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8.557080 - SCHUMANN, R.: Lied Edition, Vol. 7 - Liederkreis / 3 Gedichte, Op. 30 / 6 Gedichte, Op. 36
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Robert Schumann (1810–1856)
Liederkreis op. 39 • Drei Gedichte op. 30 • Die Löwenbraut op. 31, Nr. 1 • Sechs Gedichte aus dem Liederbuch eines Malers op. 36

 

Robert Schumann war in vieler Hinsicht typisch für das Zeitalter, in dem er lebte, da er nicht nur in seiner Musik, sondern auch in seinem Leben eine Reihe der wichtigsten Charakteristika der Romantik miteinander verband. Er wurde 1810 in Zwickau als Sohn eines Buchhändlers, Verlegers und Autors geboren, interessierte sich schon früh für die Literatur und sollte sich später selbst einen Namen als Schriftsteller und Herausgeber der Neuen Zeitschrift für Musik machen, die seit 1834 veröffentlicht wurde. Sein Vater unterstützte die literarischen und musikalischen Interessen. Zeitweilig dachte er sogar daran, ihn bei Carl Maria von Weber ausbilden zu lassen; dieser Plan wurde allerdings durch den Tod des letzteren vereitelt.

Wenig später starb auch Vater Schumann, worauf die Karriere des Sohnes zunächst einen eher konventionellen Verlauf nahm. 1828 immatrikulierte er sich an der Leipziger Universität, wo er allerdings ebenso sporadische Studien betrieb wie im nächsten Jahr in Heidelberg. Schließlich vermochte er seine Mutter und seinen Vormund davon zu überzeugen, dass es für ihn das Richtige wäre, bei dem bekannten Klavierlehrer Friedrich Wieck zu studieren, der seine Energie freilich mit ziemlichem Nachdruck auf die Ausbildung seiner Tochter Clara verwandte, eine wunderbare Frühbegabung auf dem Klavier. Schumanns pianistische Ambitionen wurden durch eine (wie auch immer geartete) Schwäche der Finger vereitelt, und seiner sonstigen musikalischen Ausbildung fehlten die Anwendungsmöglichkeiten. Gleichwohl schrieb er in den dreißiger Jahren viel Klaviermusik, oft in Form kürzerer Genrestücke mit literarischen oder autobiographischen Bezügen. Nach der vorübergehenden Affaire mit einer Schülerin Wiecks richtete er seit 1835 seine Aufmerksamkeit auf Clara Wieck, die neun Jahre jüngere Tochter seines Lehrers. Deren Vater hatte gute Gründe gegen die Liaison vorzubringen: Seine Tochter hatte eine Konzertlaufbahn vor sich, und Schumann verriet eine gewisse charakterliche Instabilität, so begabt er als Komponist auch sein mochte. Die Angelegenheit steigerte sich bis zum Extrem, als Wieck einen Prozess anstrengte, mit dem er versuchte, die seiner Meinung nach verhängnisvolle Ehe zu verhindern.

Erst 1840 konnte Schumann schließlich seine Clara heiraten, nachdem der alte Wieck ein für allemal mit seinen rechtlichen Schritten gescheitert war. Im September fand die Hochzeit statt, worauf das Ehepaar zunächst seinen Wohnsitz in Leipzig behielt. Von hier aus unternahm Clara ihre Konzertreisen, bei denen sie üblicherweise von ihrem Mann begleitet wurde, der damals eine weniger distinguierte Position bekleidete. 1844 übersiedelte man nach Dresden, wo Schumann anscheinend von seinen depressiven Anfällen genas, unter denen er zu Beginn der Ehe gelitten hatte. Die Möglichkeit einer festen Anstellung eröffnete sich allerdings erst 1849, und zwar in Düsseldorf, wo er seit 1850 als Musikdirektor wirkte. Die Stadt am Rheine sollte sich freilich als ein äußerst schwieriges Pflaster für den als Dirigent und Administrator unerfahrenen Schumann erweisen. Der auf ihm lastende Druck führte Anfang 1854 zu einem totalen Nervenzusammenbruch, und die letzten Jahre verbrachte er im Irrenhaus von Endenich bei Bonn, wo er 1856 starb.

In jungen Jahren hatte Robert Schumann eine Vielzahl von Klavierwerken komponiert, die sowohl seine generellen künstlerischen Interessen wie auch den anfangs gehegten Wunsch nach einer Pianistenkarriere spiegelten. Als er dann endlich der Vermählung mit Clara entgegensehen konnte, wandte er sich vor allem dem Klavierlied zu: Das sogenannte »Liederjahr« 1840 zeitigte eine außerordentliche Fülle an Gesängen, und auch späterhin trug Schumann etliches zum deutschen Liedrepertoire bei. Seine Gemahlin hatte ihm in den frühen Phasen ihrer Ehe zu größeren Formen geraten, und so waren auch die ersten Orchesterwerke entstanden, denen am Ende in Düsseldorf, wo die entsprechenden Möglichkeiten zur Verfügung standen, weitere folgten. Hier schrieb er 1852 auch die letzten Lieder, in denen er Worte der schottischen Königin Maria Stuart sowie von Justinus Kerner vertonte, dessen Schaffen er seit 1827 kannte. Dazu kamen weitere Stücke nach Heinrich Heine, zu dessen Poesie er im Laufe der Jahre immer wieder zurückgekehrt war.

Der Liederkreis op. 39 besteht aus zwölf Liedern nach Joseph von Eichendorff. Schumann nannte diesen Zyklus seinen »romantischsten«, da in ihn viele Aspekte Claras eingeflossen seien. Mit den Texten verfuhr der Komponist dabei recht freizügig. Joseph Freiherr von Eichendorff (1788–1857) war auf Schloss Lubowitz bei Ratibor in Schlesien geboren worden und lebte ein bewegtes Leben. Er hatte sich freiwillig für die Befreiungskriege gegen Napoleon verpflichtet und bekleidete dann bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1844 verschiedene Regierungsposten. Aus Autor war er sein Leben lang aktiv. Er verfasste diverse literaturgeschichtliche Studien sowie Gedichte, in denen sich seine Liebe zum ländlichen Leben und die starken religiösen Prinzipien seiner katholischen Familie ausdrückten. 1847 war er mehrmals mit Schumann zusammengetroffen, wobei er sich sehr erfreut über die Vertonung seiner Poesie geäußert hatte. Der Kontakt wurde dann aber offenbar nicht weiter vertieft.

Der Eichendorff-Liederkreis ist ein melancholischer Zyklus. In der Fremde [1] fühlt sich der Reisende, der nach langer Zeit in seine Heimat zurückkehrt, wo man ihn nach dem Tode seiner Eltern längst vergessen hat. Das Intermezzo [2] singt einer, der das wunderselige Bild der Liebsten auch in der Ferne stets bei sich trägt, worauf das dramatische Waldesgespräch [3] aus Eichendorffs Roman Ahnung und Gegenwart dann in die gruselige Welt eines nächtlichen Waldes entführt, worin die Hexe Loreley einen einsamen Reiter betört und verwirrt. Aus dem zuvor genannten Roman stammt auch Die Stille [4]das ruhige, wohlige Winterbild eines, der sich gern wie ein Vöglein in die Lüfte erhöbe. Nach der meditativen Mondnacht [5] und ihren berühmten Worten »Es war, als hätt’ der Himmel die Erde still geküsst« führt die Schöne Fremde [6] aus dem Roman Dichter und ihre Gesellen nur noch tiefer in alte Zeiten, zu alten Göttern und einer »dämmernden Pracht«, derweil die funkelnden Sterne künftiges Glück verheißen. Schumann kommentiert den Inhalt dieses Liedes mit einem instrumentalen Nachspiel—wie er das so oft tat, um entweder die Aussage der Worte zu bekräftigen oder ihnen zu widersprechen. Auf einer Burg [7] beschreibt in wenigen Zeilen das Bild eines alten Burgwächters, der hoch droben über dem Rhein auf seinem Posten vor hunderten von Jahren einschlief und friedlich-versteinert seine Pflicht erfüllt. In der Fremde [8] hört der Sänger »ein Bächlein rauschen«, wozu in romantischer Vollkommenheit die Nachtigall schlägt—die Liebste aber ist seit langem tot und das Idyll doch nur Fiktion. Wehmut [9] durchzieht den folgenden Gesang der Tränen, die immer wieder tröstende Befreiung bringen, und im Zwielicht [10], wenn die Dämmerung ihre Flügel spreizen will, machen sich düstere Wolken wie schwere Träume breit. Im Walde [11] begegnet dem singenden Dichter ein funkelnder Hochzeitszug, der wie nichts wieder in der Nacht verschwunden ist. Endlich obsiegt in der Frühlingsnacht [12] der Optimismus der Nachtigallen, die dem zweifelnd Lauschenden bedeuten, dass die Liebste wirklich sei…

Der einstmals sehr populäre Emanuel Geibel (1815–1884) wurde in Lübeck geboren, studierte 1835 in Bonn Theologie und klassische Philologie und kam 1836 nach Berlin, wo er mit Adelbert von Chamisso, Bettina von Arnim und Joseph von Eichendorff Freundschaft schloss. Nach einer bewegten Phase als Hauslehrer des russischen Gesandten in Athen und der Heimkehr fand er besonders in Friedrich Wilhelm IV. einen Freund seiner Dichtungen. 1842 erhielt Geibel von ihm eine lebenslange Pension von 300 Talern. Später verlieh ihm der bayerische Kurfürst Maximilian II. eine Ehrenprofessur für deutsche Literatur und Poetik. Geibel unterrichtete bis 1868 in München, bevor er aus politischen Gründen wieder nach Lübeck ging—nach dem Tod seines Gönners hatte man ihn wegen seiner vermeintlich preußischen Gesinnung angefeindet und ihm gar die Pension gestrichen.

Seine ersten Gedichtbände waren 1840 und 1841 erschienen, und in seinem durch Hugo Wolf besonders berühmt gewordenen Spanischen Liederbuch fand schon Robert Schumann mancherlei, was er 1852 ausführte (die Lieder wurden erst nach seinem Tode publiziert). Drei Gedichte Geibels hatte er schon 1840 in Musik gesetzt und Josephine Baroni-Casalcabò, einer geborenen Gräfin Castiglione, gewidmet. Das erste Lied, Der Knabe mit dem Wunderhorn [13], erinnert an die bedeutende Volksliedsammlung von Arnim und Brentano: Der »lustige Gesell« reitet auf seinem Pferd durch die Welt und setzt immer wieder fröhlich sein Zauberhorn an die Lippen. Auch Der Page [14] erinnert an vergangene Zeiten, da der Titelheld sich nichts weiter wünscht, als seiner still Verehrten auch fürderhin für einen dankbaren Blick dienen zu dürfen. Am Ende erzählt Der Hidalgo [15], ein spanischer Edelmann und Don Juan, von seinen vielfältigen Abenteuern.

Die Löwenbraut [16] ist der erste der drei Gesänge op. 31, die Robert Schumann nach Balladen des bereits erwähnten Adelbert von Chamisso geschaffen und Gräfin Ernestine von Zedtwitz (der Mutter seiner zeitweiligen Verlobten) gewidmet hat. Der Dichter, der mit seinen Eltern vor der französischen Revolution nach Preußen geflüchtet war, war zunächst Page der Königin Friederike Luise am Hofe Wilhelms II. und diente später in der preußischen Armee. Während seine Eltern nach Frankreich zurückkehrten, blieb er in seiner Wahlheimat. Bekannt sind vor allem sein Schloss Boncourt, eine Erinnerung an den 1790 zerstörten Familiensitz, sowie die Gedichte, die Schumann in Frauen-Liebe und -Leben vertonte. Die grausige Ballade von der Löwenbraut wird in Moll erzählt. Schroffe Rhythmen begleiten den Höhepunkt des Geschehens, wenn der eifersüchtige König der Tiere die Geliebte tötet, die sich am Tage des blutigen Geschehens verheiraten und ihn, den Freund ihrer Kindheit, verlassen soll. Das Mädchen spricht zu ihm in der Dur-Tonika, bevor sich auch ihr Gesang nach Moll wendet.

Der Maler und Dichter Robert Reinick (1805–1852) wurde in Danzig geboren, lebte von 1838 bis 1841 in Italien und wohnte seit 1844 in Dresden, wo er Schumann kennenlernte, dem er später half, einen Text zu Genoveva zu schreiben. Reinick war bekannt für seine Holzschnitte, von denen einige seine Gedichte illustrieren. So erklärt sich denn auch der Titel der Sechs Gedichte aus dem Liederbuch eines Malers op. 36, die den Lieder[n] eines Malers mit Randzeichnungen seiner Freunde entstammen. Die Lieder sind der Sängerin Frau Dr. Livia Frege geb. Gerhardt gewidmet. Sonntags am Rhein [17] ist die prächtige Schilderung einer rundum fröhlichen Stimmung. Den drei heiteren Strophen des nächtlichen Ständchen [18] schließt sich ein köstliches emotionales Crescendo an: Der Dichter findet erst Nichts Schöneres [19] auf der Welt als die Augen der Liebsten, dann ihre Küsse, dann die Vermählung…

Ein leises Problem ergibt sich im vierten Lied An den Sonnenschein [20]: Sollte der Sänger etwa, wie das Himmelslicht, jede Blume küssen, der er begegnet? Allzu groß ist der Tadel freilich nicht, wie die Musik erkennen lässt. Dichters Genesung [21] bringt uns auf ein Terrain, das Franz Schubert dramatisch erforschte: Bei Reinick sind die Verlockungen der Elfenkönigin indessen vergebens—der Dichter will ohne »Trug und Schein« sich ein anderes Liebchen wählen. Eine stille Liebesbotschaft [22] an die »Einzige« beschließt mit romantischen Naturmetaphern die Folge der Gesänge.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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