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8.557062 - RACHMANINOV: Music for 2 Pianos
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Sergej Rachmaninow (1873–1943)
Musik für zwei Klaviere

 

Der russische Komponist und Pianist Sergej Rachmaninow wurde 1873 als Sohn aristokratischer Eltern in Semjonowo bei Nowgorod geboren. Als Folge der Verschwendungssucht des Vaters war das Familienvermögen bald aufgezehrt, und die Verschuldung führte dazu, dass ein Landgut nach dem anderen veräußert werden musste und die Familie schließlich in eine Wohnung nach St. Petersburg zog. Als Neunjähriger wurde Rachmaninow mit einem Stipendium Schüler des dortigen Konservatoriums. Nach der Trennung seiner Eltern und wegen ungenügender schulischer Leistungen schickte seine Mutter ihn nach Moskau, wo Nikolai Swerew, ein für seine geradezu militärisch strengen Lehrmethoden bekannter Pädagoge, den Unterricht übernahm. Rachmaninow wohnte in Swerew Haus und legte dort in unermüdlicher Arbeit den Grundstein seiner phänomenalen Klaviertechnik. 1888 wurde er am Moskauer Konservatorium Klavierschüler seines Vetters Alexander Siloti, der bei Swerew und Franz Liszt studiert hatte. Zu seinen anderen Lehrern an der Hochschule zählten Sergej Tanejew, ein ehemaliger Schüler von Nikolai Rubinstein und Tschaikowski, bei dem er Kontrapunkt studierte, und Rimski-Korsakows ehemaliger Schüler Anton Arenski, der Rachmaninow in Harmonielehre, Fuge und freier Komposition unterrichtete. Nach seinem Studienabschluss (1891 im Fach Klavier, im Jahr darauf in Komposition) hatte er erste Erfolge als Pianist und Komponist.

Die bolschewistische Revolution von 1917 führte zu radikalen Veränderungen. Während einige Musiker im Lande blieben, entschieden sich andere für vorübergehendes oder permanentes Exil. Rachmaninow entschied sich für letzteren Weg: den Lebensunterhalt für sich und seine Familie verdiente er fortan hauptsächlich mit seinen Auftritten als Pianist. Die kompositorische Arbeit musste notgedrungen dahinter zurückstehen, und so beruhte Rachmaninows Ruhm zu Lebzeiten in erster Linie auf seinen pianistischen Fähigkeiten, die ihn zu einem bedeutenden Virtuosen seiner Zeit machten. Konzerttourneen in Amerika erwiesen sich als lukrativ, in Paris gründete er einen eigenen Verlag und verbrachte die Sommermonate in der Schweiz in einer Villa am Vierwaldstättersee. 1939 verließ er Europa und wohnte fortan im kalifornischen Beverly Hills, wo er 1943 starb.

Das Jahr 1893 brachte die Uraufführung von Rachmaninows Oper Aleko (seiner Examensarbeit) und weiterer Kompositionen, u.a. der von Tschechow inspirierten Orchesterfantasie Der Fels, einer Reihe von Liedern sowie der Fantaisie-tableaux für zwei Klaviere, auch bekannt als Suite Nr. 1 op. 5. Widmungsträger dieser Klaviersuite ist Tschaikowski, dessen Tod im selben Jahr Rachmaninow mit seinem Trio élégiaque op. 9 gedachte. Die Suite besteht aus vier Sätzen, denen als Motto jeweils ein Versepigramm vorangestellt ist. Das erste Stück dieser Bilderfolge, Barcarolle, bezieht seine Inspiration aus Lermontows Gondellied; es suggeriert das Geräusch der Wellen in der Abenddämmerung und den vergänglichen Charakter der Liebe. Das g-Moll-Stück beschreibt in den Arpeggien des Beginns die Wellenbewegungen, über denen im zweiten Klavier Fragmente einer Melodie aufklingen. Trillerfiguren leiten zu einem zentralen G-Dur-Abschnitt über; eine Melodie steigt wiederum über dem sich kräuselnden Wasser empor, bevor mit der Ausgangstonart die Stimmung des Beginns wiederkehrt. Das zweite Bild, La nuit … l’amour (Nacht … Liebe), trägt als Motto ein Gedicht aus Lord Byrons Parisina, die Geschichte vom Schicksal der Titelheldin nach dem Bekanntwerden ihrer Liebesbeziehung zu dem unehelichen Sohn ihres Mannes.

Es ist die Stunde, da von den Zweigen
Der helle Klang der Nachtigall erschallt;
Die Stunde der süßen Schwüre der Liebenden
In jedem geflüsterten Wort;
Wenn sanfte Winde und nahe Quellen
Wie Musik im einsamen Ohr klingen.

In dieser Nachtmusik erhebt sich über gebrochenen Akkorden und intrikaten Figurationen, die das Geräusch von Wind und Wellen suggerieren, einsam der Gesang der Nachtigall. Nach einem dramatischen Höhepunkt sinkt die Musik in die Stille zurück. Les larmes (Tränen), ein Stück in g-Moll, trägt als Motto Worte des russischen Romantikers Fjodor Tjutschew, die auch von Tschaikowski (für ein Vokalduett) und Tanejew vertont wurden. Rachmaninow lässt sich von den Glocken der im elften Jahrhundert erbauten Sofien-Kathedrale der Stadt Nowgorod inspirieren. Auch das abschließende Bild, Paques (Ostern), das an Mussorgskis „Das große Tor von Kiew“ aus Bilder einer Ausstellung denken lässt, wird von Glockenklängen beherrscht. Das Versepigramm fand Rachmaninow in einem Gedicht des Philosphen und Dichters Alexej Chomjakow. Inmitten des Glockengeläuts erklingt der Ostergesang der Auferstehung Christi.

Seine Suite für zwei Klaviere op. 17 komponierte Rachmaninow zwischen Dezember 1900 und April 1901, also zeitgleich mit dem Klavierkonzert Nr. 2 c-Moll. Er widmete sie dem befreundeten Pianisten und Pädagogen Alexander Goldenweiser, mit dem er in dieser Zeit mehrfach Werke für zwei Klaviere spielte. Die Uraufführung gab der Komponist Ende 1901 in Moskau zusammen mit seinem ehemaligen Lehrer Siloti. Die Veröffentlichung im Oktober 1901, die erste seit 1896 und dem Misserfolg seiner Ersten Sinfonie, markiert Rachmaninows Rückkehr zur Komposition. Die Suite beginnt mit einer Introduktion, einem Marsch, der sich zu einem Höhepunkt steigert, bevor er in einer überraschend sanften Coda in der Ferne verklingt. Der zweite Satz, Valse (Walzer), in dem Rachmaninow virtuos mit sich überlagernden Metren spielt, enthält in einem Nebenthema einen entfernten Bezug zum Dies irae der Totenmesse, ein wiederkehrendes Motiv in Rachmaninows Musik. Auf die lyrische Romance folgt eine lebendige Tarantelle mit einer neapolitanischen Melodie als Hauptthema – der glänzende Abschluss eines Werks, das nach wie vor seinen Platz im Klavierrepertoire behauptet.

Die Sinfonischen Tänze entstanden im Herbst 1940 nach einem Sommeraufenthalt in Long Island – am Ende von Rachmaninows Karriere. Vorgesehen war ihre Verwendung in einem neuen Ballett seines Freundes Fokin, aber dessen Tod im Jahr 1942 machte den Plan zunichte. Zusammen bilden die drei Sätze eine veritable Sinfonie. Der Eröffnungstanz mit seinen Anklängen an Prokofjews Romeo und Julia bezaubert im Mittelteil durch eine gefühlvolle Melodie und enthält ebenfalls so etwas wie einen abschließenden thematischen Bezug zur erfolglosen Ersten Sinfonie des Komponisten. Die Tageszeiten Mittag, Dämmerung und Mitternacht sind die thematischen Bezüge der drei Tänze. Die Dämmerung bringt Geistererscheinungen und den Spuk eines Walzers, während zur Mitternacht der vom Dies irae beschworene Tod gegen das triumphale Alleluia der russischen Liturgie kämpft. Mit diesem Tanz endet Rachmaninows letzte Komposition.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Bernd Delfs

 


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