier nicht adäquat wiedergegeben werden können. Im Gegensatz zu einer sonst eher gelösten Atmosphäre finden sich von Zeit zu Zeit in Spohrs Musik auch starke leidenschaftliche Gefühle. Ein Jahr zuvor hatte er die großartigste und kraftvollste seiner Sinfonien komponiert, die Sinfonie Nr. 5 c-Moll. Für die heimische Kammermusik ließ er 1831 ein speziell gestaltetes Musikzimmer anbauen. Das mag ein weiterer Anreiz für ihn gewesen sein, so weiträumige Werke wie das Streichquartett Nr. 29

h-Moll op. 84/3 (Marco Polo 8.223252) und das Doppelquartett Nr. 3 e-Moll op. 87 zu schreiben. Sicherlich verfügt auch das Quintett Nr. 5 über eine weiträumige Anlage und einen Formenreichtum, der stellenweise fast orchestrale Klangdimensionen annimmt. Die beiden früheren Quintette Nr. 3 h-Moll op. 69 und Nr. 4 a-Moll op. 91 hatten hingegen sowohl in der Anlage als auch in der Atmosphäre einen eher intimen Charakter.

Der erste Satz in g-Moll beginnt mit einer kraftvollen Unisono-Figur, die von leisen absteigenden Phrasen beantwortet wird, die wie Seufzer der Verzweiflung klingen. Die einleitende Figur erscheint im weiteren Verlauf des Satzes in verschiedenen Variationen, und es gibt eine bemerkenswerte Transformation dieser Figur in ein lyrisches zweites Thema. Trotz einiger lichter Momente, in denen geigerische Brillanz aufblitzt, herrscht eine düstere Stimmung vor. Die Durchführung gelangt über eine Steigerung zu einem verzweifelten Ausbruch, bevor eine kraftvolle Überleitung zum Wiedereintritt des Hauptthemas zurückführt. Im folgenden Larghetto in Es-Dur werden die friedlichen Melodien in reiche Harmonien und Instrumentationen eingehüllt. Gelegentlich erscheinen dunklere Strömungen im Cello, doch die Stimmung der Gelassenheit obsiegt. Diese wird plötzlich unterbrochen von dem lebhaften, sogar feurigen Vorwärtsstürmen des Scherzo, das zur Grundtonart g-Moll zurückkehrt. Wechsel der Tonart und der Taktart in Verbindung mit schroffen Dissonanzen unterstützen die drängende, rastlose Atmosphäre. Der Trio-Abschnitt, in dem ein singender Ton der ersten Violine vorherrscht, ist dagegen entspannter. Scherzo und Trio werden wiederholt, und im letzten Takt der Coda spielen die erste Violine und das Cello Flageolett-Töne und deuten damit auf das Finale voraus, in dem Flageolett-Töne eine herausragende Rolle spielen. Sie werden dazu verwendet, in dem ‘pastoralen’ Satz der dudelsackartigen Begleitung des schnellen Hauptthemas eine zusätzliche Farbe zu verleihen. Die leichte, sorglose Atmosphäre bleibt erhalten, und auf eine Durchführung wird verzichtet. Wie auch zahlreiche andere späte Kammermusikwerke von Spohr endet das Quintett sehr ruhig.

Das Quintett Nr. 6 e-Moll wurde im Februar und März 1845 geschrieben und gehört zu einer Reihe von Instrumentalwerken, die Spohr nach der Arbeit an seiner letzten Oper Die Kreuzfahrer komponierte. Zu dieser Reihe gehören auch das fünfzehnte und letzte Violinkonzert, das Konzert e-Moll op. 128, das Klavierquintett D-Dur op. 130, das Streichquartett

Nr. 31 A-Dur op. 132 sowie das Konzert für Streichquartett und Orchester op. 131. Von diesen Werken hat lediglich das Quartett-Konzert einen festen Platz im Repertoire behaupten können. Die bedeutendsten Kammermusikwerke, die zwischen den Quintetten Nr. 5 und Nr. 6 erschienen, waren die ersten drei Klaviertrios, die mit ihrem neuartigen Stil für dieses Medium einen großen Eindruck hinterließen. Die Oper Die Kreuzfahrer erlebte Aufführungen in Kassel und Berlin, fand ansonsten jedoch keine Resonanz. Obwohl sie einen bedeutenden Schritt auf dem Weg zum „Musikdrama" darstellte, galt ihr musikalischer Stil insgesamt als zu zurückhaltend und altmodisch. Nach ihrer Premiere in Kassel war das Quintett e-Moll das erste neue Werk, das Spohr vollendete.

Im einleitenden Allegro herrscht ein melancholischer Lyrizismus, der typisch ist für die früheren Werke Spohrs. Man könnte es vergleichen mit dem Anfang des Streichquartetts e-Moll op. 45/2 (Marco Polo 8.223258) oder sogar mit dem des g-Moll-Quartetts op. 4/2 (Marco Polo 8.223253). Zwar findet sich hier vielleicht nicht ganz die Frische des musikalischen Flusses, wie sie aus den früheren Werken bekannt ist, doch ist der Reichtum der Strukturen überaus bemerkenswert. Die Figur aus den einleitenden Takten kehrt an verschiedenen Punkten des Satzes zurück, ohne jedoch zu dominant zu werden, und die Moll-Tonart behält mit einer trotzigen Geste am Ende des Satzes die Oberhand. Das Scherzo in a-Moll ist ein lebhafter Satz mit starken dynamischen Kontrasten und einem besonderen, grimmigen Humor. Dieser wird im Trio von einer fließenden, anmutigen Melodie abgelöst, die zweimal erscheint, einmal in A-Dur, und dann, nach der Wiederholung des Scherzo, in F-Dur. Der Satz endet mit jeweils einer verkürzten Version der beiden Teile. Mit seinem weit ausschwingenden und meditativen Hauptthema ist das Adagio in C-Dur typisch für den Komponisten. Ein deutlich prägnanterer Rhythmus bildet sodann einen Kontrast, ohne jedoch die Gesamtstimmung nachhaltiger zu beeinträchtigen. Das Presto-Finale kehrt zu der Grundtonart e-Moll zurück und erhält durch eine rasche Achtelfigur, die in fast jedem Takt anzutreffen ist, ein feuriges Tempo. Sogar das sanftere zweite Thema wird von dieser Figur in den tieferen Lagen des Cellos begleitet. Die aufgewühlte Stimmung setzt sich bis zum abrupten Ende des Satzes fort.

Dieses Werk kündigte Spohrs Rückkehr zu Kammermusikwerken mit reiner Streicherbesetzung an, die sich in seinen letzten Lebensjahren vollzog. Es sollten noch sechs Streichquartette folgen, darunter auch zwei, die niemals veröffentlicht wurden, ein Quintett, das Streichsextett sowie das vierte Doppelquartett. Die beiden letzten Werke fanden als meisterhafte Werke Anerkennung, aber auch den anderen Werken wurde großes Interesse entgegengebracht. Zwar wurden sie mitunter, auch von zeitgenössischen Kommentatoren, vorschnell als Werke abgelehnt, die nur blasse Imitationen früherer Werke seien. Doch auch ihr konservativer Kompositionsstil offenbart einen Reichtum an ungekünsteltem Gefühl und sogar einige progressive Eigenschaften.

Chris Tutt © 1994

Schriftführer der Spohr Society of Great Britain

Deutsche Fassung: Peter Noelke


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