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8.557008 - ZEMLINSKY, A.: Symphonies Nos. 1 and 2 (Rajter, Seipensbusch)
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Alexander von Zemlinsky (1871-1942)

Alexander von Zemlinsky (1871-1942)

Sinfonie Nr. 1 d-Moll • Sinfonie Nr. 2 B-Dur

Der österreichische Komponist und Dirigent Alexander von Zemlinsky wurde 1871 in Wien geboren. Sein künstlerischer Ruf wurde einerseits von seinem älteren Zeitgenossen Gustav Mahler, andererseits von den einflussreichen und vieldiskutierten Leistungen beeinträchtigt, die sein Schwager Arnold Schönberg zusammen mit Alban Berg und Anton Webern vollbrachten. In Zemlinsky fand die Tradition der Wiener Klassik ihre Fortsetzung, wobei er trotz des Einflusses von Richard Wagner nie Gefahr lief, sich von der Tonalität abzuwenden. In gewissem Maße repräsentierte er jene Generation Wiener Komponisten, die die vermeintlich auseinanderstrebenden Tendenzen von Brahms und Mahler miteinander zu verbinden wussten.

Seine Ausbildung hatte Alexander von Zemlinsky am Wiener Konservatorium erfahren — unter anderem bei dem Kompositionslehrer Johann Nepomuk Fuchs, der seinerseits ein Schüler jenes Simon Sechter gewesen war, bei dem Franz Schubert einige Stunden erhalten und der überdies Anton Bruckner unterwiesen hatte. (Bruckner gehörte wiederum zu Zemlinskys Lehrern.)

1895 lernte Zemlinsky in dem Amateurorchester „Polyhymnia" den jungen Arnold Schönberg kennen, dem er als ausgezeichneter Handwerker Kontrapunkt-unterricht erteilen und hinsichtlich seiner frühen Kompositionen wertvolle Hilfestellungen geben konnte. Einige Zeit übte er einen großen Einfluss auf Schönberg und die jüngeren Wiener Komponisten aus. Unter seinen Schülern war auch Alma Schindler, die spätere Frau von Gustav Mahler, der 1897 das Amt des Wiener Hofoperndirektors übernahm. Fräulein Schindler war die Tochter eines hervorragenden Malers und die Stieftochter von Karl Moll, dem Gründer der Wiener Sezession. Eine frühe Liebelei verband sie mit Gustav Klimt; als sie dann ihr Hauptaugenmerk von der Malerei auf die Musik richtete, entwickelte sie eine seltsame Zuneigung zu Zemlinsky, den sie nicht nur als einen erstaunlich hässlichen, zahn- und kinnlosen Mann, sondern auch als sehr ungepflegt beschrieb. Zemlinsky andererseits soll von seiner Schülerin außerordentlich angetan gewesen sein.

Bei einer Abendgesellschaft begegnete Alma ihrem späteren Ehemann Gustav Mahler zum ersten Mal. Dabei drehte sich die Unterhaltung um das Thema männlicher Schönheit. Mahler führte Sokrates als Beispiel an, einen Mann, dessen unschönes Äußeres der Überlieferung nach durch die Schönheit seiner Seele verwandelt wurde. Alma hingegen führte Zemlinsky an, dessen Geist ihn trotz seiner körperlichen Hässlichkeit schön erscheinen ließe. Ein Streit entzündete sich an Zemlinskys neuem Ballett namens Der Triumph der Zeit, dessen Inszenierung an der Wiener Hofoper sich Mahler bis dahin widersetzt hatte. Die hitzige Debatte führte schließlich dazu, dass Mahler versprach, mit Zemlinsky über die Angelegenheit sprechen zu wollen — und am Ende waren Mahler und Alma verheiratet.

Gustav Mahler hat Alban Berg einmal geraten, nicht ans Theater zu gehen, wenn er Komponist werden wolle. Dieser Rat resultierte aus seiner eigenen Erfahrung. Zemlinskys Karriere spielte sich hauptsächlich in der Oper ab. 1899 wurde er Kapellmeister am Wiener Carl-Theater, später dirigierte er auch an der Volksoper, wo er von 1906 bis 1911 als Kapellmeister tätig war — mit Ausnahme des Jahres 1908, als ihn Mahler als Kapellmeister an die Hofoper berief. Von 1911 bis 1927 war er Dirigent am Deutschen Landestheater in Prag, wo er Schönbergs Schüler Webern, Jalowitz und Karl Horowitz beschäftigte. Danach folgte eine Anstellung an der Berliner Kroll-Oper, der Otto Klemperer vorstand. Außerdem setzte Zemlinsky seine in Prag begonnene Lehrtätigkeit an der Berliner Musikhochschule fort. Nach Hitlers Machtergreifung 1933 floh Zemlinsky nach Wien, und nach dem Anschluss im Jahre 1938 übersiedelte er zunächst nach Prag und dann in die USA, wo er 1942 starb.

Als Arnold Schönberg Zemlinskys Schwester Mathilde heiratete, wurde die Beziehung der beiden Komponisten zueinander noch inniger. Sie führte unter anderem zu Zemlinskys Oper Sarema, an deren Libretto Schönberg mitarbeitete. Viel hatten die beiden Männer Gustav Mahler zu verdanken, der sie auf ganz praktische Weise ermutigte: Er war es, der 1900 Zemlinskys zweite Oper Es war einmal an der Hofoper herausbrachte und auch das folgende Bühnenwerk, Der Traumgörge, zur Aufführung annahm. Im Laufe der nächsten Jahre schrieb Zemlinksy unter anderem zwei Opern nach Oscar Wilde, Eine Florentinische Tragödie und Der Zwerg nach der Erzählung Der Geburtstag der Infantin.

Neben diesen und weiteren Bühnenwerken verfasste Alexander von Zemlinsky Lieder und Kammermusik sowie vier Sinfonien, deren letzte, die Lyrische Sinfonie von 1923, auf Texte des Literaturnobelpreisträgers Rabindranath Tagore geschrieben ist. Als Zeichen seiner Wertschätzung und Zuneigung zitierte Alban Berg Elemente des Werkes in seiner Lyrischen Suite.

Seine Erste Sinfonie, ein überaus gekonntes, zeittypisches Stück, komponierte Zemlinsky 1892, mithin gegen Ende seiner Studien bei Fuchs. Damals waren bereits die Ersten Sinfonien von Gustav Mahler sowie das Tongedicht Tod und Verklärung von Richard Strauss aufgeführt worden; Brahms hatte gerade sein Klarinettentrio und sein Klarinettenquintett für Mühlfeld geschrieben, und Bruckner war dabei, seine Achte Sinfonie zu revidieren.

Zemlinskys Sinfonie ist Teil der großen klassischen Wiener Tradition. Es fehlt ihr die offensichtliche Ironie eines Strauss und die umfassende Originalität eines Mahler, doch sie bietet ein vorzügliches Beispiel für die Sinfonik des späten 19. Jahrhunderts. Ihrem teils grandiosen, teils geheimnisvollen Kopfsatz folgt ein lebhaftes, glänzend instrumentiertes Scherzo nebst kontrastierendem Trio. Der dritte und letzte Satz mit der Bezeichnung Sehr innig und breit beginnt gesanglich-introvertiert und bringt Augenblicke von beträchtlicher Schönheit, während er seinem nachdenklichen Schluss entgegenstrebt.

1897 wurde die Oper Sarema uraufgeführt. Im selben Jahr vollendete Zemlinsky seine Zweite Sinfonie, die vom Publikum positiv aufgenommen wurde. Das Werk beginnt mit einem an Wagner erinnernden, uneingeschränkt grandiosen Satz. Es folgt ein dramatisches Scherzo und als Kontrast ein romantisches Trio. Der langsame Satz (Adagio) hat etwas von der Eindringlichkeit Mahlers, die sich hier allerdings in einen glücklichen Schluss auflöst. Die geheimnisvolle Diktion des Schlusssatzes fährt zunächst in diese heitere Gelassenheit, um dann aber ohne Konflikte zu enden.

1896 war Anton Bruckner gestorben. Ein Jahr später verschied Johannes Brahms. Zur jüngeren Komponistengeneration gehörte Richard Strauss, der sie alle überleben sollte; er hatte bereits eine Reihe sinfonischer Dichtungen vollendet, während Hugo Wolf, seinem letzten Wahnsinnsausbruch nahe, mit Mahler über die Verdienste der Oper Der Dämon von Anton Rubinstein gestritten und sich selbst zum Direktor der Wiener Oper ernannt hatte. Alexander von Zemlinsky lebte in diesem Wien, das den Hintergrund seiner B-Dur-Sinfonie bildete.

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Cris Posslac


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