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8.557090 - BALADA: Hangman! Hangman! / The Town of Greed
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Leonardo Balada (geb. 1933)

Hangman, Hangman! • The Town of Greed

(Zwei „Cartoon" tragisch-komische Kammeropern)

Leonardo Balada wurde am 22. September 1933 in Barcelona geboren. Nachdem er sein Studium am Conservatorio del Liceu absolvierte hatte ging er an die Julliard School of Music in New York und studierte Komposition bei Vincent Persichetti und Aaron Copland sowie Dirigieren bei Igor Markewitsch. Er legte 1960 sein Examen ab und unterrichtet seit 1970 als Professor für Komposition an der Carnegie Mellon University in Pitsburg, Pennsylvania. Einige seiner bekanntesten Werke wurden im dramatischen Avantgarde-Stil der 1960er Jahre geschrieben, darunter Guernica, María Sabina und Steel Symphony. Balada gilt als einer der Pioniere, die ethnische Musik und avantgardistische Techniken miteinander verschmolzen, vor allem in der Sinfonia en Negro — Homage to Martin Luther King (1968) und Homage to Casals and Sarasate (1975). Baladas Werke werden von international führenden Orchestern und angesehenen Dirigenten aufgeführt. Er erhielt Kompositionsaufträge von wichtigen Organisationen in Europa und den Vereinigten Staaten und komponierte Werke für so angesehene Künstler wie Alicia de Larrocha, das American Brass Quintet, Andrés Segovia, Narciso Yepes, Lucero Tena und Angel Romero. Darüber hinaus arbeitete er mit berühmten Malern und Schriftstellern zusammen, u.a. Salvador Dalí und dem Nobelpreisträger Camilo José Cela. Zahlreiche seiner Kompositionen wurden von führenden Schallplattengesellschaften eingespielt. Sein Schaffen umfasst sowohl sinfonische und Kammermusikkompositionen, als auch Kantaten, Opern und Kammeropern. Leonardo Balada wurde mit zahlreichen internationalen Kompositionspreisen ausgezeichnet.

Anmerkung des Komponisten:

Aus meiner Sicht als Komponist gehört zu den wichtigen Elementen einer Oper die Charakterisierung des dramatischen Moments durch das Orchester sowie der Lyrismus der Gesangssolisten. Aufgrund der Bedeutung des zweiten Aspekts konnte ich in meiner avantgardistischen Phase von 1965 bis 1975 nicht für die Gattung Oper komponieren. In dieser Zeit gehörte die Melodie nicht zu meinem Stil. Stattdessen drückte sich mein Interesse für das musikalische Drama in der Form der Kantate aus, in der an die Stelle der Sänger Sprecher und Chöre traten, um textlich, nicht lyrisch zu singen. In diesen Jahren entstand María Sabina (1969) auf einen Text des Nobelpreisträgers Camilo José Cela, Las Moradas (1970), das auf einem Buch der Heiligen Teresa von Avila zurück geht, und No-res (1974), ein Protest gegen den Tod nach einem Text von Jean Paris.

Als ich 1975 die Notwendigkeit verspürte, meiner Musik eine neue Richtung zu geben, begann ich, melodische Aspekte in meiner musikalischen Sprache zu berücksichtigen. Ich schuf eine Synthese zwischen den neuesten Techniken der Avantgarde und traditionellen Linien und Harmonien. Ich stieß damit auf die Ablehnung einiger Kreise, obwohl ich nur umsetzte, was heute weit verbreitete Praxis ist. Durch die Einbeziehung lyrischer Melodien in meine kompositorische Palette ergab das Komponieren von Opern zu diesem Zeitpunkt für mich einen Sinn. Die Kantate Torquemada (1980) war ein Präludium zu Hangman, Hangman! (1980), meiner ersten Oper. 1984 folgte die Oper Zapata, die voller mexikanischer Ideen und Farben steckt. Christopher Columbus wurde 1987 vollendet und 1989 am Teatre del Liceu in Barcelona mit José Carreras und Montserrat Caballé uraufgeführt. 1996 beendete ich die Arbeit an der Fortsetzung der Oper, The Death of Columbus. Schließlich kam die Oper The Town of Greed, die 1997 vollendet wurde. Alle diese Werke sind Opern, in denen ein scharfer zeitgenössischer Orchesterklang neben äußerst melodischen vokalen Linien steht.

Leonardo Balada

HANGMAN, HANGMAN! (Henker, Henker!) (1982)

Musik und Libretto von Leonardo Balada

Inhalt

Als Vorlage für Hangman, Hangman! diente ein Volkslied der amerikanischen Cowboys. Johnny, der Held, ist ein Träumer, der angeklagt wird, weil er ein Pferd gestohlen hat, und er steht kurz vor der Hinrichtung durch den Strang. „Eine Schlinge um den Hals … das ist es, was ihn erwartet …" sagt der Sheriff. Um die Ankläger zu besänftigen, versichert Johnny, dass „das Pferd lahm war. Ich wollte nichts Böses. Es schielte und der Rücken war gebrochen…" In der ersten Hälfte der Oper bereitet der Henker Johnnys Hinrichtung vor. Als Johnny zum Galgen gebracht wird, ruft er nach seiner Mutter, damit sie ihn freikaufe. Die Mutter sagt jedoch aus, Johnny sei schon vor seiner Geburt ein Halunke gewesen und fordert seine Bestrafung. „Als er in meinem Bauch heranwuchs, eine ruhelose Larve war er. Er trat so heftig in meine Eingeweide… Nur sechs Monate blieb er in meinem Schoß, aber wie ein Dutzend kamen sie mir vor." singt die Mutter. Obwohl er von der Aussage seiner Mutter überrascht ist, bringt Johnny vor, dass sein Vater bald mit dem Lösegeld eintreffen werde, das den Preis für das Pferd beträgt. In einer kurzen Arie erklärt der Träumer Johnny, dass er das Pferd aus einer ganzen Reihe von überirdischen, poetischen Gründen genommen habe: „Ich nahm das Pferd, um über den Himmel zu reiten. Ich nahm das Pferd, um über die See zu reiten, zu reiten, zu fliegen und zu träumen…"

Der Vater lässt sich von einem unbekannten, weit entfernten Ort vernehmen. Er bedauert, dass er seinem Sohn nicht zur Seite stehen kann, und sagt, dass sein Muli zusammengebrochen sei. „Tut mir Leid, mein Sohn, Johnny. Ich wollte kommen, um dich hängen zu sehen." Er antwortet auf Johnnys Bitte und fährt fort: „…gehängt zu werden, ist nicht so schlimm, und wenn du erst mal fröhlich schaukelst, dann hast du ein süßes, friedliches Gefühl, dass du nicht bedauern wirst." Verblüfft von der Ausrede seines Vaters fällt Johnny in Verzweiflung und bereitet sich auf den Tod vor. Er erblickt seine Geliebte, ein Mädchen mit zweideutigem Ruf. Sie versucht den Galgen zu erreichen, bevor der Henker seine Aufgabe beenden kann. „Ich habe kein Silber, ich habe kein Gold. Ich habe versucht, es zu verdienen, indem ich meine Liebe an alle verkaufe. Aber nur ein paar Pfennige und ein Lied kann ich Ihnen für meinen Johnny geben", sagt das Mädchen, und es folgt eine Arie; in ihrem Versuch, Johnny auszulösen, bittet sie um Vergebung im Namen der Liebe. Die Stadtbewohner, der Sheriff und der Henker meinen, dass eine derartige Bitte „Unsinn" sei und fahren mit der Hinrichtung fort. Als bereits alles verloren scheint, erscheint ein plötzliches und unerwartetes Ende: Ein deus ex machina tritt auf, ein gut aussehender, vermögender Ire, der die ganze Region gekauft hat, um dort zu investieren: „Ihr Lied hat mein Herz berührt…unter Euch allen ist Johnny der einzige mit ein wenig Verstand. Ich bezahle sein Lösegeld; Johnny wird mein persönlicher Stellvertreter!" Jetzt will jeder sein Freund sein, er ist der Held. Geld verführt jeden, auch den Träumer Johnny, der der Versuchung von Reichtum und Gier erliegt, während er über die Gier der Stadt, die den Wechsel der Moral hervorgerufen hat, voller Zynismus und Abscheu spricht. Am Ende singen alle: „Wir werden sie alle betrügen. Wir werden die Welt beherrschen und Geld, Silber und Gold verdienen."

Hangman, Hangman! wurde vom Musikfestival Barcelona in Auftrag gegeben und 1982 in der Opera de Cambra de Catalunya vorgestellt. Es dirigierte der Komponist, die Regie hatte J. Ma. Espada. Die amerikanische Uraufführung erfolgte 1983 am Carnegie Mellon Music and Drama Institut unter der musikalischen Leitung von Werner Torkanowsky und der Regie von Akram Midani. Das Werk ist der Frau des Komponisten, Joan Balada, gewidmet.

The Town of Greed (Die Stadt der Habgier) (1997)

Libretto und Musik von Leonardo Balada

Story von Akram Midani und Leonardo Balada

Inhalt

The Town of Greed (Die Stadt der Habgier) besteht aus zwei Teilen und ist eine Fortsetzung von Hangman, Hangman!. Sie dreht sich im Wesentlichen um die gleichen Hauptdarsteller, jedoch sind zwanzig Jahre ins Land gegangen. Die Ereignisse spielen sich auf eine äußerst groteske Art und Weise ab, und die Geschichte stellt eine scharfe Kritik an der Gesellschaft dar. Wie in einem Komic Strip werden die Figuren und Ereignisse in einer respektlosen Weise mit großer Schärfe und Direktheit gezeichnet. ^

In Teil I ist Johnny nun ein einflussreicher Geschäftsmann, der in schmutzige Geschäfte rund um die ganze Welt verwickelt ist, die aber das Wohl seiner Familie und der ganzen Stadt mehren. Während er eine dicke Zigarre raucht, verhandelt er mit vielen verschiedenen Figuren entweder am Telefon oder persönlich in seinem Büro. Die Herren Rich (Reich), Rot (Verottet), Rat (Ratte), Wreck (Wrack), Rip (Schröpfer), Rude (Rücksichtslos) und der Botschafter verhandeln mit Johnny über den Verkauf von Petroleum, Benzin, Uran und Plutonium mit dubiosen Absichten, während die Stadtbewohner ihre spontane Bewunderung für den Helden ausdrücken.

Einer seiner Geschäftspartner ist Mr. Capotte, der gerade aus Chicago eingetroffen ist. Er hat einen Plan, der Johnny begeistert. Er will „Forscher und die Sonne blau anstreichen, so dass ihre Energie nicht mehr genutzt werden kann und nur noch Erdöl alle Dinge in Bewegung hält." Ein anderer Besucher ist Tokopoko, ein Gesandter des japanischen Kaisers, der von Johnny Öl für seine Toyotas möchte. Die Geliebte, jetzt Johnnys Frau, betritt eilig die Szene und will nach Tokyo reisen, um einen Vertrag auszuhandeln. Ihre Fähigkeiten und ihre weibliche Attraktivität sind gutes Kapital für Johnnys Geschäfte, und sie erklärt diese Tatsache in einer kurzen Arie. Aber es gibt auch Schattenseiten: „Seide kann nicht die Schmerzen in meinem Herzen heilen, denn sie kann nicht den Keim pflanzen, der mich zur Mutter machen würde." Die Arie entwickelt sich zu einem Liebesduett voller Hoffnung und Zuversicht.

Auch als Johnny mit Großbritannien und Spanien verhandelt, geht das geschäftige Telefonieren weiter. Als weiteres Beispiel für die Absurdität und die vielfach praktizierte Vetternwirtschaft will er seinen Vater zu Verhandlungen nach London schicken und seine Mutter nach Madrid. All das kommt in einer lebhaften und ergreifenden Ensembleszene von Johnnys Familie zum Ausdruck.

Der Vater, dessen Unbeholfenheit sich schon in Hangman, Hangman! gezeigt hatte, hat sich in zwanzig Jahren nicht verändert. Er besingt seine Zufriedenheit mit dem Leben in einer kurzen Arie und erwähnt seine große Vorliebe für Alkohol und Phillip Morris. Die Mutter bittet um eine Kreditkarte, um sich Schmuck und Juwelen kaufen zu können, und meint: „sie sind gut für die Banken und ruinieren nette Jungs, süße Mädchen und schwache Seelen." Die zwei und die Geliebte singen voller Freude über die Welt des Konsums, eine Welt, in der die Dinge „glänzend und schillernd und wertlos" sind. Die Stadtbewohner greifen die ausgelassene Aufbruchsstimmung des Trios auf und singen fröhlich: „...was gut ist für die Stadt, ist gut für Amerika, ist richtig für die Welt!" Mit der Zeile „Money, honey, money, honey", die von Johnny, der Geliebten und den Stadtbewohnern gesungenen wird, endet der Teil I.

Im Teil II stehen die Dinge bei weitem nicht mehr so gut. Der Sheriff und der Henker sind eingetreten und kündigen harte Zeiten an, die Stadt ist bankrott. Johnny ist nicht länger der Held, sondern der Sündenbock, den man für die Lage verantwortlich macht. Entsetzt versucht Johnny alle zu beruhigen, indem er einen Krieg vorschlägt, der die Geschäfte wieder beleben würde. Der Sheriff und der Henker haben jedoch kein Vertrauen in Johnnys Aufrichtigkeit, und alle bestehen darauf, dass Johnny gehängt wird. Verzweifelt ruft Johnny nach dem Iren, der ihn vor zwanzig Jahren gerettet hatte, aber der hat diesmal kein Interesse daran, ihm zu helfen. Als letzte Zuflucht lässt sich Johnny einige neue Ideen einfallen, die die leichtgläubigen Stadtbewohner schnell einlullen. Damit wird einmal mehr die Wankelmütigkeit der Masse betont, die sich durch die ganze Oper hindurchzieht. Sie werden „eine neue Industrie schaffen ... einen Zeitvertreib", sagt Johnny, „eine Röhre und einen kleinen Bildschirm. Welch ein Spaß, dein Verstand wird aussetzen..." Alle scheinen überglücklich. Und Johnny fährt fort: „...wir werden einige neue Produkte herstellen, die aus zusammengewürfelten und billigen Teilen bestehen... Stars! Sie werden den Weg weisen und unsere Helden sein. Stars, die viel gedankenloses Zeug reden."

Die Dinge scheinen sich für Johnny zum Guten zu wenden, doch die Begeisterung der Stadtbewohner wird durch einen Schuss aus dem Publikum unterbrochen. Ein Wall-Street-Mann hat die Stadt gekauft, um eine Giftmüll-Deponie daraus zu machen. Er befiehlt, Johnny zu hängen, und alle außer seinen Eltern stimmen zu. „Deine Nase ist wie meine Nase", sagt seine Mutter. „Dein Schatten deckt sich mit meinem Schatten", behauptet sein Vater. „Wir möchten, dass du lebst", sagen sie im Einklang. In einem kurzen Liebesduett versucht die Geliebte, ihn zu trösten, doch kümmert sie sich in erster Linie um ihre eigene Zukunft. In einer symbolischen Geste tritt ein Mann aus der Stadt an sie heran. Sie verlässt Johnny und lehnt ihren Kopf an die Schulter des anderen Mannes. Die Geliebte erklärt: „Du musst mich verstehen, Johnny. Während ich auf der Erde bin muss ich sehen, dass das morgen nicht bewölkt, sondern sonnig für mich ist." Und Johnny antwortet: „Tu, was das Beste für dich ist." Im Leben kann man sich nur auf seine Eltern verlassen. Während Johnny auf dem Schafott ist und wieder versucht, seine Hinrichtung herauszuzögern, wird er von dem Wall-Street-Mann erschossen. Als Epilog begegnen die Stadtbewohner Johnny jetzt mit großem Respekt und frieren ihn in einer Tiefkühlanlage ein, um ihn später wiedererwecken zu können.

The Town of Greed wurde von Pennsylvania Arts Council und dem Centro para la Difusion de la Música Contemporánea in Madrid in Auftrag gegeben und ist der Frau des Komponisten, Joan Balada, gewidmet.

Deutsche Fassung: Peter Noelke


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