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8.557099 - HELY-HUTCHINSON: Carol Symphony / STANDFORD / KELLY
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Victor Hely-Hutchinson (1901-47)

Victor Hely-Hutchinson (1901-47)

A Carol Symphony

Die Weihnacht hat von allen christlichen Festen die meiste Aufmerksamkeit von Komponisten erfahren, wobei die Resultate zumeist vokaler oder chorischer Natur waren. Als Ausnahme können dabei an die winterliche Jahreszeit gebundene Concerti Grossi des 17. und 18. Jahrhunderts, namentlich die von Corelli, sowie die „Hirtenmusiken" in Händels Messias und Bachs Weihnachtsoratorium gelten. Das nachfolgende Jahrhundert hingegen brachte in dieser Hinsicht - der literarischen Wiederbelebung der Tradition durch Charles Dickens zum Trotz - wenig Neues hervor, sieht man einmal von William Henry Frys Santa Claus Symphony (Naxos 8.559057) ab.

Mit der Etablierung er öffentlichen Weihnachtskonzerte, die bald eine willkommene Finanzspritze für Orchester auf der ganzen Welt werden sollten, stellten sich auch die „Schlittenfahrten" und die Potpourris verschiedener Couleur ein. Das erste gehaltvollere Werk, das sich Weihnachtslieder als Grundlage bediente, war Mitte der 1920er Jahre Victor Hely-Hutchinsons A Carol Symphony. Hely-Hutchinson wurde als jüngstes Kind des letzten Gouverneurs der Kolonien am Kap der Guten Hoffnung in Kapstadt, Südafrika, geboren und kann als Wunderkind gelten. Seine Schulzeit verbrachte er in England, wo er ab seinem achten Lebensjahr dann eben auch Komposition bei Sir Donald Tovey studierte. Am Ende jeder Stunde improvisierten beide gemeinsam an zwei Klavieren, was die Grundlage zu seiner bemerkenswerten Technik legen sollte. Weitere Karriereschritte führten ihn nach Eton, ans Royal College of Music in London, nach Oxford, zur South African Broadcasting Company und schließlich auch zur BBC, wo er 1944 die Stelle des Musikdirektors antrat. Überarbeitung und Unterernährung aufgrund der strengen Lebensmittelrationierungen der Kriegszeit scheinen ihn besonders anfällig für Infektionen gemacht zu haben (wobei sein selbstauferlegtes rationiertes Heizen seiner angeschlagenen Gesundheit sicherlich auch nicht sonderlich zuträglich war), und so starb er schon 1947 im Alter von 45 Jahren.

Die Sinfonie besteht aus den klassischen vier Sätzen, wobei das Scherzo an zweiter Stelle steht und das gesamte Werk eigentlich ohne Pause durchgespielt werden soll. Tatsächlich stehen die einzigen wirklichen Pausen zwischen den ersten beiden Sätzen. Jeder einzelne Satz gründet sich auf jeweils ein Lied, auch wenn der zweite und letzte Satz als Seitensätze jeweils auf ein zweites Lied zurückgreifen. Bei allen verwendeten Liedern handelt es sich um traditionelle, ‘echte’ Lieder, bei denen Text und Melodie volkstümliche Wurzeln haben und nicht wie Away in a manger oder Christians awake das Werk eines einzelnen Komponisten sind, zumeist aus dem

19. Jahrhundert, die ja streng genommen vielmehr Choralform haben. Der vorliegenden Aufnahme wohnte einer der Söhne des Komponisten gemeinsam mit seiner Frau bei, was Orchestermusiker und Studioteam ebenso unterstützte wie motivierte.

Ebenso wie Hely-Hutchinson studierte auch Bryan Kelly am Royal College of Music in London, später dann allerdings auch bei Nadia Boulanger in Paris. Im Verlauf seiner Karriere folgte Kelly Berufungen auf Lehrstühle in London, Italien und in der jüngeren Vergangenheit auch Kairo, wobei die Lehrtätigkeit nur eine Seite neben seinem umfangreichen kompositorischen Schaffen in annähernd allen Genres ist. Die Improvisations on Christmas Carols wurde kurz nach ihrer Fertigstellung erstmals vom BBC Concert Orchestra im Rahmen einer Übertragung auf Radio 3 aufgeführt. Der erste Satz dreht das ihm zugrundeliegende Liedmaterial ziemlich durch die Mangel: einzelne Melodieteile werden über Dur-Moll-tonale Rückungen im Kanon geführt. Der zweite Satz zeichnet sich durch ein sehr eigenständiges Gegenthema aus, das zuerst von der zweiten Oboe intoniert wird, später dann deutlicher noch in der Harfe erklingt. Past three o’clock, eines seiner Lieblingslieder, hörte Kelly erstmals als Knabe in seiner Heimatstadt Oxford bei einem jener Lord Mayor’s Carol Concerts, die er später selbst einmal leiten sollte. Aus gutem Grund ist die See im vierten Satz nicht fern. Und auch wenn der fünfte Satz erstmals zwei Lieder verarbeitet, erklingt gegen Ende sogar noch ein drittes, nämlich erneut Past three o’clock, das diesmal wie Glockengeläut in den Bässen erklingt.

Das kompositorische Schaffen des Komponisten Peter Warlock, so der nom de guerre, den sich der Musikwissenschaftler Philip Heseltine zugelegt hatte, besteht aus einigen wenigen bescheidenen Orchesterwerken, unter denen sich auch die allgegenwärtige Capriol Suite findet, sowie zum überwiegenden Teil aus vokalen Werken. Unter diesen wiederum sind nicht wenige Lieder, die Eingang in das an die Weihnachtszeit gebundene Repertoire von Gesangssolisten und Chören gefunden haben, wobei Bethlehem Down sicherlich als das bekannteste von ihnen gelten kann. Die Idee für das Stück kam dem Autoren des Textes, Bruce Blunt, Ende des Jahres 1927 bei einer Kneipentour mit Warlock, und zwar zwischen ‘The Plough’ an Bishop’s Sutton und ‘The Anchor’ an Ropley im südlichen County Hampshire. Blunt schickte den Text zu Warlock, dieser sandte jenem daraufhin binnen weniger Tage die Musik dazu, und in seiner Weihnachtsausgabe brachte der Daily Telegraph eine Kopie von Warlocks Manuskript unter seine Leser. Der Erlös aus dieser Zusammenarbeit floss dann übrigens in den nächsten Urlaub. Meine Version für Streicher fügt den vier Versen des Originals einen fünften hinzu und sucht das Stück für Streicher ebenso effektvoll wie in der Originalfassung für Chor zu gestalten. Wenngleich es keine harmonischen Veränderungen gibt, mussten die Stimmlagen natürlich aus strukturellen Gründen variiert werden. So bleibt zu hoffen, dass die längst etablierte Fassung für Streicher von John Irelands The Holy Boy schließlich ein Gegenstück gefunden hat.

Wassail Dances gehört zu meinen frühesten Orchesterwerken und entstand für das Gloucestershire Youth Orchestra und dessen Dirigenten Tony Hewitt-Jones, der selbst ein sehr begabter Komponist war. Die Komposition fußt auf drei traditionellen Wassails (eine englische Unterart des Sternsingens, bei dem man singend von Haus zu Haus zieht) bzw. Trinkliedern, die sich zur Weihnachtszeit namentlich in den Counties Somerset und Gloucestershire im Südwesten und Yorkshire im Norden großer Beliebtheit erfreuen. Alle drei Sätze reizen dabei ihr Thema sowohl rhythmisch als auch harmonisch innerhalb eines gesetzten Rahmens vollkommen aus. Wo die Außensätze den bukolischen Charakter des Originals bewahren, ist der Mittelsatz, der sich eines von wenigstens zwei Melodien dieses Countys bedient, zurückhaltender. Und obschon er insgesamt durchaus in weiches, pastorales Licht getaucht ist, weist er doch auch bewusste und deutliche Schärfen in der Instrumentation auf, die als Abbild der rauheren Landschaft seiner nördlichen Herkunft aufgefasst werden können.

Patric Standford wurde in Yorkshire geboren. Nach Abschluss seiner Studien bei Edmund Rubbra an der Guildhall School of Music arbeitete er eine Zeit lang für einen Londoner Verlag und als Arrangeur für Theater und Fernsehen. Nachdem er dann selbst dem Lehrkörper der Guildhall School angehörte, konnte er mehr Zeit auf größere Kompositionen verwenden, wie etwa seine dritte Sinfonie oder seine Masque The Prayer of St. Francis, die mit internationalen Preisen in der Schweiz bzw. in Ungarn ausgezeichnet wurden. Seine Christmas Carol Symphony entwuchs einem Potpourri weihnachtlicher Lieder zur Unterhaltung von Kindern innerhalb des Rahmens einer Sinfonie im Stile des 18. Jahrhunderts. Die Uraufführung fand

am Weihnachtsabend des Jahres 1979 statt. Es spielte das BBC Concert Orchestra unter der Leitung von Ashley Lawrence innerhalb einer Radioübertragung auf Radio 3. Der Komponist ist Sir Ernest Hall zu Dank verpflichtet, dessen Interesse an dieser Komposition entscheidend zum Entstehen dieser Aufnahme beigetragen hat.

Philip Lane

Übersetzung: Matthias Lehmann


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