About this Recording
8.557098 - BAYER: Fairy Doll (The) (Complete Ballet)
English  German 

Josef Bayer (1852-1913):
Die Puppenfee • Sonne und Erde

Die Musiker eines Opernhauses haben das Spielen in Ballettaufführungen zumeist als lästige Pflichtübung empfunden. Ganz bestimmt traf dieser Umstand auf den österreichischen Komponisten Franz Schmidt (1874 – 1939) zu, der 1896 Cellist im Orchester der Wiener Hofoper geworden war. Er spielte voller Begeisterung in den Orchesterkonzerten der Wiener Philharmoniker und in den Opern, die von Dirigenten wie Wilhelm Jahn und Hans Richter dirigiert wurden. Allerdings hatte er für seine Erfahrungen, die er unter dem Direktor des Hof-Balletts sammelte, nur bissige Bemerkungen übrig: „Ich vergleiche ihn, um diesen Stand nicht zu beleidigen, nur insofern mit einem österreichischen Regimentsmusikfeldwebel, als er den Dünkel und die Grobheit eines solchen in reichstem Maße besaß. Sein Können als Dirigent und Musiker hätte aber den Anforderungen der Stellung eines Regimentsmusikfeldwebels bei weitem nicht genügt. Er war unter aller Kritik und wurde noch durch die Erbärmlichkeit und Gemeinheit seiner Kompositionen unterboten.“ Zu seiner Zeit war Josef Bayer jedoch ein Meister seines Faches, und dreißig Jahre lang war er der musikalische Kopf des Wiener Balletts. Er wurde dort am 6. März 1852 geboren und studierte am Wiener Konservatorium bei Josef Hellmesberger senior (1828 – 1893), Anton Bruckner (1824–1896) und Otto Dessoff (1835–1892). Von 1870 bis 1898 war er Geiger im Orchester der Hofoper, doch der Höhepunkt seiner Laufbahn waren jene dreißig Jahre von 1883 bis zu seinem Tod am 12. März 1913 in Wien, in denen er für das Ballett verantwortlich war. In dieser Zeit komponierte er über zwanzig einaktige Ballette, zahlreiche andere Tanzszenen und Divertissements sowie zahllose Operetten und leichte Musik für andere Gelegenheiten.

Zu der Zeit, als Franz Schmidt in das Orchester der Hofoper eintrat, begann der Strom von Bayers Einfallsreichtum vielleicht schon langsam zu versiegen. Unbestritten fielen seine größten Erfolge in den frühen Abschnitt seiner Karriere. Der erste Erfolg stellte sich im Januar 1885 mit dem Ballett Wiener Walzer ein, das die Entwicklung des Wiener Walzers im vorherigen Jahrhundert mit beliebten Melodien nachzeichnet, die in die Partitur eingeflochten werden. Sein bemerkenswerter Erfolg wurde jedoch 1888 überstrahlt von dem, was sich als größte die Ballett-Kreation erweisen sollte, die jemals an der Wiener Hofoper geschaffen wurde. Sie trug ursprünglich den Titel Im Puppenladen, und wurde schließlich unter dem Titel Die Puppenfee, benannt nach der Hauptrolle, bekannt. Es wurde der überwältigendste Balletterfolg seiner Zeit in Wien und auf über einhundert Bühnen in ganz Europa aufgeführt. Bis heute konnte es seinen Platz im Programm der Wiener Staatsoper (der Nachfolgerin der Hofoper) behaupten und wurde dort insgesamt über 800 Mal aufgeführt.

Bayer festigte seinen Ruf mit weiteren Ballettmusiken, konnte jedoch keinen vergleichbaren Erfolg landen. Noch im Jahr 1888 kam in Prag Österreichische Märsche auf die Bühne, ein Ballett im Stil von Wiener Walzer. Ein Jahr darauf führte die Wiener Hofoper ein weiteres einaktiges Ballett auf, Sonne und Erde. Zu späteren Ballettmusiken gehören Rund um Wien, produziert von der Hofoper im Oktober 1894, um das Goldene Jubiläum des Walzer Königs Johann Strauß (1825–1899) als Komponist und Dirigent zu feiern. Bayer zollte Johann Strauß noch einmal Tribut, indem er das unvollendete Ballett Aschenbrödel des Walzer Königs für eine Aufführung arrangierte.

Die Puppenfee wurde am 4. Oktober 1888 erstmals produziert. Die Choreografie stammt von dem Hofballettmeister Josef Haßreiter (1845–1940) nach einem Libretto, das er zusammen mit dem Bühnenbildner Franz Gaul (1837–1906) erarbeitet hatte. Camila Pagliero tanzte die Rolle der Puppenfee. Was immer Franz Schmidt auch gesagt haben mag, die Musik ist ausgesprochen reizvoll, voller schöner Melodien und bezaubernder Orchestereffekte. Das Libretto verdankt offensichtlich viel E.T.A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann von 1815, in der eine Puppe zum Leben erwacht. Die Erzählung diente auch als Vorlage zu Offenbachs Les contes d’Hoffmann (Hoffmanns Erzählungen). Unter dem Aspekt des Balletts gibt es enge Bezüge zu Coppelia, und Die Puppenfee diente wiederum die Anregung für La boutique fantasque.

Dem Ballett geht ein kurzes Vorspiel voraus [1], in dem sowohl eine Spielzeug-Trompete als auch Themen erklingen, die im weiteren Verlauf des Balletts zu hören sind. [2] Der Vorhang hebt sich, und man sieht einen Spielzeugladen, in dem der Besitzer an einem Puppenkopf arbeitet, während seine Angestellten die anderen Puppen abstauben. Sie werden unterbrochen von einem Postbeamten, der ein Packet abliefert. [3] Es kommen noch weitere Besucher, darunter auch ein Kaufmann mit seinen Waren und ein Mädchen, das eine kaputte Puppe zur Reparatur bringt. [4] Dann betreten einige potentielle Kunden den Laden, zunächst ein Bauer mit seiner Frau und seiner Tochter. Ungeschickt nimmt der Bauer ein Spielzeug in die Hand, das auf den Boden fällt. [5] Dann kommt eine wohlhabende englische Familie, die unbedingt eine Puppe kaufen möchten. [6] Man zeigt ihnen eine Puppe, die aber nicht funktioniert, und sie wollen schon den Laden verlassen. Doch der Ladenbesitzer bittet sie zu bleiben. [7] Er zeigt ihnen eine Puppe, die in der oberösterreichischen Tracht gekleidet ist, und einen tiroler Ländler tanzt. [8] Dann zeigt er ihnen ein Puppen-Baby, das herum krabbelt, und die Musik imitiert deutlich die Schreie „Mama“ und „Papa“. [9] Als nächstes führt er den Besuchern eine chinesische Puppe vor, die eine Polka tanzt, und danach [10] gibt eine spanische Puppe einen feurigen spanischen Tanz mit Kastagnetten-Begleitung zum Besten. [11] Darauf tanzt eine japanische Puppe eine langsame Mazurka, und [12] ein Harlekin führt eine wilde Tarantella auf. Die Musik steuert auf einen Höhepunkt zu, und auch alle anderen Spielzeugfiguren machen mit, bis alle Puppen in Bewegung sind. [13] Dann tritt als Krönung die Puppenfee auf und tanzt einen anmutigen Walzer. [14] Die englische Familie ist entzückt, und sie beschließt, sie zu kaufen. Man vereinbart, dass sie zu ihnen geschickt wird. Dann machen sie und die Bauernfamilie sich auf den Weg, und der Laden schließt für die Nacht. [15] Später, als es Mitternacht schlägt, erwacht der Laden auf wunderbare Weise zum Leben. [16] Im Mittelpunkt des Treibens steht die Puppenfee. [17] Auch die anderen Puppen beteiligen sich an einem Divertissement, bei dem auch Punchinellos mit winzigen Becken mit machen. Abwechselnd nehmen alle Puppen, die zuvor zu sehen waren, an einem großartigen Walzer teil und lachen und tanzen.[18] Nach einer kurzen Pause [19] beginnen alle Spielzeuge mit einem triumphalen Marsch, [20] auf den ein lebhafter Galopp folgt. [21] Dann kehren sie alle in ihre Schachteln zurück, die um ihre Märchenkönigin angeordnet sind. Von dem Lärm aufgeweckt stürmt der Ladenbesitzer herein, findet jedoch alles in bester Ordnung vor. Während er noch über die mögliche Ursache der Ruhestörung nachgrübelt, endet das Ballett mit einem Tableau der Puppen, die ihre Märchenkönigin umringen.

Sonne und Erde entstand wiederum nach einem Libretto von Haßreiter und Gaul und wurde am 19. November 1889 an der Wiener Hofoper uraufgeführt. Das Thema sind die Jahreszeiten und die Elemente, woraus sich die Aufteilung in ein Vorspiel und vier Szenen, Frühling, Sommer, Herbst und Winter, ergibt. Das Wesen des Librettos wird präzise von den Titeln zusammengefasst, die Bayer später für den Tanzsaal extrahiert hat: Paraplui-Marsch, Sonnen-Walzer, Bade- Galopp und Christkindl-Polka. In dieser Weltersteinspielung erklingen das Vorspiel und Musik aus zwei der Szenen - Szene I (Frühling) und Szene IV (Winter).

Andrew Lamb
Deutsche Fassung: Peter Noelke


Close the window