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8.557065-66 - MINKUS: Don Quixote
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Léon (Ludwig) Minkus (1826-1917)

Léon (Ludwig) Minkus (1826-1917)

Don Quixote

 

Léon Minkus, Violinist, Dirigent und Komponist, wurde als Alois Ludwig Minkus 1826 in Wien geboren, wo er vermutlich auch sein Studium absolvierte. Er kam angeblich aus einer ungarischen Familie, obwohl seine Vorfahren aus Russland und Polen stammten. Seine erste Beschäftigung mit dem Ballett wat Paquita, eine Zusammenarbeit mit Edouard Delvedez, uraufgeführt 1846 an der Pariser Opéra mit Carlotta Grisi und Lucien Petipa in den Hauptrollen. Luciens Bruder Marius brachte das Werk 1847 nach St. Petersburg anlässlich seines dortigen Debüts. Er beauftragte Minkus mit der Komposition eines Pas de deux und eines Grand Pas – zwei Stücke, die sich bis heute im russischen Ballettrepertoire gehalten haben.

 

Anfang der 1850er Jahre ließ sich Minkus in Russland nieder. Von 1853 bis 1856 leitete er das Orchester des Fürsten Jusupow, trat als Violinsolist auf und betätigte sich als Geigenpädagoge. 1861 wurde er Sologeiger am Moskauer Bolschoi-Theater, wo er 1862 für die Dauer von zehn Jahren die Leitung des Orchesters übernahm und als Ballettkomponist tätig war. 1872 verpflichtete ihn das kaiserliche Theater in St. Petersburg als Ballettkomponist – eine Position, die er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1891 bekleidete. Später kehrte er nach Wien zurück, wo er 1917 starb.

 

Während seiner langen Karriere in Russland, in der er seine Zusammenarbeit mit Marius Petipa fortsetzte, komponierte Minkus auch Ballettmusiken für Paris. Sein mit dem französischen Ballettmeister des St. Petersburger kaiserlichen Theaters, Arthur Saint-Léon, 1864 entstandenes Ballett La fiammetta gelangte an der Pariser Opéra zur Aufführung; zwei Jahre später teilte er sich mit Léo Delibes die Komposition der Musik für Saint-Léons Ballett La source, das ebenfalls in Paris aufgeführt wurde. Le poisson d’or (1867) und Le lys (1869) entstanden ebenfalls in Zusammenarbeit mit Saint-Léon für St. Petersburg bzw. Paris. 1869 kreierte Minkus mit Marius Petipa das Ballett Don Quixote in einer dreiaktigen Fassung; 1871 gelangte das Werk in einer fünfaktigen Fassung in St. Petersburg zur Aufführung. Sowohl in Moskau als auch in St. Petersburg arbeitete Minkus mit Petipa später noch an fünfzehn weiteren Balletten zusammen, u.a. an La Bayadère, ein Werk, das nach wie vor ein wichtiger Bestandteil des russischen Ballettrepertoires ist.

 

Don Quixote wurde als Ballett in einem Prolog und drei Akten am Moskauer Bolschoi-Theater uraufgeführt. Der berühmte Roman von Miguel Cervantes hatte bereits als Vorlage früherer Ballette gedient, u.a. 1740 als eine vom Wiener Hofballett-meister Franz Anton Christoph Hilverding choreographierte Fassung, einer späteren Wiener Version von Jean-Georges Noverre (1768), einem Don Quichotte für Paris (1801) in der Choreographie des Ballettmeisters Louis-Jacques Milon, einer Fassung von Charles-Louis Didelot für St. Petersburg (1803) und einem Ballett des englischen Tänzers James Harvey D’Egville für das Londoner King’s Theatre (1809). Zu weiteren Choreographen, die Ballett-fassungen von Cervantes’ Roman auf die Bühne brachten, zählten die großen dänischen Ballettmeister August Bournonville und Paul Taglioni. Später wurde die Tradition u.a. von George Balanchine fortgesetzt, dessen Don Quixote mit der Musik von Nicolas Nabokow 1965 uraufgeführt wurde. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass der Roman auch als Opernstoff Verwendung fand, und zwar in einer Vielzahl von Werken, von Boismortier bis zu Ravel und von Telemann bis zu Richard Strauss.

 

Die Form des ursprünglichen Romans, in dem sich Don Quixote, geblendet von der Lektüre von Rittergeschichten, zum  Kampf gegen das vermeintlich Böse in der Welt aufmacht und dabei einen Misserfolg nach dem anderen erlebt, resultiert bei einer Bühnenfassung notwendigerweise in einer Konzentration auf eine Auswahl der zahlreichen ursprünglichen Romanepisoden. Bei seinem Ballett entschied sich Petipa dafür, Camachos Hochzeit aus dem zweiten Teil des Romans in den Mittelpunkt der getanzten Handlung zu stellen, wobei Don Quixote und sein Knappe Sancho Pansa als verbindendes Element dienen.

 

Minkus’ Musik stellt am Beginn der Introduktion [1] ein mit Don Quixote verknüpftes Motiv vor und fährt mit einem lebhaften Abschnitt und einer sanften Romanze fort.

 

Der Prolog [2]-[5] spielt in Don Quixotes Arbeitszimmer. Nach der Lektüre von Ritter-geschichten entschließt sich der Titelheld, selbst Ritter zu werden. Sein Auftritt wird von der Wiederkehr des Eröffnungsmotivs der Introduktion begleitet. In einer Vision begegnet ihm seine erträumte Geliebte Dulcinea del Toboso, doch sein Traum wird von dem Landburschen Sancho Pansa unterbrochen, der ein Huhn stehlen will. Don Quixote macht ihn zu seinem Knappen und geht mit ihm auf Abenteuer.

 

Der erste Akt beginnt auf einem Platz in Barcelona. Quiteria, die Tochter des Gastwirts Lorenzo, sucht ihren Liebhaber, den Barbier Basilio, obwohl ihr Vater sie dem reichen Camacho versprochen hat [6]-[7]. Als sie Basilio findet, tanzen sie einen Moreno 8-9. Alsbald erscheint der Vater und besteht erneut darauf, dass sie Camacho heiratet, was Quiteria jedoch ablehnt [10]. Camacho betritt den Platz !. Es werden Tänze aufgeführt: zunächst eine Seguidilla [12], dann tanzen eine Straßentänzerin und ein Torero eine Espada [13]-[14], anschließend simulieren Toreros einen Stierkampf [15]-[16], gefolgt von einem Solo der Straßentänzerin [17]; eine Coda [18] beschließt die Reihe. Don Quixote tritt mit Sancho Pansa auf; man unterhält sie in Lorenzos Wirtshaus [19], während sich einige Mädchen über Sancho Pansa lustig machen [20]. Dabei werden sie von ihren Freunden unterstützt [21]. Don Quixote bildet sich ein, Quiteria sei seine erträumte Dulcinea und fordert zu einem Menuett auf [22], an dem sich Camacho widerwillig beteiligt. Man sieht Basilio mit seinen Freunden [23], gefolgt von einer Variation für Quiteria [24] und einer Coda [25], während derer sich die Liebhaber davon machen.

 

Der zweite Akt beginnt bei einer Windmühle, in der Quiteria und Basilio Zuflucht gefunden haben [26]-[27]. Zigeuner treten auf, und es kommt zu einer Reihe von Tanzdarbietungen: einer Giga [28], einer Carmencita [29], einem Zigeunersolo (CD2) [1], einem Spanischen Tanz [2] und einem Matrosentanz [3]. In einer Szene und Coda [4]-[5] richtet sich das Interesse der Zigeuner auf die inzwischen erschienenen Lorenzo und Camacho. Zwei Zigeunertänze [6]-[7] werden dargeboten. Quiteria und Basilio überreden die Zigeuner, Don Quixote in Wut zu versetzen, der soeben erschienen ist. Dazu baut man ein Puppentheater auf, in dem man von Marionetten das Los der Liebhaber spielen lässt. Don Quixote reagiert wütend mit der Zerstörung der Bühne; in diesem Moment gewahrt er die Windmühle, die er für einen Riesen hält [8]. Er greift sie an, wird aber zurückgeschlagen und von den Zigeunern bedroht, die sich als Ungetüme verkleidet haben. Während Quiteria und Basilio die Flucht ergreifen, träumt Don Quixote, dass er sich in einem Zaubergarten befindet [9]-[11]. Die Königin der Dryaden scheint ihn zu seiner geliebten Dulcinea zu führen, mit der er Quiteria identifiziert. Er gesteht ihr seine Liebe [12]-[15], aber die Vision entschwindet [16]-[17].

 

Dritter Akt: Basilio und Quiteria feiern mit Freunden in einer Taverne [18]. Lorenzo, Camacho, Don Quixote und Sancho Pansa treten auf. Lorenzo besteht noch immer darauf, dass seine Tochter und Camacho heiraten. Als Basilio vorgibt, sich das Leben nehmen zu wollen, will Don Quixote Lorenzo überreden, dem Paar seinen Segen zu geben [19]; doch unverzüglich kommt Basilio wieder zur Besinnung [20], was Camacho in Wut versetzt, der seinerseits seinen Ärger an Don Quixote auslässt. Es folgt eine Reihe von Variationen – einschließlich einer späteren, für die Primaballerina Mathilda Kschessinska hinzugefügten [28] – sowie ein abschließender Spanischer Tanz, während die Liebhaber feiern und Don Quixote sich mit Sancho Pansa auf die Suche nach neuen Abenteuern begibt [29]-[30].

 

Keith Anderson

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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