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8.557015 - SILVER: Piano Concerto / Six Preludes
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Sheila Silver

Sheila Silver

Klavierkonzert • Six préludes pour piano, d’après poèmes de Baudelaire

Sheila Silver ist eine wichtige und lebendige Stimme in der amerikanischen Musik der Gegenwart. Ihr Werkkatalog umfasst ein weites Spektrum an Genres, von Soloinstrumentalstücken bis zu großen Orchesterwerken, von Opern bis zu Filmpartituren. Ihre Musiksprache ist eine einzigartige Synthese aus Tonalität und Atonalität, verbunden mit einer rhythmischen Komplexität, die von zwingender Überzeugungskraft ist. Immer wieder wird ihre Musik von Publikum und Fachkritik als kraftvoll, emotionsgeladen, zugänglich und erfindungsreich gepriesen.

            Geboren 1946 in Seattle im Bundesstaat Washington, erhielt Sheila Silver im Alter von fünf Jahren Klavierunterricht. Nach ihrem Studium an der University of California, das sie mit dem Bachelor of Arts abschloss, erhielt sie den George Ladd Prix de Paris, der ihr einen zweijährigen Studienaufenthalt in Europa ermöglichte. Dort waren Erhard Karkoschka in Stuttgart und György Ligeti in Berlin und Hamburg ihre Lehrer. Weitere Studien in Amerika an der Brandeis University bei Arthur Berger, Harold Shapero und Seymour Shifrin schloss sie 1976 mit dem Doktortitel ab. Sie erhielt zahlreiche Kompositionsaufträge, und ihre Werke werden von Sinfonieorchestern, Kammermusiksensembles und Solisten in den Vereinigten Staaten und Europa aufgeführt. Zu ihren Auszeichnungen gehören ein Fellowship des Radcliffe Institute (1978), der Rom-Preis (1979) und der American Academy and Institute of Arts and Letters Composer Award (1986). Zweimal gewann sie den nationalen Kompositionswettbewerb der ISCM; weitere Auszeichnungen und Aufträge erhielt sie von der Rockefeller Foundation, der Camargo-Foundation, von MacDowell Colony, vom New York State Council of the Arts, der Barlow Foundation, der Paul Fromm Foundation, dem National Endowment for the Arts und dem Cary Trust. Sheila Silvers abendfüllende Oper The Thief of Love, von der New York City Opera im Jahre 2000 in der Reihe Showcasing American Composers vorgestellt, erlebte ihre vollständige Bühnenpremiere bei der Stony Brook Opera Company im März 2001. Zusammen mit dem Filmproduzenten John Feldman arbeitet sie an der Serie MusicVisions, einzigartigen „klassischen Musikvideos” für ein oder zwei Instrumente, Video und Tonband zusammen. Als Musikprofessorin lehrt sie an der State University of New York, Stony Brook. Ihre Kompositionen werden von MMB Music and Studio 4 Productions verlegt und erscheinen auf verschiedenen Schallplattenlabels.

            Sheila Silvers Klavierkonzert, geschrieben für großes Orchester und Klavier, entstand zwischen 1993 und 1996 auf Anregung von Alexander Paley. Die von einem Konsortium von vier Orchestern (American Composers’ Orchestra, Richmond Symphony, Annapolis Symphony Orchestra, Illinois Symphony Orchestra) in Auftrag gegebene Komposition wurde vom Barlow Endowment for Music Composition gefördert. Nach der Welturaufführung im März 1997 in New Yorks Carnegie Hall mit dem American Composers’ Orchestra unter Paul Dunkel gab es stehende Ovationen. Auch die zweite Aufführung (Richmond Symphony unter George Manahan) erhielt enthusiastischen Beifall.

            Über ihr Klavierkonzert schreibt Sheila Silver:

„Das als Sinfonie mit Klaviersolo konzipierte Klavierkonzert behandelt das Thema Kampf und Transzendenz. Jeder der drei Sätze enthält unterschiedliches Material, aber die gesangliche Melodie in den Streichern, mit der das Konzert beginnt, dient als Leitmotiv, das an verschiedenen Stellen des Stücks erscheint. Das Bild des ersten Satzes ist das eines jungen Mannes, der auf der Suche nach seinem Schicksal in einer Mischung aus Furcht und Mut, Überheblichkeit und Naivität in die Welt hinaus marschiert. Der Satz schließt mit einer Marschmelodie: Der Protagonist flieht voller Hoffnung und Entschlossenheit in eine bessere Welt. Der zweite Satz evoziert die Intimität eines Gebets und ein Bild des ‚Gebrochenseins und Weinens’.. Fragmente des in ABA-Form strukturierten Satzes erklingen im mittleren Abschnitt. Der dritte Satz beginnt mit einem rezitativartigen Dialog zwischen Klavier und Orchester: ‚Herr des Universums’, fragt der Mann, ‚Was tust du mir an? Was geschieht mit mir? Wohin führt mich mein Weg?’ Danach beginnt der ‚Tanz des Lebens’, eine Melodie in der Tradition des chassidischen nigun. Beginnend als schlichte Melodie in der rechten Hand des Klaviers über der gesanglichen Musik des Beginns, steigert sich das Geschehen zu einem wilden Tanz des gesamten Orchesters.“

 

            Die Six préludes pour piano, d’aprés poèmes de Baudelaire entstanden 1990 während Silvers Aufenthalt als composer-in-residence der Camargo-Stiftung im französischen Cassis, einem bezaubernden, unterhalb des großartigen Cap Canaille gelegenen Fischerdorfs. Hier begann ihre fruchtbare Zusammenarbeit mit Alexander Paley. Die Préludes waren ein Auftragswerk für das Eröffnungskonzert der Kunstausstellung „Baudelaire: The Poet and His Painters (Heckscher Museum, Huntingdon, New York, Oktober 1993).

            Sheila Silver schreibt über die Préludes:

            „Das erste Prélude, La mer à Cassis, ist von Baudelaires Gedicht La musique inspiriert, in dem der Dichter das Hören von Musik mit einem Segelboot vergleicht, das der Wind – mal sanft, mal stürmisch – über das Meer treibt.

            Das zweite Prélude, La pendule, ist eine Vertonung des Gedichts Rêve parisienne, in dem der Dichter seinen Traum von einer glänzenden, surrealistischen Stadt aus Marmor, Metall und Kristall beschreibt. Als die Uhr Mittag schlägt, erwacht er aus seinem Traum, schaut sich in seiner ärmlichen Mansardenbehausung um und denkt desillusioniert über sein Leben nach. Das Prélude beginnt mit optimistischer Musik, unterbrochenen von den Akkorden, die die Schläge der Uhr symbolisieren. Die Musik zwischen den Akkorden nimmt nach und nach einen anderen Charakter an, während der Dichter aus seinem illusorischen Traum in die erbärmliche Wirklichkeit seines Daseins zurückkehrt.

            Das dritte Prélude, La descente vers l’enfer, entstand nach dem Gedicht L’irrémédiable. In ihm beschreibt der Dichter den von Kobolden und anderen Kreaturen begleiteten Abstieg in die Hölle entlang einer langen Wendeltreppe. Am Ende steht das ‚Gericht’.

            Das vierte Prélude, Dans le forêt, demi-brulé, verdankt seinen Titel meinen häufigen Wanderungen durch einen am Mittelmeer gelegenen Pinienwald, der gerade von einem schrecklichen Feuer verwüstet worden war. Ganz allmählich bedeckte nach Wochen wieder ein zarter grüner Teppich den Waldboden und brachte die ersten wilden Blüten hervor. Baudelaires Gedicht Bohémiens en voyage beschreibt ein ähnliches Bild: La tribu prophétique auf dem Weg durch die Wüste. Zunächst erscheint alles öde, als das Volk sich mit gebeugten Häuptern seinen Weg bahnt, aber schließlich sehen die Menschen,  wie Wasserströme von Felsen herab fließen, sie hören das Zwitschern der Vögel und sehen wie durch ein Wunder Blumen blühen.

            Das fünfte Prélude, Là, tout n’est qu’ordre et beauté, luxe, calme, et volupté, ist der Refrain des Gedichts L’invitation au voyage: es ist der Traum des Dichters, an einen exotischen Ort der Glückseligkeit und Vollendung zu fliehen. Die Eröffnungsmelodie des Prélude ist eine wörtliche Vertonung des Verses und evoziert die Schlichtheit und Ruhe der dichterischen Phantasie.

            Das letzte Prélude, Vers le paradis de mes rêves, entstand nach dem Gedicht Le vin des amants, das den Leser einlädt, seinen Kummer im Wein zu ertränken, auf dem Musenross himmelwärts zu steigen und alle Sorgen hinter sich zu lassen.

Laura Kaminsky

 

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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