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8.555998 - BARTOK, B.: Piano Music, Vol. 4 (Jando) - For Children
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Béla Bartók (1881-1945)
Klaviermusik, Folge 4

Der ungarische Komponist Béla Bartók wurde am 25. März 1881 in Nagyszentmiklós (Groß-Sankt-Nikolaus) im Komitat Torontál geboren, das heute zu Rumänien gehört. Sein Vater war Direktor einer Landwirtschaftsschule und ein tüchtiger Amateurmusiker, seine Mutter, eine diplomierte Lehrerin, gab ihm die ersten Klavierstunden. Dem Tode des Vaters im Jahre 1888 folgte ein weniger gemächliches Leben, da die Mutter ihren alten Beruf wieder aufnahm und 1894 schließlich nach Pressburg, in die heutige slowakische Hauptstadt Bratislava also, versetzt wurde. Hier verbrachte Béla Bartók seine frühen Jugendjahre, und hier lernt er als einen seiner Mitschüler Ernö Dohnányi kennen. Obwohl er die Möglichkeit hatte, in Wien zu studieren, entschied sich Bartók wie sein späterer Kollege für Budapest, wo er sich als Pianist einen bedeutenden Namen machte und seit 1907 als Lehrer an der Musikakademie wirkte. Wie sein Landsmann Zoltán Kodály entwickelte er damals ein tiefes Interesse für die Volksmusik seiner Heimat und der Nachbarländer; seine Forschungsarbeit erstreckte sich später sogar bis nach Anatolien, wo er mit dem türkischen Komponisten Adnan Saygun zusammenarbeitete.

Kompositorische Anerkennung fand Bartók wesentlich schwerer – vor allem in seinem eigenen Land, das sich politischen Problemen gegenübersah, seit die linksgerichtete Nachkriegsregierung von Béla Kun nach kurzer Zeit durch das reaktionäre Regime von Admiral Horthy abgelöst wurde. Inzwischen gewann er im Ausland an Ansehen, namentlich in den Kreisen der Neuen Musik. Aufgrund seiner pianistischen und kompositorischen Erfolge, aber auch aus Unzufriedenheit mit Horthys zunehmende Annäherung an Nazi-Deutschland, emigrierte Bartók 1940 schließlich in die USA.

In seinen letzten Lebensjahren unterrichtete er zunächst für kurze Zeit an der Columbia University und in Harvard. Bald aber verschlechterte sich sein gesundheitlicher Zustand, und so geriet er in eine finanzielle Notlage, an der für den Exilanten in der Kriegszeit nichts zu ändern war. Er starb am 26. September 1945 in ärmlichen Verhältnissen. Bei seinem Tode hinterließ er die Skizzen zu einem neuen Bratschenkonzert sowie das beinahe vollendete dritte Klavierkonzert. So schwer die amerikanischen Jahre auch gewesen waren, sie hatten doch eine Reihe bedeutender Werke hervorgebracht, darunter das im Auftrag der Koussevitzky-Stiftung entstandene Konzert für Orchester und die Sonate für Solovioline für Yehudi Menuhin.

Bevor die Familie Bartók nach Bratislava ging, hatte Béla verschiedene Lehrer gehabt. Nach dem Umzug war er dann zunächst Schüler von László Erkel, dem Sohn des bekannten ungarischen Opernkomponisten Ferenc Erkel, geworden. Nach dessen Tod im Jahre 1896 kam er zu Anton Hyrtl. Beide Lehrer vermittelten ihm die Kenntnis des Klavierrepertoires und der traditionellen Kompositionstechniken. In Budapest erhielt er Klavierunterricht bei dem Liszt- Schüler István Thomán, und der Traditionalist Hans Koessler unterwies ihn im Fach Komposition. Spätestens zu Beginn der neunziger Jahre hatte Bartók die ersten Werke für Klavier geschrieben. Diese blieben unveröffentlicht, und er hätte sich das wohl auch für seine 1904 im Druck erschienenen Négy Zongoradarab (Vier Klavierstücke) gewünscht. Bis zu seiner Emigration im Jahre 1940 entstanden weitere Klavierwerke, teils zum Konzertgebrauch, teils zu Unterrichtszwecken, wobei die umfangreiche Sammlung Mikrokosmos alle Schwierigkeitsstufen vom Anfänger bis zum reifen Musiker berücksichtigt.

Gyermekeknek (Für Kinder) entstand in den Jahren 1908/09, enthielt zunächst 85 auf vier Bände verteilte Stücke nach ungarischen und slowakischen Volksweisen. Einige dieser Sätze überarbeitete Bartók während der dreißiger Jahre, und 1943 nahm er eine abschließende Revision vor, für die er 13 neue Stücke komponierte und den Gesamtinhalt auf 79 Titel reduzierte. Diese erschienen 1947 in einer zweibändigen Ausgabe, deren Druckfahnen der Komponist ein Jahr vor seinem Tode noch hatte korrigieren können.

„Kleine Stücke für Anfänger“ hat Bartók diese Kompositionen genannt, in denen keine Oktavgriffe verlangt werden. Sie reflektieren ganz unmittelbar Bartóks Interesse an der ungarischen und auch an der slowakischen Folklore. Die Melodien bewegen sich in verschiedenen Modi und werden nie in die traditionelle Zwangsjacke akademischer Harmonien gepresst; ihre Begleitungen sind vielmehr so schlicht, dass der ursprüngliche Charakter der Musik nicht verloren geht. Wie der Mikrokosmos und die Vierundvierzig Duos für zwei Violinen bieten diese Stücke einen viel umfassenderen Blick auf die Musik als das einst und vielleicht noch immer übliche Unterrichtsmaterial, das ganz und gar auf Skalen und Harmonien von Dur und Moll beschränkt ist.

Bei seiner Volksmusikforschung hatte Bartók bald entdeckt, dass traditionelle Lieder und Tänze sehr oft eine besondere gesellschaftliche Aufgabe erfüllten. Das spiegelt sich in einigen Titeln aus der Sammlung Für Kinder. Der erste Band ist zwar nicht streng progressiv, enthält aber dennoch zunehmend kompliziertere Tonartbezeichnungen und Rhythmen. Wie im Mikrokosmos gibt es entsprechend Bartóks späterer Arbeitsweise Metronombezeichnungen und Dauerangaben, wobei man herausgefunden hat, dass einige davon nicht genau miteinander korrespondieren. Einige Stücke wie etwa die Nummern 13, 14 und 15 [Track 5] enden mit der Anweisung attacca (ad lib.), was dem Aufführenden die Möglichkeit gibt, sie zu kleinen Gruppen zu verbinden. Wo nötig, benutzt Bartók Taktwechsel, um die Flexibilität der jeweiligen Melodien zu gewährleisten: So verwendet er in Nr. 20 sowohl Dreiachtel- als auch Zweiachteltakte. Ferner gibt es viele für die ungarische Musik charakteristische Abwärtsintervalle und synkopierte Phrasenschlüsse. Am Ende des ersten Bandes steht der Tanz des Schweinehirten mit seiner weitgehend ostinaten Begleitung, dessen Schlusstakte in der Ferne verklingen.

Der zweite Band der revidierten Edition bedient sich slowakischer Volksweisen. Die Nr. 5 besteht aus drei Variationen, ferner gibt es als Nr. 29 einen Kánon. Die Rapszódia (Nr. 36-37) mit ihren beiden kontrastierenden Abschnitten enthält einige Takte mit fünf vorgezeichneten Kreuzchen. Andere Tonarten sind weniger anspruchsvoll (im ersten Band gibt es allerdings zwei Stücke mit vier Bs). Junge Musiker sehen sich in der Rhapsodie außerdem der Schwierigkeit gegenüber, verschiedene – allerdings arpeggierte – Akkorde spielen zu müssen, die eine Oktavspanne verlangen, bevor sie auf zwei Hände aufgeteilt werden. In der Nr. 33 werden sogar arpeggierte Dezimakkorde verlangt. Ansonsten finden wir erwartungsgemäß synkopierte Rhythmen, unterschiedliche Modi und Stimmungen sowie Begleitungen und Arrangements, die die interessanten Aspekte der Melodik herausstreichen, ohne deren wahren Charakter zu verbergen. Der Band endet mit Sirató ének (Beweinung) und einem abschließenden Halotti ének (Totengesang), der – wie der Tanz am Ende des ersten Bandes – in einem äußerst zarten Schluss verklingt.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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