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8.557107 - SCHUBERT: String Quartets (Complete), Vol. 5
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Franz Schubert (1797-1828)

Franz Schubert (1797-1828)

Streichquartett Nr. 6 D-Dur • Streichquartett Nr. 11 E-Dur • Streichquartett Nr. 2 C-Dur

 

Franz Schubert, 1797 in Wien geboren, wuchs im Schulhaus seines Vaters auf. Seine Ausbildung erhielt er als Sängerknabe der Wiener Hofkapelle und im zugehörigen Stadtkonvikt. Sowohl in der Schule als auch im väterlichen Haus führte er ein aktives musikalisches Leben, als Instrumentalist und auch bereits mit eigenen Kompositionen. Nach dem Stimmbruch ergab sich die Möglichkeit eines akademischen Studiums, aber Schubert zog es vor, als Schulgehilfe seines Vaters zu arbeiten, um sich stärker der Musik widmen zu können. Zu seinen Lehrern zählte der Hofkapellmeister und Komponist Antonio Salieri. 1816 entschloss er sich, ganz seinen musikalischen Ambitionen zu folgen und verließ die Schule seines Vaters, um fortan als freier Künstler zu leben. Er wohnte bei Franz von Schober und verbrachte die nächsten Jahre meist in der Gesellschaft seiner Freunde, kehrte aber ab und zu in seinen Lehrberuf zurück, obwohl er für diese Aufgabe weder großes Interesse noch das nötige Talent besaß.

 

Im Laufe seiner Karriere erhielt er gelegentlich Kompositionsaufträge, und einige seiner Werke erschienen in Druckausgaben, es ergab sich aber nie die Möglichkeit – wie bei Beethoven – der Förderung durch eine hochgestellte Persönlichkeit oder eine offizielle Position im Musikleben der Stadt. Erst im Februar 1828 wagte er es, ein Konzert mit eigenen Werken zu veranstalteten – ein Ereignis, das sowohl erfolgreich als auch einträglich war, aber im Herbst war seine Krankheit, eine Syphilis-Infektion, die er sich sechs Jahre zuvor zugezogen hatte, bereits so weit fortgeschritten, dass er am 19. November starb.

 

Im Laufe seiner kompositorischen Laufbahn entstanden nicht weniger als fünfhundert Lieder, zahlreiche Klavier- und Kammermusikwerke, darunter fünfzehn Streichquartette, sowie großformatige Theater- und Orchesterwerke, obwohl Schubert nie regelmäßig mit einem Berufsorcherster zusammenarbeiten konnte, wie es etwa Haydn als fürstlichem Kapellmeister oder Beethoven durch die Förderung reicher Mäzene zur Verfügung stand. Seine Orchesterkompositionen konnte er von einem Ensemble hören, das sich im Laufe der Jahre aus seinem Familien-Streichquartett entwickelt hatte, während seine Kammermusik gelegentlich auch von Berufsmusikern aufgeführt wurde, namentlich von Ignaz Schuppanzigh und dessen Kollegen. Schubert selbst betätigte sich sowohl als Pianist als auch als Streicher. Als Junge hatte er im Familienquartett die Bratsche gespielt; sein Vater spielte Cello und seine Brüder Violine. Das Idiom des klassischen Streichquartetts war ihm demnach von Kindesbeinen an vertraut.

 

Mit der Komposition seines Streichquartetts D-Dur D. 74 begann Schubert vermutlich am 22. August 1813 und vollendete es im folgenden Monat, in dem er auch eine Kantate für den Namenstag seines Vaters schrieb, für den auch das Quartett bestimmt war. Im September wurde ihm ein Stipendium bewilligt, das ihm die Fortsetzung seiner akademischen Studien ermöglicht hätte – ein Angebot, das Schubert jedoch ausschlug. Das erste Thema des mit über fünfhundert Takten ungewöhnlich langen, festlichen Kopfsatzes wird von der ersten Violine über einem gehaltenen Pedalton des Violoncellos vorgestellt. Das zweite Thema wird hauptsächlich von der zweiten Violine und der Bratsche begleitet. In der zentralen Durchführung begegnet eine weitere abgeleitete Melodie, und in der Reprise kehrt das erste Thema in der Dominante, das zweite Thema in G zurück. Das dritte Thema kehrt in D-Dur zurück und führt zum Schlussabschnitt des Satzes. Das schwärmerische G-Dur Andante beginnt mit einem empfindsamen Thema, nach dem eine Überleitung zu dramatischerem Material führt, bevor das Hauptthema zurückkehrt. Die Haupttonart kehrt im dritten Satz, Menuetto, zurück. Ihm steht ein ländlerartiges Trio gegenüber. Das Allegro-Finale beginnt mit einer quirligen Melodie in der ersten Violine über laufenden Figuren in der zweiten, die später von der Bratsche übernommen werden. Danach folgt ein zweites, liedhaftes Thema und die Entwicklung des Materials, bevor die Rückkehr des ersten Themas in der Dominanttonart und des zweiten in D-Dur das geschäftige Treiben des Schlussabschnitts einleitet.

 

Das Streichquartett E-Dur D. 353 entstand 1816; es wurde 1840 posthum als op. 125/2 veröffentlicht. In das Jahr 1816 fielen auch Schuberts erfolglose Bewerbung um eine Lehrerstelle in Laibach, das Ende seiner Romanze mit Therese Grob, der Tochter von Nachbarn der Familie, und seine Loslösung vom väterlichen Haus und den damit verbundenen Pflichten. Im selben Jahr entstanden ca. einhundert Lieder, zwei Sinfonien und ein Opernfragment. Das E-Dur-Streichquartett galt lange als ein späteres Werk, tatsächlich ist es das letzte der sog. ‚Jugendquartette’.  Bereits im klangfreudigen, von Themenkontrasten lebenden ersten Satz, Allegro con fuoco, ist trotz der spürbaren Abhängigkeit von Mozart bereits eine größere persönliche Reife zu erkennen. Der (wiederholten) Exposition folgt die zentrale Durchführung vor der abschließenden Reprise. Das anmutige A-Dur-Andante besitzt ein liedhaftes Hauptthema, das im Verlauf – mit einer Wendung nach C-Dur – verziert wird, bevor es mit variierter Begleitung in der Ausgangstonart zurückkehrt. Nach einer weiteren Transformation kehrt das Thema ein letztes Mal in seiner Originalgestalt zurück. Das scherzohafte Menuetto rahmt ein zartgliedriges C-Dur-Trio ein, während das Rondo-Finale bei der Rückkehr des Hauptthemas, welches das Rahmenwerk für Kontrastepisoden liefert, auch bescheidenen Raum für kontrapunktische Ausarbeitung des Materials bietet.

 

Das Streichquartett C-Dur D. 32 wurde als ganzes Werk erst 1954 herausgegeben; die Erstausgabe enthielt vollständig nur den ersten und dritten Satz. Schubert schrieb das Werk im September und Oktober 1812, dem Jahr, in dem seine Mutter starb und sein Stimmbruch das Ende seiner Sängerknabenzeit bedeutete. Das Quartett wird von einer charakteristischen rhythmischen Figur eingeleitet, die einen Teil des ersten Themas und des F-Dur-Nebenthemas bildet. Der Satz überrascht mit unerwarteten Momenten, nicht zuletzt mit den plötzlichen Pizzicato-Noten, die dem Schlussabschnitt vorausgehen. Das mollgefärbte Andante ist von zarter Melancholie, während das Menuetto – mit seinem schwungvollen F-Dur-Trio – alle Traurigkeit verscheucht. Das Quartett endet mit einem dramatischen Allegro con spirito, das thematisch mit den vorigen Sätzen verknüpft zu sein scheint, besonders durch die Verwendung von Unisono-Figuren und einer für die Zeit typischen, bedrohlich anmutenden Halbtonfigur.

 

Keith Anderson

 

Deutsche Fassung: Bernd Delfs


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