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8.557013 - TISHCHENKO, B.I.: Symphony No. 7 (Moscow Philharmonic, Yablonsky)
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Boris Iwanowitsch Tischtschenko (geb.1939): Sinfonie Nr. 7


Der russische Komponist Boris Iwanowitsch Tischtschenko, oft als direkter Schostakowitsch-Nachfolger bezeichnet, wurde am 23. März 1939 in Leningrad geboren. Nach Studien bei Galina Ustwolskaja und am Leningrader Konservatorium setzte er seine Ausbildung zwischen 1962 und 1965 bei Schostakowitsch fort. Seit 1965 unterrichtet Tischtschenko, der auch als Pianist solistisch und in Kammermusiksensembles tätig ist, am heutigen St. Petersburger Konservatorium, an dem er 1986 zum Professor berufen wurde.

Mit einem Werkkatalog von ca. 130 Werken in allen Hauptgattungen gehört Tischtschenko zu den vielseitigsten Komponisten seiner Zeit. In seiner musikalischen Sprache spielen Volks- und Ethnomusik eine Rolle, ebenso wie das Erbe von so unterschiedlichen Komponisten wie Monteverdi und Mahler – wobei all diese Elemente in seinem Werk zu einem Idiom verschmelzen, welches in seiner undogmatischen Herangehensweise an tonales Denken bereits in der frühen Karriere des Komponisten die Anerkennung Schostakowitschs fand. Evident ist dieser Stil besonders in der Dritten Sinfonie (1966) – die Schostakowitsch aufgrund ihres „emotionalen Reichtums, der gedanklichen Stringenz und der strukturellen Logik“ hervorhob – sowie im Ersten Violoncellokonzert, geschrieben 1963 für Rostropowitsch und 1969 von Schostakowitsch für konventionellere Besetzung bearbeitet. Dieser einfühlungsame Stil erreichte seinen Höhepunkt in der Vierten und Fünften Sinfonie, entstanden 1975 unmittelbar vor und nach Schostakowitschs Tod. Hier bedient sich der Komponist einer ausgesprochen ‚öffentlichen’ Sinfonik mit beeindruckend groß-formatigen Mitteln.

Nach diesen Werken beschäftigte sich Tischtschenko zunehmend mit Soloinstrumental- und Kammermusik; so entstanden nicht weniger als zehn Klaviersonaten und fünf Streichquartette. Hinzu kamen Chorkompositionen. Erst 1994 kehrte er mit der Siebenten Sinfonie zur sinfonischen Gattung zurück. Das Werk besteht aus fünf Sätzen, einem verhaltenen langsamen Satz, der von zwei Sätzen eingerahmt wird, die man als Scherzo und Intermezzo bezeichnen könnte, und die ihrerseits von zwei gewichtigen Ecksätzen eingerahmt werden. Letztere sind in freier Form gestaltet  – vergleichbar etwa Schostakowitschs späten Sinfonien und Streichquartetten.

Der erste Satz der Sinfonie beginnt mit einem Themenfragment für gestopfte Trompete, alternierend mit einer Klarinette über Pizzicato-Streichern, bevor die Violinen einen wehmütigen Gedanken introduzieren. Diese beiden Themen erklingen in unterschiedlichen Kombinationen, bevor das Klarinettenthema in tiefere Streicher und Pauken absteigt, über denen sich in Streichern und Fagotten ein zögerlicher Dialog entspinnt. Violinen und hohe Holzbläser treten hinzu, danach auch die Blechbläser, wobei die Stimmung einen lebhafteren Charakter annimmt, der sich zunächst in einem lebendigen Tanz und sodann in einem kraftvollen, von Posaunenglissandi beherrschten Fugato äußert. Danach setzt sich der tänzerische Duktus erneut durch, kulminierend in einem kurzen, auf dem sehnsüchtigen Violinthema basierenden Höhepunkt. Ein Rückgriff auf den Beginn beschließt diesen Satz.

Der zweite Satz beginnt signalartig im Blech; es folgt ein energischer Tanz, dem Klavier und Xylophon unerwartete, charakteristische Akzente verleihen. Das musikalische Geschehen steigert sich zu einer wilden Klimax, in der der Tanz von Pauken und Tamtam nachgerade zerlegt wird. Danach fährt der Satz in einer Art gezwungener Fröhlichkeit fort und erreicht eine von intensiver Streicherpolyphonie charakterisierte Passage, bevor er seinen Initialfokus zurückgewinnt. Eine emporjagende Figur im Klavier beendet abrupt den Satz.

Eine klagende, von der Bratsche begleitete Oboenmelodie, sanft kontrastiert von einer gestopften Posaune, eröffnet den dritten Satz. Hohe Holzbläser finden sich zu schrillen Dissonanzen zusammen, danach zu einer Reihe von wiederholten Gesten in Verbindung mit Trompeten und Hörnern. Im tiefen Fagottregister kehrt die Anfangsmelodie zurück; ihr schließen sich weitere Holzbläser in einem von zunehmend dissonanter Polyphonie bestimmten Abschnitt an. Im tiefen Holzbläsersatz kehrt die Hauptidee zurück und beschließt den Satz in ernster Stimmung.

Ein anmutiges Violinthema bildet das Hauptelement des vierten Satzes. Es wird trocken von Holz- und Blechbläsern kommentiert, die ihrerseits als Kontrast ein choralartiges Motiv vorstellen, das durch bizarre Bläserglissandi auffällt. Schließlich kehrt in einem gedämpften Streicherfugato das Beginnthema zurück, wobei das Geschehen an Lebhaftigkeit gewinnt, wenn die Holzbläser das Choralmotiv zitieren und die sordinierten Streicher einen Höhepunkt erzwingen, der sich jedoch in fragmentarische Erinnerungen an das Eröffnungsthema auflöst.

Über pulsierenden Tamtam-Klängen beginnt der fünfte Satz mit einem lebhaften, zwischen Piccoloflöte und Violinen alternierenden Thema, das von anderen Holzblasinstrumenten übernommen wird und zu einem weiteren mehrstimmig dissonanten Abschnitt führt. Streicher und Holzbläser führen nun einen resoluteren Gedanken ein, der in die tiefen Orchesterinstrumente absteigt, bevor er in ein längeres Fugato über das Hauptthema mündet. Auf seinem Höhepunkt wird dieser resolute Gedanke noch einmal herausgehämmert und von Blechbläsern und Streichern energisch kommentiert. Das Hauptthema tritt nun ins Zentrum einer lebhaften Auseinandersetzung zwischen Streichern und Holzbläsern, jedoch bei zunehmend durchsichtigerer Struktur, bevor der Satz in einer Pause der Besinnung einzuhalten scheint. An dieser Stelle bricht das Hauptthema im vollen Orchestersatz erneut hervor und führt die Sinfonie zu einem kraftvollen, aber kaum definitiven Schluss.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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