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8.557053 - DUKAS: Piano Sonata / Variations on a Theme of Rameau
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Paul Dukas (1865-1935)

Paul Dukas (1865-1935)

Sämtliche Klavierwerke

 

Paul Dukas wurde am 1. Oktober 1865 in Paris geboren und starb ebenda am 17. Mai 1935. Das Verzeichnis seiner gedruckten Kompositionen weist nur wenige, aber durchweg erstklassige Werke aus: neben kleineren Kompositionen eine Ouvertüre, Polyeucte; eine Sinfonie; ein sinfonisches Scherzo (der unsterbliche Zauberlehrling); eine Tanzdichtung, La Péri; eine Oper, Ariane et Barbe-bleue; sowie vier Klavierwerke - zwei Gelegenheitskompositionen, die zum Gedenken an zwei große Meister, Haydn und Debussy, entstanden sind, und zwei weitere Kompositionen, die heute als Schlüsselwerke sowohl ihres Genres als auch ihrer Zeit gelten, die Sonate in es-Moll und die wundervollen Rameau-Variationen. Dukas’ Respekt vor der Musik, vor seinem Publikum und vor sich selbst äußerte sich in einer überaus strengen, zuweilen übertriebenen Selbstkritik und Selbstzensur. Dennoch, die hohen Maßstäbe, die er an sich selbst legte, lähmten seine Schaffenskraft keineswegs, sie waren ihm im Gegenteil Inspiration und Anreiz; selbst die kürzesten seiner Kompositionen bestechen durch Einfallsreichtum, Finesse und strukturelle Dichte.

 

Das Prélude élégiaque entstand im Jahre 1909 für die Zeitschrift Revue de la Société Indépendante de Musique, zum Gedenken an den 100. Todestag von Joseph Haydn. Das Werk, komponiert um die Buchstaben H-A-Y-D-N, ist eines der besten Beispiele für musikalische Denkmäler dieser Art, die von Komponisten geschaffen worden sind, um einem aus ihren Reihen ihre Huldigung darzubringen. Aus den ruhigen, volltönenden Klängen des Préludes spricht Dukas’ Liebe und Bewunderung, die er sowohl dem Komponisten der Schöpfung selbst wie auch all dem entgegenbrachte, wofür Haydn steht - für Einfallsreichtum und Ausgewogenheit. Nicht nur musikalisch, auch mit Worten hat Dukas Haydn seine Ehrerbietung erwiesen, in seinen Chroniques musicales. Schon im Jahre 1904 schrieb er, Haydn sei „reinen Herzens, ein Genie, eine Naturbegabung und ein kreativer Geist, der an den absoluten Ausdruckswert der Musik geglaubt hat”.

 

Von ganz ähnlicher Art ist das 1920 entstandene Stück La Plainte, au loin, du faune. Hier setzt Dukas seinem Freund Debussy ein Denkmal, dessen Musik er, wie es von den ersten Tönen des Stückes an deutlich wird, sehr geliebt hat. Seine Trauer über den Tod Debussys findet Ausdruck in den schmerzvollen Chromatismen und der großartigen Einfachheit dieses edlen und unprätentiösen Werkes, das die ausdrucksstarken und sinnlichen Harmonien des Préludes à l’après-midi d’un faune wieder erstehen lässt.

 

Die Sonate in es-Moll ist insgesamt in einem größeren Stil komponiert. Sie ist Saint-Saëns gewidmet und wurde von Edouard Risler am 10. Mai 1901 im Salle Pleyel in Paris uraufgeführt. Dukas’ Sonate, entstanden nach der groß angelegten Sinfonie in C und dem Zauberlehrling von 1896/97, gilt als eines der bedeutendsten Klavierwerke des zwanzigsten Jahrhunderts. Obwohl man gewisse Einflüsse - Beethoven, Liszt, Franck - erkennen kann, widerspiegelt das Werk recht eigentlich das ästhetische Denken Dukas’, das von kultivierter Emotion und einer Dichte der Gedanken gekennzeichnet ist, die sowohl vom Hörer als auch vom Interpreten absolute Konzentration verlangt. Nichts ist hier überflüssig, alles ist bedeutsam.

 

Die Sonate besteht aus vier Sätzen. Der erste Satz Modérément vite ist auf zwei Themen aufgebaut, einem „sorgenbeladenen” ersten Thema in es-Moll und einem gelösteren zweiten Thema in ces-Moll, die entsprechend der Sonatenform, mit Exposition, Durchführung und Reprise, verarbeitet werden. Der zweite Satz Calme, un peu lent, très soutenu besitzt ebenfalls zwei Themen. Das Wesen dieses Satzes beruht jedoch nicht auf der Gegensätzlichkeit der Themen, sondern, noch subtiler, auf dem komplementären, sich gegenseitig ergänzenden Charakter derselben. Die großartige lyrische Steigerung, die der Satz erfährt, wird durch Mittel der ausschmückenden Variation und des Doubles erreicht, einer Variationsform, die von den Komponisten des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts gern verwendet wurde. Nach diesen Melodien in fließenden kontrapunktischen Phrasen nimmt der dritte Satz Vivement, avec légèreté die Stelle des Scherzos ein. Er ist wiederum bithematisch, wird jedoch im weiteren Verlauf um ein belebendes drittes Thema erweitert, das in einem kurzen Fugato verarbeitet wird. Das Finale, in Es-Dur und im 4/4-Takt, ist rhythmisch betont und wundervoll „orchestriert”. Ohne eine wirkliche zyklische Form im Sinne Francks zu bilden, lässt Dukas den Beginn der Sonate wiederkehren, in einem grandiosen Höhepunkt, der zum Abschluss dieses glänzenden Werkes die einzelnen Töne der Eingangstakte in gewaltige Dimensionen ausweitet.

 

Das Triptychon Variationen, Interludium und Finale wurde im Februar 1902 vollendet und wiederum von Risler uraufgeführt, am 23. März 1903 in der Société Nationale de la Musique. Dieses Werk stellt eine ganz andere Herausforderung dar - auf der Grundlage eines höchst einfachen musikalischen Fragments ist immer wieder neues und wirkungsvolles Material zu formen. Einmal mehr demonstriert Dukas in seiner Musik das analytische Denken, von dem auch seine kritischen Schriften geprägt sind: Er wählt ein Thema von Rameau, ein Thema von entwaffnender Schlichtheit, und wendet auf dieses seine eigenen Ansichten an, zum Beispiel, dass sich wahre Musik von den Originalinstrumenten (in diesem Fall das Cembalo) und von der ursprünglichen Satzweise loslösen kann. Schließlich lässt er die Zeit, den Zeitgeist einer bestimmten Epoche, außen vor und wagt das Abenteuer, sich dem Universellen und Zeitlosen zu nähern.

 

Die ersten sieben Variationen sind im wesentlichen melodisch geprägt. Nr.1 wird charakterisiert durch die Verwendung des Kontrapunkts, Nr.2 durch ihre rhythmische Intensität, während in Nr.3 und Nr.4 das Thema zwischen Sopran und Bass, von einer Hand in die andere, wechselt. Nr.5 ist polyphon und moduliert durch verschiedene Tonarten, Nr.6 spielt mit Echowirkungen und Nr.7 wird durch ihre sprunghafte Melodik geprägt. Die letzten vier Variationen sind lebhafter im Charakter. Nr.8 wird in Arpeggien aufgelöst, Nr.9 hat den Rhythmus einer Gigue, Nr.10 den einer Sarabande, und Nr.11 schließlich entfaltet sich in einer friedvollen Atmosphäre. Nun folgt das träumerische Interludium, ein Moment der Ruhe zwischen den Spannungen der vorangegangenen Variationen und der gewaltigen Brandung des anschließenden Finales, in dem das Hauptthema geteilt, in dieser Gestalt zunächst synkopiert und dann vergrößert wird, bevor die beiden Teile in einer Schlussapotheose wieder vereinigt werden. - Diese meisterhafte und ausdrucksstarke Hommage an Rameau zeigt deutlich Dukas’ Streben nach apollinischer Klarheit. Nach der immensen Klangdichte der Sonate ist sein Stil subtiler, feiner geworden und hat die eigentliche Quintessenz der Musik und des Geistes der Klassik erreicht - die Freiheit.

 

Bénédict Palaux Simonnet

Deutsche Fassung: Tilo Kittel


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