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8.557037 - Faire is the Heaven: Hymns and Anthems
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Faire is the Heaven

Faire is the Heaven

Kirchenlieder und Anthems

 

Ort der Handlung ist eine großartige Kathedrale. Die Orgel dröhnt, der Chor verteilt sich langsam in seinen feierlichen Gewändern zu beiden Seiten der Kanzel. Es ist ein Bild, in dem die großen musikalischen Traditionen der anglikanischen Kirche gewissermaßen zusammengedrängt sind – und doch ist diese Tradition wie viele andere auch keineswegs so lang und ungebrochen wie man denken könnte. Samuel Sebastian Wesley, der auf dem vorliegenden Album mit einem eigenen Lied vertreten ist und nach den Worten eines Zeitgenossen „ein Mensch war, dem man mehr als jedem andern aus dem Wege gehen“ sollte, dieser Wesley also veröffentlichte in der Mitte des 19. Jahrhunderts einige Pamphlete, in denen er auf die Verbesserung der Kathedralmusik drängte. Selbst wenn man seinen galligen, stachligen Charakter berücksichtigt, musste man doch sehen, dass hier tatsächlich einiges im Argen lag.

 

In der viktorianischen Zeit übte das sogenannte Oxford Movement1 einen großen Einfluss auf die anglikanische Musik und andere gottesdienstliche Bereiche aus. Diese Bewegung war ausschlaggebend dafür, dass auch die Pfarrkirchen den feierlichen Chor, die Orgel und die damit einhergehenden Traditionen übernahmen. Einige der entsprechenden Gedanken fanden besonders durch die 1861 veröffentlichte Sammlung Hymns Ancient and Modern (Alte und neue Lieder) ihre Verbreitung. Mehr als alles andere sorgte dieses Gesangbuch dafür, dass die Verbindung bestimmter Melodien und Texte zum Allgemeingut wurde. Ein Musterbeispiel ist auf dieser CD zu hören – W. H. Monks Weise Eventide, die einfach nicht mehr von Abide with me zu trennen ist. Monk war einer der Herausgeber dieser Kollektion. Auch Scholefields Melodie St Clement für das Abendlied The day Thou gavest gehört zu dieser Tradition des 19. Jahrhunderts, während man in John Irelands Love Unknown erkennt, wie sich das frühe 20. Jahrhundert darum bemühte, neue Kirchenlieder zu schaffen, die besser zu den deutlich veränderten Zeitläufen passten.

 

Ob nun in Kathedralen oder Pfarrkirchen, stets hat der Chor vor allem die Aufgabe, den Gemeindegesang zu führen. Ein ganz natürlicher Impuls der Musiker war und ist es, die schönen, aber schlichten Weisen kunstvoller auszuführen. Eine ebenso einfache wie wirkungsvolle Methode, die die Gemeinde nicht verwirrt, ist die Hinzufügung eines descant. Der Begriff ist alt und bezeichnete ursprünglich eine Improvisationspraxis, meint heute aber zumeist eine hinzukomponierte Melodie, die von einem Teil des Chores gesungen wird, indessen alle anderen die ursprüngliche Weise beibehalten. Die descants, die auf der vorliegenden CD zu hören sind, stammen von Stephen Crisp und von dem Organisten Paul Halley.

 

Da der Chor immer deutlicher wahrzunehmen war, übernahm er in vielen Fällen innerhalb des Gottesdienstes eine prominentere Rolle. Schon das Book of Common Prayer hatte diese Möglichkeiten erkannt. Es gibt in dieser anglikanischen Standardliturgie ein Kapitel In Quires and Places where they sing, here followeth the Anthem (In Chören und Orten, wo diese singen, folgt hier das Anthem)2. Die ursprüngliche Absicht war ganz einfach, diese Praxis zuzulassen. Doch sie wurde mehr als ausdrücklicher Befehl aufgefasst, und so erlebte das Anthem durch die Vorbereitungsarbeit der Kathedralchöre seinen Aufschwung. Das Repertoire reicht von der einfach verzierten Liedmelodie bis zum festlichen Glanz solcher Werke wie Willans Gloria Deo oder Harris’ Doppelchor Faire is the Heaven. Die Kathedral- und College-Chöre dehnten diese musikalische Einrichtung auf die großen Gemeindegesänge des Morgen- und Abendgebets aus, die in kunstvollen Vertonungen für Chor allein dargestellt wurden. Zu dieser Kategorie gehören Howells Te Deum und Bryan Kellys Magnificat, die hier zu hören sind. Es handelt sich dabei tatsächlich um zusätzliche Anthems.

 

Wie die musikalische Praxis von den Kathedralen auf die Pfarrkirchen übergriff, zeigt besonders deutlich die Karriere des kanadischen Organisten und Komponisten Healey Willan. Er emigrierte 1913 von England nach Kanada und fand dort zunächst eine Anstellung an der anglikanischen Kirche von St. Paul’s in Toronto. 1921 ging er dann als Organist und Chorleiter an die bescheidenere Kirche St. Mary Magdalene. Hier entstand durch seine Arbeit während der nächsten vierzig Jahre ein einzigartiges musikalisch-liturgisches Umfeld. Wie ein Johann Sebastian Bach des 20. Jahrhunderts richtete er seine kompositorischen Fähigkeiten in erster Linie darauf, Musik zu seinem eigenen Gebrauch zu schreiben, und so brachte er eine große Zahl an liturgischen Werken, Anthems, Introiti, Liedern und Orgelwerken heraus. Die drei Motetten I Beheld Her, Fair in Face und Rise Up My Love werden oft als Gruppe zusammengefasst, was der Komponist allerdings zunächst so nicht beabsichtigt hatte. Die beiden ersten benutzen Responsorientexte aus dem Office of Our Lady; das dritte ist zwar ein österliches Stück, doch auch dieser Text aus dem Hohelied Salomonis eignet sich für jede Art von Marienfeier. In allen drei Sätzen erkennt man Willans lebenslanges Interesse am Gregorianischen Choral – namentlich in der rhythmischen Freiheit, die man oft in seiner Art der Melodik findet. Willan liebte die Herausforderung. Nach den Worten seines Biographen F. C. C. Clarke schrieb Willan die prachtvolle Motette Gloria Deo per immensa saecula, nachdem sich Drummond Wolff darüber beklagt hatte, dass niemand mehr echte fünfstimmige Chormusik schriebe. Das Ergebnis ist eine kontrapunktische tour de force, in dem sich das unbestrittene handwerkliche Können des Komponisten mit wirklicher Inspiration verbindet.

 

Mozarts Vertonung des Ave verum corpus hat einen Stammplatz im Repertoire der Kirchenchöre gefunden. Es entstand im letzten Lebensjahr des Komponisten, gehört also in dieselbe Zeit wie das Requiem und ist tatsächlich nach Ansicht einiger Wissenschaftler bereits ein Hinweis auf das große Fragment und auf eine neue musikalische Richtung, einen „transparenten und doch kompakten Stil“, den zu verwirklichen Mozart nicht mehr vergönnt war. Die Popularität des Werkes könnte uns, wie Alfred Einstein meinte, den Blick für die musikalische Meisterschaft der Komposition rauben. Den Text des Ave verum haben viele Komponisten gern vertont – so auch der Kanadier Imant Raminsh, dem eine besonders schöne Version gelungen ist, in der der Klang des Chores auf fantasievolle Weise benutzt wird und der einleitende Begrüßungsruf Ave immer wiederkehrt.

 

Wie sich ein einfaches Kirchenlied in ein Anthem verwandeln lässt, hören wir mustergültig in Paul Halleys Vertonung des Jesu, the very thought of Thee. Der bekannte Liedtext ist eine Übersetzung, die Edward Caswall nach dem lateinischen Original des Heiligen Bernhard von Clairvaux (12. Jh.) gemacht hat. Sie wird häufig zu Gordon Slaters Melodie St Botolph gesungen, die hier ohne alle Verzierungen in verschiedenen chorischen Texturen erklingt und von einem kunstvollen, bisweilen durchaus virtuosen Orgelpart begleitet wird. Durch die Vielgestaltigkeit der musikalischen Mittel bekommt jede einzelne Strophe eine eigene Note, wobei besonders die chromatischen Harmonien des unbegleiteten Chores in der vierten Strophe hervorstechen (But what to those who find?). Das Stück ist Noel Edison und den Elora Festival Singers gewidmet.

 

Mendelssohns Verleih uns Frieden gnädiglich entsprang zwar einem völlig anderen Geist, bedient sich aber auch einer strophenweise ausgearbeiteten Liedmelodie. Die Originalkomposition verlangt eine Orchesterbegleitung, außerdem gibt es eine ausgedehnte instrumentale Einleitung sowie kurze Zwischenspiele, die die Strophen miteinander verbinden. Die Melodie wird zunächst von den Bässen des Chores gesungen, dann in der zweiten Strophe von Alten und Bässen – und am Ende schließlich in einem voll ausgeführten vierstimmigen Satz. Dieser Abschluss ist Johann Sebastian Bach verpflichtet, an dessen Renaissance Mendelssohn zu Beginn des 19. Jahrhunderts einen großen Anteil hatte.

 

Die Werke der vorliegenden Produktion zeigen, dass die Komponisten ihre jeweiligen Texte aus den verschiedensten Quellen beziehen. Favorisiert werden unter anderem die Psalmen, und darunter besonders diejenigen, die musikalische Bilder enthalten. Ein bekanntes Beispiel dafür sind die ersten Verse des Psalms 81, aus denen Sydney Campbells eine Fülle an Möglichkeiten gewinnt. Man höre die Fanfaren des Chores bei make a cheerful noise oder auch die Nachahmung der merry harp. Und welcher Komponist könnte schon umhin, die wunderbar bildhafte Phrase Blow up the trumpet nicht wenigstens dreimal zu wiederholen?

 

Das doppelchörige Anthem Faire is the Heaven gilt als das beste Werk, das Harris geschrieben hat. Das Gedicht von Edmund Spenser bietet sich förmlich zur Vertonung an: Es beginnt bei der Ruhe des Himmels, in dem die Glückseligen ihren Platz haben (heaven, where happy soules have place) und zieht immer größere Kreise von den strahlenden Cherubim über die glühenden Seraphim, die aus ihrem Antlitz feuriges Licht schießen (which from their faces dart out fiery light) bis hin zu den Engeln und Erzengeln, und endlich sinkt man in Ehrfurcht vor dem Bild der unendlichen Vollkommenheit (image of such endlesse perfectnesse) in die Knie. Die bogenförmige Anlage des Textes spiegelt sich in Harris’ Komposition, in der die beiden vollständigen Chöre auf wunderbar bildhafte Weise mal in Echos einander antworten und dann wieder zu einem mächtigen Gesamtklang verschmelzen.

 

Howell fand seine erste berufliche Anstellung als Hilfsorganist an der Kathedrale von Salisbury. Aus gesundheitlichen Gründen musste er das Amt 1917 niederlegen, doch während des Zweiten Weltkriegs kam es zu einer neuerlichen Tätigkeit im Dienste der Kirche – und zwar als Stellvertreter des Organisten von St. John’s College, Cambridge. Das hier eingespielte Te Deum, eines der vielen geistlichen Werke aus seiner Feder und ein Lieblingsstück der Sänger, entstand allerdings für das King’s College, Cambridge. Darin nutzt Howell auf charakteristische Weise all die wechselnden Stimmungen des mächtigen Lobgesangs.

 

Das Te Deum gehört zu den Lobgesängen des Morning Prayer. Seine Entsprechung beim Abendgottesdienst ist das Magnificat. Der Text aus dem Lukas-Evangelium beschreibt, wie Maria auf die Verkündigung des Engels antwortete, sie werde die Mutter Christi sein. Es gibt darin viele musikalisch attraktive Bilder: He hath shewed strength with his arm: he hath scattered the proud, oder Abraham and his seed for ever. Bryan Kelly, ein Kompositionsschüler von Howell, kleidet den Text in eine lebhafte Musik, der er eine eigene Dimension verleiht, indem er rhythmische Anleihen bei der lateinamerikanischen Volksmusik macht. Heute ist diese Musik einfach spannend. 1965 dürfte sie einiges Befremden ausgelöst haben.

 

Traditionen kommen und gehen. Diejenige, die in der vorliegenden Aufnahme dargestellt wird, hat es in jüngster Zeit nicht überall leicht gehabt. Wie hätte wohl S.S. Wesley reagiert, wenn man ihm gesagt hätte, dass die Tradition anderthalb Jahrhunderte nach seinen Pamphleten ausgerechnet in St John’s, Elora, einer kleinen, ländlichen Kirche im Süden von Ontario, ein schönes Leben führen würde?

 

John Mayo

 

Deutsche Fassung: Cris Posslac

 

1) Oxford Movement: Eine Bewegung, die seit 1831 versuchte, katholische Glaubenssätze und Regeln in die Church of England einzuführen.

 

2) Anthem (von lat. Antiphona = Wechselgesang) bezeichnet im englischen Sprachgebrauch geistliche, liturgisch nicht gebundene Chorwerke, die zumeist Bibeltexte in der Landessprache benutzten und bei den Morgen- und Abendgottesdiensten der Anglikanischen Kirche gesungen wurden.


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