About this Recording
8.557034 - CATAN: Rappaccini's Daughter (Highlights) / Obsidian Butterfly
English  French  German  Spanish 

Daniel Catán (geb.1949): Rappaccinis Tochter • Schmetterling aus Obsidian
Musik und Poesie

 

Schon nach einmaligem Lesen war ich davon überzeugt, dass Octavio Paz’ Rapaccinis Tochter einen schönen Opernstoff lieferte. Die Erfahrung der flüchtigen, zerbrechlichen und doch unendlichen Liebe, in der Leben und Tod sich verflechten, um sich gegenseitig ihre Geheimnisse zu offenbaren; der einzige Augenblick, in dem die Zeit stehenbleibt und menschlichen Wesen ein Vorgeschmack der Unsterblichkeit gewährt wird: Das ist es, was ich bei Paz hörte und was mich unwiderstehlich anzog. Bald erkannte ich außerdem, dass die dichterische Idee nichts anderes war als die ureigene Essenz der Musik. Das Gehör ist der intimste Sinn, und musikalische Formen kommen der Natur der Sehnsucht und des Verlangens am nächsten.

Ich bin Erbe einer überreichen Operntradition. Voller Stolz kann ich sagen, dass man in meinem Werk all das entdecken kann, was ich den Komponisten von Monteverdi bis Alban Berg schuldig bin. Vor allem dürfte ich ihnen die Einsicht verdanken, dass die Originalität einer Oper nicht darin bestehen muss, die Tradition abzulehnen (was ja bedeutete, blindlings den Zustand eines Waisenkindes anzunehmen). Die gründliche Assimilation ist es, aus der eine wirklich enge Beziehung zwischen Text und Musik entsteht.

Wenn man die Dinge auf diese Weise betrachtet, dann ist Oper ohne Frage eine Kunstform, die es verdient hätte, dass Doktor Rappaccini sie erfunden hätte. Es ist nicht genug, Melodien zu schreiben, die zu den textlichen Phrasen passen. Die Musik einer Oper muß, will sie erfolgreich sein, die poetische Idee des Textes erfassen und diese mit ihren eigenen Mitteln ausdrücken können - und musikalische Formen sind, da sie sich in der Zeit entfalten, besonders dazu angetan, die Evolution eines Charakters oder einer dichterischen Idee zu verfolgen. Das ist die wahre Herausforderung, und genau darauf habe ich all mein Streben und mein Geschick gerichtet.

Sechs Jahre habe ich an dieser Oper gearbeitet. Die Komposition führte mich für anderthalb Jahre nach Japan und Indonesien und für ein weiteres Jahr nach Europa. Es waren Jahre einer reichen musikalischen Tätigkeit und tiefer kritischer Revision im Angesichte musikalischer Traditionen, die so ganz anders als die unsrigen sind. Während der ganzen Zeit hielt ich einen intensiven, leidenschaftlichen Monolog mit Octavio Paz und seinem Werk aufrecht. Ich diskutierte jede Szene, jedes Wort; ich sang jede Silbe. Es ist mir eine große Ehre, ihm und seinem Werk diese Oper als bescheidene Hommage zu überreichen, als ein Zeugnis dafür, wie sehr und wie lange mich sein Schaffen schon genährt hat.

Manche Gedichte tragen Musik in sich. Obsidian Butterfly (Schmetterling aus Obsidian) gehört dazu. Eine Göttin spricht durch feurige Bilder zu uns. Sie erinnert an eine längst vergangene Zeit, eine Idylle, in der Zeit noch ungebrochen und fortlaufend erlebt wurde. Sie beschreibt die zerborstene, kantige, nervöse, dissonante Gegenwart. Dann spricht sie von der Zukunft, und wenn sie das tut, flüstert sie uns ins Ohr. Jede Zeit ruft eine eigene Musik hervor. Musik ist ja schließlich der Klang, den die Zeit hinterlässt, während sie vergeht.

Der interessanteste Aspekt des Gedichts ist jedoch, dass man die extremen Welten, die die Göttin beschreibt, schließlich nicht als zusammenhanglose Gegensätze, sondern als Teil einer komplexen organischen Einheit sieht. Der Übergang von der Tragödie zur Sinnlichkeit etwa ist eine Transformation, keine Verdrängung. Neues Leben entsteht aus der Wunde. Doch wie in der Tragödie immer ein Saatkorn enthalten ist, das neues Leben gebiert, so enthält das neue Leben eine Wunde, die zum Tode führt. Die Worte Muere en mis Labios / Nace en mis ojos (Stirb in meinen Lippen! Erhebe dich von meinen Augen) bilden eine erschreckende Einheit. Die Vision der Welt, die Paz in diesem Gedicht aufzeigt, hat mich während der Komposition am meisten inspiriert; es ist auch das Konzept, an dem ich besonders sorgfältig gearbeitet habe.

Daniel Catán

 

Octavio Paz

In den Werken von Octavio Paz entsteht das Theater aus dem leidenschaftlichen Experimentieren mit den Möglichkeiten der Poesie - aus einer Leidenschaft also, die den roten Faden seines Lebens bildete. Der am 31. März 1914 geborene Künstler erbte mit seinen Zeitgenossen mindestens drei Jahrzehnte internationaler Avantgarde, mithin drei Jahrzehnte intensiver künstlerischer Experimente. Mit seinen frühen literarischen Zeitschriften wollte Paz unter anderem in Mexiko einige der wichtigsten Vertreter der Avantgarde bekannt machen. Ende 1943 verließ er seine Heimat, um zunächst für zwei Jahre in den USA zu leben, bevor er nach Frankreich ging. Insgesamt verbrachte er beinahe zehn Jahre im Ausland. Sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Frankreich lernte er neue Formen der Dichtung kennen, und in Paris kam er überdies in Kontakt mit dem Surrealismus, der auffallendsten künstlerischen Strömung des 20. Jahrhunderts.

Allmählich durchzog eine dramatische Ader alle Gattungen, mit denen er sich befasste. Seine Essays wurden kraftvoller, als sich in seinen Entwürfen und Ideen eine gewisse dramatische Ausrichtung zu manifestieren begann - ganz so, als seien sie Charaktere. Ähnlich hatte das Nietzsche in seiner Geburt der Tragödie beschrieben, einem Buch, das Octavio Paz nach seinen eigenen Worten nachhaltig beeinflusst hat. Auch in seinen Gedichten ist das Dramatische immer gegenwärtig.

Als 1956 das Experiment der Gruppe Poesía en Voz Alta begann, für das Rappaccinis Tochter geschrieben wurde, da lebte Paz erst seit drei Jahren wieder in Mexiko. Er war 42 Jahre alt und hatte sechs bzw. fünf Jahre vorher Das Labyrinth der Einsamkeit und Adler oder Sonne herausgebracht, und er war dabei, den Essay Bogen und Leier zu veröffentlichen. Alle drei Bücher wurden Klassiker der mexikanischen Literatur.

Rappacinis Tochter entstand, nachdem Paz aus Frankreich zurückgekehrt war, wo er einen intensiven Kontakt zu den Surrealisten gepflegt hatte. Sein eigener Surrealismus befasst sich allerdings eher mit dem Verstehen tieferer Wahrheiten und weniger mit dem automatischen Schreiben. Er interessierte sich mehr für rituelle denn mechanische oder theoretische Elemente.

Tatsächlich ist das Schauspiel weithin rituell, ein Dialog mit dem Werk von Leonora Carrington - und zwar weniger mit ihrem literarischen Schaffen als mit ihren Bildern. Die Schriftstellerin Carrington ist leicht und geistsprühend, die Malerin Carrington hingegen steckt voller Geheimnisse und Rituale. Rappacinis Tochter wurde im September 1956 erstmals in der Revista mexicana de literatura veröffentlicht - zusammen mit einem Werk von Leonora Carrington, die die Bühnenbilder der Uraufführung entwarf und der das Stück gewidmet ist.

Octavio Paz erhielt für seine Arbeit zahlreiche internationale Preise. 1990 wurde er mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, und eigentümlicher-weise sprechen die letzten Sätze aus Rappaccinis Tochter von derselben Suche nach der Gegenwart wie Octavia Paz bei seiner Dankesrede. Ein Zufall war das freilich nicht, denn der Dichter hat sich ein Leben lang mit dieser Frage beschäftigt: "Poesie liebt den Augenblick und will ihn im Gedicht wiedererstehen lassen. Sie löst ihn aus dem zeitlichen Nacheinander und verwandelt ihn in eine fixierte Gegenwart ... Jedes Treffen ist eine Flucht. Wir umfassen es, und sofort entflieht es: Es war nur Luft. Ein Augenblick, dieser Vogel, der überall und nirgends ist. Wir wollen ihn lebend erhaschen, doch er breitet seine Schwingen aus und verschwindet, verwandelt in eine Handvoll Silben.

Wir bleiben mit leeren Händen zurück. Doch dann beginnen sich die Türen der Wahrnehmung zu öffnen, und es erscheint die andere Zeit, die wahre, die eine, die wir suchen, unwissentlich: das Präsenz, ein Präsent".

Alberto Ruy Sánchez

 

Daniel Catán

Daniel Catán wurde 1949 in Mexico City geboren. Er studierte Philosophie an der Universität von Sussex und Musik an der University of Southampton. Anschließend besuchte er die Universität von Princeton, wo er zum Dr. phil. in Komposition und Theorie promovierte. Seine Lehrer waren Milton Babbitt, James K. Randall und Benjamin Boretz.

Die Arbeit an Rappaccinis Tochter führte Daniel Catán nach Japan. Hier studierte er die traditionelle japanische Kunstmusik und ganz besonders jenen Bereich, in dem sich Musik und Schauspiel miteinander verbinden. Neben seinen kompositorischen und pädagogischen Aktivitäten ist Catán auch ein fruchtbarer Schriftsteller. Er hat viele Artikel über Musik und Kunst in den bekanntesten Literatur-journalen von Mexico veröffentlicht. Seine unlängst veröffentlichte Partitura inacabada enthält verschiedene Essays über Musik und benachbarte Gebiete.

Zu Catáns Werken gehören eine Cantata für Sopran, Chor und Kammerorchester auf einen Text des Heiligen Johannes vom Kreuz sowie El árbol de la vida und En un doblez del tiempo für Sinfonieorchester; ferner das Ballett Ausencia de flores, das zum 100. Geburtstag von José Clemente Orozco in Auftrag gegeben wurde; und Tierra final für Sopran und Orchester nach Worten von Jorge Ruiz Dueñas. Auf Texte von Octavio Paz entstanden Mariposa de obsidiana für Sopran, Chor und Orchester und schließlich die zweiaktige Oper Rappaccinis Tochter, die am 25. April 1991 im Palacio de Bellas Artes von Mexico City uraufgeführt wurde.

Nach dem Erfolg der US-Premiere von Rappaccinis Tochter (San Diego Opera 1994) fand Catán internationale Beachtung. Die Houston Grand Opera beauftragte ihn mit einem neuen, für die USA bislang einzigartigen Werk: Florencia en el Amazonas ist die erste Oper in spanischer Sprache, die im Auftrag eines US-amerikanischen Opernhauses geschrieben wurde. Der erfolgreichen Premiere an der Houston Grand Opera (1996) folgten Aufführungen in Los Angeles, Seattle und Mexico City. 1998 erhielt Catán den begehrten Plácido Domingo Award für seine Beiträge zum Opernrepertoire, und im Jahre 2000 wurde er mit einem Guggenheim Fellowship Award ausgezeichnet. Neben seinen Opern hat Daniel Catán auch sinfonische Werke und Musik für Film und Fernsehen geschrieben. Er lebt in Los Angeles, Kalifornien.

Deutsche Textfassungen: Cris Posslac


Close the window