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8.555997 - Piano Recital: Antti Siirala
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Klaviertranskriptionen nach Werken von Schubert

Klaviertranskriptionen nach Werken von Schubert

Franz Liszt (1811-1886) · Leopold Godowsky (1870-1938)

Ferruccio Busoni (1866-1924) · Sergej Prokofjew (1891-1953)

Einer der größten Musiker seiner Zeit, der polnisch-amerikanische Pianist Leopold Godowsky, wurde 1870 in Litauen geboren. Bereits im Alter von drei Jahren machte er mit einer außergewöhnlichen Musikalität auf sich aufmerksam und bereits vier Jahre später schrieb er seine ersten Kompositionen. 1879 trat er zum ersten Mal öffentlich als Pianist auf. Es folgte eine Reihe von Konzerten in Deutschland und Polen, und 1884 fand in Boston sein USA-Debüt statt. In der Hoffnung, sein Studium bei Franz Liszt fortsetzen zu können, kehrte er 1886 nach Europa zurück. Als er jedoch aus der Zeitung von dessen Tod erfuhr, ging er nach Paris, um sich dort bei Camille Saint-Saëns weiter zu bilden, der nicht nur als Komponist, sondern auch als Pianist einen hervorragenden Ruf genoss. Saint-Saëns war von dem jungen Godowsky beeindruckt und wollte ihn sogar adoptieren, was Godowsky jedoch ablehnte. Dennoch kam es zu einer dreijährigen erfolgreichen Zusammenarbeit; durch das Studium bei Saint-Saëns kam Godowsky in Kontakt mit führenden Persönlichkeiten des Musiklebens. 1890 kehrte er nach Amerika zurück, wo er seine pianistische Karriere fortsetzte und als Lehrer tätig wurde. Zehn Jahre später ließ er sich in Berlin nieder, von wo ihn seine Konzertreisen durch ganz Europa und Vorderasien führten. 1909 verlegte er seinen Wohnsitz nach Wien und gab dort Meisterklassen an der Akademie der Tonkunst. Zwischen 1912 und 1914 ging er auf Amerika-Tournee, bevor er sich beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs endgültig in den USA niederließ, wo er Konzerte gab und seine innovativen klaviertechnischen Theorien in einer Reihe von Editionen und Schriften publizierte. Daneben widmete er sich seiner schöpferischen Tätigkeit als Klavierkomponist. 1922 gab er sein letztes Konzert in den Vereinigten Staaten, trat aber andernorts weiterhin als Pianist auf, anerkannt als einer der führenden Virtuosen seiner Zeit. Ein 1930 erlittener Schlaganfall bedeutete das Ende seiner pianistischen Karriere, doch bis zu seinem Tod im Jahre 1938 entstanden weitere Kompositionen und Klaviertranskriptionen. Traditionsgemäß gehörten zu Godowskys Repertoire Transkriptionen von Werken aus unterschiedlichen Genres. Gute Nacht ist die Transkription des ersten Lieds aus Schuberts Winterreise, in dem bereits der düstere Ton des gesamten Zyklus vorgebildet ist, als der Protagonist in die Nacht hinausgeht und seine Liebste zurücklässt. Das Lied erklingt zunächst in schlichtem Gestus, bevor es mit dem Hinzutreten weiterer Elemente entwickelt wird, ohne jedoch die vorherrschende Stimmung zu verlassen. Morgengruß, diffenzierter ausgearbeitet, stammt aus Schuberts früherem Liedzyklus Die schöne Müllerin. Der junge Müllerbursche bringt seiner Liebsten einen schüchternen Gruss, der jedoch von ihr nicht erwidert wird. Das letzte in dieser Einspielung vorgestellte Stück von Godowsky ist eher eine eigene Komposition: eine auf den ersten acht Takten der Unvollendeten Sinfonie basierende Passacaglia. Das aus Anlass von Schuberts einhundertstem Geburtstag 1928 entstandene Werk besteht aus 44 Variationen, einer Kadenz und einer Fuge. Es stellt hohe Anforderungen an die technischen Fähigkeiten des Interpreten.

Franz Liszt, geboren 1811 im ungarischen Raiding, nahm in Wien bei Carl Czerny Klavierstunden, bevor er das Pariser Publikum mit seinem Spiel begeisterte und zu einer Reihe von Konzerttourneen aufbrach. 1830 hörte er den großen Violinisten Paganini und begann dessen hochvirtuose Technik auf das Klavier

zu übertragen. Zu den in den folgenden

Jahren entstandenen Kompositionen gehören Liedtranskriptionen und Opernparaphrasen, Stücke, die zum Reisegepäck eines jeden Virtuosen gehörten. Nach rastlosen Reisejahren ließ sich Liszt 1948 in Weimar nieder, wo er sein Hauptaugenmerk auf die Komposition einer neuen Form der Orchestermusik, der Sinfonischen Dichtung, zu richten begann. Daneben beschäftigte er sich wie immer mit der Revision und Veröffentlichung seiner früheren Werke. In diese Periode fiel das Ende seiner Zeit als reisender Virtuose, obwohl er dadurch nichts von seiner phänomenalen Technik einbüßte. Die Jahre ab 1881 verbrachte er in Rom, wo er seinen religiösen Interessen nachging, in Weimar, wo er einer jüngeren Musikergeneration mit Rat und Tat zur Seite stand, und in Pest, das ihn als Nationalheld feierte. Liszt starb 1886 in Bayreuth. Zu seinen hier eingespielten Transkriptionen von Schubert-Liedern gehört der fast zum Volkslied gewordene Lindenbaum, Kindern nicht weniger bekannt als dem Helden von Thomas Manns Zauberberg. In Liszts Bearbeitung gewinnt dieses nostalgische Lied an Komplexität. Es ist eins von insgesamt zwölf 1838 aus der Winterreise transkribierten Liedern, zu denen auch Der stürmische Morgen und Im Dorfe gehören, wobei ersteres den Rahmen für das zweite bildet. Auf den Sturm folgt die Nachdenklichkeit des einsamen Wanderers, der aus der Distanz das schlafende Dorf betrachtet, bevor das Unwetter erneut mit voller Kraft hereinbricht. Im Erlkönig, einem der berühmtesten Schubert-Lieder, fängt Liszt das ganze Grauen des gespenstischen Nachtritts ein: die Angst des Kindes, die Hast des Vaters und die Versprechungen des mysteriösen Erlkönigs.

Ferruccio Busoni wurde 1866 in Empoli bei Florenz als einziges Kind des Klarinettenvirtuosen Ferdinando Busoni und der Pianistin Anna Weiß-Busoni geboren, die einen deutschen Vater hatte. Busonis frühe Karriere als phänomenal begabter Musiker führte ihn nach Wien, wo er sich dank

seines pianistischen, kompositorischen und improvisatorischen Talents rasch einen Namen machte. Hier hörte er Liszt, dem er selbst vorspielte, begegnete Brahms und Anton Rubinstein und freundete sich mit Karl Goldmark an. Brahms empfahl ihn an Carl Reinecke in Leipzig, wo er sich 1886 niederließ. Von dort ging er nach Helsinki und unterwies am dortigen Konservatorium eine neue Generation finnischer Musiker. Mit Konzerttourneen, u.a. in Amerika, setzte er seine Karriere als Pianist fort, bevor 1894 Berlin zu seiner neuen Heimat wurde. Hier blieb er, unterbrochen während des Weltkriegs nur durch eine kurze Periode in der Schweiz, bis zu seinem Tod im Jahr 1924. Busoni setzte sich besonders für die Musik von Franz Liszt ein und machte sich in den von ihm geleiteten Konzerten zu einem Anwalt der zeitgenössischen Musik. Seine Transkriptionen (hauptsächlich von Bachschen Werken), in denen er die von Liszt begründete Tradition fortsetzte, sind interpretatorisch freie Nachschöpfungen der Vorlagen, auf denen sie basieren. Erst heute erreichen sie wieder ein größeres Publikum. Seine eindrucksvolle, sich eher deutsch als italienisch gebende Transkription von Schuberts 1817 entstandener Ouvertüre D-Dur stammt aus dem Jahr 1889.

Sergej Prokofjew, 1891 in der Ukraine geboren, ging 1904 ans Petersburger Konservatorium, wo er bis 1914 als Pianist und Komponist ausgebildet wurde. Bereits als Student tat sich Prokofjew mit seinen kompositorischen Arbeiten hervor, wobei er gleichermaßen für Begeisterung und Widerspruch sorgte. Nach der Revolution erhielt er die Erlaubnis, im Ausland aufzutreten und ging zunächst nach Amerika, bevor er sich 1920 in Paris niederließ. 1936 kehrte er schließlich in die Sowjetunion zurück, wo er als Moskauer Bürger die ersten staatlich gelenkten Eingriffe in das Musikleben am eigenen Leib zu spüren bekam, als er, wie Schostakowitsch es formuliert haben soll, „wie das Huhn in die Suppe fiel". Zwölf Jahre später, nach den schwierigen Kriegsjahren, wurde seine Musik wie auch die von Schostakowitsch und anderen Komponisten vollends zur Zielscheibe staatlicher Kritik. Er starb 1953 am selben Tag wie Josef Stalin, so dass es ihm nicht mehr vergönnt war, die danach einsetzende teilweise Entspannung im Verhältnis zwischen Politik und Kunst noch mitzuerleben. Prokofjews Transkription von Schuberts Walzern für Klavier entstand 1920 in Amerika; 1925 folgte eine freiere Bearbeitung dieser Stücke für zwei Klaviere, und zwar für einen Ballettmusikauftrag von Boris Romanow. In Amerika interessierten sich die Konzertveranstalter mehr für den Pianisten als den Komponisten Prokofjew und sahen in den Walzertranskriptionen eine willkommene Bereicherung eines ansonsten konventionellen Klavierrepertoires.

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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