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8.557004 - TANGO GOES SYMPHONY
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Tango Sinfonisch

Tango Sinfonisch

Ein bekanntes Lied aus den 1950er Jahren, brillant vorgetragen von Hermione Gingold und Gilbert Harding, lud uns aufmunternd dazu ein: „To do the Tango ... the dance of love" (Den Tango zu tanzen

... den Tanz der Liebe). Der Tango hat seit jeher das Image, ein Tanz mit unverhohlen sexuellem Charakter zu sein, und hier lag tatsächlich auch sein Ursprung. Kultiviert in den Slums und zunächst abgelehnt von der Oberschicht Argentiniens, haben sowohl die Zeit als auch der Wandel des Geschmacks den Tango verändert, um die Anerkennung der früheren Gegner zu gewinnen.

Der Ursprung des Wortes Tango bleibt umstritten. Der argentinische Schriftsteller Eros Nicola Siri vermutet mit einiger Wahrscheinlichkeit, dass es aus dem Afrikanischen abgeleitet sei, von tangano, einem Negertanz, der im 18. Jahrhundert von Sklaven, die auf den Plantagen in Kuba und Haiti arbeiteten, nach Mittel- und Südamerika verpflanzt wurde. Ein anderer Dichter leitet Tango von dem spanischen Wort taño ab, (von tañer — ein Instrument spielen). Doch was auch der Ursprung des Wortes sein mag, alle Autoritäten stimmen darin übein, dass um 1850 kubanische Tangos und Habaneras in ganz Lateinamerika bereits allgemeine Verbreitung gefunden hatten. Und schon bald wurde der Tango der berühmteste unter allen argentinischen städtischen Tänzen.

Der moderne Tango entwickelte sich vermutlich in den ärmeren Hafenbezirken von Buenos Aires, wo sich nach 1870 zahlreiche europäische Einwanderer niedergelassen hatten. Sie brachten Musik aus ihrem eigenen Kulturkreis mit, die mit bestimmten Gaucho Traditionen kombiniert und homogenisiert wurde. Das Ergebnis war das, was Bücher der Vorkriegszeit über Gesellschaftstanz „den argentinischen Tango" nannten. Der früheste Tango war allerdings ein aggressiver, fast gewalttätiger Tanz, der angeblich Messerkämpfe und Handlungen sexueller Natur nachahmen sollte und im Allgemeinen von Violine, Flöte und Gitarre begleitet wurde. Immer öfter wurde jedoch im Tango die Gitarre durch das Akkordeon ersetzt, und schon bald führte die große Popularität in Argentinien zur Gründung größerer Gruppen, die sich der Aufführung des Tangos widmeten. Von diesen Komponisten-Bandleadern galt Vicente Greco (1889-1924) als der erste, der das typische Tango-Ensemble standarisierte und bereits 1911 Schallplattenaufnahmen machte.

Der Tango fand in ganz Europa Verbreitung. In die Pariser Gesellschaft wurde er von Camille de Rhynal eingeführt, einem Tanzlehrer, der 1907 die schroffen Kanten und eckigen Bewegungen des Originals abrundete, das hierzulande immer als zu grob für den Ballsaal angesehen wurde. In London tanzten George Grossmith und Phyllis Dare den Tango 1923 in The Sunshine Girl im Gaiety Theatre und die Show-Tänzer Vernon und Irene Castle machten ihn ab 1923 in den Vereinigten Staaten populär. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs war der Tango überall in Mode und hatte in den 1920ern in Großbritannien seinen Höhepunkt erreicht. Der Rückgang des Interesses am Gesellschaftstanz in den 1950ern bedeutete unvermeidlich, dass der Tango in Europa und den USA an Popularität einbüßte. In Argentinien konnte er jedoch seine Position als National-Tanz behaupten und behielt seine bedeutende Rolle in der Gunst der Komponisten des Landes.

Die vorliegende CD stellt vierzehn Tango-Arrangements des slowakischen Komponisten und Pianisten Peter Breiner vor. Der erste Tango, El choclo, ein klassischer Tango von Angel Villoldo, wurde 1952 als Song mit dem Titel Kiss of Fire bekannt. Er wurde sowohl in den Vereinigten Staaten durch Georgia Gibbs ein Hit, wie auch in Großbritannien durch die Respekt einflößende Anne Shelton ein Bestseller. Das Piano stellt zunächst die Melodie vor, darauf folgen die Flöte und dann das Akkordeon. Über einem Swing-Rhythmus spielen Streicher und Piano im Wechsel, während die Flöte einen exquisiten Kontrapunkt hinzufügt. Eine witzige Anspielung an den Barbier von Sevilla geht der abschließenden Wiederholung der Melodie voraus und belegt die verblüffende Ähnlichkeit zwischen den beiden Themen.

Mit einer Solokadenz für Flöte beginnt das Arrangement von La cumparsita, sicherlich einer der populärsten Tangos der Welt. 1917 von Gerado Rodriguez komponiert, erlangte er durch die 1930 entstandene Schallplattenaufnahme von Tito Shipa große Berühmtheit. In dem vorliegenden Arrangement spielt die Flöte eine Reihe von Variationen über die Melodie, bevor der letzte Chorus einige herrliche Trompeten-Improvisationen einführt.

Von Peter Breiner selbst stammt die wunderbar ruhige Nummer Miss Mendacity, die einen empfindsamen Mittelteil für Akkordeon enthält, auf den ein wunderschöner Schluss in den Streichern folgt. Wie bei vielen Tangos steht auch dieser in einer Moll-Tonart. Im Gegensatz dazu — und seinen Titel Lügen strafend — ist Nostalgico ein recht energiegeladener Tango, nostalgisch vielleicht in jener Zeit, in der der Tango noch einen weitaus wilderen Charakter hatte.

Für viele Kenner war Astor Piazzolla (1921-1992) der Tango-Meister des 20. Jahrhunderts. Daher ist es nur recht, dass nicht weniger als drei seiner Tangos hier enthalten sind. Piazzolla studierte Komposition bei Nadia Boulanger (1887-1979) in Paris. Sie gab ihm jedoch den Rat, einfach seinem Instinkt zu folgen, weil sie die Originalität seines einzigartigen Stils erkannt hatte. Adios, Nonino wurde ursprünglich für Gitarre solo komponiert, verleugnet hier aber seinen Ursprung mit einem farbigeren Arrangement, das Trompete und Klavier hervorhebt. Oblivion (1984) auf der anderen Seite war für Oboe und Orchester instrumentiert. Hier beweist Sefika Kutluer, dass die Melodien, die für Oboe vorgesehen waren, auch wunderbar auf der Flöte gespielt werden können. In der Tat fällt auf dem ganzen Album ihr reicher runder Klang besonders ins Ohr. Der dritte Tango von Piazzolla, Lo que vendra (1957), entstand zunächst als Klavierstück. In diesem Arrangement gibt es einen deutlich vom Jazz inspirierten Abschnitt für Klavier, Bass und Schlagzeug, während Streicher sanft die Harmonien im Hintergrund spielen. Die Flöte bringt den Tanz dann zu einem ruhigen Abschluss.

La Milonga y yo ist vor allem aufgrund des geraden Rhythmus bemerkenswert, der im Mittelteil des Stückes erklingt, während die Trompete die Melodie mit einigen wundervollen Verzierungen ausschmückt. Lagrimas y sonrisas ist ein ungewöhnlicher Tango, der sanft beginnt, wie vor Tagesanbruch, bevor er zu einem Dreiertakt übergeht und sich als ein sehr schwermütiger Tango-Walzer zu erkennen gibt. Nach einer Einleitung für Klavier spielt die Flöte eine Melodie, und der Tango-Rhythmus entfaltet seinen Zauber in So In Love, einer der verführerischsten Melodien aus Cole Porters (1891-1964) Musical Kiss Me, Kate aus dem Jahr 1948.

1926 schrieb der in Dänemark geborene Jacob Gade (1879-1963) Jealousy, einen der erfolgreichsten Tangos aller Zeiten. Er wurde berühmt durch eine Schallplattenaufnahme, die Artur Fiedler auf eigenen Wunsch bei der ersten Session mit dem Boston Pops Orchestra 1935 gemacht hatte. Daraufhin wurde der Tango im Mai 1938 in den USA ein bekannter Hit; Fiedlers Schallplattenaufnahme war das erste RCA Red Seal Album mit einem Stück für Unterhaltungsorchester, das sich eine Million Mal verkaufte. Im vorliegenden Arrangement führt die Soloflöte eine Variation der ursprünglichen Introduktion ein, bevor das Orchester einsetzt, um die Flöte im ersten Thema zu begleiten. Die verschiedenen Abschnitte des Chorus werden abwechselnd von Posaune und Flöte gespielt, bevor ein Echo auf das erste Thema dieses originelle Arrangement beendet.

Im Gegensatz zu den beiden vorangegangenen Stücken ist Orlando Goni eine weitaus einfachere und aufrichtigere Version mit einem sehr optimistischen Charakter. Darauf folgen die schimmernden Streicher von Nobleza de Arrabal, einem Tango von Francisco Canaro, der seit den 1920er Jahren in Buenos Aires ein weltberühmtes Orchester leitete, vielleicht das berühmteste dieser argentinischen Ensembles. Der abschließende Tango Melancolico ist alles andere als melancholisch, obwohl er mit einem Zitat aus J. S. Bachs Toccata und Fuge d-Moll beginnt, das dann geschickt zu dem eigentlichen Tango überleitet. Die Streicher führen zu einer kurzen Fuge, die dann kurz von der Flöte unterbrochen wird, obwohl die Streicher bald zurückkehren. Alle Instrumente pausieren bei einem melancholisches Klaviersolo, dann setzen die Streicher wieder ein, und die Flöte beendet den Tango. Alles wird schließlich in der sanften Dämmerung des letzten Chorus versöhnt, mit dem Peter Breiners kunstvolle Arrangements dieser wundervollen Melodien enden — und damit ein Tango-Album für das 21. Jahrhundert.

Guy W. Rowland

Deutsche Fassung: Peter Noelke


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