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8.555994 - LUTOSLAWSKI, W.: 20 Polish Christmas Carols / Lacrimosa / 5 Songs (Polish Radio Choir, Polish National Radio Symphony, Wit)
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Witold Lutoslawski (1913–1994)
Zwanzig polnische Weinachtslieder • Lacrimosa • Fünf Lieder

Nimmt man das Jahr 1954, in dem Witold Lutos1awski sein Konzert für Orchester [Naxos 8.553779] beendete und mit der Arbeit an seiner Musique funèbre [8.553202] begann, als die Mitte seines Schaffens, dann beläuft sich die Zahl der danach folgenden Vokalwerke auf nicht mehr als vier große Stücke: Aus den Sechzigern sind das die Trois poèmes d’Henri Michaux [8.553779] und der Liederzyklus Paroles tissées [8.553423]; aus den Siebzigern die ‘Scena’ Les espaces du sommeil [8.553423]; und aus den Achtzigern der Liederzyklus Chantefleurs et Chantefables [8.554283]. Vor 1954 hatte die Vokalmusik in Lutos1awskis schöpferischer Tätigkeit einen großen Raum einge-nommen, wobei der größere Teil in den zehn Jahren seit 1945 entstanden war, in dem die polnischen Machthaber rasch die sozialistischrealistischen Kulturrichtlinien einführten und der Komponist Schwierigkeiten hatte, die Entwicklung fortzusetzen, die seine Orchesterwerke und Kammer- musiken hatten erkennen lassen.

Damals entstanden rund ein Dutzend Kollektionen vokaler Musik. Rückblickend betrachtet, sind von diesen die bei weitem gehaltvollsten und attraktivsten Werke die Zwanzig Polnischen Weihnachtslieder, die Lutos1awski 1946 zusammenstellte. Ursprünglich waren sie für Solostimme und Klavier eingerichtet, und in dieser Gestalt wurde ein Teil von ihnen im Januar 1947 in Krakau von der Sopranistin Aniela Szleminska und dem Pianisten Jan Hoffman uraufgeführt. Beinahe vier Jahrzehnte später nahm sich der Komponist erneut der Lieder an – als er deren siebzehn für Sopran, Frauenchor und Kammerorchester arrangierte, um sie am 15. Dezember 1985 in London von Marie Slorach sowie der London Sinfonietta and Chorus aufführen zu lassen. Etwa vier Jahre später richtete er auch die noch fehlenden Lieder für diese Besetzung ein, und der gesamte Zyklus war erstmals am 14. Dezember 1990 mit Susan Hamilton, den Scottish Philharmonic Singers und dem Scottish Chamber Orchestra in Edinburgh zu hören. Damals wurden die Lieder in einer englischen Übersetzung des Musikwissenschaftlers und Lutos1awski-Spezialisten Charles Bodman-Rae ge-sungen, wohingegen in der vorliegenden Aufnahme die vom Komponisten ausgewählten polnischen Original-texte verwendet wurden.

Die Texte und Melodien der Zwanzig polnischen Weihnachtslieder entstammen drei Kollektionen von Spiewnik kóscielny, die Pater Michal Mioduszewski in den Jahren 1838, 1842 und 1853 zusammengestellt hatte; weitere Quellen waren Mioduszewskis Pastoralki i koledy z melodyjami von 1843 sowie Oskar Kolbergs Lubelskie von 1883 und Leczyckie von 1889 (sämtliche sechs Publikationen erlebten in Krakau ihre Erstveröffentlichung). Die Lieder können einzeln, in Auswahl oder als vollständiger Zyklus aufgeführt werden – wobei sich im letzteren Fall eine ebenso gehaltvolle wie abwechslungsreiche Folge ergibt.

Der Zyklus beginnt mit Engel kamen zu den Hirten in einer einfachen und doch eloquenten Vertonung für Chor. Es folgt das kurze Hei! Jetzt freuen wir uns, in dem auf lebhafte Weise das Läuten von Glocken beschworen wird. Danach wechseln Sopran und Chor in dem zarten Wenn Christus für uns geboren ist miteinander ab. Der leicht trippelnde Rhythmus des Just nach Mitternacht ist für die folkloristisch inspirierte Musik, die Lutos1awski seinerzeit komponierte, ebenso typisch wie die pikante modale Harmonik des Satzes Gott ist geboren, in dem es wieder zu wirkungsvollen Kontrasten zwischen Chorund Solo-Einsätzen kommt.

Der nachdenkliche Rhythmus des Liedes Unsere liebreiche Frau wird von einer entsprechenden, feierlich kontemplativen Stimmung getragen, derweil sich das Flugs nach Bethlehem in dem gehörigen flinken Tempo bewegt. Nicht zuletzt die Wellenbewegung des In einem Stall macht das Stück zu einem der attraktivsten Sätze der Sammlung; zugleich ist es eine komplementäre Ergänzung des sinnend-ruhigen Liedes Dort liegt Jesus. Darauf markiert Wir sind Hirten mit seiner lebhafteren Atmosphäre die Mitte des Zyklus.

An Schlafe ein, Jesus ist besonders der delikate Harfensatz zu bemerken, während bei Hei, an diesem Tag die geschäftige Streicherbegleitung auffällt. Die dezente Sinnlichkeit von Jesus, liebliche Blume, des längsten Liedes der Sammlung, wird durch Klavier und Xylophon verstärkt, die zu ätherischen Harmonien der Streicher spielen. Eine gewisse Ausgelassenheit ist im nachfolgenden Heja, heja, ihr Hirten seid da zu beobachten, indessen das bittersüße Gefühl in Was ist mit diesem Kind zu tun? durch die klagende Fagottstimme noch hervorgehoben wird. Das Lied Hei, hei, liebliche Jungfrau Maria erhält durch die Molltonart einen auffallend traurigen Zug, worauf sich die Stimmung in dem lebhaften Satz des Das ist der Geburtstag unsres Herrn mit seinem läutenden Schlagzeug vernehmlich aufhellt. Ein gewisser Zweifel prägt den Titel Hirten, könnt ihr sagen?, und eine verzückte Eloquenz charakterisiert die Musik des nachfolgenden Satzes Kind so winzig. Der Zyklus findet dann einen zarten, wenn auch nicht unbedingt heiteren Ausklang in Heilige Jungfrau Maria, dessen doppeldeutiger Ausdruck vielleicht von dem Text inspiriert wurde, in dem von jemandem die Rede ist, der ‘die Welt durchwandert’ hat.

Das Lacrimosa für Sopran, gemischten Chor ad libitum und Orchester ist eine von zwei Kompositionen nach der katholischen Totenmesse, die Lutos1awski 1937 komponierte (die zweite, Requiem aeternam, wurde beim Warschauer Aufstand 1944 zerstört). Lutos1awski reichte die Partitur für das Kompositions-diplom ein, das er im Entstehungsjahr des Werkes erhielt. Das 1938 in Warschau uraufgeführte Stück ist nach der Klaviersonate von 1934 die älteste seiner erhaltenen Kompositionen. Lutos1awski hat sie später in etlichen Konzerten aufgeführt, die er dirigierte. Lacrimosa beginnt mit dem Solosopran, dessen klagender Ton von Streichern und Holzbläsern begleitet wird; die Musik erreicht einen kurzen Höhepunkt, bevor Solostimme und Chor das Stück zu seiner leidenschaftlichen, knappen Kulmination führen. Das Orchester erinnert dann in zarten Tönen an die Eingangsmelodie, worauf eine vokale Kadenz den Abschluss bildet.

Die Fünf Lieder von 1957 nach den Rymy Dzieciece (Kinderreimen) der in Litauen geborenen Dichterin Kazimiera Illakowicz (1892-1983) zeigen Elemente des radikaleren Idioms, das Lutos1awski zu entwickeln begonnen hatte, als es nach Stalins Tod in Osteuropa zu einem kulturellen Tauwetter kam. Am 25. November 1959 sang Krystyna Szostek-Radkowa in Kattowitz erstmals die Fassung mit Klavierbegleitung. Zu diesem Zeitpunkt lag auch schon ein Arrangement für ‘dreißig Solo-Instrumente’ vor, das am 12. Februar 1960 – wiederum in Kattowitz – seine Premiere erlebte. Aufgrund der Ausspracheprobleme hielten sich die außerpolnischen Aufführungen in Grenzen – eine Tatsache, der Lutos1awski bei seinen folgenden Vokalwerken dadurch begegnete, dass er sich französischsprachigen Autoren zuwandte.

Das Meer entfaltet sich vor einem delikaten, impressionistischen Hintergrund, den das Gemurmel von Harfe und Klavier und die geteilten Streicher erzeugen, deren Textur sich allmählich zu harmonischer Dichte auffächert, strukturell und dynamisch aber auch weiterhin gedämpft bleibt. Ein plötzlicher Kontrast entsteht in Der Wind, dessen rhetorische Vokallinie von einem gegen Ende fragmentierten Kontrapunkt aus Streicherclustern und tanzenden Klavierakkorden verstärkt wird. Streicherflageoletts liefern das ätherische Ambiente für die leblose Natur des Winters, das den ruhigen Mittelpunkt des Zyklus bildet. Das nach-folgende Lied Ritter ist gekennzeichnet durch schreitende Klavierfiguren und perkussive Spritzer, die sich schließlich in träumerischer Ungewissheit verlieren. Im Schluss-Stück, Kirchenglocken, wird ein fernes und doch hartnäckiges Läuten der hohen Streicher allmählich durch den Einsatz von Klavier und Gongs intensiviert. Letztere klingen weiter, nachdem die Solistin ihren Part beendet hat; auf diese Weise findet die markante, dezent geschlossene Liedergruppe ihr gedankenvolles, ja unheilverkündendes Ende.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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