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8.557041 - BUXTEHUDE: Sacred Cantatas
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Dietrich Buxtehude (1637-1707)
Geistliche Kantaten

Bei seinem Tod am 9. Mai 1707 soll Dietrich Buxtehude ca. siebzig Jahre alt gewesen sein, demnach wurde er schätzungsweise 1637 geboren. Sein Vater, Johannes Buxtehude, war Organist an der Marienkirche in Helsingborg und später an St. Olaus im benachbarten Helsingør. Vermutlich wurde Buxtehude im damals dänischen Helsingborg geboren, das heute zu Schweden gehört. Obwohl nur wenig über seine Ausbildung bekannt ist, wurde er wahrscheinlich von seinem Vater im Orgelspiel unterrichtet, und als Komponist von Orgelwerken ist er heute hauptsächlich in Erinnerung geblieben. Seine Fähigkeiten im Orgelspiel waren weithin bekannt, eine Tatsache, die dadurch unterstrichen wird, dass Johann Sebastian Bach 1707 einen 400 km langen Fussmarsch zurücklegte, um Buxtehude spielen zu hören.

Dietrich Buxtehude war noch ein junger Mann, als er 1657 oder 1658 seinem Vater als Organist an St. Marien in Helsingborg nachfolgte. Im Oktober 1660 ging er von dort, wie es bereits sein Vater getan hatte, nach Helsingør, um den Organistenposten an der dortigen Marienkirche zu übernehmen. Zu seinem neuen Tätigkeitsbereich gehörte auch die Komposition von Instrumental- und Vokalmusik. Hier erwarb er sich die notwendigen Fähigkeiten für eine erfolgreiche Bewerbung um die Organisten- und Werkmeisterstelle an der Lübecker Marienkirche, die nach dem Tod seines Schwiegervaters Franz Tunder vakant geworden war.

Der Lübecker Organistenposten war begehrt und gut bezahlt. Bei der zusätzlichen Werkmeisterstelle handelte es sich um einen Verwaltungsposten, zu dem auch die Aufgaben des Schatzmeisters gehören. Während der nächsten 35 Jahre wurde St. Marien zu Buxtehudes künstlerischer Heimat. Er genoss die ihm dort gebotene Möglichkeit, die von Tunder begründete Aufführungstradition fortzuführen. Neben seiner Organistentätigkeit während der Gottesdienste gab er Konzerte an der großen Orgel und musizierte regelmäßig mit Violin- und Lautenspielern. (Buxtehudes einzige größere Veröffentlichung zu Lebzeiten waren zwei Violinsonaten-Sammlungen.) Er begründete auch die so genannten ‚Abendmusiken’, die ihm die Möglichkeit gaben, seine größeren Vokal- und Instrumentalwerke vorzustellen.

1703 begann Buxtehude sich nach einem Nachfolger umzusehen. Er war 66 Jahre alt und hatte drei unverheiratete Töchter. Gemäß einem Brauch der Zeit sollte nur derjenige Bewerber seinen Posten erhalten, der sich verpflichtete, seine älteste Tochter Anna Margreta zu heiraten, die zu diesem Zeitpunkt 28 Jahre alt war. Zwei namhafte Komponisten, Johann Mattheson und Georg Friedrich Händel, die beide an der Hamburger Oper beschäftigt waren, reisten nach Lübeck, um sich zu bewerben. Ihre rasche Rückkehr nach Hamburg bedeutete vermutlich, dass sie von der an den Posten geknüpften Heiratsbedingung nicht gerade begeistert waren.

Der größte Teil von Buxtehudes Oeuvre besteht aus Kirchenkantaten, die er für St. Marien in Lübeck komponierte. Über 120 Vokalwerke in verschiedensten Besetzungen, Gattungen und Stilrichtungen sind von ihm überliefert. Sie reichen von Werken für eine Vokalstimme und Continuo bis hin zu Werken für neun Stimmen und fünfzehn Instrumenten nebst Continuo, unterteilt in sechs Chöre. Daneben hinterließ er eine beträchtliche Anzahl weltlicher Werke, mehr als zwanzig Instrumentalsonaten, zahlreiche Cembalosuiten und zehn Hochzeits-Arien. Eine besondere Liebe Buxtehudes gehörte der ‚Aria’, die in seinem Werk in zahlreichen verschiedenen Formen und Ausdrucksgestalten begegnet. Für sie gibt es in der Musik der Zeit kaum Parallelen. Sie reflektiert den in der nord-deutschen Musik des siebzehnten Jahrhundert zur Blüte gelangten Typus der lyrischen Kirchenkantate oder des geistlichen Konzerts, wie ihn diese Einspielung repräsentiert.

Zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts standen in der protestantischen Kirche die lutherischen Choräle im Zentrum des Gottesdienstes. In den 1660er Jahren, als Buxtehude aktiv war, hatte sich eine neue, subjektive Form der Frömmigkeit durchgesetzt. An die Stelle der absoluten Form des Gottesdienstes trat eine neue Art des Glaubens, der sich an der individuellen Verbindung mit Gott orientierte. Einen gewissen Einfluss übte auch die Popularität italienischer Lieder aus, die sich wie eine Modeerscheinung in Deutschland verbreiteten. Die Ursprünge der Kantate finden sich aber im frühen siebzehnten Jahrhundert bei deutschen Komponisten. In den Werken eines Praetorius, Schütz, Schein und Scheidt sehen wir, wie aus biblischen Texten geistliche Konzerte und aus strophischer Dichtung Arien und Lieder werden. Geistliche Konzerte, für Gesangsstimmen und Instrumente, wurden in jener Zeit beschrieben als Stücke, in denen Vokalstimmen und Instrumente um die Aufmerksamkeit des Hörers wetteifern, wo instrumentale Ritornelle mit musikalischen Motiven kontrastiert werden, die durch die einzelnen Stimmen wandern. Der Choral ist niemals weit entfernt; häufig steht er im Zentrum der Komposition.

Die hier vorgestellten Vokalwerke illustrieren in vorzüglicher Weise die Form der geistlichen Kantate. Alle beginnen entweder mit einer instrumentalen Sonate oder einem Ritornell. Eingestreut in den Gesangstext sind instrumentale Einwürfe wie z.B. in der Kantate Jesu, meine Freud und Lust, oder es gibt Verse mit instrumentalen Ritornell-Erwiderungen wie in Wenn ich, Herr Jesu, habe dich.

In den größeren Kantaten Was frag ich nach der Welt und Wie schmeckt es so lieblich und wohl ist die Musik so gearbeitet, dass sie ein Maximum an Kontrastwirkung erzielt. Instrumentalsonaten und Ritornelle stehen neben Abschnitten, in denen alle Stimmen und Instrumente gleichzeitig erklingen, sowie neben Teilen, wo jeweils eine Stimme einen Vers singt, begleitet vom Continuo.

Im Gegensatz zu diesen größeren Werken vermitteln die vier Solokantaten einen Einblick in die intimere Ausdruckskunst Buxtehudes. Jubilate Domino ist extrem extrovertiert und virtuos. Sie ist von allen Buxtehude-Kantaten die vielleicht bekannteste. Der Text ist dem 98. Psalm entnommen. In den äußeren Vokalteilen projiziert der Komponist die Aufforderung des Psalmisten, Gott mit Trompeten- und Posaunenklängen zu lobpreisen, während im sanfteren Mittelteil zum Saitenspiel aufgerufen wird, vielleicht zum Spiel der Viola da gamba als Symbol der antiken Kithara.

Wenn ich, Herr Jesu, habe dich ist einem unterschiedlichen Stil geschrieben. Der Text von Anna Sophia, Gräfin von Hessen-Darmstadt, besteht aus gereimten Versen und Strophen. Jeder Vers, interessanterweise mit ‚Aria’ überschrieben, wird von einem instrumentalen Ritornell eingeleitet und ist Ausdruck des christlichen Erlösungsglaubens durch das Leiden Jesu Christi. Die düstere e-Moll-Stimmung reflektiert den menschlichen Aspekt des Leidenskonflikts.

Der Text zu Jesu, meine Freud und Lust stammt aus der Sammlung Heilige Seelenlust, oder Geistliche Hirtenlieder, 1657 von Johann Angelus Silesius (1624- 1677). Text und musikalischer Ausdruck spiegeln sich im hellen A-Dur des fünfstimmigen Streichersatzes.

Sicut Moses, basierend auf dem Evangelium des Trinitatis-Sonntags, besitzt einen ungewöhnlich ausgedehnten Instrumentalsatz, der bezeichnend ist für Buxtehudes Sonaten für zwei Violinen und Gambe. Wie man im abschließenden Amen-Abschnitt hören kann, handelt es sich hier um ein ausgesprochen fröhliches Werk.

Als Kontrast bietet diese Einspielung ein Werk nur für Gesangsstimmen und Continuo, In te, Domine, speravi, sowie eine Streicherbearbeitung von Buxtehudes bekannter Passacaglia, BuxWV 161.

Kevin Mallon
Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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