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8.557049 - BALADA: Cello Concerto No. 2 / Concerto for Four Guitars / Celebracio
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Leonardo Balada (geb

Leonardo Balada (geb. 1933)

Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 2 • Konzert für vier Gitarren und Orchester

 

Leonardo Balada wurde am 22. September 1933 in Barcelona geboren. Er studierte am dortigen Conservatorio del Liceu sowie an der New Yorker Juilliard School of Music. Seine Kompositionslehrer waren Vincent Persichetti und Aaron Copland, Dirigieren studierte er bei Igor Markevitch. Seit 1970 unterrichtet er an der Carnegie Mellon, Pittsburgh als Professor das Fach Komposition.

 

Einige der bekanntesten Werke Baladas entstanden in den 1960er Jahren im Avantgarde-Stil, während er in seinen späteren Arbeiten mit einer Mischung von ethnischer Musik und den Avantgarde-Techniken einen neuen Weg beschritt. Seine Werke werden von führenden internationalen Orchestern unter bedeutenden Dirigenten aufgeführt. Zahlreiche bekannte Organisationen in den Vereinigten Staaten und Europa vergaben Kompositionsaufträge an ihn, und einige seiner Stücke entstanden für renommierte Musiker. Mehrere seiner Werke wurden von namhaften Schallplattenfirmen eingespielt. Zu Baladas umfangreichem Oeuvre zählen Kammermusikwerke und sinfonische Kompositionen, Kantaten, zwei Kammeropern und die beiden abendfüllenden Opern Zapata und Christopher Columbus. Er wurde mit verschiedenen Kompositionspreisen ausgezeichnet.

 

Das Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 2 ‚New Orleans’ (2001), mit den Sätzen Lament und Swinging, ist in Baladas Stil der letzten drei Jahrzehnte geschrieben. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um eine Mischung aus musikethnologischem Ideengut und Avantgarde-Techniken – einem heute vielfach zu beobachtenden Trend, zu dessen Wegbereitern er mit solchen Werken wie seiner Sinfonía en Negro-Homeuaje a Martin Luther King (1968) und der Homeuaje to Casals und Homeuaje Sarasate (1975) gehörte. Hier stellt sich sein Stil als Symbiose von melodisch-harmonischen afroamerikanischen Ideen einerseits und Tonclustern, aleatorischen Techniken und textähnlichen Strukturen andererseits dar. Der erste, von Negro-Spirituals beeinflusste Satz, ist langsam und lyrisch. Der Cellosolist singt mit dem Klang einer negroiden Stimme, introvertiert, traurig und mit intensiver Dramatik. Der zweite Satz ist sowohl für den Solisten als auch für das Orchester virtuos angelegt. Hier begeistern herrlich swingende, brillant-extrovertierte Jazzrhythmen. Das Konzert wurde 2002 vom RSO Berlin unter Rafael Frühbeck de Burgos uraufgeführt; der Solist war Michael Sanderling, dem das Werk auch gewidmet ist.

 

Das Konzert für vier Gitarren und Orchester (1976) ist eines von vier Werken Baladas für Gitarre und Orchester; selbst geht es auf sein 1974 komponiertes Gitarrenquartett Apuntes zurück. Diese vier Konzerte umspannen die drei Stilperioden des Komponisten. Während das Konzert Nr. 1 (1965) der ersten, neoklassizistischen Periode angehört, fallen die Persistencias-Sinfonia Concertante für verstärkte Gitarre und Orchester (1972) und das hier vorliegende Konzert in die zweite, seine avantgardistische Periode. Das vierte Konzert, das 1997 entstandene Concierto Mágico (Naxos 8.555039) gehört seiner dritten Periode an, in der ethnische Ideen mit zeitgenössischen Klängen vermischt werden. Das Konzert für vier Gitarren ist dem traditionellen dreisätzigen Formmodell verpflichtet, wenngleich das Basismaterial ausgesprochen abstrakt ist. Der erste Satz besteht der Struktur nach aus kanonisch geschichteten chromatischen Linien und an barocke Techniken erinnernde mechanistische Repetitionen. Im zweiten Satz werden die Gitarren ausschließlich im Flageolett eingesetzt, wobei die Streicher und das hoch gestimmte Schlagzeug die durchsichtigen Solostrukturen unterstreichen. Der dritte Satz bringt eine konstante, intensiv-virtuose Entwicklung von Harmonien und Rhythmen. Das Konzert entstand als Auftragswerk für das Tarrago-Gitarrenquartett, das 1977 auch die Uraufführung mit dem Orchester der Stadt Barcelona unter der Stabführung von Antoni Ros Marbá spielte.

 

Celebració (Feier), eine 1992 entstandene Auftragskomposition für die Generalität von Katalonien und die Bank Bilbao-Vizcaya zur 1000-Jahr-Feier Kataloniens, ist von ereignisreichem Charakter und voller historischer Konnotationen. Das Werk beginnt mit einer schlichten, mittelalterlich anmutenden Idee in Solokontrabass und Violoncello. Kurz darauf stellen die Holzbläser Melodiezellen vor, die von katalonischen Volksmelodien abgeleitet sind, und zwar in einer akkumulativen und spontanen, mit dem zuvor erklungenen mittelalterlichen Thema kombinierten Weise. Es folgt der zentrale Teil des Werks, in dem eine motorische Idee alle bisherigen Motive bis zum Schluss in einer ständigen Bewegung entwickelt. Im Verlauf dieses zentralen Abschnitts werden die Motive aus Mittelalter und Volksmusik allmählich in zeitgenössische, universale Motive transformiert. Die motorische Bewegung der Musik lässt sich sowohl als barocke Tecknik als auch als Stilmittel der modernen minimalistischen Musik deuten. Kurzum: das Stück ist konstruiert als Evolution der Jahrhunderte im Zeitraffer. Der Stil dieser Celebració ist das Resultat verschiedener Techniken, die nicht so sehr ein eklektisches Mosaik als vielmehr die Summe aller Teile darstellen. Dieses Konzept der Metamorphose ist die Verschmelzung von diatonischen, polytonalen und atonalen Techniken, von dichten und komplexen Strukturen in einer Balance mit schlichter, transparenter Linienführung. Das Werk wurde 1992 in Barcelona von den Prager Sinfonikern unter Jir˘i Be˘lohlavek uraufgeführt.

 

In Passacaglia (2002) wird die gleichnamige barocke Form, eine sich ständig wiederholende Melodielinie, auf äußerst freie, geradezu surrealistische Weise präsentiert. Die drei Anfangsnoten des Motivs tragen einen feierlichen Charakter, nehmen aber allmählich einen volkstümlichen Gestus an. Ähnliches geschieht mit der Musik selbst, die sich zunächst regelhaft gibt, um sodann in eine populäre, schlichte und direkte spanische pasacalle zu münden. Während die europäische passacaglia ihren Ursprung in der spanischen passacalle hat, werden in diesem Werk die Ereignisse umgekehrt: hier wird die passacaglia zur spanischen passacalle. Balada schrieb dieses Werk als Prüfungsstück für den Fünften Internationalen Cadaques-Dirigentenwettbewerb; es wurde im Juli 2000 von den Finalisten vorgestellt. Bei der offiziellen Uraufführung in Madrid im Jahr 2003 dirigierte Sir Neville Marriner das Cadaques-Orchester.

 

Anmerkung des Komponisten

 

Ich glaube, dass die beiden stärksten, exotischsten und dramatischsten Volksmusikkulturen der westlichen Welt die spanische Zigeunermusik und die afroamerikanische Musik sind. Aus beiden spricht eine Art der Unterdrückung, wenngleich sich dies interessanterweise unterschiedlich manifestiert. Während der Text im spanischen Flamenco-Gesang hauptsächlich von sinnlicher Liebe und Eifersucht handelt, reflektiert das Negro-Spiritual die Liebe zu Jesus als Trost für fehlende Gerechtigkeit und Freiheit. Gibt es etwas Beeindruckenderes als eine perfekte Flamenco-Darbietung oder den tief empfundenen, exotischen Ausdruck des Gesangs eines Negro-Spiritual-Chors?

 

Indem ich ethnische Ideen und zeitgenössische Klangwirkungen miteinander verschmelze, nehmen diese beiden ethnischen Ausdrucksformen einen bedeutenden Platz in meinem Schaffen ein. Dieser Trend begann mit der Sinfonía en Negro-Homeuaje a Martin Luther King auf afroamerikanischer und Homeuaje a Sarasate auf spanischer Seite.

 

Bevor ich mich für Volksmusikideen zu interessieren begann, reflektierten meine Kompositionen in ihrer totalen Ablehnung von traditioneller Melodik und Harmonie einen äußerst radikalen Stil. Ein Jahrzehnt lang experimentierte ich, z.B. in Werken wie Guernica, María Sabina und der Steel Symphony, mit der so genannten, für die 1960er Jahre typischen Avantgarde.

 

Leonardo Balada

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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